Homefucking kills PRostitution

Hier findet gerade eine schöne, selbstreferentielle Debatte zum Thema PR und Social Media statt.

“Andererseits ist klar, dass es wohl niemandem gibt, der einen legitimeren Zugang zum Thema Social Media anmelden könnte als die PR-Branche, die sich nun mal seit langer Zeit für ihre Kunden mit strategischer Kommunikation beschäftigt. Dennoch sitzen PR-Treibende heute am gleichen Tisch mit Webdesignern, Grafikern, Informatik-Studenten und anderen “Experten”, die nun allesamt das Thema Social Media für sich entdecken und lautstark auf ihrer Fahnen heften.”

“Ihr dauert mich, das Walross sprach. Ich kenne Eure Qualen.” – Werbeagenturen, die seit Jahren ihre Mitarbeiter einstellen nach dem Motto: “Du machst Marketing, PR und Vertrieb – ist ja eh alles dasselbe, und am besten bringst du auch noch ausführliche Kenntnisse in HTML, CSS, PHP und Photoshop mit. Die gängigen Contentmanagement-Systeme sind dir sicher geläufig, oder?”

Aber ich verstehe Euren Schmerz; ich erinnere mich gut an die Zeit, als es noch Schriftsetzer und Reprografen gab. Die dann drei Jahre später vom Arbeitsamt eine Umschulung auf PageMaker und QuarkXpress oder Photoshop bekamen und sich fortan DTP-Spezialisten nannten; noch ein paar Jahre später dann “Webdesigner”. Und mit ihrer 10 DM/Stunde-Herangehensweise uns acht-Semester-studierten-Dipl.-Grafikdesignern gehörig die Preise verdarben. Da half dann auch keine Mitgliedschaft in AGD oder BDG mehr, die Büchse der Pandora war geöffnet. Ich habe auf die harte Tour gelernt, daß “Grafikdesigner” keine geschützte Berufsbezeichnung ist und sich quasi jeder so nennen darf, der einen Bleistift richtigherum halten kann. (Thies hier hat ein schönes, aktuelles Beispiel für den Niedergang dieses Gebiets. Man müßte laut lachen, wenn es nicht so traurig wäre.)

Insofern verstehe ich, daß Euch der Arsch auf Grundeis geht. Nur, daß es noch weniger Kenntnisse braucht, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen als einen Bleistift zu halten. Und darum seid Ihr schlicht vom Schicksal gefickt, pardon my French. Diese “Webdesigner, Grafiker, Informatik-Studenten und andere “Experten”" sind genau das: Experten. Da braucht Ihr gar keine Anführungsstriche zu bemühen. Jeder Mensch mit einem einigermassen intakten Sozialleben ist ein Social Media Experte. Daß nun einige unter ihnen daraus klingende Münze machen wollen und sich damit auf “Euer” Agenturterrain begeben – tja, das nennt man dann wohl die Poesie der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Die allermeisten Firmen wollen nicht mit ihren Kunden reden. Der Kunde stört. Darum haben sie Callcenter, CRM-Programme und andere Kundenkontaktverhinderungsmaßnahmen um ihre Schlösser und Burgen herum aufgebaut. PRler sind die Krokodile in diesen Burggräben. Und dann so etwas: In diesem blöden Interweb, das doch eigentlich nur als Vertriebskanal angedacht war, unterhalten sich die Kunden jetzt plötzlich über die Firmen und ihren meist nonexistenten Service oder die schlechte Produktqualität, statt brav zu kaufen. Also rufen die Firmen nach PRlern und schreien “iiiiih, mach das weg!” oder aber schicken die Krokodile als Schwäne verkleidet durch den Park, um mit tollen Versprechungen neue Besucher anzulocken.

Wer hauptberuflich in PR macht wird vielleicht schon mal gemerkt haben, daß ihn selten bis nie jemand freudig mit offenen Armen empfängt. Journalisten nehmen verächtlich Euren Content entgegen, wenn Ihr sie brav mit genügend Goodies (Pressevorführungen, Reisen, Bankette, Digitalkameras oder wenigstens DVDs etc.) schmiert. Die wollen schließlich auch nicht mehr als nötig arbeiten für ihre dreieurofuffzich, sondern idealerweise Eure Pressemitteilung direkt ins CMS einfliessen lassen. Aber respektieren oder gar lieben tun sie Euch deswegen noch lange nicht. Und Otto Normalverbraucher weiß genau: PR ist gleich Werbung, nur halt verkleidet. Ein Schwein mit Lippenstift bleibt halt ein Schwein. PRler lügen hauptberuflich für Geld, genau wie Werber, aber wenigstens geben letztere das offen zu. (Been there, done that. Proud Member of the Association of Puffpianisten International.)

Werbung aber interessiert Otto Normalverbraucher nicht, sie nervt ihn zu 99,9%. Er will sich nicht mit PRlern unterhalten. Er will sich nicht mal mehr mit den Firmen unterhalten, denn seine Erfahrungen sind meist so übel, daß er lieber gleich mit seinen Freunden redet. Gemeinsames Leid verbindet schließlich, davon kann jeder ein Lied singen, der beispielsweise je einen DSL-Anschluß kündigen wollte – egal, bei welchem Anbieter.

