Update: Ich habe die Kommentare nach einigen widerlichen Beiträgen geschlossen. Und ein rundes Dutzend widerlicher anonymer bzw. fake-Absender emails gelöscht.

„You shoot off a guy’s head with his pants down, believe me, Texas ain’t the place you want to get caught.“ – Louise Sawyer

Aktuell geht ein Aufschrei durch Twitter und Blogs. Wir haben die Nase voll von Sexismus. Wer sich die Tweets mit dem Hashtag #Aufschrei durchliest, bekommt eine ungefähre Ahnung davon, wie es um unsere Gesellschaft hier und heute im 21. Jahrhundert bestellt ist. Little Jamie hat das hier mal sehr schön zusammengefasst. Frauen und Mädchen gelten nach wie vor nichts. Sie werden täglich angegriffen, wenn sie Glück haben nur verbal – von Kollegen, Vorgesetzten, Bekannten, Nachbarn, Familienangehörigen, Wildfremden. Auf der Straße, am Telefon, im Büro, zuhause, im Internet. Ich habe ein Forum, in dem ich jahrelang sehr gerne aktiv war, hauptsächlich deswegen verlassen weil die sexistischen Beiträge dort in der Frequenz drastisch zunahmen. Die Betreiber hielten sich wie immer desinteressiert raus und die Moderatoren hatten keine Machtbefugnisse bzw. kein Interesse. Schöne Grüße, einige meiner Leser wissen, welches Forum gemeint ist, und natürlich werden sie ungläubig lachend abwinken, meinen, daß ich mich anstelle, vermutlich meine Tage hätte, daß ja alles halb so wild sei, alles nur Spaß. Well, fuck you too.

Mädchen wird beigebracht, daß Jungs eben so sind und man besser den Kopf senkt, sich wegduckt, dem Stress aus dem Weg geht, drüber lacht, es abperlen lässt, sich keine aufreizenden Klamotten anzieht, keine kurzen Röcke, keine tiefen Ausschnitte, denn die suggerieren den Männern, dass Frauen es doch wollen, daß sie alle Schlampen sind, daß sie selber Schuld haben „wenn etwas passiert“. Dabei ist es da schon längst passiert: Frauen werden misstrauisch, manche ängstlich, manche machen sich unsichtbar. Manche tragen einen Ehering, obwohl sie gar nicht verheiratet sind, damit sie weniger belästigt werden. Wenn sie sich wehren, müssen sie sich mit Glück nur Beleidigungen anhören, mit etwas weniger Glück Drohungen und mit richtig Pech endet es tragisch, in einer Vergewaltigung oder gar tödlich. Frauen, die laut und deutlich „nein!“ sagen, müssen sich fragen lassen ob sie frigide sind, ob sie lesbisch sind, ob sie verheiratet sind oder gerade ihre Tage haben – das eigene Ego des Angreifers ist so riesig aufgeblasen, daß kein Platz ist für den Gedanken, er selbst sei vielleicht einfach nur ein jämmerliches Stück Scheiße und wenig attraktiv für 99,2% aller Frauen, die er auf diese Weise anmacht.

Vor Gericht landen die wenigsten Fälle, da Frau sich nicht traut, nichts beweisen kann, das Trauma nicht noch einmal durchleben will, das alles nur ganz schnell vergessen will, sie ja vielleicht doch ein zu aufreizendes Kleid, einen zu kecken Gang gehabt hat, zu spät abends im falschen Viertel unterwegs war, alleine U-Bahn gefahren ist. Was sollen die Nachbarn oder Familie sagen? Lieber schweigen. War es ein Täter mit Migrationshintergrund, gar ein Schwarzer oder Moslem, darf Frau sich schon gar nicht wundern, die sind ja alle so erzogen, wie die Tiere, die können gar nicht anders, das gehört zu deren Kultur, weissmanja.

„Ein Mann schaut auf den Busen einer Frau neben ihm. […] Dazu ist er da. Muss ich Frauen ihre Anatomie erklären?“ – Timo Rieg, Spiegelkritik.de

Wenn sie sich irgendwann psychisch so stark fühlen, oder nach der – in aller Regel geheim gehaltenen – Therapie soweit sind, daß sie sich zitternd trauen, Anzeige zu erstellen oder die Öffentlichkeit zu informieren, dann müssen sie sich fragen lassen, warum sie nicht eher etwas gesagt hätten. Kann ja dann wohl kaum so schlimm gewesen sein, oder?

