Angeregt durch Maximilians Buchempfehlung hier, überlegte ich letztens, warum ich – bei allem Verständnis für ihre Belange und den historischen Kontext – so ein Problem mit der 68er Generation habe. Die meisten meiner Lehrer waren aus dieser Generation der zwischen 1940 und 1950 geborenen. Und im Gegensatz zu denen, die uns in den Naturwissenschaften oder in Sport unterrichteten, waren die Köpfe der „Schwafelfächer“ Sozialkunde, Gemeinschaftskunde, Erdkunde, Geschichte, Deutsch, Kunst, Politik oder Philosophie sehr darauf aus, uns politisch zu bilden. Und politisch hiess: uns das Thema Nationalsozialismus nahe zu bringen.

In den (damals üblichen) dreizehn Jahren bis zum Abitur habe ich nichts über die Römer, die Ägypter, die Griechen, die Germanen gelernt. Auch nichts über das Mittelalter, die spanischen Eroberer Lateinamerikas, Christoph Columbus oder die Entdeckung Australiens und Ozeaniens. Ich erfuhr nichts über Scott und Amundsen, nichts über Dschingis Khan, nichts über Marco Polo. Dafür standen Bismarck, die Weimarer Republik, die Machtergreifung, die Kriegsjahre 39-45 auf den Lehrplänen der Klassen 6-10. Der Marshall-Plan irgendwann im Vorsemester. Ein Häppchen Kubakrise in der Oberstufe, die hektisch dazwischengeschobene Französische Revolution im 3. Semester –wahrscheinlich, weil man im Abitur sein Thema aus mindestens zwei verschiedenen Epochen wählen können musste. (Ich wählte dann folgerichtig für meine schriftliche Prüfung in Geschichte die Französische Revolution, mehr aus Protest denn aus echtem Interesse.)

Der Pazifikkrieg wurde übrigens nur ganz am Rande gestreift; nicht wenige unter uns fragten sich bestimmt zwischendurch mal, warum die ganze Chose eigentlich „Weltkrieg“ hieß, wo doch eigentlich nur in Europa und ein bisschen in Nordafrika gekämpft wurde. Das waren die Gegenden, auf die unsere Lehrer sich gestürzt hatten; Guadalcanal, Pelelieu, Iwo Jima kamen nicht vor. Ähnlich verhielt es sich auch mit dem Thema 1. Weltkrieg, dem „Grossen Krieg“, dem Krieg, der alle Kriege beenden sollte – klar, es musste einen ersten gegeben haben, sonst hätte unser Dauerbrenner nicht WK II gehiessen. Aber wer da wann, wo und warum gegen wen … bevor dann schliesslich in Versailles … man wusste es nicht, und hatte auch keine echte Lust mehr, dieses Fass jetzt auch noch aufzumachen. Wir waren kriegsmüde.

Wir lasen im Deutschunterricht nichts oder nur sehr wenig von Goethe, Schiller, Lessing. Dafür umso mehr von Borchert, Kafka, Brecht, Böll. Im Politikunterricht (angeboten für diejenigen, die keinen Religionsunterricht gewählt hatten) nahmen wir „Der Blaue Engel“ durch. Wir sahen moderne Theaterinszenierungen zum Thema und im TV Fassbenders „Berlin, Alexanderplatz“, Petersens „Das Boot“, die Holocaust-Serie mit Meryl Streep und im Kino Wickis „Die Brücke“ und die Ausschwitz-Dokumentationsfilme, da war ich vielleicht dreizehn Jahre alt. Vielleicht hat meine Generation der 1960-1970 geborenen deshalb so die Schnauze voll von dem ganzen Nazischeiß. Wir können’s echt nicht mehr hören und sehen.

Wir konnten es schon damals bald nicht mehr ertragen, jedenfalls einige unter uns. Und die legten sich dann mit Lehrern an, die kein Verständnis für unsere Ignoranz hatten, die uns aufforderten, zu Demos zu gehen, gegen alles, was auch nur entfernt nach Faschismus roch. Lehrer, die offen oder wenig versteckt Verständnis, wenn nicht gar Sympathien für die RAF-Mitglieder äußerten, da sie sich mit ihrem Kampf in gewisser Weise identifizieren konnten. Es war nicht der Kampf gegen das System, es war der Kampf gegen das Schweigen, gegen die eigenen Eltern, gegen die Tätergeneration. Das Ringen um Verständnis des Unverständlichen.

