Die kranken Häuser
Vorab: Dieser Eintrag ist jetzt zehn Tage alt und wurde ursprünglich als spontane Reaktion auf Stefan Niggemeiers lesenswerten Eintrag “Das Geschäft mit den Bildern” geschrieben. Ich habe ihn vor sich hin simmern lassen, weil ich a) nicht sicher war, ob ich meine “Entjungferung” in Sachen Medienwahrheit hier so schreiben darf und sollte und b) weil sich, wie meist nach einem Eintrag, das kurze, starke Gefühl des “ach komm, was soll’s, interessiert eh keine Sau und ändert sowieso nix” einstellte. Ich habe mich jetzt dafür entschieden, den Eintrag doch noch scharf zu schalten, weil das Fünkchen Hoffnung (“vielleicht liest es ja ein argloser Zuschauer und sieht Nachrichten danach mit anderen Augen”) mal wieder stärker war. (24.11.2009)
Wenn mich Leute fragen, warum ich Medienhäusern, ganz besonders denen, die auf Quote angewiesen sind, so zynisch gegenüberstehe und nicht fernsehen will, kommt als Argument meist entweder ein “Ach so, Du bist so ein Kulturfreak, der nur ins Museum und die Oper geht und klassische Musik hört” oder – meist eher obendrauf noch – das Killerargument “Ja, aber Du mußt doch wissen, was vor sich geht in der Welt!”
Nein. Bin ich nicht und muß ich nicht. Ich gehe höchstens drei- oder viermal im Jahr ins Museum und in der Oper war ich zuletzt 2007. Um zu wissen, was vor sich geht in der Welt reicht mir eine internationale digitale Presseschau per RSS, gemischt aus Zeitungen und Blogs. Den Rest erfahre ich, wie wir alle, durch Osmose – an der Kaffeemaschine im Büro, in der U-Bahn, von Freunden, über Twitter. Ich brauche kein Fernsehen, und wenn Welt.de demnächst tatsächlich Geld für ihr Blabla haben will, werfe ich sie mit Freuden achtkantig aus dem Feedreader.
Früher war das anders. Früher sah ich gern “Heute”, manchmal auch “Tagesschau”, las die FAZ und die Welt und glaubte den Bildern, die mir serviert wurden. Dann folgten rasch nacheinander zwei einschneidende Erlebnisse, die meine Haltung radikal ändern sollten: Es war 1988 und der Computer hielt Einzug in die Verlage, Redaktionen und Ateliers. Adobe Photoshop war geboren. Die Manipulation von Fotos war so alt wie die Fotografie selbst, aber von nun an nicht mehr mit hohen Kosten verbunden und dazu noch verführerisch einfach zu erzielen, weitgehend ohne Spuren zu hinterlassen – jedenfalls im Vergleich zu früher. Und 1992, mit meinem taufrischen Diplom in der Hand, trat ich meinen ersten echten Job an: als Videografikdesignerin in der Nachrichtenredaktion eines großen privaten überregionalen TV-Senders.
Meine Aufgabe bestand darin, die Bilder (“Kacheln” genannt) hinter den Sprechern zu gestalten. In der Regel war das eine Hauptkachel, für die Aufmachernachricht, sowie eine Anzahl von thematisch passenden, recht generisch und damit wiederverwendbaren Kacheln. Die Hauptkachel ergab sich aus der morgendlichen Redaktionssitzung, wenn der Aufmacher besprochen wurde. Solange nichts weltbewegendes mehr dazwischenkam (z.B. Kohl unter einen Bus geriet), würden wir damit abends rausgehen. In meiner ersten Woche war das Thema Nummer eins immer noch der Krieg in Bosnien. Die Serben hatten gerade mit den ethnischen Säuberungen begonnen und Internierungslager eingerichtet. Und unser Aufmacher sollte ein Bild eines solchen Lagers sein. Das Ausgangsmaterial befand sich auf einer MAZ, von der Standbilder genutzt wurden, die dann im Computer (liebevoll HAL genannt) auf mehreren Ebenen miteinander verwoben wurden. Ähnlich, wie es bei Photoshop heute gemacht wird, nur daß es damals im Photoshop noch keine Ebenenfunktion gab, das kam erst später.
