Wo warst Du am 9. November 1989?

Cem und viele andere schreiben gerade ihre Memoiren, oder zumindest das auf, was sie von ihrem Tagesablauf am 9. November 1989 noch erinnern.

Ich kann das nicht so genau beantworten, wo ich damals war und was ich gerade gemacht habe. Ich erinnere mich eher an den 30. September 1989. Da war ich gerade auf Sylt, hatte Herbstferien und arbeitet wie im Fieberwahn an meiner Semesterabschlußarbeit. Ich studierte damals im 4. Semester Grafikdesign und frickelte mit Letracopy, Typometer, Skalpell, Ziehfeder und Deckweiß (simulierte Blindprägung) auf Reinzeichenkarton 4G einen Hochglanzprospekt für ein Kosmetikunternehmen zusammen. Im Hintergrund lief irgendwas im TV und ich fluchte über das trübe Licht der Eßzimmertischlampe unserer gemietete Wohnung, daß mein Doppeltesaklebeband alle war und darüber, daß der Rest der Familie langsam essen wollte und ich ergo “endlich den Wohnzimmertisch freischaufeln” sollte.

Als Genscher gegen 19 Uhr auf den Balkon der Prager Botschaft trat, war meine Laune entsprechend auf dem Nullpunkt. Als zu mir durchdrang was sich da gerade ereignete, war ich ziemlich sprachlos. Der Rest der Familie auch, das Abendessen verlief irgendwie sehr schweigsam. Jeder dachte nur “das gibt’s doch nicht.” Es gab Schnittchen, dazu Cornichons und Weintrauben. Die Tage bis zum 9. November (und auch die danach) verbrachten wir ziemlich durchgehend vor dem Fernseher, haben uns riesig gefreut und endlose Nächte debattiert, das ist alles ein einziger Bilderrausch, den ich nicht mehr auseinanderhalten kann. Ich kannte West-Berlin, New York, Rio, Tokyo und fand mit verbundenen Augen Maui, Hawaii auf dem Globus. Leipzig, Dresden, Magdeburg waren für mich weiter weg als der Fra Mauro Krater. Ossis waren Aliens, was mich betraf.

Den Dummy des Prospekts habe ich noch, als eines der ganz wenigen handverlesenen Überbleibsel meiner fürs Studium angefertigten Werke. Inzwischen war ich in Leipzig, Schwerin und Meck-Pom. Ich habe in den letzten zwanzig Jahren mit Kollegen aus allen Bundesländern zusammengearbeitet. Von manchen erfuhr ich erst nach Monaten, daß sie “von drüben” sind. War aber irgendwie auch egal.

Das sind ganz normale Leute da.

Kategorie: Befindlichkeitsbloggen | Tags: , Kommentare deaktiviert

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