Ihr habt was falsch verstanden, Ihr PR-Experten: Ja, Märkte sind Gespräche, aber Gespräche sind deshalb nicht gleich Märkte. Ihr werdet immer diejenigen sein, die sich im Lokal bei einer fröhlichen Runde an den Tisch schleichen und “Wolle Rose kaufen?” fragen. Der Störfaktor. Die Lachnummer. Bestenfalls bemitleidet.

“Wir kennen ein paar Leute aus eurer Firma. Sie sind online recht cool. Habt ihr noch welche von der Sorte, die ihr versteckt? Dürfen sie rauskommen und mitspielen?” (Cluetrain Manifest)

Social Media ist eine echte Chance für die Firmen, sich von überflüssigem Ballast wie beispielsweise PR-Beratern zu befreien, und mit ihren Kunden direkt in Dialog zu treten. Nicht über einen inhouse-PRofi mit Twitteraccount und Facebookseite, sondern vielleicht über den Controller, die Sekretärin oder sogar den Geschäftsführer selbst. Aber selbst wenn die Firmen lieber noch mehr Krokodile in den Burggraben setzen (die sich irgendwann gegenseitig zerfleischen, es fängt schon an, s.o.), so nivelliert Social Media immerhin das Spielfeld für die Endverbraucher. Jedenfalls so lange, bis die Krokodile von den Haifischen abgelöst werden:  den Abmahnanwälten.

Kategorie: Kommerz | Tags: , , , 5 Kommentare »

5 Reaktionen zu “Homefucking kills PRostitution”

  1. links for 2010-03-14 « just another weblog

    [...] Homefucking kills PRostitution. n diesem blöden Interweb, das doch eigentlich nur als Vertriebskanal angedacht war, unterhalten sich die Kunden jetzt plötzlich über die Firmen und ihren meist nonexistenteIn Service oder die schlechte Produktqualität, statt brav zu kaufen. Also rufen die Firmen nach PRlern und schreien “iiiiih, mach das weg!” oder aber schicken die Krokodile als Schwäne verkleidet durch den Park, um mit tollen Versprechungen neue Besucher anzulocken. (Überhaupt solltet Ihr alle viel mehr bei Kiki lesen) (tags: twitthis) [...]

  2. Dirk

    Ich hab mich über das Thema PR und Werbung in sozialen Netzen grade noch neulich unterhalten, und es stimmt: User wollen dort keine PR und keine Werbung. Man will sich sicherlich auch zu Produkten und Dienstleistungen und Firmen mal austauschen, aber das ist ja nicht der Hauptgrund für die Existenz dieser Netze, wogegen aber PR-Leute anscheinend der Meinung sind, alles existiere nur, damit sie es weiter mit Werbung zuballern könnten. Dies ist einfach irregeleitet, Werbung wird, wie du selber sagst, von so gut wie allen User als störend empfunden und gehasst – was grade das Gegenteil von guter PR bewirkt.

  3. BeastyBasti

    Arme PR-Typen . Das es ihnen so schlecht geht, hätte ich nicht gedacht. Ich gelobe das nächste mal auch interessiert zuzuhören und mir nichts anmerken zu lassen, wenn ich auf einen treffe.

    Ich hoffe nur, ich habe dann mein Lieblings T-Shirt an
    ( http://beastybasti.de/?p=419 ) und kann mich schmunzelnd an deinen Beitrag erinnern…

  4. Kiki

    @Dirk: Ja, die User wollen keine Werbung in ihrem Social Media Netzen, oder wenn, dann solche, die unterhaltsam ist und informativ und wirklich maßgeschneidert auf ihre aktuellen Wünsche oder Fragen. Aber Firmen und Agenturen treten uns wirklich dermaßen penetrant auf die Hacken mit ihrem sinnlosen Müll, daß es ein Wunder ist, daß es noch keine Valentine’s Day Massacre in Werbeagenturen gegeben hat.

    Mein persönlicher Hasskandidat Nummer 1 ist ja “Ambient Media” und seine Auswüchse. Was in Restaurants und Kneipen harmlos genug (und durchaus informativ und meist witzig gemacht) losging mt Postkarten auf dem Weg zum Klo, wo man die guten Motive gesammelt oder weiterverschickt hat, ist dann irgendwann bei Tankrüsseln an den Zapfsäulen gelandet. Damit der Verbraucher bloß nicht eine Sekunde mal auf irgend etwas gucken kann, wo er nicht stumpf angebrüllt wird. Wahrscheinlich gibt’s inzwischen auch schon Discountsärge mit Werbebotschaften drauf, die die schluchzend über den Deckel gebeugten Hinterbliebenen ermahnen, an den Abschluß einer Risikolebensversicherung zu denken.

    @BeastiBasti: Hrchhrch… nice. :-)

  5. links for 2010-03-15

    [...] Homefucking kills PRostitution — e13.de [...]

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