In den vergangenen Tagen hat sich ja so einiges getan zum Thema Sexismus und #Aufschrei. Auf meinen Eintrag „Hört auf damit!“ bekam ich viel Zuspruch und auch einigen Widerspruch. Ich hatte die Kommentare dort geschlossen, nachdem die Trollerei überhand nahm (plötzlich schlugen im Minutentakt Kommentare auf, deren Sprache, Duktus und IP Adressen identisch waren, allerdings unter verschiedenen Aliassen und im Absender mit verschiedenen Wegwerf-Mailadressen versehen). Die persönlichen Angriffe an meine Mailadresse gerichtet waren auch nicht schön, und wer hat schon Lust und Zeit und Energie, sich mit solchem Dreck den ganzen Tag auseinanderzusetzen.

Heute früh fischte ich dann ein Trackback aus dem Spamfolder, der mich zu diesem Eintrag führte, in dem die Autorin meinen Artikel als „Weibergeschwafel“ abtat. Ich antwortete ihr (der Kommentar wurde bislang nicht veröffentlicht):

„Nun, ich habe weder Männer als üble Subjekte bezeichnet noch generell einen Hass auf Männer (wie jeder unschwer erkennt, der mein Blog öfter liest). Ich weiss auch nicht woran Du ausgemacht haben willst, daß ich die Klagen der Männer nicht ernst nehme. Ich nehme sie genauso ernst, wie die der von Sexismus betroffenen Frauen, auch wenn es sich im Verhältnis um eine verschwindend geringe Minderheit handelt. Allerdings fand und finde ich die Lage von „Thommy“ in keiner Weise vergleichbar mit dem strukturierten Sexismus, der Frauen von Kindesbeinen an weltweit entgegenschlägt, was ich in meiner Antwort auf seinen Kommentar auch zum Ausdruck gebracht habe.

Kein Mann kann mir erzählen – und ja, ab dann nehme ich ihn nicht mehr ernst, das stimmt – daß er schon als kleiner Junge gelernt hat, daß er weniger zählt als das andere Geschlecht, daß er ja doch mal heiratet und versorgt sein wird und deshalb nicht studieren muss, daß er sich nicht aufreizend anziehen soll und nicht laut sprechen, da sich das „nicht zieme“ oder daß ihm ungefragt ein Leben lang andere Menschen mit anzüglichen Sprüchen und Handlungen das Leben schwer machen, unabhängig von Arbeitsplatz oder Wohnort.

Wie mir einige hässliche anonyme Mails und die (gelöschten) Kommentare anderer Männeraliasse, alle mit verschiedenen Wegwerfadressen aber derselben IP später zeigten, war mein Bauchgefühlt ganz richtig: Viele Männer fühlten sich per se angegriffen durch die in der Tat überwältigende Flut von unter #Aufschrei erzählten sexistischen Übergriffen und haben versucht, die Diskurshoheit (wie gewohnt) zu übernehmen indem sie sich teils selbst als Opfer stilisiert haben, teils einfach nur Beifall geklatscht und sich verstanden gefühlt haben in Beiträgen (auch von Frauen), deren Tenor „ja dann wehrt Euch halt, Mädels“ bzw. „jetzt stellt Euch nicht so an“ lautete.“

Und danach erst sah ich ihren vorangegangenen Eintrag, der mir klar machte, daß ich hier offensichtlich Perlen vor die Säue warf. Dort schreibt sie u.a.:

„Männer reagieren auf weibliche Reize. Das machen sie allerdings nicht willkürlich. Das männliche Gehirn empfängt optische Signale und löst spontane chemische Reaktionen aus, die es dann an andere Körperregionen weiterleitet. Mann kann sich nicht dagegen wehren, was allerdings nicht bedeutet, dass er dadurch das Recht hat, verbal oder gar tätlich zu reagieren.

Frau aber sollte sich genau überlegen, warum sie sich in oben aufgezählte Klamotten schmeißt. Und keine Frau der Welt kann mir erzählen, sie mache es nur für sich. Ich behaupte nämlich, sie macht es, um attraktiv, also anziehend zu wirken, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Und dann darf sie sich nicht wundern, wenn sie Aufmerksamkeit bekommt. Ein Hund, dem man eine Wurst vor die Nase hält, schnappt danach. Da wundert sich auch keiner …“

Tja. Was soll man dazu noch sagen? Immerhin erkennt sie an, daß Männer trotz solch dreister Provokationen nicht zuschnappen verbal oder gar tätlich reagieren dürfen. Puh.

