
Die Saison beginnt, auch wenn man das noch nicht so recht glauben kann, aber die Pros haben Hawai’i schon hinter sich gelassen und auch bei uns sind die Turnierplanungen der Clubs schon weit gediehen. Zeit, für ein paar Gedankenanstöße, „schnelle Neun“ sozusagen – dann klappt’s auch mit der entspannten Golfrunde:
1. Es ist egal, was dein neuer Driver gekostet hat oder laut Werbeprospekt kann, den du dir zum Fest geschenkt hast: du wirst damit auch in der neuen Saison keine nennenswerten Abschläge hinkriegen und höchstens deinen Slice oder Hook um 20% weiter ins Aus schlagen als letztes Jahr. Das Geld hättest du besser in Prostunden investiert. Aber nun ist es zu spät, du hast das Teil, wie man sieht. Wie jeder sieht. Jeder, der es nicht auf Anhieb sieht, kriegt die Keule unter die Nase gehalten und soll dann beeindruckt gucken. Das gebietet die Etikette.
Echt? Nö. Is mir schnurz, ob du mit einem brandneuen [$TeurerMarkenschläger] oder Opas Hickorystecken abschlägst. Könnte mir nicht egaler sein. Hauptsache, du machst keine Probeschwünge auf dem Abschlag, hast deine eigenen Tees und Bälle mit und brauchst nicht so lange wie Sergio Garcia, bis du endlich abgeschlagen hast. Im Idealfall hast du dann auch noch geschaut, wohin die Pille geflogen ist, damit wir nicht so ewig suchen müssen.
2. Natürlich hast du nicht hingesehen, wohin die Pille geflogen ist, sondern geflucht wie ein Rohrspatz („Ich hätte doch die 8,5° Version nehmen sollen!“) und wir suchen ewig. Du bist uns um Meilen voraus, so etwa 300 Meter vom Abschlag entfernt. Klar, der flog ja viel weiter jetzt, wo der neue Driver im Einsatz war. Wir hatten vielleicht nicht denselben Blickwinkel wie du, aber unserem Eindruck nach war der nicht so weit. Wie ein Mitspieler in diesem Fall mal so treffend zu diesem größenwahnsinnigen selbstbewußten Marketingopfer sagte: „Tritt näher ran, er ist kürzer als du denkst!“. Faustregel: Der Ball liegt in 9 von 10 Fällen auf der Höhe, auf der du instinktiv deine Karre hast stehen lassen, bevor du 100 Meter weiter vorausgestapft bist.

3. Die drei oder vier Luftschläge und Hacker, die du gebraucht hast bis die Murmel aus dem Gemüse aufs Fairway oder wenigstens ins Semirough gehüpft ist, die zählen zum Score. Ja, alle Schläge. Bei uns in Schottland machen wir das so, auch wenn Schottland in diesem Fall in Hamburg, Düsseldorf oder Garmisch-Partenkirchen liegt. Alles andere ist Selbstbetrug und mir auf der Privatrunde egal, oder aber Betrug an allen anderen Teilnehmern eines Turniers und mir in diesem Falle ganz und gar nicht egal. Im Zweifel unterschreibe ich dann eben deine Scorekarte nicht und du kannst der Spielleitung erklären, wie du auf ein Bogey kommst, wenn du schon sieben Schläge bis zum Vorgrün gebraucht hast. So oder so wird es allerdings die letzte Runde gewesen sein, die wir miteinander gespielt haben.
4. Auf dem Grün macht jeder zwei Pitchmarken weg: die eigene und die eines Blindfischs aus der Gruppe vor uns. Wenn du keine eigene Pitchmarke hingekriegt hast, machst du trotzdem zwei weg. Sei versichert: es gibt genügend davon. Und nein, die stammen nicht alle von den Greenfeegästen. Unsere Greenskeepercrew hat uns heute früh einen makellosen, taufrischen Platz zu Füßen gelegt und um den heutigen Monatsknopf spielen nur Clubmitglieder mit. Denk’ mal drüber nach.
5. Du beklagst dich über langsames Spiel? Dann gehe mit gutem Beispiel voran: Überlege dir bereits auf dem Weg zu deinem Ball, welcher Schläger für den nächsten Schlag infrage käme. Stelle deine Karre so ab, daß du nicht endlose Umwege ums Grün machen mußt, um zum nächsten Abschlag zu kommen. Schaue dir deine Puttlinie an, während Deine Mitspieler putten bzw. während du aufs Grün zugehst. Mach’ den tap-in rein und markiere nicht umständlich noch 10 cm-Putts.
6. Nein, es stört mich nicht wenn du rauchst. Es würde mich nicht mal stören, wenn du brennst. Aber wenn du deine Kippe nicht anschließend in einen mitgebrachten Aschenbecher oder deine Hosentasche steckst, sondern glaubst, daß du sie einfach ins Rough werfen darfst oder in den Behälter für die abgeknickten Tees am Abschlag, dann wirst du die nächste eben runterschlucken. Klar soweit?
