Nachdem ich im Zuge der Stadtteilberichterstattung neulich schon bei Maximilian über Blankenese berichten durfte, kommt heute mein Lieblingsstadtteil dran: Hamburg-Nienstedten.

Nienstedten ist der Stadtteil, in dem ich in Hamburg meine Jugend verbracht habe und den ich noch heute fast jedes Wochenende besuche, denn meine Familie lebt dort und auf dem Weg zum Golfplatz komme ich dran vorbei. Das kleine Dorf an der Elbe, tief im Hamburger Westen, das zwischen Blankenese und Flottbek liegt und im Hinterland von Osdorf und Othmarschen begrenzt wird, hat einen nach wie vor sehr dörflichen Charakter. Jeder der rund 7.000 Einwohner kennt jeden, so scheint es, und das ist auch gewollt so, denn dies ist der reichste Stadtteil Hamburgs.

Dementsprechend gering ist die Überraschung, daß die FDP bei den letzten Bürgerschaftswahlen hier immerhin fast auf die legendären 18% kam, obwohl die SPD den höchsten Stimmenanteil bekam. Aber die Hamburger SPD ist ja auch mehr sowas wie eine CDU im roten Röckchen, insofern passt das schon.

Auch architektonisch ist das alles schön bäuerlich hier; der 2. Weltkrieg hat hier keine erkennbaren Spuren hinterlassen und die wenigen Bausünden beschränken sich auf den internationalen Seegerichtshof, der unlängst dann doch schon mal seinen ersten Fall zum Abschluss brachte und ein paar somalische Piraten verknackt hat und außerdem die Führungsakademie der Bundeswehr im Hinterland, die sich große Mühe gibt, mehr oder weniger unsichtbar zu sein, was bei dem weitläufigen Kasernengelände nicht ganz so leicht ist.

Zum Ausgleich hat es das berühmte Hotel und Restaurant Louis C. Jacob mit der Liebermannterrasse, auf der man sommers seinen Kirschkuchen nascht und auf die Elbe und die großen Pötte guckt, bzw. angestrengt versucht, das verdammte Airbusgelände gegenüber zu ignorieren. Nicht ganz so einfach, denn das hat sich ordentlich breit gemacht.

Nienstedten hat drei Bäcker, einen Feinkostladen, einen Budni, einen Zeitschriftenladen mit Postservice (die gute, alte Postfiliale wurde geschlossen), einen ausgezeichneten Schlachter und Fischladen, drei oder vier Schnickschnackläden für Möbel, Klamotten, Brillen und Schuhe, eine HaSpa-Filiale und einen sehr schönen Papierwarenladen mit angeschlossener Minibuchhandlung, ein Reisebüro und zwei tolle Restaurants: einmal das Il Sole, ein Italiener. Der hat gegenüber noch ein kleines Bistro, wo man mittags mal fix ein paar leckere Antipasti essen kann, bei Sonne sogar draußen vor der Tür. Und dann das Hamburger „Entenhausen“, das Restaurant Marktplatz. Es ist der Ableger vom berühmteren und schickeren Landhaus Dill weiter oben an der Elbchaussee, in Ottensen, und hat u.a. geniale Entengerichte und ein legendäres Wiener Schnitzel (der Inhaber ist Österreicher). Jetzt, in der Saison, gibt es natürlich auch Martinsgänse, einfach himmlisch. Und das alles urgemütlich in einer alten Scheune mit riesigem offenen Kamin. Ganz großes Kino, das, und zu angemessenen Preisen. Im Quellental, am Wesselhöftpark Richtung Flottbek gibt es noch einen Italiener, aber zu dem kann ich nicht viel sagen, er soll ganz gut sein.

Freitags gibt es hier einen winzigen, aber ganz ok sortierten Biomarkt und drei- oder viermal im Jahr auch einen kleinen Jahrmarkt, komplett mit Karussells und Gedöns für das jüngste Publikum. Das ist ein großer Spaß, den muss man mal mitgemacht haben.

Was es nicht mehr gibt: Kneipen. Als ich noch zur Schule ging, hatte es vier oder fünf; vor einem Jahr oder zweien hat die letzte dicht gemacht, die Wirtsleute haben sich aufs wohl verdiente Altenteil zurückgezogen.

Die Nienstedtener sind gastfreundlich, nett, gut gelaunt, grüßen immer und haben eigentlich nur eine Macke: jeder denkt, die Straße gehöre ihm und alle fahren sie dicke Geländewagen, bzw. die Ökovariante davon, Fahrrad mit Kinderzelt hintendran. Das wiederum verträgt sich nicht so richtig gut mit den örtlichen Gegebenheiten: es gibt nur eine Hauptstraße, an der sich fast das ganze (Einkaufs)Leben abspielt und auf der fahren auch noch zwei Buslinien. Wenn jeder parkt wo er will (und das tun sie dort) oder mal eben für einen kleinen Schwatz auf der Straße hält (und das tun sie dort) oder halt einfach nicht weiß, wozu dieses Blinksdings gut sein soll (und das weiss dort niemand), dann ist Chaos vorprogrammiert. Aber wehe, es hupt einer! Das ist unerhört! Hupen dürfen nur die Busse, deren Fahrer davon auch ausgiebig Gebrauch machen und die man dann halt achselzuckend irgendwie vorbeilässt, bevor man sich wieder so hinstellt, daß sonst keiner mehr durchkommt.