Ich frage mich immer, was das für Männer sind, die dann noch Applaus spenden? Finden die das okay,  de facto als wilde Tiere bezeichnet zu werden, die halt nur ihrem Instinkt gehorchen können und wild sabbernd aber weitgehend hirnlos durchs Leben gehen, geschützt durch den dünnen Firniss der Zivilisation? Als Mann würde ich mir das echt verbitten.

Wie seht Ihr das? Über (zivilisierte) Kommentare freue ich mich, auch wenn sie anderer Ansicht sind; Trollereien und Beleidigungen werden hingegen kommentarlos gelöscht.

Dieser Artikel hat 18 Kommentare

  1. Und keine Frau der Welt kann mir erzählen, sie mache es nur für sich. Ich behaupte nämlich, sie macht es, um attraktiv, also anziehend zu wirken, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Und dann darf sie sich nicht wundern, wenn sie Aufmerksamkeit bekommt.

    Ich kenne mich nun nicht wirklich aus, denn ich bin nunmal unbestritten ein Mann und was ich morgens anziehe, wird oft genug durch den Zufall bestimmt. Ich höre jedoch manchmal auch hin, was um mich herum gesprochen wird. Und ich habe schon mehrfach Frauen sagen hören, dass sie sich in diesem oder jenem Outfit einfach besonders schön finden. Insofern ist das Argument vielleicht nicht hanebüchener Unsinn, aber doch recht nah dran. Die Autorin verallgemeinert hier meiner Meinung nach zu stark. Es gibt bei ihr nur “die Frauen” und “die Männer” und nichts dazwischen.

    • Vor allem: ist es nicht völlig egal, ob eine Frau sich für sich selbst und ihr eigenes Wohlgefallen brezelt oder für einen Mann? Also, hinsichtlich der Frage, ob ein Mann sie sexuell belästigen darf (verbal oder anders)? Ich sehe da keinen Freibrief.

  2. Als Biologin werde ich kaum abstreiten, dass menschliches Verhalten manchmal (!) nur aus der Summe seiner physiologischen Prozesse besteht, die der Wahrnehmung mechanischer, chemischer oder visueller Reize folgen.
    Und ich glaube, dass es gut und richtig ist, sich manchmal (!!) auf diese atavistischen Gefühle zu verlassen, sich also dann und wann (!!!) von gesellschaftlichen Konventionen freizumachen.

    ABER.
    Natürlich kann das nicht bedeuten, dass Menschen nur nackte Affen sind. Der Mensch ist Mensch, weil er im Gegensatz zum Tier seinen Instinkten nicht hilflos ausgeliefert ist, weil er Impulse kontrollieren und moralisch-ethische Entscheidungen treffen kann.
    Und wenn er das kann, sollte er das auch tun. Alles andere wäre Rückkehr in die Barbarei.

  3. Ja, das ist traurig. Ich fürchte aber, dass viele Männer (nein, nicht alle) einfach sehr bequem sind. Das sind die Typen, die vom Jugendzimmer direkt in die Ehewohnung in Papis Dachgeschoss gezogen sind, die von ‘Mami legt mir die Klamotten raus’ in ‘die Susanne hat ja schon den besseren Geschmack’ wechseln.
    Ja, die gibt es, und die gibt es auch noch viel. Wir sehen sie nur nicht, sie sind wie die grauen Herren. Unauffällig aber viele.
    Die haben nie gelernt, nachzudenken, oder gar sich selbst zu reflektieren.
    Die lassen sich abends in der Jogginghose das Bier bringen und so lange nicht irgendetwas drastisches passiert, müssen die auch nie nachdenken. Die sind auf dem klassischen Weg in einen Job gerutscht und in dem haben sie auch mittelmäßigen Erfolg. Passt schon alles.

    Und wenn ihnen dann dieses ‘Männer sind halt so’-Argument (egal, ob in der simplen oder in der pseudowissenschaftlichen Variante’) serviert wird, da greifen sie doch gerne zu.

