Ich habe ca. ein Dreivierteljahr vor Roberts Verkauf von basicthinking.de aufgehört, das Blog zu lesen. Es hat mich einfach nicht mehr interessiert. Nach Übernahme durch das neue Redaktionsteam war ich noch nicht einmal dort und sah bislang auch keinen Anlass dazu. Heute stieß ich auf einen Artikel im YuccaTree Blog, wo sich der Autor darüber empört, daß die meisten User wohl keine Lust haben basicthinking.de direkt zu besuchen, statt die Artikel in einer offenbar neuerdings gekürzten Fassung im Feedreader zu lesen. Die Redakteure müßten ja auch von etwas leben und sollen jetzt unter Brücken schlafen… User, die alles kostenlos wollen… blah blah, blah.
1. Wer interessante Dinge mit einem Mehrwert für den Nutzer bloggt, wird auch gelesen. Selbst wenn er verkürzte Feeds oder Artikelanrisse im Blog anbietet und der User eben einmal mehr klicken muss.
Ich habe über 300 Feeds abonniert, davon sind etwa 10 Prozent gekürzt, zeigen also nicht den vollen Inhalt der Artikel. Nicht bei jedem Artikel klicke ich auf “mehr”, aber bei einigen schon – wenn sie ein Thema behandeln, das mich interessiert. Das erfahre ich natürlich nur, wen der Redakteur oder Blogger die ersten Absätze entsprechend interessant geschrieben hat. Wenn sein Artikel allerdings nur so dahin mäandert und erst im letzten Absatz der springende Punkt kommt, hat der Autor leider Pech gehabt. Kein Klick.
Basicthinking hat nach eigenen Angaben über 320.000 Besucher im Monat. Das sind mehr als so einige IVW-geprüfte kommerzielle Angebote vorzuweisen haben. Nicht schlecht für ein Blog, und ein beredtes Zeugnis für die interessanten und offenbar gut aufbereiteten Inhalte.
2. Man kann Feedabonnenten zählen und in auch Feeds Werbung einblenden. Das ist keine Raketenphysik, man muß dafür nicht Informatik studiert haben. Und seinen Werbekunden gegenüber kann man dann sogar noch anbieten: “Mein Blog wird von x Leuten täglich besucht, und weitere y Leute lesen es täglich im Feedreader, und von denen wiederum klicken z Leute dann auch noch auf weiterführende Links um mehr zu erfahren. Sie können also zusätzlich auch noch im Feed werben!”
3. Man kann seine Inhalte auch für mobile Endgeräte optimieren, z.B. fürs iPhone. Nein, man muß keine App dafür programmieren. Nicht einmal sonderlich viel Zeit investieren, etwa 5 Minuten sollten reichen. Es reicht ein Wordpress-Plug-in wie beispielsweise das von Alex King (basicthinking.de läuft auf Wordpress). Vorteil: User, die den Feed auf dem Smartphone lesen (und das ist ja insbesondere bei einem IT-Blog nicht wirklich unwahrscheinlich), haben weniger Hemmungen, vom Feed auf die Seite zu wechseln.
Den Leuten vorschreiben zu wollen, wie und wo sie Inhalte zu konsumieren haben – das funktioniert heute nicht mehr. Das sollte sich eigentlich herumgesprochen haben, dachte ich.
Es kann gut sein, daß das alles nicht für genügend Einnahmen sorgt. Das ist sogar wahrscheinlich. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Man betreibt das Blog aus Leidenschaft und sieht jegliche Art von Werbeeinnahmen als nettes Zubrot, arbeitet aber ansonsten anderweitig für sein Geld (Shopblogger, Saftblog und ungezählte andere). Das machen die meisten Blogger, und nur sehr , sehr wenige können ausschließlich von den Werbeeinnahmen ihres Blogs leben, nicht einmal Deutschlands bekanntester Blogger Sascha Lobo, wie’s aussieht. Vielleicht Spreeblick, keine Ahnung.
Oder man sieht das Blog als steuerabzugsfähige Werbeausgabe für die dahinterstehende Firma. Werbung kostet halt Geld. Nicht werben auch. Wenn man sich die Werbung nicht mehr leisten kann, wird sie eben eingestellt. Die Firma dann meist auch. Das kann die angestellten Redakteure/Blogger ihren Job kosten, aber hey, that’s life. It sucks and then you die. Wenn eine Firma die Werbeagentur wechselt, sind meist auch plötzlich eine Menge Leute arbeitslos, die den Etat zuvor betreut haben.”Deserve got nuthin’ to do with it”. Mund abputzen, weitermachen.
