Alle bekloppt am Millerntor
Ich bin seit vielen Jahren Fan und seit sechs oder sieben Jahren Mitglied des FC St. Pauli, “dem einzig wahren” oder “dem anderen” Fussballverein in Hamburg – je nach dem, wie man das sehen will. Ich bin nicht sehr oft da, weil ich an den Wochenenden offengestanden lieber auf dem Golfplatz bin statt in der Kurve oder der Gegengeraden, aber zum Freundschaftsspiel gegen Celtic Glasgow im Mai, anläßlich der 100-Jahr-Feier des Vereine, das möchte ich schon gern. Ich bin also kein Schönwetter-Fan, denn bei schönem Wetter bin ich natürlich erst recht zum Golfspielen. Und mir ist es auch recht schnurz, in welcher Liga die Jungs gerade kicken, denn der Fußball interessiert mich auch nur sekundär. Ich mag einfach den Verein, den Stadtteil, die Leute und die Atmosphäre, fertig.
Als Mitglied und/oder als Dauerkartenbesitzer hat man seit dieser Woche Mittwoch ein Vorkaufsrecht auf die Celtic-Tickets, die sicher nicht in allzugroßen Mengen in den freien Verkauf gehen werden. Als ich am Dienstag in meiner Twitter-Timeline also die üblichen Verdächtigen wie @ring2, @Jeky, @sparschaeler, @textundblog oder @Curi0us tweeten sah, die sich für “ab 10h in der Schlange” verabredeten, dachte ich, es gehe um die Schlange für die Celtic-Tickets und zwitscherte fröhlich, ich sei dabei. Nach einer Weile jedoch stellte sich heraus, daß es um die Dauerkarte und um den Sonnabend ging. Und zwar um die Dauerkarte für die Südkurve, deren Ausgabe von den Ultra-Fans des Vereins quasi in Selbstverwaltung reglementiert wird. Die Kurzfassung: Es gibt mehr Interessenten als Dauerkarten, daher kriegen nur Dauerkarteninhaber jedes Jahr garantiert eine neue. Mitglieder oder Normalsterbliche kommen erst danach an den Topf (also nie im Leben). Aber wer bereit ist, ein absurdes Prozedere auf sich zu nehmen um eine Dauerkarte für einen Stehplatz in der Südkurve zu ergattern, der hat eine kleine Chance auf das begehrte Stück. Das ist also nichts für mich, denn obwohl ich schon ein echter Fan bin würde ich ja nur jedes zweite Wochenende einem Menschen,für den der Verein wirklich alles bedeutet den Platz wegnehmen, und das hätte ja wohl nichts mit Fairness zu tun.
Zu dem absurden Prozedere gehört, sich im Winter in die Schlange zu stellen und hoffentlich eine Wunschzettel gegen eine Quittung zu tauschen, die man dann im Sommer gegen die eigentliche Dauerkarte für die Südkurve tauschen kann. Als ich heute früh dann gegen halb neun in St. Pauli aus de U-Bahn stieg und auf den Anschlußbus wartete, sah ich schon eine ziemlich lange Schlange von ca. 1.000 Fans um den Block des Telekomgebäudes herumstehen. Ich dachte kurz an meine Twitterfreunde, die erst in eineinhalb Stunden hier aufschlagen wollten und kratzte mich am Kopf. Ob das reichen würde? Ich fuhr nach Blankenese zum frühstücken und schaute immer mal wieder auf den Stand der Dinge bei Twitter. Wie es aussah, hatte man schon Spaß:
Angrillen im Bollerwagen? WTF? Only in St. Pauli…
Aber am Ende hat es dann doch nicht gereicht; es waren nicht genügend Tickets für alle da. Bitter, vor allem nach über fünf Stunden vergeblichen Wartens und Anstehens. Ein echtes Debakel, keine Frage. Aber ich wette, es hat sich dennoch auf eine Art gelohnt. Und wir sehen uns spätestens im Mai am Millerntor, okay?
Kategorie: Kultur | Tags: FC St. Pauli, Fussball, Twitter 15 Kommentare »



27. Februar 2010 um 21:30
Daß 10 Uhr definitiv zu spät sein würde, dürfte ja wohl jedem schon im Vorfeld klar gewesen sein. Schließlich wird der magische FC nächste Saison erstklassig spielen, und im letzten Jahr war der Andrang schon so riesig.
