Ich sag’ dann auch noch mal was zum Thema #609060, denn es wurde ja schon alles gesagt, nur von mir noch nicht.

Einige haben im Zusammenhang mit diesem Mem ein Problem mit dem Begriff „normal“. Äh, ja, das sind normale Leute, die da mitmachen, jedenfalls mal rein von der Optik her. Wer jemals den Fuß vor die Tür gesetzt hat und sich in eine U-Bahn oder Fußgängerzone oder sonst in die Öffentlichkeit begeben hat, der müsste das eigentlich festgestellt haben: Menschen sehen nun mal so aus. Es gibt kleine, große, dürre, fette und die irgendwo dazwischen. Es sind nicht die „irgendwo dazwischen“, die normal sind. Es sind alle. Ihr auch. Ich habe viele von Euch bei den letzten re:publicas gesehen. Ihr seid kein Stück dicker oder dünner oder anders. Ihr seid nix besonderes. Oh, natürlich seid Ihr alle etwas besonderes, schon klar. You’re so fucking special. Aber if everyone’s special, nobody is. Denkt mal drüber nach. Get over it. Ihr seid normal. Ja, einige sind deutlich kleiner als ich, deutlich größer, unfassbar viel dünner oder auch unglaublich viel dicker als ich. Haben Schuhgröße 48, einen Riesenbusen oder keinen erkennbaren, eine gigantische Hakennase oder ein grünes und ein braunes Auge. Kombinationen sind möglich. Aber alle zusammen bildet Ihr, bilden wir die Norm.

Einige wollen also statt von normalen lieber von „echten“ Menschen sprechen. Das wiederum finde ich komplett krank. Denn wer sind denn die anderen, die unechten? Etwa die Models? Sind die weniger Mensch als Ihr, nur weil sie meist dünner sind? Sind die unecht? Das hat für mich einen ganz, ganz fiesen, menschenverachtenden Beigeschmack, sorry. Ist ja eine Sache, wenn Ihr denkt, alle Leute in Konfektionsgröße 42 seien verhältnismässig schlank aus Eurer Perspektive. Klar, schlank ist immer relativ. Aber sind sie deswegen nicht echt? Da sind wir dann gefährlich nahe am Sinn und Zweck der Propagandaposter aus Kriegszeiten, wo dem Feind jede Menschlichkeit abgesprochen wurde, damit man sich nicht so den Kopf macht, wenn man ihn tötet. Da waren Japaner plötzlich Ratten oder Affen und Russen plötzlich geifernde Bestien. Nicht echt? Das heisst, man darf sich drüber lustig machen, drauf rumtrampeln, zur Seite wischen.

Ach, und die abgeschnittenen Köpfe auf den Fotos sind jetzt auch nicht ok und ein Zeichen von Diskriminierung? Was für ein, ’tschuldigung, gequirlter Scheiß. Es will halt nicht jeder sein Gesicht im Internet sehen, egal in welchem Zusammenhang. Es ist kein Zufall, daß die meisten Avatare kein Foto des Nutzers zeigen sondern eine Comicfigur, ein Logo, oder das Gesicht höchstens angeschnitten, mit Sonnenbrille verfremdet oder durch eine Mütze unkenntlich genug gemacht. Das ist sicherlich nicht der Fall, weil sich jeder so hässlich findet oder weil diskriminiert werden soll — wo ist denn da bitte die Logik, ich diskriminiere mich selbst und reduziere mich selbst auf meinen Körper, den ich so hässlich finde, daß ich ihn online präsentiere? Es kann auch tausend andere Gründe dafür geben. Sie müssen nicht unbedingt rational sein, und für manchen Selbstdarsteller mag es sicher unbegreiflich erscheinen, aber: nicht jede(r) will das eigene Gesicht in der Zeitung, im TV oder im Web sehen.

Oh, und es ist alles eine riesige rassistische Diskriminierungskampagne, weil nur weisse, dünne, hübsche Frauen unter 50 mitmachen? Yeah, well, dann nehmt Eure Kameras, Ihr dicken, hässlichen Männer über 50, die Ihr „people of color“ seid. (Das ist übrigens mit Abstand der allerdämlichste Neusprech-Ausdruck. Als ob wir nicht alle eine Hautfarbe hätten, oder sind Weiße etwa durchsichtig?) Es ist ein Mem, Jede(r) darf mitmachen, keiner muss. Wenn Ihr Euch bei dieser Kiste unterrepräsentiert fühlt, dann deshalb, weil Ihr es wollt. Niemand hindert Euch daran, mitzumachen.

Ihr seid normal. Get over it. Was Ihr noch seid: #allebekloppt.

Nachtrag: Nachdem einige Kommentatoren offenbar nicht so ganz wissen, worum es hier geht, verlinke ich hier noch mal auf Journelle, die Initiatorin der Aktion. Hier der Ursprungsbeitrag und hier ein Nachklapp mit einer umfangreichen Linksammlung zum Thema. Eine Twittersuche mit dem Hashtag #609060 findet eine Vielzahl von Bildern von normalen Menschen in Oberbekleidung.

Dieser Artikel hat 27 Kommentare

  1. Genau!

    (bekloppt sind wir hier sowieso alle)

  2. .