    Ich weiß, das klingt jetzt alles relativ klischeemäßig, aber wenn man mal außerhalb der gewohnten Pfade läuft, dann sieht man auch diese Menschen, die außerhalb unserer Bubble leben. Dorfkneipen, Baumärkte, Schrebergärten, Schützenbruderschaften oder so bieten sich an. Hat ja seinen Grund, das wir da nicht hingehen.
    Nur so als Anekdote am Rand: Die Liebste wird als Raben-Ehefrau angesehen, weil sie mir nichts vorkocht, wenn sie mal alleine ein paar Tage weg ist. Bei den jungen Kolleginnen. Bei den älteren schon deswegen, weil sie überhaupt alleine wegfährt. So ist es immer noch oft.

    (Überflüssig zu sagen, dass mich persönlich so eine Argumentation anekelt, oder?)

    • Ich glaube, nein ich bin mir ziemlich sicher, daß Du Recht hast. (und nebenbei: das ist der Kommentar des Tages, schade, daß man den nur einmal flattrn kann!)
      Und dazu muss ich mich nicht einmal in den Schrebergarten oder Baumarkt begeben, sondern nur die Kommentare unter Artikeln in konservativen und seriösen Blättern wie der FAZ. Da wird mir übel und schwindelig bei der Erkenntnis, wie unglaublich weit der Weg noch ist, wie viele Steine einem in den Weg gelegt werden.

    • Zufällig bin ich auf heute abend auf diesen Text gestoßen. Wobei: So ganz zufällig war es nicht. Ich las einen Artikel auf Christian’s Blog und da mir dieser schon eininges Stirnrunzeln ins Gesicht zauberte, entschloss ich mich auch seinen dort erwähnten Kommentar zu lesen. Daher jetzt auch keine großen Anmerkungen zum eigentlich Text, zu dem ich auch gar nicht soviel anzumerken hätte.
      Aber was Christian in seinem Kommentar schreibt ist nicht nur “relativ klischeemäßig”, sondern durchtränkt von Vorurteilen, Verallgemeinerungen und einem elitären oder arroganten Verhalten.
      Denn “Die” (ich bezeichne die angesprochene Schicht jetzt auch einfach mal so, wie es Christian in 6 Sätzen 9 mal tut [“sie” mal mitgezählt]) sind mit Sicherheit nicht der Kern oder der Hauptgrund der diskutierten Problematik. Die von dir, lieber Christian, so abfällig beschriebenen Leute sind es nämlich dann nicht, die den Frauen den Weg in die Chefetagen verwehren. Sie sind es auch meist nicht, die jedes Wochenende um jeden Preis eine Neue “aufreissen” wollen, um danach damit prahlen zu können. Und die sind es auch nicht, unter deren Verhalten in innovativen (Piraten) oder etablierten (FDP) Parteien, Frauen zu leiden haben.
      Doch deine Analyse greift nicht nur viel zu kurz, sondern zeugt auch von einer recht überheblichen Selbstwahrnehmung. Dein Ding ist es nicht, im Dorf zu wohnen, und als einzige Kulturquelle die zweimal jährlichen Auftritte des örtlichen Chors zu haben? Meinetwegen, aber warum scherst du alle Männer, die diesen, aus deiner Sicht einfachen und bequemen, Weg wählen, negativ über einen Kamm. Kann man nicht auch einen solchen Weg beschreiten und zugleich ein aufgeklärtes und modernes Verständnis von Gesellschaft, Moral und dem Verhalten dem anderen Geschlecht gegenüber haben? Kann man nicht ohne jahrelang in der Großstadt studiert zu haben, auf anderen Kanälen an dem gesellschaftlichen Fortschritt teilnehmen? Auch auf dem Dorf existieren Internet, Fernsehen und Journalismus inzwischen.
      Auch wenn in der ländlichen Mittelschicht wohl ohne Frage ein eher traditionelles Verständnis verankert ist, ist es einfach zu kurz gegeriffen und verallgemeinernt, diese Leute als chauvinistische Deppen zu beschreiben. Es gibt in Dorfkneipen und Schützenbruderschaften auch Männer mit denen man über Literatur, Politik, das Weltgeschehen und die Sexismusdebatte diskutieren kann. Es soll vorkommen, dass man dort sogar Frauen, auch jüngeren Alters antrifft. Man könnte überrascht werden von Leuten und Gesprächen, die man an diesen Orten, zumindest mit deiner Voreingenommenheit, nicht erwartet. Vielleicht mal nicht nur den begrenzten Hotizont der Daheimgebliebenen beklagen, sondern auch mal den eigenen reflektieren.
      Aber es hat ja seine Gründe, warum “ihr” da nicht hingeht. Bleib mal schön in deiner “Bubble”.