Ich war um 6 Uhr da und habe meine Quittung, aber es wurde plötzlich immer voller vor mir, das war schon nicht mehr lustig mit was für “Gruppen” sich da teils zu siebt nebeneinander angestellt wurde.
Eins ist klar: Das System ist nicht ideal, und es wird in der kommenden Saison garantiert eine ganze Menge Leute in der Süd geben, die wahrlich asozial sind.
27. Februar 2010 um 22:04
wenn so scheiss fdp-wixxer wie du keine dk kriegen ist mir das ein persönlicher reichsparteitag. golfplatz statt pauli???? ich glaub es hackt! was willst du in ein linken verein außer abtanken?? fuck solche erfolgsfans braucht kein verein, geh doch zum hsv, da psst du besser hin!
FC St. PAULI 4evver!!!
28. Februar 2010 um 10:23
Wie herzallerliebst, dass TinCups Befürchtung nur wenig mehr als eine halbe Stunde später schon so vollumfänglich bestätigt wird.
28. Februar 2010 um 12:04
Ich danke zecke für die Erheiterung des Wochenendes. Zum Glück gibt es immer wieder “Individualisten”, die das eine oder andere Klischee erfüllen
28. Februar 2010 um 15:46
Ich hab’ den Kommentar von Zecke mal so stehen gelassen, weil er wirklich sehr komisch ist und ja auch sehr für den Geisteszustand seines Verfassers spricht.
@TinCup: N, Du wirst doch wohl nicht etwa das Wort mit A in den Mund nehmen? Pfui!
1. März 2010 um 16:51
@tincup
mit mir angestanden (und sauer abgedreht) haben am Ende Leute, die ab 7:00 Uhr, 8:00 Uhr und wir, die 10:00 Uhr-Crew, die sich getroffen hat, als unsere Auswärtigen dazustießen – und sich nicht schon gegen 7:00 Uhr Plätze vorne reserviert haben (das ist kein Vorwurf!) – gereicht hätte das locker, wie sich nun herausstellt. Fotobeweise und Schilderungen sind überwältigend.
Je mehr ich darüber nachdenke und recherchiere, desto mehr Versagen sehe ich bei Fanladen und USP. Leider.
2. März 2010 um 08:47
@ring2 Das Versagen liegt in meinen Augen beim magischen FC höchstselbst. Wie kann man diesen USP-Chaoten die Verwaltung einer Kurve überlassen?
Ich halte wenig bis gar nichts von den Ultras und ihren Allmachtsansprüchen ans Fantum. Die Ultras entscheiden, wer zu alt ist? Die Ultras entscheiden, wann und wie ein echter Fan zu jubeln hat? Die Ultras entscheiden, wer “Spaßbremse” ist und wer nicht? (Genügend Beispiele gibt’s im Forum, wie Du sicher gelesen hast.) Absolute Macht, gepaart mit geballter Inkompetenz, das ist die Süd.
Das ist so dermaßen grotesk, da fehlen mir die Worte. Diesen Typen die Macht über die Dauerkartenverteilung in die Hände zu geben ist einfach nur selten dämlich gewesen.
Ich kann nur hoffen, daß die Ultras jetzt nicht in der Kurve nachholen, was sie in der Schlange versäumt haben: Den Dränglern und danke Ellenbogeneinsatz neuen DK-Inhabern aufs Maul zu hauen, wenn diese nicht so dauersingen wie von USP befohlen.
2. März 2010 um 12:58
@markusandrezak Am Millerntor wurde am letzten WE schon angegrillt http://is.gd/9wxnF Leider mit Schwanengesang http://e13.de/archives/442
2. März 2010 um 15:59
Vielleicht hilft es, sich klarzumachen, dass der betreffende Verein wie alle anderen ein gewinnorientiertes Unternehmen aus der Sondersparte “viel Geld, wenig Aufwand” ist. Außerdem ein guter Anziehungspunkt für “Ultras”, die dann wenigstens so ausgelastet sind, dass sie nicht Elternbeirat, Hausverwalter oder Verkehrspolizist werden müssen.
3. März 2010 um 11:00
@ring2: Ja, wer auf die Bezugsgruppe wartet und dann nicht drängelt oder bescheißt ist der Dumme, traurig aber wahr. USP hat sich mit der mangelnden Orga keinen Gefallen getan.