    Das mit “echt” ist ein guter Punkt übrigens, ich glaub ich schreib wieder normal. Oder gar nichts mehr. Es stand da ja auch nie “normale Körper”, sondern “normale Menschen”, und selbst wenn, ich fand das Wort “normal” in dem Zusammenhang noch nie kritisch. Man kann halt in alles alles hineininterpretieren, wenn man sich nur genug Mühe gibt.

    • „Man kann halt in alles alles hineininterpretieren, wenn man sich nur genug Mühe gibt.“

      So ist es. Und man kann sich die bekloppteste Interpretation ausdenken und kommt doch nicht mal entfernt dran an die allerbekloppteste Interpretation.

  3. Ja. Und ich weiß nicht, worum es eigentlich geht. *seufz*

    • Ich habe den Artikel um ein paar Links ergänzt. Sorry, man schmort so in der eigenen Filterblase, daß man gar nicht mitkriegt, daß andere Menschen vielleicht andere Nachrichten oder Blogs lesen. My bad.

  4. Nur eine Anmerkung: Ich habe in der Diskussion die Abgrenzung zwischen “echt” und “unecht” so verstanden, dass wir in der Werbung, in Zeitschriften etc. eben keine “echten” Menschen zu sehen bekommen. Sondern Menschen, deren Bilder massiv mit Photoshop bearbeitet wurden. Und diese Bilder sind dann eben nicht mehr “echt”, weil sie nicht die Realität abbilden. Auch nicht die Realität der fotografierten Models.
    Just my 2 cents.

  5. echte menschen = du, ich und wer sonst so rumläuft im echten leben (was immer *das* sein soll …)

    unechte menschen = gephotoshopte wesen aus film, funk und fernsehen (oder eher film, zeitschriften und fernsehen)

    damit hat die diskussion doch angefangen: die models in zeitschriften die uns glauben machen sollen, man bzw. frau könnte (oder schlimmer) sollte so aussehen.

  6. Ich hab echt ne Zeit gebraucht, um überhaupt zu bergreifen, worum sich dieser Post ungefähr* drehte. Eigentlic h erfreulich – scheint ein Hinweis darauf zu sein, dass es für mich kein Thema ist.

    *Abgschnittene Köpfe? Da rätsele ich noch.

  7. Ich glaube, ganz am Anfang gings darum, dass gekaufte Kleider auch in echt an einem normalen Körper gut aussehen können, und nicht nur mit Klebeband festgepappt für irgendein Shooting- treiben wir das noch um eine Umdrehung weiter :))

    Trotzdem finde ich den Kriegspropagandavergleich zu hart – ich verstehe die Getroffenheit mancher Mitdiskutanten durchaus, wenn “normal sein” ein ganz ganz wunder Punkt ist. Da wäre ich für Verständnis, ohne allerdings Recht zu geben.

    Ansonsten: genau so.

    • Das ist es ja gerade: jede/r hier ist mit irgend etwas an seinem Körper unzufrieden und empfindet sich als nicht normal. Wenn irgend etwas normal ist, dann das. Aber andere als unecht zu diffamieren, das finde ich widerwärtig. Die Photoshoppingerklärung leuchtet mir ein, aber das Unbehagen über die Wortwahl bleibt.

  8. versteh auch die hälfte nicht… bin wohl doof, aber hübsch ;-)

    mal was anderes… wo bleibt die liste?!?

  9. Gnihihi. Yeehaw! Und Applaus.

  10. Okay, das ist unecht: klick!

  11. Ich mache auch mit und bin aber 50, bin jetzt normal oder nicht? ;-)

  12. Ich meinte mit echt unbearbeitete Fotos. Aber auch das ist nicht ganz richtig, weil man sich ja immer irgendwie “bearbeitet”. Ich schreibe jetzt einfach nur noch Mensch. Adjektive sind doof.

  13. erfrischend unverblümte reaktion auf die ganzen diskussionen rund um die #60-90-60. rants sind toll.

  14. »(Das ist übrigens mit Abstand der allerdämlichste Neusprech-Ausdruck. Als ob wir nicht alle eine Hautfarbe hätten, oder sind Weiße etwa durchsichtig?)«

    Der “Neusprech-Ausdruck” people of colour ist eine selbstgewählte Bezeichnung von Menschen mit Rassismuserfahrungen, vielleicht könnte man das einfach respektieren, statt sich darüber auszulassen, dass das ja total dämlich sei. Es geht nämlich nicht darum, dass Menschen eine Hautfarbe haben, sondern dass ihre Hautfarbe eine andere als die als normal angesehene “weiße” Hautfarbe ist oder sie überhaupt der europäisch-weißen Norm nicht genug entsprechen und deswegen diskriminiert werden.

    Über sowas darf man sich gerne informieren, bevor man’s in einen Rant reinhaut.

    • Mir ist diese Diskussion durchaus bekannt, die ist ja beileibe nicht neu. Manche Menschen mit nicht weisser Hautfarbe bezeichnen sich selbst so, andere bezeichnen sich anders. Ich finde den Ausdruck trotzdem bescheuert. Und inwiefern die weisse Hautfarbe als normal gilt, lasse ich bei knapp 7 Mrd. Menschen auf diesem Planeten mal dahingestellt.

  15. [...] schreibt auch einen #609060 Rant und stellt in Frage ob der Austausch des Wortes “normal” durch “echt” [...]