Jungs lernen, daß sie mit so ziemlich jeder Verhaltensweise ungestraft davonkommen. Manchen ist es tatsächlich unangenehm, so unter Generalverdacht zu stehen. Andere sind froh, wenn es mal gerade nicht sie selbst trifft, z.B. weil sie schwul sind. Oder haben Angst, für schwul gehalten zu werden, wenn sie den Mund aufmachen und sich für die blöden Weiber einsetzen. Lieber drüber lustig machen, den Charme spielen lassen. Nicht wenige jammern beim Thema dann herum, Männer hätten’s auch nicht leicht und es gäbe genügend Frauen, die Männern auch nur auf den Hintern starren würden, das sei ja wohl dasselbe. Mir kommen die Tränen, Ihr Arschlöcher.

Huch, was ist denn mit mir los, ich rege mich doch sonst nicht so künstlich auf, bin doch sonst so ein vernünftiges Mädchen, mache doch sonst nicht so ein Theater? Warum stelle ich mich denn heute so an?
Nun, nennen wir es eine Neujahrsresolution. 2013 wird das Jahr, in dem ich keinen Bock mehr habe, die sexistische Verhaltensweise meiner Mitmenschen großzügig und um des lieben Friedens Willen zu ignorieren. 2013 ist das Jahr, in dem ich eskaliere.

Seid gewarnt: Hört auf damit!

Dieser Artikel hat 26 Kommentare

  1. WOW! Toller Beitrag!
    2013 wird ein besonderes Jahr…

    Ich kann noch dieses Buch empfehlen:
    “Der Mann im weiblichen Jahrhundert
    Was Männer und Frauen voneinander lernen können”
    http://www.susanne-kleinhenz.de/medien/buecher/der-mann-im-weiblichen-jahrhundert.html

  2. Volle Zustimmung zu diesem Text!

    Vielleicht noch eine kleine Ergänzung zu einem Detail: Du sagst “Jungs lernen, daß sie mit so ziemlich jeder Verhaltensweise ungestraft davonkommen.”

    Ich glaube, die Jungs lernen nicht, dass sie ungestraft davonkommen, denn das hieße ja, dass sie sich zumindest einer Schuld bewusst wären. Ich glaube, dass das in vielen Fällen gerade nicht der Fall ist. Diese vielen Alltagssexismen kommen vielleicht eher deswegen so häufig vor, weil bei den Jungs/Männern gerade kein ausgeprägtes Unrechts- oder Schuldbewusstsein bei solchen Handlungen vorhanden ist.
    Um auf Deinen Satz zurückzukommen, die Jungs lernen eher, dass es ok ist sich so zu verhalten oder, noch schlimmer, dass die positive Reaktionen unter ihresgleichen damit hervorrufen.

    • Ja, da hast Du Recht. Wobei ich mir sehr sicher bin, dass gerade die Jungs im pubertären Alter, also an der Schwelle vom Kindes- zum Erwachsenenalter, sich sehr genau bewusst sind, daß es eben nicht okay ist, sich so zu verhalten. Kinder haben ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und Empathie. Da lässt sich schon auf dem Schulhof beobachten, daß sie eigentlich unsicher sind, wenn sie Mädchen schlecht behandeln und wenn sie keinen Ein- bzw. Widerspruch kriegen, sich halt stärker fühlen und weiter testen, wie weit es geht.

  3. Tja Kiki. Genau SO und nicht anders ist es.

    Und interessant: 2013 ist für mich das Jahr, ab dem ich ICH bin. Funktioniert übrigens… Frau muss nämlich nicht die beliebteste auf dem ganzen Schiff sein..

  4. […] ein sehr leidenschaftlicher und durchaus wahrer artikel von […]

  5. […] Antje Schrupp: Wie Lappalien relevant werden Kiki – E13: Hört auf damit! […]

  6. Harter Text. Aber so einseitig ist das Leben nicht.

    Ich arbeite im Öffentlichen Dienst, die Mehrheit der Beschäftigten sind Frauen, bis in die Führungsspitze hoch. Hier ist zu beobachten, dass sich die Verhältnisse umkehren, je nachdem wer die Macht inne hat.
    Ich bin ein Mann in einer mittleren Position, ich mache in der Regel Zuarbeiten, wenig Selbstständiges. Wenig Verantwortung. Und ich erfahre Belästigung andersherum.