Nachtrag: Nachdem Felix Schwenzel hier sehr schön die Lage zusammengefasst hat, gibt es nun auch noch einen Nachschlag von basicthinking.de. Leider outet sich der Autor als komplett merkbefreit:
Basic Thinking ist kein Hobbyprojekt, ich glaube, dass ist vielen nicht klar. Ich schlurfe nicht morgens im Bademantel zum Computer, stelle die Kaffeetasse ab und sage: “So, wat hammwa denn da?”, um danach “ein wenig zu bloggen”
Guess what: Das werden wohl die wenigsten Blogger tun, auch wenn das Bild ja immer wieder gerne mal von der Bratwurstjournallie bemüht wird. Aber wer seinen Traum leben will und sein Geld mit seinem Hobby verdienen, der sollte a) verdammt gut sein und möglichst einzigartig oder wenigstens eine echte Kapazität seines Fachs, b) vorab überlegen wovon er leben will, wenn es nicht klappt und einen realistischen Plan B haben (“Mach was Sicheres Kind / Denn noch ist nicht alles hin!”) und nicht die beleidigte Leberwurst geben, wenn das eigene Genie vom Publikum nicht erkannt wird.
Dann folgt eine end- und freudlose Schilderung seines ach so aufreibenden Tagesablaufs, den man auch ganz gut unter “wir nennen es Arbeit” subsummieren könnte. Nichts, was nicht andere Tausende “Webworker” auch täglich machen, gute Zeiten, schlechte Zeiten, Leben eben.
Ich beschwere mich nicht, ich habe mir diesen Job ausgesucht – er macht mir Spaß. Doch er ist kein Hobby. Er ist ein Beruf, mit dem ich, Marek und die anderen bei uns den Lebensunterhalt verdienen müssen. Und nicht zuletzt steht hinter dem Blog ein Betreiber, der wohl früher oder später auch etwas dafür sehen möchte, dass wir seine Räumlichkeiten und die Technikinfrastruktur nutzen dürfen. Wie lange wird ein bislang defizitäres Projekt in den heutigen Tagen noch gesponsert? Wenn Basic Thinking sich nicht selbst trägt, wird der Laden dicht gemacht. So einfach ist das.
Tough shit. Basicthinking.de wurde damals medienwirksam für einen Betrag ersteigert, für den man auch eine viertel bis halbe Anzeigenseite in einer Tageszeitung hätte schalten können. Mit dem ganzen PR-Rummel hat man deutlich mehr Werbewert für sein Geld bekommen, die Aktion dürfte also als erfolgreich gewertet werden. Nun hat die Werbewirksamkeit für den Käufer inzwischen nachgelassen und man möchte gern Geld mit dem Projekt verdienen. Nur leider hat man sich vorab kein Businessmodell überlegt, sondern vermutlich “das wird schon noch” gesagt haben, wenn überhaupt so weit gedacht. Und nun stellt man fest, daß es eben nicht noch wird und daß die User einen vielleicht ganz gern lesen, aber nicht so gern, daß sie dafür bezahlen möchten oder ihre Lesegewohnheiten komplett umstellen. Statt einen neuen echten Mehrwert zu bieten, nimmt man ihnen stattdessen etwas weg, an das sie sich gewöhnt hatten: den kompletten Feed.
Daß einige Kommentatoren sich im Ton vergriffen haben ist unbestritten, aber warum hat man diese Kommentar nicht kommentarlos gelöscht? Warum verhöhnt man sein Publikum noch?
“ich denke, dass gerade Leser, die unsere Texte mögen, diese 0,3 Kcal am Tag aufbringen können.”
“Wie sieht es mit Paid Content aus? Ein kostenpflichtiger Zugang zum Blog! Ah, wollt ihr nicht… ich verstehe. Na, dann halt Bannerwerbung, vielleicht etwas auf TKP-Basis. Ach…”
Mit Honig fängt man mehr Fliegen als mit Essig. Ist es Sache der User, sich ein Businessmodell für Euch auszudenken? Wohl kaum.
Ich habe basicthinking wie gesagt seit ca. anderthalb Jahren nicht mehr gelesen (s.o.), aber wäre ich Abonnent, so flöge Euer Feed spätestens jetzt achtkantig aus meinem Reader. Die 0,3 Kcl würde ich dafür freudestrahlend investieren.