      • Hallo Erik,
        da scheint es ein paar Missverständnisse zu geben, zu denen ich aber gerne noch einmal etwas sage.
        Grundsätzlich habe ich diese Zeilen hier und auch meinen eigenen Blogeintrag geschrieben, um auf etwas aufmerksam zu machen: Die Diskussion, die – ob in Blogs, in Presse oder TV – geführt wird, geht von bestimmten Klischees aus. Sie wird in Blogs von gebildeten UpperClass-Menschen geführt (auch wenn es manchmal anders scheint), sie wird von Medien-Menschen, Journalisten, Politikern und Autoren geführt.
        Die sind aber nicht repräsentativ für die deutsche Bevölkerung. Genau so, wie man ja gerne das ‘Rückgrat der deutschen Wirtschaft’, die berühmten inhabergeführten KMU vergisst, vergessen öffentliche Debatten das Leben außerhalb der Städte auch gern; nicht nur bei diesem Thema.

        Ich wollte den Blick darauf lenken, dass wir nicht immer nur von dieser Bubble ausgehen dürfen.
        Es gibt da draußen eine andere Welt und die ist oft noch von Vorstellungen geprägt, die man sich als Hipster in Berlin-irgendwas gar nicht mehr vorstellen kann.
        (Und das ist ja auch vollkommen normal. Es schreiben jetzt gerade zu Großteilen keine Soziologen oder überhaupt Menschen mit professionellem Blick auf das alles. Und das ist ja auch gut so, das gibt der Bewegung ihre Wucht. Aber: Weder wir Blogger noch Herr Karasek oder dieser PickUpCoach sind Profis)

        Zweitens: Wenn ich überheblich rüberkomme, so war das nicht beabsichtigt. Ich schreibe nicht über Menschen – erst Recht nicht über einzelne – ich schreibe über Strukturen. Am Beispiel von Menschen, weil ich es nicht anders kann. Und auch, weil ich es für Greifbarer halte.
        Ich beschreibe einfach eine Realität, die ich seit 40 Jahren erlebe – nicht nur in ‘meinem’ Dorf und ‘meiner’ Kleinstadt. Ich gehe genau an diese Orte, immer wieder.
        Ich lebe im Sauerland, ich lebe in einer Kleinstadt. Ich habe beruflich immer wieder mit neuen Menschen zu tun, meist mit den genannten KMU und meine Erfahrungen ändern sich wenig – Internet und Fernsehen hin oder her. Ich habe mit ‘diesen’ Menschen einfach tagtäglich zu tun.
        Lies mal https://www.taz.de/!107660/ – das sind die Städtchen, die ich meine.

        Das Wort ‘Deppen’ habe ich nicht verwendet und auch nicht gemeint. Ich weiß nicht einmal, ob ich jemandem vorwerfe, dass er nicht merkt wo er lebt, wenn er gar keine Gelegenheit hat, etwas anderes kennen zu lernen.

        Mein Anliegen ist es zu sagen: Die momentane #aufschrei-Debatte ist toll, sie ist super, sie ist unterstützenswert UND: sie muss noch viel weiter tragen, als man sich das in einem Hamburger Redaktionsbüro, in einer Berliner hipster-Bude vielleicht gerade vorstellen kann. Denn es gibt da draußen noch ganz, ganz andere Strukturen.

        Ach ja, Du fragst: “Kann man nicht auch einen solchen Weg beschreiten und zugleich ein aufgeklärtes und modernes Verständnis von Gesellschaft, Moral und dem Verhalten dem anderen Geschlecht gegenüber haben? ”
        Um das mal ganz konkret an dem von mir ja mehrfach benutzten Beispiel der Schützen_bruder_schaften zu beantworten: Nein, das geht nicht.
        Es ist nicht modern und aufgeklärt zu sagen, dass Frauen in meinem Verein nichts zu suchen haben. Nur weil das schon immer so war.

