Ich kriege das ja alles nur unmittelbar durch Blogeinträge etc.mit, was da wieder für eine Sau durchs Sommerloch getrieben wird. Ich habe, wie ich schon bei Johnny schrieb, vier Anläufe (via Mediathek) unternommen, mir die ZDF Info Sendung mit ihm und Spitzer anzusehen. Ich hab’s nicht geschafft, mir das Elend zu Ende anzuschauen. Und die Jauch(e)-Sendung habe ich auch nur via Twitter mitgekriegt.

Mir wird übel bei so einer Mischung aus Inkompetenz (zunächst einmal der Moderatorin, die es nicht schafft, diesen blökenden Unsympathen kalt zu stellen, was aber natürlich auch ihr Sendekonzept ad adsurdum führen würde) und aggressiver Selbstdarstellung der Teilnehmer; in diesem Falle Spitzer, der unhöflich jeden anderen Teilnehmer unterbrochen hat bzw. über ihre Einwände hinweggerollt ist. Von seinen Thesen habe ich nichts mitbekommen, weil ich mich nicht anschreien lasse und daher den Stream weggeklickt habe. „Wer schreit, hat keine Argumente, wer schreit, hat unrecht“ haben meine Eltern mir als Kind beigebracht. Das mag nicht in jedem Fall zutreffen, aber hier bin ich mir sehr, sehr sicher, daß dem so ist. Und sollte der Mann tatsächlich valide Argumente haben, dann ist er dennoch dumm (im Sinne von ungeschickt), weil er sich selbst durch sein schlechtes Benehmen disqualifiziert hat, sie mir nahezubringen.

Vielleicht ist der Mensch von Natur aus unzufrieden mit dem, was er hat und neidisch oder wenigstens neugierig auf das, was andere haben. Und wie in der Fabel vom Fuchs und den sauren Trauben macht er das nieder, was er gerne hätte aber nicht haben kann, oder was er einfach nicht versteht. Weniger, um andere davon zu überzeugen, als um sich selbst davon zu überzeugen, daß er das Ding ja gar nicht braucht. Und natürlich braucht er es in den meisten Fällen nicht; wir brauchen bekanntlich überhaupt nur sehr wenig zum Leben. Aber hätten es halt gerne.

Mir geht es inzwischen wie vielen anderen, oft jüngeren FreundInnen, KollegInnen, Followern etc. aus diesem Internet: ich habe keine große Lust mehr, mich anzustrengen den aus-Prinzip-Offline-lebenden zu erklären was sie verpassen, welche Chancen sie sich verbauen, was eigentlich so großartig ist an all dem. Ich bin langsam müde, ein Feuer der Begeisterung entfachen zu wollen wo alle in Asbestklamotten mit verschränkten Armen neben ihren Feuerlöschern stehen. Es ist keine Frage des Alters, der Bildung oder der Herkunft. Es ist eine Frage der Neugierde auf das Leben, wie offen der geistige Horizont ist und die Bereitschaft, sich auf ein Abenteuer einzulassen. Ja, man kann sich im Internet furchtbar weh tun, man kann beraubt, verleumdet, verarscht werden. Newsflash: all das passiert auch täglich in der Offlinewelt, wie man in Zeitungen lesen und im TV sehen kann. Man kann sich im Internet ausschliesslich in sog. walled gardens wie einstmals AOL und CompuServe und heute Facebook aufhalten und trotzdem ein tolles Leben haben, genau wie man einen fantastischen Cluburlaub in einem all-inclusive-Hotel mit Kinderbetreuung, all-you-can-eat Buffet und Animation haben kann. Vielen Menschen reicht das und sie erleben jedenfalls schon mal deutlich mehr als diejenigen, die gar nicht erst vom Sofa aufstehen. Aber sie verpassen so viel. Es gibt so viel mehr!

Andererseits: wir verpassen alle etwas, jeden Tag. Es gibt einfach zuviel. Wir können niemals alles machen, alles lesen, alles sehen, alles lernen. Selbst die aktivsten, belesensten und am weitesten gereisten unter uns werden, im Ganzen betrachtet, am Ende ihres Lebens nicht sehr viel mehr als an der Oberfläche dessen gekratzt haben, was möglich gewesen wäre. Ich möchte gern segeln lernen, und programmieren, mit dem Motorrad durch Indien fahren und eine eigene Schriftart entwerfen, ich will richtig gut kochen können und herausfinden, wie man World of Warcraft spielt, ich will noch mehr Fremdsprachen lernen und mein Buch endlich veröffentlichen und besser Golf spielen und eine neue Band gründen und noch viel mehr. Ich will mir keine künstlichen Grenzen aufbauen und mir keine bauen lassen. Schon gar nicht von Leuten, die mich anschreien und für dumm verkaufen wollen.

 

 

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Dieser Artikel hat 2 Kommentare

  1. Ich liebe die Sendung von der du sprichst. Nicht weil ich sie gesehen habe, um Gottes Willen. Jauch? Nicht meine Tasse Tee. Aber wenn sie einen so schönen Text inspiriert, der mit einer solchen Freude auf das Leben losgeht, es anpackt, schüttelt, aushorcht, umarmt, mit ihm einen trinken geht, dann sage ich gerne: Macht es nächsten Sonntag wieder. Natürlich wieder ohne mich, ich lese den anständigen Kram dann ein paar Stunden später im Netz.

    Kiki, vielen Dank.