    Hier gibt es drei Frauen auf unserem Büroflur, die mir regelmäßig auf den Hintern hauen (wenn es nur Starren wäre würde es mich wahrscheinlich gar nicht stören), um die Taille fassen, anfummeln. Es passiert am Kopierer, am Postfach, wenn ich irgendwo am Türrahmen lehne. Und es stört mich. Ich habe es angesprochen und mehrmals zu hören bekommen, ich solle das als Kompliment auffassen und ob ich denn verklemmt sei, Männer mögen sowas doch.

    Nein, tu ich nicht und ich verstehe jede Frau, die es andersherum auch nicht mag. Ich mag es nicht, ich möchte es nicht, aber es interessiert niemanden.

    Die Altere der drei verstieg sich einmal zu dem Satz “Jetzt wissense mal wie es uns Frauen immer geht.” Was soll man darauf sagen, wenn man noch nie eine Frau belästigt hat? Man wird in Sippenhaft genommen, verantwortlich gemacht für etwas, was man nicht zu verantworten hat. Und ich leide drunter.

    Ich habe den einzigen männlichen Vorgesetzten angesprochen, den es hier gibt und von ihm bekam ich zu hören, dass ich es lieber lassen soll, dagegen vorzugehen, weil ich mir eh keiner glauben würde. Außerdem würde ich mich lächerlich machen.

    Da das Pogehaue nicht aufhörte, habe ich die Gleichstellungsbeauftragte angeschrieben, die laut ihrer Eigendarstellung für beide Geschlechter da ist. Sie glaubt mir nicht. Das schrieb sie wörtlich. Sie könne sich nicht vorstellen, dass es so etwas hier gibt, es klingt alles unglaubwürdig.

    Meine scheiß Situation also: Ich habe keinen Ansprechpartner. Es interessiert keinen. Ich kann mich nicht wehren.

    Und heute mache ich den Feedreader auf und lese nach einem sehr einseitigen Text den Satz “Mir kommen die Tränen, ihr Arschlöcher”. Können Sie sich vorstellen wie ich mich fühle? Ich fürchte, nicht…

    Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille. Frauen sind keine besseren Menschen, ich erfahre das jeden Tag. Mir ist es wichtig, dass Sie das wissen.

    • Das klingt für mich in der Tat unglaubwürdig, gerade im öffentlichen Dienst. Aber selbst wenn es so sein sollte – wie ist Ihre Standardeinstellung zum Leben? Überlegen Sie morgens, lieber keine zu knackige oder zu kurze Hose anzuziehen, auch wenn Sie sich darin eigentlich heute ganz super fänden? Fragen Sie den letzten Kollegen, der noch mit Ihnen im Büros ist, er möge Sie bitte zur U-Bahn begleiten? Haben Sie Notfallmaßnahmen mit Ihrem besten Kumpel vereinbart, wenn Sie zu einem Date mit einer neuen Bekanntschaft ausgehen, daß Sie bis x Uhr eine SMS geschickt haben wenn Sie wieder gesund und heile zuhause sind? Vermeiden Sie es, an der Baustelle vorbeizugehen und nehmen Sie lieber einen Umweg und eine Verspätung in Kauf, weil sie die Pfiffe und Zoten der Arbeiter unangenehm finden? Fragen Sie sich bei jedem Typen, mit dem Sie allein im Fahrstuhl fahren, ob der versuchen wird Sie zu küssen? Wenn Sie sich bei Ihren Nachbarn über die zu laute Musik nachts um zwei beschweren, müssen Sie sich dann anhören, Sie seien herzlich eingeladen mitzufeiern, das würde die Party sogar um einiges interessanter werden lassen? Und wenn Sie dann dankend ablehnen und wieder runtergehen, ruft man Ihnen dann hinterher, daß Sie nur mal wieder richtig rangenommen werden müssten?

