Mein erste Begegnung mit Winterhude hatte ich zu Schulzeiten, als man gelegentlich ins „Magazin“ Programmkino ging, das immer mal die Highlights abnudelte: Hair, Harold & Maude, Blues Brothers, Rocky Horror Picture Show etc. Das war (und ist) mit Bus und Bahn eine kleine Weltreise für ein Hamburger West End Girl im Teeniealter und ohne Führerschein: Mit der S 1 bis Altona, umsteigen bis Sternschanze, dort umsteigen in die U3 bis Kellinghusenstraße a.k.a. „Kelle“, dort schliesslich in die U1 bis Lattenkamp. Dabei gefiel mir das Stück ab Sternschanze immer ganz besonders gut; man bekam von der Hochbahnstrecke aus einen guten Einblick in das Leben in Eppendorf und Hoheluft, wo noch viele schöne Altbauvillen stehen. Später, in Winterhude, ist dann fast alles nur noch Rotklinker, Schumacherland, aber es hat seinen ganz eigenen Charme. Die letzten Meter zu Fuss zum Kino waren dann nicht mehr ganz so spannend; Winterhude hat seinen Anteil öder Mietskasernen. Vielleicht sind die aber auch gar nicht so öde, ich war Jahrzehnte nicht mehr im Magazin und habe den Weg auch nur noch verschwommen in Erinnerung. 

Die nächste Begegnung mit Winterhude hatte ich gegen Mitte/Ende der 80er, als ich ein Praktikum im JahresZeitenVerlag machte. Mein Abi lag hinter mir, mein Studium begann erst im April und so begab ich mich täglich von Nienstedten nach Winterhude in den Possmoorweg und layoutete für den Feinschmecker, Zuhause und TEMPO so vor mich hin. Der Verlag war (und ist) eine Macht und ein wichtiger Arbeitgeber im Stadtteil und die Mittagspausen schlenderte man zum Mühlenkamp, zum Goldbekmarkt oder, wenn es schnell gehen musste, auch mal zum Toom, der im ehemaligen Straßenbahndepot eröffnet hatte und wo man belegte Brote kaufen konnte. Der Imbiss unten am Eck ignorierte man besser. Die Leute im Viertel schienen mir, nun, nicht arm, aber doch nicht so sorglos wie zuhause im Westen. Die Häuser dort zwischen Dorotheenstraße, Krohnskamp und Possmoorweg waren eher schäbig und freudlos. Ich wurde irgendwie nicht so recht warm mit der Gegend.

Ein paar Jahre später, mit frischem Diplom und noch jeder Menge Schale hinterm Ohr, bewarb ich mich bei einer Reihe von Werbeagenturen, die, so fand ich, meinen Ansprüchen genügten. Eine davon befand sich im Hans-Henny-Jahnn-Weg in Winterhude. Der Creative Director, ein verschmitzt lächelnder Mann mit weissem Haar, imposanten Schnauzbart und noch imposanteren Kontrabass in seinem Büro mit Blick auf den Kanal bedeutete mir, daß er meine Bewerbung ganz spaßig gefunden habe, besonders das Anschreiben und ob ich nicht als Texterin anfangen wollen würde? Grafikdesigner hätten sie genug. Ich bedankte mich höflich, wollte aber doch lieber in Design machen und nicht in Text, schliesslich hatte ich das ja gerade teuer und erfolgreich studiert und Texter war ja kein richtiger Beruf, das konnte ja jeder. Er lachte und meinte, wir würden uns bestimmt noch wiedersehen, ich würde definitiv noch beim Text landen. (Er sollte mit beiden Prophezeiungen Recht behalten, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.)

Als ich die Treppen hinunter ging, sah ich das berühmte WB Logo auf einem Klingelschild. Ich sah ehrfürchtig darauf: Wow, Warner Home Video saß auch hier in diesem Haus. Hollywood in Winterhude! Filmfreak, der ich war und bin, stand WB für mich für die absolut besten Filme. Nicht so rundgelutschte und glattgeleckte wie Paramount oder MGM, aber kraftvolle Geschichten, süße Liebesfilme, dreckige Dramen, die Looney Tunes und natürlich Bogart & Bacall, James Dean, Clint Eastwood. Toll! Ich lungerte noch ein wenig im Treppenhaus herum, vielleicht war Clint ja zufällig gerade im Fahrstuhl? Schliesslich begab ich mich ein paar Meter die Straße runter zum Café Fiedlers, von wo der Alsterdampfer in Richtung Jungfernstieg ablegte. Wie cool war das denn, bitte?
Winterhude war jedenfalls an dem Tag deutlich interessanter geworden.

Noch ein paar Jahre später hatte ich ein kurzes und eher unschönes Intermezzo in einer Werbeagentur an der Bellevue … aber lassen wir das. Die Mittagspausen verbrachte ich mit den Kolleginnen meist am Poelchaukamp, wo es einen tollen Italiener gab (und wohl auch noch gibt) und ich fand Winterhude trotz der relativ hohen Schnöseldichte doch langsam sympathisch.