Am Wochenende denke ich beim Brötchenkauf in Nienstedten regelmäßig, ich bin die letzte Frau auf Erden. Da gibt’s nur Kerls um mich herum, nicht wenige mit Kindern im Vorschulalter. Draußen stapeln sich die Cayennes und Range Rover übereinander, vor der Tür werden farblich sortiert die schwarzen Labradors, Golden Retriever und buntgefleckten Jack Russell Terrier ans Geländer geknotet und drinnen stehen die Kerls dann brav in der Schlange und quatschen sich gegenseitig mit Berichten vom letzten Urlaub in St. Moritz („Der Mathis kocht einfach geil!“), dem Segeltörn nach St. Lucia („Ist ja ziemlich voll geworden da seit diesen Piratenfilmen“) oder Silvester auf Sylt voll („…ich sach’s dir, der Untergang naht, im Söl’ring Hof hatten wir dieses Jahr Ossis am Nebentisch – und noch zwei Laugen und zwei Mohn dazu, bitte!“).

Der Bäcker ist gut, und man hat meist mindestens 15 Leute vor sich, bevor man selbst dran ist. Zeit genug, um sich ausführlich über die neuesten Steuertricks und Scheidungsgeschichten informieren zu lassen, sowie Tips für die Kindererziehung zu sammeln. („Ich hab’ mir dann diesen Mathelehrer geschnappt und ihm gesagt, daß er selbst vor dem Hausmeister von dem Laden noch einen Diener machen wird, wenn er Laura noch einmal eine vier gibt. Wo gibt’s denn sowas, das Kind kann schliesslich besser rechnen als ich!“)

Zwischen diesen harten Jungs stehen die in Nike-GoreTex-gewandeten Jogger, die mal eben von der Elbe raufgelaufen sind um beim Bäcker hemmungslos schweissnass herumzustinken. Solch ein Exemplar hatte ich letztens vor mir, und achtete daher sehr darauf, daß es nicht zu nahe vor mir stand. Ich hielt offenbar mehr Abstand als man hinter mir als adäquat erachtete und so grummelte ein Ziegenlederblousongewandeter Mokassinträger in meine Richtung „es geht weiter“, was ich jedoch nicht mal ignorierte, wie man in Bayern sagt. Eines der Kinder hinter mir quakte etwa 70 Mal hintereinander und ohne Luft zu holen „ich will ein Schokocroissant!“. Ich überlegte kurz, eines zu kaufen und ihm damit das Maul zu stopfen. Der Verkäufer fing meinen Blick auf: zwei Dumme, ein Gedanke – er reichte dem quengelnden Kind ein Schokocroissant über den Tresen und es war Ruhe („Wie sagst du, Carl-Christopher?“ – „Mpfff!“). Der Stinker vor mir machte seitliche Dehnübungen und tropfte dabei ausführlich auf den Fußboden. Ein anderes Kind Kind plärrte: „Papa! Der Mann hat mir auf die Schuhe getropft!“. Die beiden Männer sahen sich böse an. Ich schnappte mir fix die nächste Verkäuferin und gab meine Bestellung auf.

Aber am nächsten Morgen, zurück in Winterhude, mach’ ich mir dann halt wieder Porridge.

Dieser Artikel hat 9 Kommentare

  1. Wunderbar! Gerade heute hatte ich meinen B.-Kreuzberg-Nörgeltag und Heimweh nach HH. Jetzt hab’ ich die Fahrkarte gespart. ;-)

  2. Schlag, Büsing, alle weg.

  3. Auch wenn du mit „auf dem Weg zum Golfplatz“ den Sport mehr als ausreichend abgehandelt hast (hab’ direkt schon wieder Bock auf eine Runde…), Nienstedten hat einen brutal lieben Fußballverein, den SC Nienstedten. Wem am Sonntag also die Schlange beim Bäcker zu lang ist (und das ist sie so _bitter_ häufig), einfach zum Spiel gehen, Kaffee an der Holzhütte auf dem Gelände ordern und mit Jubel und frischer Luft wach werden. #meinsonntag

  4. [...] mit Funktionsjackenmuttis in Winterhude, Kiki über das feine Nienstedten. Bei Anne gibt es übrigens schon reichlich zum Ruhrgebiet, Anette Göttlicher war  in [...]