Meine Lehrer waren Täterkinder. Ihre Eltern hatten mitgemacht oder bewusst weggeschaut, als das Unvorstellbare stattfand. Wir aber waren Opferkinder. Und unsere Eltern waren de facto ebenfalls Opferkinder, kurz vor oder während des Krieges geboren. Wir hatten kein Misstrauen ihnen gegenüber, wir hegten keinen Hass, wir hatten keine Fragen der Sorte „was hast du damals gemacht?“. Uns war klar, was unsere Eltern in der Zeit gemacht hatten: den Krieg in Luftschutzbunkern, auf der Flucht oder in Ruinen verbracht und als alles zu Ende war, kamen sie traumatisiert in die Schule oder waren in der Grundschule und lernten von traumatisierten Erwachsenen alles über das alte Rom, das alte Ägypten, das alte Griechenland – Hauptsache, das Zeitalter war weit genug weg, lange genug her.

Wo unsere Lehrer also bewusst oder unbewusst „Nie wieder!“ schrieen, ergänzten wir laut oder im Geiste „… will ich dieses beschissene Thema anfassen müssen“. Und nun haben wir den Salat: da sind jüngere nachgewachsen, die von unserer Generation gelernt haben, müde abzuwinken wenn das Thema aufs Tapet kommt. Jüngere, die keinen Menschen mehr kennen, der im Krieg gewesen ist. Jüngere, die Ausschwitz für eine Lüge halten oder denken, das war ein Spielberg-Film. Ich spreche hier übrigens aus der Wessi-Perspektive; es würde mich wirklich mal interessieren, wie das Angehörige meiner Generation im Osten Deutschlands erlebt haben (zumal das Neonazi-Problem dort ja um einiges intensiver ist als hier im Westen).

So langsam mache ich meinen Frieden mit den 68ern, denn wir sind alle Opfer, jetzt schon in der 4. Generation. Daß es nicht noch mehr werden, liegt an uns allen.

Dieser Artikel hat 10 Kommentare

  1. Hallo Kiki,

    dann sind wir wohl, grob gesprochen, gleich alt. Als 1966 Geborene habe ich den selben Kanon durchlaufen wie du in der Schule (ich ging in BW – kann ja dank Föderalismus unterschiedlich sein, schätze ich?). Und genau wie dir hing mir das Nazi-Zeugs furchtbar zum Halse heraus. Wir wurden aber auch sehr jung damit konfrontiert, ich glaube, ich war in der 7. Klasse und damals 12. Da relativ unvorbereitet mit diesen unglaublichen Bildern, Filmmaterial und Tatsachen konfrontiert zu werden ohne die geringste Form von seelischer Begleitung war starker Tobak. Wir sind sogar in ein KZ gefahren, ich sehe es noch heute vor mir, und durften uns anschauen, wo und wie im Detail die Greultaten vollbracht wurden. Das finde ich aus heutiger Sicht kontrakproduktiv. Ist doch klar, dass das Abwehrhaltung hervorruft, neben der Tatsache, dass unsere Eltern, wie du auch schreibst, in Luftschutzbunkern und zwischen zerbombten Häusern gross wurden.

    Hat mir gefallen, der Text. Herzlichen Gruss, Christine

    • Danke. — Der Ausflug ins KZ ist uns erspart geblieben, soweit ich mich entsinnen kann. Aber vielleicht war ich an dem Tag auch nur krank odr hab’s verdrängt, keine Ahnung. Kontraproduktiv trifft’s ganz gut.

  2. Auch wenn ich durchschnittliche 10 Jahre jünger bin, geht’s mir ziemlich ähnlich. “Gesamtschule” mag da Lehrerseitig noch was zu beigetragen haben. Jedenfalls war ich maximal 12, als ich das erste Mal sinngemäß dachte, dass ich wohl verstanden hätte, dass Nazis schlimm und böse gewesen sein, aber man uns das deshalb nicht immer und immer und immer wieder einbläuen müsste.

    Richtige Geschichte hatten wir in Französisch (Revolution, als Vorbereitung auf einen Austausch), und dann ab der 11. auch mal so wirklich.

    Ich glaube allerdings auch nicht, dass die Konfrontation mit dieser Geschichte aus einem einen besseren Menschen macht. Da hilft das vor-die-Nase-halten wenig.