        • Ok, ich wollte auch gar nicht bestreiten, dass es ländlichen Gebieten, und vermutlich auch mehr als in Studenten- oder Akademiker-Kreisen, Männer gibt, die ein veraltetes und falsches Frauenbild haben.
          Ich habe den Kommentar hauptsächlich deshalb geschrieben, weil deine Aussagen mir recht verallgemeinernt vorkamen und, zumindest unterschwellig, diese Menschen eher abwertend beschrieben haben. Und nein, das Wort “Depp” hast du nicht verwendet, aber von Männern, die abends in der Jogginghose Bier trinken, nur nachdenken wenn es unvermeidlich ist und in ihren Job gerutscht sind, ist es meinem Empfinden nach nicht mehr weit, bis zum Depp.
          Wenn dein Anliegen lediglich ist, den Blick auf Sexismus uaf dem Land zu lenken: Kein Problem! Ich finde es nur etwas unfair, klassische oder “bequeme” Ausbildungswege von männlicher Landbevölkerung als Indiz für sexistische und unreflektiertes Denken zu sehen. Denn, wie schon gesagt: Ich kenne eben auch das Gegenteil. Männer und Frauen, die jedes Wochenende gerne vom Studium aufs Land zurückkommen oder auch Leute, die nie das Land verlassen haben und trotzdem keine kultivierten Banausen ohne Respekt vor Frauen sind.
          Aber, da kann ich dich glaube verstehen: Das Leben auf dem Land unterscheidet sich natürlich von dem Leben in einer Großstadt. In Sachen Werte, Traditionen oder Kulturverständnis gibts es erhebliche Unterschiede. Und ich kann auch verstehen, dass es Leute gibt, die dem Leben in ländlichen Regionen mit seinen Eigenheiten wenig abgewinnen können. Ebenso wie es natürlich in die andere Richtung solche Fälle gibt.
          Man sollte nur vorsichtig sein und solche Lebenswege nicht als negativ oder schlechter beschreiben. Denn mit dem Respekt vor Frau hat dies zunächst einmal wenig zu tun.
          Und was die Schützenbruderschaften betrifft: Natürlich, das Konzept des Schützenvereins ist sehr traditionell (wegen mir auch: veraltet). Ich bezog mich aber auch eher auf die Mitglieder, und da glaube ich schon, dass man trotz der Mitgliedschaft in einer Schützenbruderschaft ein modernes Gesellschaftsverständnis und ein angemessenes Frauenbild haben kann. Das in diesen Vereinigungen nach wie vor keine Frauen zugelassen werden, erscheint mir über die momentane Debatte des Sexismus hinauszugehen. Denn da, und in vielen anderen Fällen, geht es weniger um eine Geschlechterdiskriminierung, als eher um die Frage inwieweit wir noch an Traditionen und alten Gebräuchen (oder: Anachronismen) festhalten wollen und können, oder diese durch ein modernes Verständnis aufbrechen müssen (bzw.: zerstören). Aber das, so glaube ich, ist eine andere Frage, die das Thema Sexismus wenn überhaupt nur am Rande betrifft.

          • Hallo Erik, vielen Dank für Deine Kommentare.
            Ich glaube, wenn man Christians Blogartikel inkl. Kommentare zum Thema „hach wie schön ist es doch auf dem Lande“ liest, wird etwas deutlicher, was er meint wenn er „vom Dorf“ spricht: http://www.jawl.net/die-sehnsucht-nach-dem-landleben-nach-fruher/2013-01-16/.

            Und natürlich sagt „Stadt“ oder „Land“ rein gar nichts über Intelligenz oder Bildung aus; die Klischees stimmen vielleicht hier und da, aber das hat sich ziemlich angeglichen in den letzten Jahren, nicht zuletzt dank des Internets, schätze ich.

            Nur hat in meinen Augen Sexismus halt ebenfalls nichts mit Bildung oder Intelligenz zu tun sondern mit menschlichem Anstand und Höflichkeit bzw. derer Abwesenheit.

  4. Danke, Kiki. Ich hab’ die ganze Diskussion nur insofern amüsiert verfolgt, als sie ausgerechnet durch den Dingens von der FDP ausgelöst wurde, dessen Verhalten wir nun nach Ansicht vieler seiner Parteigenossen gefälligst liberal betrachten sollen.
    Davon abgesehen, ist die Thematisierung sxistischen Verhaltens unangenehm (und zwar für uns Männer und da ohne jede Ausnahme) und überfällig. Und ich finde nicht, dass du – wie von einigen Kommentatoren behauptet, – da zu scharf rangingst. Mach weiter.

