Menschen, die radikale Positionen vertreten, sind mir suspekt. Zum einen glaube ich nicht, daß es zu irgend einem Thema nur schwarz oder weiss gibt, auch wenn sich diese beiden mit Nichtfarben bezeichneten Positionen meist ideal weil müheloser darstellen lassen. Das ist in Zeiten, in denen man von endlosen 15 Minuten Ruhm bzw. Aufmerksamkeit für die eigenen Ergüsse nur noch träumen kann, sehr wichtig: Sag’s plakativ, erklär’s mir als ob ich drei Jahre alt sei und verpacke es in einen Satz, der nicht mehr als 140 Zeichen umfasst. Für Grauschattierungen und Zwischentöne bleibt keine Zeit; zuviel Nachdenken ist nicht gefragt. 

Das heisst im Umkehrschluss natürlich nicht, daß man keine eigene Meinung haben oder die eigene Meinung nicht selbstbewusst vertreten sollte. Aber man sollte sie plausibel begründen und souverän vertreten können. Hinweis: eine plausible Begründung umfasst gemeinhin mehr als „aus Gründen“, „wegen weil“ oder „darum“. Und lautes Brüllen, Steine schmeissen und exzessiver Gebrauch von Fäkalsprache wirkt nicht souverän sondern kindisch, lächerlich und kontraproduktiv.

Wie ich darauf komme und warum ich hier solche Binsenweisheiten aufschreibe? Weil mir dieses Verhalten sehr oft im Zusammenhang mit dem Feminismus begegnet. Als Frau habe ich natürlich meine Erfahrungen mit den Themen sexuelle Belästigung, Diskriminierung und Beleidigung im Alltag, gelegentlich sogar Bedrohung gemacht bzw. mache immer noch welche. Und auch, wenn ich ein dickeres Fell zu haben scheine als andere (was vielleicht auch daran liegt, daß ich Menschen nicht ernst nehmen bzw. als Gesprächspartner akzeptieren kann, die laut herumgrölen, exzessiv Fäkalsprache benutzen oder keine andere Position als die eigene auch nur zur Kenntnis nehmen wollen), so ärgere ich mich natürlich darüber, wenn ich besonders dämliche Sprüche höre. Ich kann jede Frau verstehen, die sich dagegen wehren will oder, dünnhäutiger als ich, wütend diese Missstände anprangert. Ein Problem ist nur, daß diese Frauen meist mich und meinen vermeintlichen Gleichmut bzw. meine Passivität nicht akzeptieren und mich dann gelegentlich auch noch beleidigen.

Ein weiteres Problem ist, daß ich Männer per se nicht als den Feind betrachte. Also, das ist nicht mein Problem, versteh mich nicht falsch! Aber für viele radikale Vertreterinnen des Feminismus ist das ein Problem. So wie die GEZ davon ausgeht, daß man natürlich grundsätzlich öffentlich-rechtliches Fernsehen an seinem internetfähigen PC guckt – wozu hätte man sonst einen? – gehen viele Feministinnen davon aus, daß Männer natürlich grundsätzlich vergewaltigen. Schliesslich sind sie entsprechend ausgerüstet. Diesem Schluss mag ich mich nicht anschliessen, tut mir leid.

In den vergangenen Wochen, Monaten, Jahren haben sich die Themen Feminismus, Homosexualität, Rassismus und Religion zu Dauerbrennern in der Blogosphäre entwickelt. Und merkwürdigerweise werden all diese Themen auch irgendwie zusammengeworfen: Als Frau muss man sich solidarisieren mit Homosexuellen und mit Nichtweissen und mit Atheisten oder wenigstens Menschen, die nicht einer christlichen Religion anhängen – außer Scientologen (die sind böse) und Zeugen Jehovas (die sind lächerlich), die darf man gefahrlos bashen bzw. sich über sie lustig machen. Gelegentlich gehören auch noch Leute mit irgend einer Behinderung oder wenigstens Übergewicht dazu. Kurz: Alle, die aus irgend einem Grund irgendwann einmal von irgend jemandem wegen irgend etwas diskriminiert worden sind, müssen sich mit den anderen solidarisieren oder wenigstens lautstark Verständnis fordern und zu Toleranz aufrufen. Wer zwei oder mehr der genannten Gruppen angehört, ist König bzw. Königin. Ich muss an den Ausspruch von Sammy Davis, Jr. denken: „Talk about handicap—I’m a one-eyed Negro Jew.“ Und die sprachlichen Fallstricke, in denen man sich verheddern kann! Es ist Monty Pythonesk.