@Kiki: Ganz so krass würde ich es nicht formulieren. Die Ultras sind ein Stück St. Pauli und schiessen in ihrem Fanatismus sicher auch mal übers Ziel hinaus. Aber Hände-in-die-Taschen-Stecker sollten sich nicht für die Süd anstellen.
@Rob: Da machst Du es Dir sehr einfach. Die Ultras stehen bei Wind und Wetter, ob dritte oder erste Liga zu ihrem Verein. Das sind keine Blockwarte. Daß der Verein sie für ihren Einsatz mit der Selbstverwaltung der Süd belohnt ist OK in meinen Augen. Der FC St. Pauli ist ja gottseidank nicht der FC Bayern oder Hoffenheim oder so ein Laden, der vor lauter Geld nicht weiß wohin damit.
3. März 2010 um 12:31
Ach Kiki, ich liebe die manchmal urplötzlich aufflackernde Aufregung auf Deinem Blog. Ich verstehe sie nicht so ganz: Denn wenn ein Verein auch noch so Kult ist, glaube ich dennoch, dass der Prozentsatz an sagenwermal Hackfressen* nicht niedriger ist als bei anderen Vereinen und deren Fangruppierungen – mal davon abgesehen, dass Fan und Fanatismus nicht zufällig nah beieinander liegen.
In Poppenbüttel (wo ich länger als gern wohne) sind es eben eher die HSV-Knallköppe, die ihr Fantum damit austoben, ihre vier Buchstaben auf jedes, aber auch wirklich je.des.ein.zel.ne. Verkehrsschild kleben zu wollen – ich vermutete schon was Politisches und schließlich hab ich tatsächlich im Netz nachgeguckt, was CFHH überhaupt bedeutet.
Und bei und in Pauli isses “Zecke”, die die FDP** nicht mag. Ich mag sie alle drei nicht. Aber ich mag die Vorstellung eines in eine Kommentarfenster getippten Wutanfalls. Wie gesagt, ich liebe sie.
*Ist das jetzt schon ne Beleidigung?
**Mag die momentan überhaupt wer?
3. März 2010 um 15:29
[...] Kiki in die Kommentare linsen. Wer Golf spielt ist automatisch FDP-Wähler, wer FDP wählt hat automatisch nichts [...]
5. März 2010 um 08:51
Als nun heimatloses Bezugsgruppenmitglied von Erik kann ich da nur unterschreiben.
Aber immerhin bleibt mir das “Grillen, WTF” in bestmöglicher Erinnerung. Auch das ist St. Pauli und es gibt nichts Schöneres, als sowas mit Gleichgesinnten zu teilen.
Es war sicher nicht klug, sich erst um 10 anzustellen, aber wie man hörte, hätte 8 auch nichts genutzt. Auch da hätte ehrlich am längsten gewährt.
Immerhin, alle für einen, einer für alle und dann eben keiner.
Den Kommentar von zecke hätte ich übrigens auch stehen lassen, er steht quasi sinnbildlich für eine Klientel, auf die ich lieber heute als morgen verzichtet hätte, die allerdings durch die Drängler, die dazukommen, noch vergrößert wird. /ironie on Aber wenigstens war er früh da.. /ironie off.
5. März 2010 um 16:46
@TinCup: OK, die Süd soll für die Stimmung sorgen. Aber ich will nicht zum Karneval, ich will zum Fussball. Wer zum Teufel will mir da bitte vorschreiben, wie ich zu jubeln habe?
(Und hab’ ich das nur falsch verstanden oder hat sich Stani nicht letztens noch über die Gesänge aus de Süd mokiert und sie als mitunter wenig zweckdienlich bezeichnet…?)
@Thies: Du gehörst zur Gattung der Unfallgucker, wie? ;-)
@Jekylla: Der Alle für Einen Gedanke ist wahrlich schön und macht auch “mein” St. Pauli aus. Das kann man eben nicht kaufen oder verkaufen.
5. März 2010 um 23:29
Es ist immer schwierig, wenn einzelne oder eine Gruppe meinen, sie wären etwas besseres. Wird heute in der Schule eigentlich nicht mehr “Animal Farm” o.ä. gelesen?