    • Danke, Thies. Es ist mir schon klar, daß dieser #Aufschrei für viele Männer in seiner Heftigkeit sehr überraschend gekommen sein mag und natürlich sind da viele erst einmal in der Defensive, teils auch zu Recht – der Hashtag wurde ja schon recht früh getrollt und inzwischen kann man das gar nicht mehr lesen, so viel Käse wird da getwittert. Und ich weiß auch, daß ich nicht immer so diplomatisch schreibe, wie es von Vorteil wäre … *hust* Aber daß ich männerfeindlich eingestellt wäre, kann mir wohl kaum jemand ernsthaft vorwerfen. – Insofern: danke, mach’ ich. :)

  5. Kommentiere hier mal ausnahmsweise mit einem Text, den ich vor einer Stunde in Facebook und G+ gepostet und jetzt mit einem Beispiel erweitert habe:

    Die Grenze zwischen Kompliment und Sexismus ist sehr schmal und hängt von vielen komplexen und individuellen Faktoren u.a. auch von der Kommunikation zwischen Sender und Empfänger, zwischen Männern und Frauen ab.

    Eine Möglichkeit, die Situation im jeweiligen Einzelfall zu analysieren und dabei die “richtigen” Fragen zu stellen, ist das bekannte Vier-Seiten-Modell aus der Kommunikationspsychologie:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Seiten-Modell

    Ungeachtet der akademischen Diskussion, ist es richtig, dass die meisten Frauen, wie es jetzt in den letzten Tagen wieder massiv an die Oberfläche gekommen, von vielen Männern am Arbeitsplatz und außerhalb, regelmäßig sexuell belästigt werden.

    Am deutlichsten wird mir die Situation als Mann, wenn ich als Fußgänger auf dem Bürgersteig zufällig einer mir unbekannten Frau begegne, die mir entgegen kommt. So gut wie alle Frauen meiden einen direkten Blickkontakt mit dem Mann. Die meisten schauen nach unten, um jegliche mögliche Kontaktaufnahme zu vermeiden. Das ist sicher keine zufällige Konditionierung. Dieses Verhalten resultiert aus jahrelanger Erfahrung der Frauen. Ein ganz alltägliches Verhaltensmuster. Unabhängig von der Person des Mannes, dem sie auf dem Bürgersteig entgegengehen. Das ist nur eine alltägliche kleine Detailbeobachtung.

    Unsere Aufgabe als Männer ist, uns dessen bewusst zu sein, das als eine Tatsache anzuerkennen und solche unangenehmen Situationen zu vermeiden. Früher wurde es “Respekt” und “Selbstrespekt” genannt. Für diese Selbstreflexion kann auch das Vier-Seiten-Modell helfen.

    Ich wünsche mir eine Versachlichung der #Aufschrei -Debatte. Gute Ansätze sind in den letzten Tagen in einigen Blogs ja schon gemacht. Dazu gibt viele politische, kulturelle, …und auch wissenschaftliche Ansätze. Das wird sicher ein längerer Prozess bis sich etwas zum Positiven verändert. Aber irgendwann muss ja der erste Schritt gemacht werden. Jetzt ist ein guter Moment dafür.

    • Danke, Cem. Ja, eine Versachlichung tut not und ich hoffe nur, sie wandert nicht auf diese akademische Ebene ab, auf der alle Beteiligten erst ein — böse gesagt — Gendergedöns-Studium abschliessen müssen, damit sie mitreden dürfen. Was ich gerade so faszinierend fand und finde ist, daß Menschen (vorwiegend natürlich Frauen) aller Couleur, Herkunft, Bildung in 140 Zeichen schnörkellos das Dilemma auf den Punkt gebracht haben — ohne vorher jahrelang Emma oder die Mädchenmannschaft etc. gelesen zu haben, ohne Vorbelastung, wenn man so will. Auch das war bzw. ist die Stärke dieses Aufschreis.

      Deine Beobachtungen zur unterschiedlichen Standard-Körpersprache bei Frauen und Männern sind voll auf die zwölf. Interessanterweise hat @formschub bei sich drüben schon ein, zwei Wochen vor dem #Aufschrei das Thema aufgegriffen. Lesenswert!

