Monkey Island revisited

Am vergangenen Wochenende fand in Hamburg der wohl europaweit größte inoffizielle kombinierte Notar- und Dentistenkongreß statt; es waren mal wieder Harley-Tage angesagt. Die Stadt war schwarz-orange geflaggt und man konnte ohne Oropax in den Ohren keinen Fuß vor die Haustür setzen.

Am Hauptbahnhof schwenkten ebenfalls einige in schwarze Mülltüten gewandete Gestalten eine orangefarbene Flagge – die der Piratenpartei. Offenbar war irgend eine Aktion geplant; ein Teil der (überwiegend) Männer zwischen 20 und 30 Jahren trug papierne weiße Overalls, andere besagte schwarze Mülltüten und alle waren mit abenteuerlich aussehenden Einwegspritzen bewaffnet, deren rote Flüssigkeit nichts Gutes vermuten ließen. Ich näherte mich dem Infostand, an dem u.a. ein ausgedruckter DIN A 4 Zettel mit den Worten “Hamburger Terrorcamp” oder “Terrorcamp Hamburg” klebte (Schlagt mich, so genau weiß ich das nicht mehr). Auf meine leicht verstörte Nachfrage was das denn bedeuten solle, hieß es nur “Keine Ahnung, das ist nicht offiziell, hat wohl ein Scherzbold dahingeklebt.”

Ich würde an dieser Stelle zur Illustration gern ein Foto vom im Piratenwiki verlinkten Flickr-Stream zur Aktion nutzen, da diese jedoch mit dem Copyright-Vermerk “Alle Rechte vorbehalten” gekennzeichnet sind, verzichte ich lieber auf die Einbindung und verlinke nur. (Sagt Bescheid, wenn ich den Link wieder rausnehmen soll.)

Ich wandte mich an den netten jungen Mann hinter dem Infostand und erzählte ihm, daß ich die Position der Piraten zum Thema Netzsperren ja durchaus aktiv unterstützen würde, aber so meine argen Probleme mit ihren Konzepten zum Thema Urheberrecht hätte. Bzw. damit, daß es keine solchen gäbe – was er auch prompt bestätigte. Ich finde ja, eine Partei, die nur sehr wenige Programmpunkte hat, sollte dann schon wasserdichte und einstimmige Argumente für jeden einzelnen dieser wenigen Programmpunkte haben. Und bevor jetzt ein Pirat hier aufschlägt und herumnölt, ich hätte ja wohl nicht ihr Parteiprogramm und den entsprechenden Punkt Urheberrecht gelesen: Doch, hab’ ich. Mit ungläubigem Staunen und hohlem Gelächter ob der darin vorgetragenen Naivität. Eine interessante Diskussion zum Thema findet sich übrigens gerade beim ennomanen. Ich kann dem viel geschmähten Sascha Lobo nur zustimmen, wenn er sagt:

Nur wenn ich mit einzelnen Mitgliedern der Piratenpartei gesprochen habe, dann hat sich der Eindruck verstärkt, der im Parteiprogramm alles andere als widerlegt wird und in den Diskussionen im Netz auch nicht: Das Produkt, das Künstler schaffen, wird nicht als kaufbares Produkt anerkannt. Stattdessen versucht man, auf Krampf Methoden zu finden, wie kostenloses Downloaden irgendwie über Bande doch den Künstlern Geld bringen könnte. Das halte ich für falsch. So wird die Piratenpartei niemals eine breite Mehrheit der Kulturschaffenden überzeugen können.

Am Samstag bekam ich am Infostand der Piraten trotzig zu hören, es gebe durchaus Künstler, die von den umsonst im Netz bereit gestellten Inhalten leben könnten. Auf Nachfrage wurde dann Nine Inch Nails genannt. Äh, ja. Mir fallen dann auf dem Niveau auch noch Prince, Coldplay und Radiohead ein. Aber das sind alles nicht so wirklich die hungernden Künstler, die auf eine Spende hoffen müssen. Das sind etablierte Stars, die sich vor Jahren bereits über den klassischen Weg mithilfe der Musikindustrie und des Copyrights saniert haben.