  3. Ich scheine da etwas Glück gehabt zu haben, denn obwohl ich auch 1965 geboren bin und daher ziemlich zeitgleich in der Schule war, habe ich doch noch ein paar andere Dinge mitbekommen in der Schule, wenn es um Geschichte ging. Ich habe einiges über die Antike gelernt, die Griechen und die Römer, wobei das Lernen von Latein ab der 5ten Klasse sehr viel damit zu tun gehabt haben wird. Aber auch im Geschichtsunterricht gab es andere Themen, natürlich die französische Revolution, ich muss sogar sagen, dass die deutsche Geschichte eher dünn behandelt worden ist. Natürlich hatten wir beide Weltkriege, auch die Weimarer Republik wurde erwähnt, ebenso der Marshall-Plan. Aber man hat uns nicht gezwungen, viele Filme anzusehen, und auch ein Konzentrationslager habe zumindest ich nicht besucht (andere in Geschichte-LK wohl später schon). Möglicherweise lag es an der Ausrichtung meines Gymnasiums, aber ich hatte nie das Gefühl, dass man uns etwas vorenthalten hat oder sich nur auf ein Thema konzentriert hat. Es kann aber auch einfach nur an meiner eigenen Ignoranz liegen, daran, dass mich das Thema Geschichte an sich selten interessiert hat, so dass ich es einfach an mir habe vorbeigehen lassen.

  4. Ich bin zwar nicht deine Generation, habe aber auch ein Elternteil, das unmittelbar nach Kriegsende geboren wurde und relativ spät zum Elternteil wurde. Ich hatte in der Schule, ab der 6. Klasse im Jahr 2000, das antike Griechenland, Rom, in der siebten Klasse Mittelalter, französische Revolution in der 8 und in der 9 hörten wir dann in den Sommerferien im Jahr 1938 auf.

    In der 11 ging es weiter mit dem deutschen Bauernkrieg der Frühen Neuzeit und der Russischen Revolution (bei einem sehr jungen Referendar, der mich eine Spur zu sehr für den Historischen Materialismus begeisterte). Ich wählte in der Oberstufe Geschichte als LK (in NRW) und beschäftigte mich Zentralabitur-bedingt ein Jahr lang mit dem 19. Jahrhundert, dann sehr lange mit dem Ersten Weltkrieg, mit der Weimarer Republik, die NS-Außenpolitik durfte ich mir selbst beibringen, da war keine Zeit zu. Viel trauriger fand ich aber, dass die Geschichte der Bundesrepublik und die DDR (und eben diese 68er, von denen einige immer noch an meiner ehemaligen Schule unterrichteten) zum Thema gemacht wurde, die Wende wurde durch den 4+2-Vertrag mal kurz abgehandelt.

    Von den drei Abituraufgaben aus denen ich 2008 wählen konnte, habe ich die Hitlerrede genommen.

    Ich studiere seit 2008 Geschichte. Ich habe bis zu meiner Bachelorarbeit kein einziges Seminar zur NS-Zeit gehabt und auch jetzt im Master nicht. Meine BA habe ich trotzdem über die NS-Zeit geschrieben. Als letztes Jahr der NSU aufflog, war ich ernsthaft betroffen. Über die Weihnachtstage habe ich das einzige bislang erschienene Buch zum NSU gelesen und durch das nette Angebot der Tagesschau, die jeden Abend die Tagesschau von vor 20 Jahren online stellt, habe ich mit Entsetzen feststellen müssen, was in meinen ersten Lebensjahren in Deutschland für eine Politik herrschte. Ich gehe gegen Nazis auf die Straße. Ich sehe mich aber auch eher als Ausnahme in meiner Generation. Nicht was das Demonstrieren betrifft, da habe ich letztes Jahr im Mai genug Leute auf der Straße gesehen, aber wirkliches Vertrauen in die Politik ist uns abhanden gekommen, denke ich. Aber was man dagegen tun kann? Gute Frage, keine Antwort.

    Zum Thema “Das Neonaziproblem ist eher ein Ostproblem”: http://www.tagesspiegel.de/politik/atlas-gegen-rechts/7620064.html

    • “Viel trauriger fand ich aber, dass die Geschichte der Bundesrepublik und die DDR (und eben diese 68er, von denen einige immer noch an meiner ehemaligen Schule unterrichteten) zum Thema gemacht wurde, die Wende wurde durch den 4+2-Vertrag mal kurz abgehandelt.”

      Da fehlt ein “kaum” hinter “)” und vor “zum”.