In meinen in einem US-Konzern verbrachten Jahren bekam ich an ganz schlimmen Tagen etwa 400 Mails ins Postfach gespült (an normalen Tagen „nur“ rund 50-100). Etwa 50 dieser 400 waren Newsletter, interne Rundschreiben und automatisierte Abwesenheitsnotizen. Weitere 320 waren unnötige „ich hab’s gelesen und sag’ mal was dazu, damit jeder sieht: ich hab’s gelesen und mal was dazu gesagt“-FYI-CYA-Mails, in denen in aller Regel nichts gesagt wurde, das aber sehr ausführlich und mit den wichtigsten Head Honchos im cc (CYA bedeutet: Cover Your Ass).
Die verbleibenden 30 Mails schliesslich waren für mein Tagwerk relevant, ich war die tatsächlich richtige Ansprechpartnerin und um den Inhalt dieser Mails musste sich unverzüglich gekümmert werden. Die Kunst lag also darin, diese Stecknadeln im Heuhaufen zu finden, was naturgemäß unnötige Zeit in Anspruch nahm. Denn obwohl die Mails der ersten Kategorie leicht rauszufiltern und zu löschen waren, durfte man sich natürlich zumindest oberflächlich die anderen Mails ebenfalls ansehen. Auf die Verbindung Absender plus Empfänger auf der cc-Leiste gucken und entscheiden, ob man jetzt auch noch was zum Thema beitragen müßte oder sollte.
Das aus heutiger Sicht Faszinierendste daran: es gab keine Smartphones und in jenen Tagen zu Beginn des neuen Milleniums hatte ich nicht einmal einen privaten Computer. Mein altes Notebook war gerade gestorben und ich wollte es nicht ersetzen. Ich hatte mich bei Antritt dieses Jobs bewusst dagegen entschieden, weil ich der Ansicht war: 12-15 Std/Tag reichen vor der Kiste. Am Wochenende und in dem winzigen Bisschen Feierabend, das mir so ab 22 Uhr etwa bleibt, wollte ich offline sein.
Würde ich diesen Job heute noch ausüben, so wäre es heute wohl nicht mehr nötig, so lange im Büro zu verweilen. Ich könnte meine letzte Videokonferenz via skype auch gemütlich von zuhause aus führen und meine Mails auch vom Sofa aus beantworten. In vielerlei Hinsicht ist das Arbeitsleben einfacher geworden, aber ich hätte heute auch kein freies Wochenende und keinen echten Feierabend mehr. Man würde selbstverständlich von mir erwarten, daß ich mich auch am Sonntagnachmittag um dringende Sachen kümmerte. Wobei Dringlichkeit natürlich im Auge des Betrachters bzw. Absenders liegt.
Ich bin felsenfest davon überzeugt, daß ich diesen Job weder so gut noch so gern und so lange gemacht und ihn auch nicht gesundheitlich durchgestanden hätte, wenn ich diese Offlinefeierabende und -wochenenden nicht so knallhart durchgezogen hätte.
Ein einziges Mal bin ich zuhause abends spät angerufen worden. Ein berühmter Regisseur wollte seinen hier in Deutschland lebenden Verwandten die grandiose, tolle neue Website zu seinem grandiosen neuen Hollywoodfilmspektakel zeigen und dann war der Trailer auf der Seite auf englisch statt auf deutsch.
Skandal! Der Regisseur schäumte. Seine Leute riefen den nichtsnutzigen deutschen Marketingchef an, der seine nichtsnutzige deutsche Marketingdirektorin anrief, die ihre nichtsnutzige deutsche Onlineconsigliera anrief, welche sich bereits im Bett befand und, offline lebend, ihr papiernes Adressbüchlein nach hilfreichen Kontakten und Rufnummern im UK Office durchforstete.