Spulen wir mal die Geschichte weitere rund 5 Jahre vor, ins Jahr 2001: ich arbeitete inzwischen — Kind im Süssigkeitenladen — für WB, die immer noch in Winterhude, allerdings inzwischen auf Kampnagel saßen, an der Pforte zur Jarrestadt, wenn man so will. Ich hatte nur selten Gelegenheit die Umgebung zu erkunden und meist ging es dann mit den Kollegen eher in Richtung Gertigstraße/Mühlenkamp als in die andere Richtung zu Fritz Schumachers Backsteinsinfonie, aber plötzlich war hier alles so lebendig! Ich sah viele junge Familien, es gab noch Läden wie sie in Ottensen (wo ich zu jener Zeit wohnte) gerade massiv verdrängt wurden, eine Kollegin machte mich mit einem tollen Portugiesen bekannt, der oberleckere Natas hatte; es gab eine sehr guten Koreaner und man konnte hier gut einkaufen und fröhlich sein, das waren good vibrations da in Winterhude. Einige Zeit später zog WB dann eher in Richtung Uhlenhorst ins Komponistenviertel und dann fand die Mittagspause auch eher mal in dem hässlichsten und seelenlosesten Einkaufszentrum der Stadt statt, an der Mundsburg. Manchmal hatte man aber auch Zeit, an die Alster zu gehen, über die Jogger zu lachen und sich über die Segler zu freuen.

Schliesslich war mir das tägliche 2x im-Stau-stehen irgendwann zu nervig geworden und ich zog von Ottensen nach Winterhude, um den täglichen Arbeitsweg massiv zu verkürzen und rund eine Stunde mehr Freizeit pro Tag zu gewinnnen. Eine Freundin die hier schon länger wohnte hatte mir den Tipp „da wird was frei“ gegeben und so sah ich mir die Wohnung gleichzeitig mit zwei anderen Interessenten an und sagte „die nehme ich“, was 2005 noch genau so einfach ablief, wie sich das hier liest.

Ich mag Winterhude, wirklich. Es ist ein Steinwurf zum Stadtpark, die U3 fährt quasi vor der Haustür ab, auch der 6er Metroliner in Richtung Stadt, durch St. Georgs Lange Reihe. Die kurze Strecke zwischen Sierichstrasse und Borgweg ist wohl eine der hübschesten Bahnstrecken der Stadt und man sollte sie unbedingt vom ersten Wagen aus, direkt hinter dem Fahrer stehend, im Panorama geniessen.

Ich bin zu Fuß in zehn Minuten am Winterhuder Marktplatz (den man vom Angebot und Publikum her getrost knicken kann) oder auf dem schönen, engen, gut sortierten Goldbekmarkt und am Mühlenkamp, wo das Schaulaufen der Latte Macchiato Muttis etwas nervt, aber hey, man kann nicht alles haben. Das viele Wasser ist schön, das Planetarium und der Stadtpark auch, es lässt sich gut leben hier. Die Mieten sind wohl etwas gestiegen inzwischen (meine noch nicht, toi, toi, toi), aber im Grossen und Ganzen und im Vergleich zu St. Pauli, Ottensen, St. Georg oder Schanze noch ganz okay. Es wohnen nette Leute hier, normale Leute, gutbürgerlich, mit normalen Jobs in Handwerk, Büro oder Behörde. Die vielen Schrebergärten mag man belächeln, aber sie geben Lebensqualität und zumindest die Schrebergärtner in meiner Straße sind mehrheitlich sehr nett. Das alles, und noch viel mehr spricht für Winterhude. Und ich spreche es mir jeden Tag vor, mantraähnlich.

Denn zuhause bin ich hier nicht, dafür fehlt mir die Elbe. Die ist zu weit weg, da wird mir das Herz schwer. Natürlich ist Winterhude besser, als gar nicht in Hamburg zu leben, aber … Ich bin halt ein West End Girl, die Alster verhält sich zur Elbe wie die Ostsee zur Nordsee: ganz nett, diese Badewanne, aber wer einmal the real thing gesehen hat, will nie mehr die zweite Wahl haben. Wenn ich am Wochenende morgens bis Sternschanze fahre und dort in die S1 umsteige, dann habe ich das Gefühl, ich kriege erst ab Altona wieder richtig Luft. In Othmarschen geht es mir schon viel besser, und wenn ich dann Hochkamp aussteige, dann bin ich rundherum glücklich. Das ist Heimat. Zuhause.

Dieser Artikel hat 6 Kommentare

  1. Ganz feiner Text!
    Der verschmitzt lächelnde Mann mit weissem Haar, imposantem Schnauzbart und noch imposanteren Kontrabass wusste, wovon er sprach!

    Apropos Hans-Henny-Jahnn-Weg: Hast Du mal Hans Henny Jahnn gelesen?
    Wenn Nein, mach mal! Würde mich interessieren, was Du davon hältst.

  2. Was für ein schönes Bild.

  3. [...] ein Text von Kiki, jetzt über Winterhude (vormerken: Fleißkärtchen für Kiki basteln). Bei Larenzow ein  Text über nur [...]

  4. Das Einkaufszentrum ist noch seelenloser geworden, totaler ECE Einheitsbrei. Nur der Briefmarkenladen hat sich jeder Anpassung widersetzt. Dafür ist der Toom viel schöner geworden, man sieht wieder Eisenbahndepot.

    • Ja, dem Toom ist die Renovierung gut bekommen. Ich hoffe, sie haben dann auch gleich das Mäuseproblem gelöst … die Viecher flitzten ja durchaus schon mal hinter den Cornflakesregalen herum.