Am Ende kommt dann das “Argument”, es gebe keinen Weg zurück. Die Möglichkeiten zur Kopie und Verbreitung der Inhalte seien vorhanden und würden genutzt – ob es den Künstlern und dem Establishment nun gefalle oder nicht.
Auch klar. Aber von einer Partei, die so etwas wie eine politische Zukunft haben möchte, erwarte ich dann doch eher konkrete Maßnahmen und Vorschläge zur Umsetzung ihrer Pläne, statt Tanz auf den Trümmern des Gebäudes, das ihre Mitglieder geholfen haben einzureißen. Das ist einfach nur kindisch und albern.

Genau wie diese “Killerschach”-Aktion, denn darum handelte es sich bei der Mülltüten-Einwegspritzen-Aktion am Sonnabend. Man wollte auf die Absurdität der Verteufelung von Computerspiele(r)n aufmerksam machen und zeigte überspitzt, daß es sich bei Schach ebenfalls um ein “Killerspiel” handle – Ziel ist ja die Vernichtung des Gegners. Figuren werden “geschlagen” und vom Feld gestellt.
Auch hier bin ich inhaltlich ganz bei den Piraten; ich selbst spiele zwar keine “Killerspiele” und halte sie (genau wie so manchen “Schlachtplattenfilm”) durchaus dafür angetan, bei labileren Gemütern nicht gerade zu einer positiven Stabilisierung ihrer emotionalen Verfassung beizutragen. Aber Verbote sind lächerlich weil unwirksam und nur dazu angetan, die Begehrlichkeiten bei bislang noch unerschlossenen Zielgruppen zu wecken.
Die Aktion sah albern und dilettantisch und hat den Akteuren vielleicht großen Spaß gemacht. Aber den Zuschauern sah man die Ratlosigkeit ob des Dargebotenen an. Das erinnerte alles zu sehr an dadaistisches Kasperltheater.

Die Piraten müssen dringend an ihrer Selbst- und Außenwahrnehmung arbeiten und professioneller werden. So kommen sie selbst für Menschen wie mich, die ihnen grundsätzlich freundlich gesonnen oder sogar aktive Unterstützer sind, als ein Haufen von jungen IT-Nerds rüber, die in erster Linie Spaß haben, in zweiter Linie ihren Spaß für lau haben und drittens nicht von diesem “da draußen” belästigt werden wollen.

Nachtrag:

Drüben bei Frau Gröner gibt’s heute einen sehr spannenden Eintrag zum Thema “Wie wollen wir die Künstler entlohnen?”. Ausnahmsweise darf man sogar (aus technischen Gründen per mail) kommentieren. Und gut gefallen hat mir dabei dieser Teil des Kommentars von Stephanie:

Wo ich nicht dabei bin: ThePirateBay bietet einen Anonymisierungsdienst an (siehe auch hier), der Sicherheit bei der Umgehung des copyrights bietet, und für den man 5 € pro Monat bezahlen muss, denn der Anonymisierungsdienst ist das geistige Eigentum der Piraten, die auch von was leben müssen und nichts zu verschenken haben, welch letzteres nach Piratenansicht offenbar die Aufgabe von KünstlerInnen ist . Fuck ‘em, diese elenden Schnorrer. Ok, ok, TPB sind nicht die Piratenpartei, aber beide sind Anti-copyrighters, und ich habe bislang keine Distanzierung der Partei in dieser Sache gefunden (bitte korrigieren, falls es doch eine gibt). Wenn der Kampf gegen das copyright so aussieht, dass am Ende halt nicht mehr die traditionellen Vermittler, sondern jetzt eben die neuen Vermittler, die die Piraten ja sind, dass jetzt eben die neuen anstelle der alten kassieren, na dann frohes neues!

Genau so empfinde ich das auch.

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