Ich bastelte also diese Kachel und bemühte mich um eine realistische und trotzdem würdevolle Darstellung. Nach einer Weile kam der Bildredakteur dazu und meinte “Nee, so geht das nicht. Haben wir kein besseres Material?” Ich sah ihn fragend an. “Die sehen mir noch nicht verhungert genug aus. Da ist kein Drama drin.” Er lachte über meinen schockierten Blick. “Mädel, wir wollen hier kein Kunstwerk fürs Museum schaffen, wir wollen die Leute an den Bildschirm fesseln, daß sie die Finger von der Fernbedienung lassen! Wir brauchen Augenfutter!” Er wühlte in einem Schrank mit MAZen und nudelte eine im Schnelldurchlauf durch, fror ein, zwei Bilder ein und speicherte sie ab. “Hier, ist zwar die falsche Gegend, aber Elend ist Elend. Nimm die drei Skelette aus diesem Bild und kopiere sie bei dem da in den Hintergrund. Mach’s etwas dunkler, dann sieht keiner, daß das Asiaten sind. Ruf mich, wenn du fertig bist.” Meinen Einwand, daß das wohl wenig mit Nachrichten zu tun habe, wischte er vom Tisch. “Nachrichten sind das, was du draus machst.”
Ich tat, wie mir geheißen. Die Kachel wurde gut, wie er es wollte. Ich sah mir die Sendung abends nicht an. Ich habe noch ein Jahr bei dem Sender gearbeitet und viele Nachrichten “passend bebildert”, bevor mich der Burnout erwischte und ich mich schließlich beruflich neu orientierte. Es war das Annus Horribilis der Queen. Ich wette, Windsor Castle hat live nicht so geil gebrannt wie es auf meiner Kachel aussah. Der rassistisch motivierte Anschlag in Solingen sah auf keinem Sender besser und schockierender aus als bei uns. Die durch die Straßen von Mogadishu geschleiften Leichen der U.S. Army Rangers kamen bei uns besonders toll zur Geltung. Ich kann heute noch nicht Black Hawk Down sehen ohne im Geiste die besten Standbilder aus Ridley Scotts Film herauszusuchen.
Ich fühle mich nicht mehr informiert wenn ich Nachrichten gesehen habe – egal auf welchem Kanal. Nur beschmutzt und angewidert. Ich habe genaugenommen nie wieder eine Nachrichtensendung gesehen seitdem, nur noch Elendspornos, produziert mit Material von Dealern wie diesen und gekauft und gesendet von jenen. Bei den Printerzeugnissen sieht es nicht sehr viel anders aus, Manipulation wohin das Auge blickt. Und Online natürlich ebenfalls, da mache ich mir keine Illusionen.
Wollen wir diesen angeblich so notwendigen Torwächtern wirklich die Informationshoheit überlassen? Ich bin froh und glücklich darüber, daß wir alle jetzt irgendwie von der Presse sind und für lau oder ganz kleines Geld veröffentlichen können. Und daß es nun mehr Versionen von der Wahrheit gibt, als uns die etablierten Medien zugestehen wollen. Und ja, es gibt wahrscheinlich mehr Spinner im Netz und mehr Lügen im Netz als im Print oder TV, aber das ist eine Frage der Mathematik: Es gibt ein paar tausend Fernsehsender auf der Welt und ein paar -zigtausend Zeitungen, jedenfalls heute noch. Aber es gibt Millionen von Websites und hunderttausende von Blogs. Klar, daß da auch eine Menge Müll bei ist, das wundert doch wirklich niemanden. Und klar, daß dieser Müll das Netz verstopft und es für Journalisten und Normalsterbliche immer mühsamer wird, sauber zu recherchieren. Mit “mal eben Google anwerfen” ist es nicht getan. Recherchieren, Quellen bewerten, vergleichen und idealerweise verifzieren… all das, was mein naives Herz so an den beiden Watergate-Reportern Woodward und Bernstein, ihrem genialen Chefredakteur Ben Bradlee und seiner mutigen Verlegerin Katherine Graham bewundert hat und als Maßstab für journalistische Sorgfalt und Ethik gelten sollte, das gibt es heute offenbar nicht mehr. Klar, wie auch, es gibt auch keine Bradlees und Grahams mehr.
Doch das Schöne an diesem “Online” ist, daß es Watchblogs und aufmerksame Leser gibt, die sich nun Gehör verschaffen können. Dank der Echtzeitkommunikation bleibt keine fette Lügenstory sehr lange unwiderlegt. Ein schwacher Trost, aber auch ein zartes Pflänzchen, dieses Stück Unabhängigkeit, das ja auch prompt von den Print- und TV-Machern unter Dauerbeschuß geraten ist.
Kategorie: Kommerz, Medien | Tags: Fernsehen, Glaubwürdigkeit, Journalismus, Medien Kommentare deaktiviert