7. Es ist egal, ob mein Ball „noch draußen“ liegt. Wenn Deiner zwei Kilometer weiter unten auf einem anderen Teil des Grüns liegt, bist du trotzdem zuerst dran. Es spielt der zuerst, dessen Ball weiter von der Fahne entfernt liegt.
8. Du kannst deinen Ball nicht „aufgeben“. Das sehen die Regeln nicht vor, tut mir leid, auch wenn dein Pro das so gesagt hat. Pros wissen selten etwas über Golfregeln, müssen sie ja auch nicht, aber eine Menge über den Golfschwung. Du kannst deinen Ball aber u.a. überall auf dem Platz für unspielbar erklären (und nicht für „unbespielbar“) und verfährst dann einfach nach Regel 28. Wenn dir Regel 28 nichts sagt, investiere unfassbare 7 Euro in das Regelbuch, das drei Jahre gültig ist und in jede Hosentasche bzw. jedes Golfbag passt. Lies es aber auch, sonst bringt es nichts. Gönn’ dir auch ab und zu mal die Decisions dazu, die sind sehr unterhaltsam. Gehe zu den angebotenen Regelabenden oder gib’ dem Regelpapst deines Clubs ein Bier aus und laß’ dir erklären, warum das so ist. Wenn du das alles nicht willst, überlege, mit irgend einer weniger komplizierten Sportart zu beginnen oder wenigstens irgendwo anders zu spielen, wo ich nicht mit dir zusammen spielen muss.
9. Nein, der ist nicht geschenkt. Wir spielen Zählwettspiel.

Köstlich. Ich hoffe, es werden viele lesen und sich ein Beispiel daran nehmen.
Man hofft, so lange man lebt. *seufz*
Sehr wahr gesprochen!
Kleine Ergänzung: Auch wenn Ihr die dickere Karre fahrt, 900 Jahre länger Mitglied oder die jüngste Neuentdeckung und Shootingstar in der Clubmannschaft seid: sagt ruhig auch mal zuerst “hallo” und starrt nicht erwartungsvoll oder stapft stumpf an den anderen vorbei. Etikette beginnt schon auf dem Parkplatz.
Dies zumindest ist ein Punkt, der bei uns im Club keiner ist – wir grüßen uns alle, auch die Jüngsten, auch die Hotshots, auch Herr Präses etc. Aber es gibt noch genügend Punkte für die zweiten neun – vielleicht möchtest Du ja bei Dir im Blog ran?
Verstehe völlig, was Du meinst…verstehe aber nicht, dass Dir das Phänomen “Golfidioten” noch so viele, schon geschliffene Zeilen Wert ist. Ich habe meinen Frieden schon lange gemacht…und spiele nur mein Spiel. Zugegeben, ich spiele häufig im Morgengrauen, wo nur koreanische Christen (“ich muss eh immer um 4.00 beten”) meinen Weg kreuzen, was sehr angenehm ist. Doch so oder so: Die ganze Angelegenheit “Golf” ist doch so oder so nur eine (arschgeile) Charakterprüfung…zu der die Pfeifen ganz offenbar dazugehören! Nimm es als “zum Spiel gehörig” oder wie auch immer die Rules das nennen, atme ein, und atme aus…und hau gegen den Ball! Frohes neues Jahr…L.
Warum mir das noch so viel Zeit wert ist? Warum sind wir jede freie Minute auf dem Platz, und wenn nicht, denken wir an Golf? Warum haben wir Golfzeitschriften abonniert, suchen uns wund nach einem Stream, der die 08/15 Classics aus Bumfuck, Iowa überträgt und planen unseren Urlaub um den Ryder Cup herum? Warum lesen wir und schreiben wir in Blogs, in Foren, auf facebook und freuen uns über alte Scorekarten, die uns als Lesezeichen aus vergessenen Büchern entgegenfallen und haben unmittelbar wieder diese Runde vor Augen, diesen einen genialen Schlag, der uns den Puffer gerettet hat … Warum?
Keine Ahnung, sag’ Du’s mir! ;-)
Ich mag das Spiel SO sehr, dass mir selbst die Trolle nichts ausmachen. Und: Eigentlich habe ich ja nur kommentiert, um noch so eine Einspluspremium-Formulierung wie “Bumfuck, Iowa” zu provozieren. Danke dafür!
oh wow! das ist ein saucooler post, und auch ‘bumfuck, iowa’ finde ich erste sahne, aber: mit golf kann ich [noch] überhaupt nichts anfangen… ;).
Äh, danke! Und keine Sorge: Kommt Zeit, kommt Golf.