  6. Liebe Kiki, auch ich möchte mich in die Welle des “Aufschrei” einreihen und habe dies auch bereits auf Twitter getan. Ich freue mich, dass hier etwas angestoßen wird, das längst überfällig ist, und die Empörung auf diversen Seiten zeigt, dass ein Nerv getroffen wurde. Insofern glaube ich auch, dass diese Welle etwas, ein kleines bisschen zumindest, verändern wird. Mich persönlich stört am Sxismus an sich und an vielen Kommentaren aktuell am meisten die Attitüde, biologische Unterschiede mit Respektlosigkeit zu verwechseln. In der Steigerung wird die Biologie missbraucht, um sich als Opfer seiner Triebe zu stilisiern. Unfassbar.

    Nun bin ich vom Sternzeichen Skorpion aber wäre fast noch eine Waage, und vielleicht ist das der Grund, warum ich die eine Seite nicht ohne die andere wahrnehmen kann. Und in der Tat stört mich in der nachgelagerten Debatte über den “Aufschrei” auch auf Frauenseite so manches, das, wie ich glaube, der Debatte nicht gut tut. Dazu gehört, dass hier meiner Meinung nach zu viele Themen unter dem Stichwort “Sexismus” erschlagen werden, auch in Deinem Eintrag. Die Motive, einer Frau plump sexisitisch zu begegnen sind meiner Meinung nach völlig andere, als sie zu vergewaltigen oder jahrelang zu misshandeln. Nicht zwangsläufig ist eine Vergewaltigung eine Folge davon, dass Frauen sich schon gegen plumpen Alltagssexismus nicht zur wehr setzen. Ich finde es nicht gut, beides im selben Atemzug zu nennen. Dem Mann, der ohnehin eher unbeweglich seinem Alltagssexismus frönt, wird es so kein Anstoß sein, sein Verhalten zu verändern, was schade ist.

    Dann kommt mir in dieser Diskussion zu kurz, dass es wir Frauen (und Mütter) sind, die selstverständlich etwas ändern müssen. Mit der Welle des “Aufschrei” ist ein erster Schritt getan, aber nur das. “Nein” sagen muss man auch dann, wenn es unbequem ist. Und es sind die Mütter, die den Töchtern das von Dir zitierte Verhalten auch heute noch oft (z. T. unbewusst) mit auf den Weg geben. Ich wünsche mir, dass in der nachgelagerten Debatte auch dies zum Thema wird: Was müssen wir Frauen einfordern und ändern, damit rückwärtsgewandter Sexismus in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr hat.

    Es sollte zusammenfassend hautpsächlich darum gehen, respektvoll miteinander umzugehen. Das verschiedene Geschlecht respektierend, ohne es in irgend eine Richtung zu werten oder zu instrumentalisieren. Ein sehr weites Feld, das Sexismus gegen Frauen in jeder Art und Weise ausschließt, egal was sie anhat und egal, was ihr Selbstbild ist. Total egal.

    Schade finde ich, dass Frau Himmelreich erst so spät über ihre Erfahrungen berichtet hat. Es hat mich richtig geärgert. Nach einem Jahr. Auf Anfrage twitterte sie dazu, das sei eben jerst jetzt, einen Tag nach Herrn Brüderles Wahl zum Spitzenkandidaten, relevant. Das empfinde ich gegenüber traumatisierten oder verängstigen Frauen, für die Sexismus im Moment der Tat relevant ist, als Schlag ins Gesicht. Trotzdem freue ich mich über die Welle, die das ausgelöst hat, und Wellen habe nur Kraft, wenn sie aus einer Richtung kommen und in eine Richtung gehen, insofern müssen sie einseitig und wütend sein. Ich bin Dir und allen anderen dankbar, dass sie mich darin mit vertreten. Aber ab jetzt darfs für mich gern differenzierter werden.

    • Beste Susanne, vielen Dank für Deinen langen und überlegten Kommentar. Ja, differenzieren ist in der Hitze des Gefechts nicht immer leicht und ich hoffe auch, daß wir als Gesellschaft die m.E. nach notwendige Intensität und Hitze der Debatte beibehalten können, aber ohne dabei überzukochen und grössere Sauereien zu veranstalten.