      Wie sieht Ihr Alltag aus, wie Ihre Geschichte? Grabscht Ihnen in der Bahn ungefragt jeden zweiten Morgen jemand an den Hintern oder setzt sich breitbeinig vor Sie hin und masturbiert, während er Sie ansieht? Hat man Ihnen als kleinem Jungen in Mathe gesagt, mit den vielen Zahlen bräuchten Sie ihr hübsches Köpfchen gar nicht zu belasten, Sie würden später ja doch mal heiraten? Oder hat Ihnen Ihr Vater dasselbe gesagt und es ‚reine Geldverschwendung‘ genannt, als Sie studieren wollten?

      Nein? Absurde Vorstellung?

      Ich kann mir in der Tat nicht vorstellen, wie Sie sich fühlen.

      • Diese Antwort ist , obwohl völlig korrekt, das exakte Äquivalent zum “die soll sich mal nicht so haben”. Auch wenn Opfer des Sexismus in unserer Gesellschaft zu 99,9% Frauen sind und seine Belästigung nicht vergleichbar ist mit dem, dem Frauen ausgesetzt sind, verstehe ich nicht, warum Thommys #Aufschrei weniger wichtig sein soll. Hieß es denn nicht immer auch in vergleichbaren Debatten (Rassismus etc.) dass nicht die Intention der Handlung den Ausschlag gibt, sondern wie es das Opfer empfindet?

        Und falls dieser mein Einwand ein in der feministischen Debatte längst wiederlegtes Standardargument darstellen sollte, bitte ich um eine kurze Erläuterung (Link reicht auch). Ich will ja lernen und nicht streiten.

        • Das ist keinesfalls das Äquivalent zu „die soll sich mal nicht so haben“. Es ist der dezente Hinweis darauf, daß die Situation schlicht nicht vergleichbar mit dem ist, was Frauen von Kindesbeinen an weltweit jeden verdammten Tag erleben und erdulden müssen.

          Ja, jede Art Übergriff ist eklig. Und niemand sollte so etwas erdulden müssen. Aber ich bitte um Verständnis, wenn ich hier und heute in meiner kleinen Ecke des Internets keine all zu große Geduldsreserven aufbringen kann für Stories von mir unbekannten Männern, die hier im Blog auch zum ersten Mal kommentieren und gleich in typisch männlicher Manier die Diskussionshoheit an sich reissen wollen. Das fällt bestenfalls unter Ablenkungsmanöver und das ist hier nicht erwünscht.

          Ich habe im Übrigen keine Ahnung, wie die Standardargumente der feministischen Debatte aussehen, da ich mich von dieser Debatte meist so weit wie möglich entfernt halte. Ich schlage daher vor, da machen Sie sich in einem auf Gendergedöns fokussierten Blog schlau. Gibt ja genügend.

  7. […] lese diese Tweets. Ich lese wütende Anklagen von Frauen und Männer, die sagen: “Alles halb so wild“. Und ich denke nach. Nun sind Menschen […]

  8. […] meine Abscheu und meine Verzweiflung akkurat wieder geben könnten” von @miinaaa und “Hört auf damit!” von @e13kiki.  Bestimmt gibt es noch viele […]

  9. […] können – wie zum Beispiel von Antje Schrupp , Happyschnitzel, die Mutti, Littlejamie oder Kiki folgten […]

  10. […] Schrupp hat einen klugen Text geschrieben, Littlejamie eine Twitterwall gebaut, Kiki das Thema ins Allgemeine gewendet, Ninia LaGrande wurde konkret. (Außerdem: So wichtig ich den Text von Laura Himmelreich […]

  11. […] Hört auf damit (Das darin – in der Mitte des Beitrages – enthaltene Zitat von Spiegelkritik.de hat mir […]

  12. […] zwischen @vonhorst und @marthadear. Seither sind bereits einige Sammlungen und eine sehr lebhafte Debatte um die Tweets entstanden. Andernorten werden Erlebnisse auf mehr als 140 Zeichen verarbeitet. Auch […]

  13. […] Kiki: Hört auf damit! […]

  14. […] das nicht alles wiederholen. Wer mag, kann beispielsweise bei Frau Journelle, Frau Anne, Frau Nuf, Frau Kiki, oder Frau Antje nachlesen. Auch die Kaltmamsell hat etwas geschrieben. Am meisten kann ich mich […]

  15. […] Tagen hat sich ja so einiges getan zum Thema Sexismus und #Aufschrei. Auf meinen Eintrag „Hört auf damit!“ bekam ich viel Zuspruch und auch einigen Widerspruch. Ich hatte die Kommentare dort geschlossen, […]