Gegen Solidarität mit Schwächeren ist natürlich nichts zu sagen, ganz im Gegenteil. Was mir jedoch sauer aufstößt ist die Selbstverständlichkeit – oder vielleicht Ahnungslosigkeit und damit verbundene Gleichgültigkeit gegenüber meiner Person – mit der ich mit all den anderen „Opfern“ in einen Topf geworfen werde und mit der von mir anscheinend erwartet wird, daß ich mich auch für deren Belange einsetze. Stark vereinfacht gesagt: Als Frau muss ich natürlich über Lesben Bescheid wissen, mich mit Kopftuchträgerinnen verbünden und gegen die Diskriminierung von Müttern auf die Straße gehen, die ihre Kinderwägen nicht in Cafés mitnehmen dürfen. Ganz egal, ob ich selbst heterosexuell oder lesbisch bin (oder bi, oder transgender oder was es noch so alles gibt), welcher Religion ich angehöre (wenn überhaupt) und ob ich Mutter bin oder nicht: ich hab’ gefälligst „das Richtige“ zu tun. Und im übrigen sollte ich mich vegan ernähren, oder wenigstens vegetarisch und auch für Tiere bremsen. am besten in kleinschreibung.

Aber wenn ich schon nichts tue, dann soll ich gefälligst die Klappe halten und das Richtige „tolerieren“. Das wird dann im Eifer des Gefechts gerne mal mit zwei l geschrieben, wahrscheinlich weil es so toll ist, etwas zu tolerieren. Toleranz bedeutet jedoch nichts weiter als „Duldung“. Ich muss bestimmte Dinge, Menschen und Ansichten dulden und ertragen. Ich muss sie aber nicht verstehen oder gar gut finden, das wäre nämlich schon „Akzeptanz“ und Unterstützung. Ich toleriere z.B. schlechtes Wetter, weil mir gar nichts anderes übrig bleibt und ich eh nichts dagegen tun kann, außer mich selbst entsprechend zu kleiden oder per Schirm oder im-Bett-bleiben zu schützen.

Ich toleriere Latte Macchiato Muttis mit Kinderwagen aber ich unterstütze den Cafébetreiber, der sagt: parkt den Wagen bitte draußen und nehmt das Kind doch mit auf den Schoß oder bleibt halt draußen, der Laden ist sonst zu voll und ich bin kein Wohlfahrtsverein sondern lebe von meinen Einnahmen und falls es brennt kommt hier doch sonst niemand lebend raus.

Ich toleriere Menschen, die Homosexualität ablehnen, aber ich unterstütze gleichgeschlechtliche Menschen, die sich lieben und heiraten oder Kinder adoptieren möchten oder einfach nur Hand in Hand die Straße entlang bummeln wollen, ohne dumm angeguckt oder beschimpft zu werden.

Ich toleriere Atheisten aber ich unterstütze Religionsunterricht in der Schule, weil nun einmal die meisten der inzwischen rund 7 Milliarden Menschen auf diesem Erdball irgendeiner Religion angehören und man meiner Ansicht nach nicht früh genug damit beginnen kann zu lernen, woran sie glauben um zu verstehen, warum sie so sind wie sie sind und wie man sich besser miteinander verständigen kann, statt sich die Köpfe einzuschlagen.

Heute fiel ich beim morgendlichen Stöbern auf rivva über diesen Blogeintrag, dessen Ton und Inhalt mich zunächst verblüffte, dann wütend machte und schliesslich zum Lachen brachte. Ich toleriere, also erdulde haarsträubende Dummheit, weil sie leider allgegenwärtig ist. Aber ich unterstütze sie nicht. Es ist skandalös, daß eine Frau im TV sexuelle Übergriffe seitens der Moderatoren ertragen muss, und daß diese Widerlinge nicht nur nicht in hohem Bogen gefeuert werden sondern ungestraft anschliessend noch über ihr Opfer lustig machen dürfen und das ganze Spektakel im öffentlich-rechtlichen und damit gebührenfinanzierten Fernsehen stattfindet. Ich bin wütend darüber und finde diese Aktion und den Umgang der Verantwortlichen damit absolut unerträglich. Das ist rape culture par excellence. Daß man sich mit dem Thema jedoch auch anders auseinandersetzen kann, zeigt dieser Beitrag. Ich stimme mit der Autorin nicht in allen Punkten überein, aber ein Gespräch erschiene mir nicht von vornherein als sinnloses Unterfangen.

„Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“, heisst es. Wut und gefühlte oder tatsächliche Ohnmacht angesichts unerträglicher Zustände machen häufig sprachlos und führen oft zu sprachlicher oder physischer Gewalt. Aber Radikalität ist keine Lösung. Radikalität führt zur Entmenschlichung des Gegners und zur Seelenlosigkeit. Wer sich als radikal bezeichnet, der ist mir nicht nur suspekt. Er tut mir leid. Gelegentlich macht er mir auch Angst. Aber meistens kann ich ihn und sein Anliegen einfach nicht ernst nehmen.

 

 

 

Dieser Artikel hat 13 Kommentare

  1. Amen. *

    *) Was Du meinst ist doch konfessionsloser Religionsunterricht, zur Information darüber, oder?Also anstatt des aktuellen konfessionellen (Durch Evangelen, oder Katholen oder…).
    Da hättest Du sogar meine radikalatheistische Stimme für ;-)

    • Ja, sicher. Ob das heute so gehandhabt wird, das weiss ich nicht. Das ist wohl auch von Bundesland zu Bundesland verschieden. Captain Jack (7. Kl.) und sein kleiner Bruder (3. Kl.) haben hier in Hamburg Religionsunterricht, aber der geht wohl eher in Richtung Ethikunterricht, soweit ich weiß. In Bayern sieht es vielleicht anders aus. Ich selbst hatte in der Grundschule Religionsunterricht als freiwilliges Angebot. Nach dem ersten Jahr habe ich nicht mehr teilgenommen, weil mir der Pfarrer oder Pastor (das weiss ich nicht mal mehr) extrem unsympathisch war und Angst einflößte. In der 8. oder 9. Klasse durften wir wählen zwischen den Fächern Religion und Politik, da habe ich mich für Politik entschieden und hauptsächlich etwas über die Weimarer Republik gelernt. Aber so oder so: Religion ist ein bedeutender, zumindest vorgeschobener Faktor für die meisten Kriege. Seit immer. Und ich möchte, daß der Nachwuchs möglichst neutral über zumindest die wichtigsten Weltreligionen sowie die Unterschiede zwischen Atheismus und Agnostik lernt. Die Gemeinsamkeiten, die Unterschiede, die historischen und politischen Zusammenhänge, die Einflüsse auf Kunst und Kultur und Gesellschaft. Denn alles andere ist Augenwischerei und Kopf-in-den-Sand-stecken.

      • Religionsunterricht kenne ich eher als “Konfessionsunterricht”, entsprechend nach Konfession getrennt.

        Ich finde weder diese Art Religionsunterricht noch einen konfessionslosen Ethikunterricht in irgendeiner Weise problematisch, solange die Inhalte stimmen, was vermutlich von Lehrplan zu Lehrplan und im Zweifelsfall auch von Lehrer zu Lehrer unterschiedlich ist.

        Ich hatte eigentlich immer nur katholischen Religionsunterricht (auf einer erzbischöflichen Schule dann auch bis zum Abitur) und ein Halbjahr Philosophie, was mir aber so gar nicht lag.

  2. Yup.

    Wobei ich glaube, dass wir da momentan eine Welle beobachten in der sich die extrem-feministischen Blogs (siehe Mädchenmannschaft) so sehr um sich selbst und ihren eigenen Absolutheits-Anspruch drehen, dass sie früher oder später auch entsprechend an Relevanz verlieren.

    Ich kann das positionieren, verorten und den Solidaritäts-Zwang schon lange nicht mehr hören und lese lieber Blogs sich sich auch/ hin und wieder mit feministischen Themen befassen.

    Ich glaube, das ist ein Schicksal von Menschen/Bloggern sie sich ausschließlich mit einem Thema bzw. einer politischen Richtung befassen – ihre eigene Filterbubble endet irgendwann an der Nasenspitze und sie werden blind für andere Lebenswirklichkeiten.

    Pro Gemischtwarenblogs!

  3. du hast mir da echt fast aus der Seele geschrieben. danke :o)

  4. @Patschbella
    Was Sie da sagen … ;-)

  5. Mit Worten hast du’s einfach. Ach, schön.

  6. Das sehe ich sehr ähnlich.