      Du schreibst, die Motive, eine Frau sexistisch zu belästigen unterscheiden sich von denen, die einer Vergewaltigung oder jahrelangem Missbrauch zugrundeliegen. Das sehe ich anders. Das Ergebnis, die Folgen ist bzw. sind natürlich anders, aber ich glaube, das Motiv ist dasselbe: es geht in erster Linie um Machtgewinn bzw. -erhalt.

      Daß Frauen nicht nur bei sich sondern auch beim Nachwuchs — dem eigenen und, auch wenn ich mich damit vermutlich unbeliebt mache, auch bei dem der anderen, sofern der sich desaströs benimmt — gerade machen müssen, das ist ein wichtiger Punkt, der, wie Du ganz richtig sagst, in der Debatte bislang viel zu kurz gekommen ist.

      Daß Frau Himmelreich ein Jahr gewartet hat mit ihrer Geschchte, das stört mich nicht. Es ging ja nicht in erster Linie um diese Episode, die war nur ein Nebenaspekt eines ausführlicheren Portraits. Wie Alice Schwarzer dazu schreibt (jaja, ich weiss, aber hier hat sie wirklich Recht, wie ich finde):

      „Aber der Zeitpunkt! Warum Himmelreich das denn nicht schon vor Jahren geschrieben habe, wenn das übergriffige Verhalten von Brüderle sie gestört habe, wird ihr vorgeworfen. Wohl ganz einfach aus drei Gründen: Erstens, weil das Verhalten von Brüderle so üblich ist, dass es in der Tat journalistisch unangemessen gewesen wäre, es in einem Extra-Artikel zu outen. Zweitens, weil es gleichzeitig ein Zug ist, der in einem Porträt im Jahre 2013 nicht länger verschwiegen werden sollte. Drittens, weil Brüderle gerade aktuell ist. Darum jetzt.“

      Das finde ich total einleuchtend. Die Episode allein hätte auch vor einem Jahr keinen Nachrichtenwert gehabt und wäre von keiner Zeitschrift der Welt gebracht worden. Was war denn passiert? Nichts von Bedeutung; ein in Würde ergrauter Politiker hat einem jungen, knusprigen Ding schmierige Komplimente gemacht. So weit, so alltäglich, Hund beisst Mann, gähn. Erst im Rahmen eines Portraits rundet diese Geschichte das Bild ab. Sie wird am Rande erwähnt, ist nicht zentraler Angelpunkt. Und da die Partei, die noch vor wenigen Monaten dem Jugendwahn verfallen war, plötzlich Herrn B. aus der Versenkung holte um zu retten was (hoffentlich nicht mehr) zu retten ist, ist es der richtige Moment um zu fragen: Ist das die Sorte Politiker, die wir an der Macht sehen wollen?

      Hinzu kommt natürlich, daß Frau H. vielleicht nicht traumatisiert von dem Vorfall war, aber schon sehr genau abwägen musste, ob und wann sie was dazu sagen kann. Als einzige Frau im Politikressort gleich doppelt. Ihre Karriere kann nach wie vor dadurch ein jähes Ende nehmen; ob es dazu kommt, steht noch nicht fest. Wir erinnern uns an Wibke Bruhns — Journalistin, Deutschlands erste Nachrichtensprecherin und sicherlich nicht auf den Kopf gefallen (auch wenn das nach ihrem Auftritt gestern Abend bei Jauch schwer zu glauben ist). Und was ist das allererste, was man auch heute noch über sie zu hören bekommt? Daß sie mal die Geliebte von Willy Brandt gewesen sein soll. Vor fünfzig Jahren. Krass, oder?

      • Danke, Kiki, ich denke auf manchem rum, gehe mit Alcie Schwarzer (aber trotzdem nicht mit dem STERN, der an diesem Tag nicht mit dem Portrait, sondern politisch instrumentalisierend aufmachte) und glaube immer noch, dass Vergewaltigung und Alltagssexismus nicht in einem Atemzug genannt werden sollten. Vielleicht, wenn ich fertig gedacht habe, schreib ich selbst was dazu, mal sehen. Sehr anregend hier jedenfalls, jenseits der Massenmedien <3

  7. […] klar. Aber warum der? Da ist doch die Gefahr, dass man dem glaubt? Und dann schrieb sich mir ein Kommentar bei Kiki aus dem Handgelenk, ein Kommentar in dem ich etwas erklärte, was mir selber erst während […]