Dort fand sie, bzw. ich, einen gerade im Aufbruch befindlichen Kollegen und erfuhr letztlich, daß es den betreffenden Trailer noch gar nicht in einer deutsch synchronisierten Fassung gab, der war erst für die nachfolgende Woche angekündigt. Das alles koordinierte und telefonierte ich also um Mitternacht vom Bett und Handy aus für rund 2,50 DM/Minute zwischen drei Zeitzonen. Den Rest der Nacht schlief ich nicht sehr erholsam. (Der Film ist übrigens dann an den Kinokassen ziemlich gefloppt und wurde zu Recht von Kritik und Publikum verschmäht und verrissen, was mir in diesem Fall ein innerer Vorbeimarsch war.)
Wer jetzt denkt, daß das ein Extrembeispiel ist, aus einem US-Konzern und nur den internationalen Zeitunterschieden oder halt der irren Ami-Mentalität geschuldet, der ist offensichtlich nicht berufstätig oder aber glücklich verbeamtet. Denn das gilt genauso, wenn nicht sogar in noch stärkerem Maße für viele kleine und mittelständische Betriebe hier in Deutschland, z.B. der gesamten Werbe- und Medienbranche. Hier wird selbstverständlich auch bei Angestellten unterhalb des VP-Levels vorausgesetzt, daß sie nicht nur telefonisch erreichbar sind sondern auch proaktiv im Urlaub oder vom Krankenbett aus ihre Mails per Blackberry oder Smartphone checken – der elektronischen Fußfessel. Eine wirkliche Erholung ist meiner Ansicht nach so nicht möglich.
Ich bin fast 24/7 online. Aber ich bin nicht 24/7 erreichbar. Das Netz ist Teil unserer Infrastruktur, wie Straßen, Schienen, Flüsse. Nur weil ich am Wochenende blogge oder twittere, also für jedermann erkennbar online bin, will ich noch lange nicht „mal eben“ meine Büromails checken. Ich bin in einem kreativen Berufsfeld tätig, nicht in der Unfallchirurgie. Wenn eine Website oder ein Layout eine Macke hat, dann kann das bis Montag oder bis zum nächsten Morgen warten, wie auch Sven das ganz richtig hier schreibt. Das heißt nicht, daß ich keinen Einsatz zeigen will, nicht die „Extrameile gehen“ mag oder unkooperativ bin. Ich habe noch nie eine Deadline verpasst. Das heißt nur, daß ich gelernt habe zu priotisieren und verantwortungsbewußt zwischen wichtigen und unwichtigen Dingen unterscheide.
Jeder Sportler weiß: Muskeln wachsen in der Ruhephase zwischen zwei Übungseinheiten. Unausgeruhte Mitarbeiter sind kein Gewinn für eine Firma bzw. den Kunden, und schon gar nicht können sie so dauerhaft kreativ arbeiten.
Aktuell ist ja das Thema „ständige Verfügbarkeit“ in aller Munde. VW hat sich bereit erklärt, Mails nach Feierabend nicht mehr auszuliefern. Und in der Onlineausgabe einer großen deutschen Tageszeitung (ich verlinke das jetzt absichtlich nicht) steht heute in einem Beitrag zum Thema sinngemäß, daß immer mehr Menschen ihre Prioritäten neu sortieren und nicht länger Karriere um jeden Preis machen wollen. Lieber mehr Zeit für sich und/oder die Famile haben statt einen tollen Titel auf der Visitenkarte – das ist eine Erkenntnis, die manchem Personaler künftig Kopfschmerzen oder Freude bereiten wird, je nach Firmenphilosophie.

Ein Anruf auf dem Handy Mitte der 90er am Pfingstssamstagmorgen um kurz vor 8 mit der Mitteilung, man hätten einen Unfall gestern gehabt, brachte mir die Antwort über die Lippen: “Und, soll ich jetzt vorbeikommen und den Wagen reparieren, oder was?”
Das Ergebnis: einen Kunden weniger, der Drucker hatte einen neuen Auftrag für Visitenkarten ohne Handynummer und ich künftig ruhige Sams- und Sonntage.
Kraahahahahaha!