Wo liegt das Problem?
Vor ein paar Monaten war es bereits einmal Thema; Welt Online griff es diese Woche wieder auf und SpOn hat nun heute erneut von einem “Problem” gesprochen: Was, wenn die Ergebnisse der Exit Polls vor Schließung der Wahllokale schon über Twitter bekanntgegeben werden und bis dato noch unentschlossene Wähler mobilisieren? Das soll dann Wahlmanipulation sein.
Bin ich jetzt zu blöd um das zu verstehen, oder ist das ein Haufen gequirlter Hühnermist? Die Exit Polls sind hochgerechnete Stichproben und es könnte theoretisch jedermann selbst eine solche mit Mikro und Kamera oder Stift und Papier vor seinem Wahllokal durchführen und veröffentlichen. Wer bis eine Stunde vor Toresschluß noch nicht gewählt hat, wird sehr wahrscheinlich auch nicht mehr hingehen, insofern dürften da keine erdrutschartigen Verschiebungen mehr stattfinden. Glaubt hier wirklich jemand, da sitzen Heerscharen von noch nicht entschlossenen Wählern gebannt vor Twitter und stürzen dann auf Kommando an die Urnen, um doch noch das Zünglein an der Waage zu spielen?
Aber selbst wenn – wo liegt denn der gravierende Unterschied zu einer Prognose vom Wahlmorgen oder -vorabend? Und es ist ja nicht so, als würde man hier Kinder, Hunde und andere nicht wahlberechtigte Wesen an den Haaren an die Urnen schleifen. Jeder Wahlberechtigte hat das Recht, seine Stimme bis zum Schluß abzugeben und sich bis zum Schluß über die Wahl Gedanken zu machen und natürlich auch die Partei zu wählen, die ihm seine Stimme wert ist. Es ist egal, ob ihn seine Frau bekniet, den Allerwertesten von der Couch zu heben und wählen zu gehen oder jemand aus seiner Twitter Timeline.
Auch nicht ganz unrecht hat übrigens noidea_hh, der die Frage aus einem etwas anderen Blickwinkel stellt:
Die Parteien haben Angst vor diesem Internet und seinen Bewohnern, weil sie es nicht verstehen. Und die menschliche Reaktion auf Dinge, vor denen wir Angst haben, lautet meist “mach’ es tot!”. Also totschweigen, wenn das nicht geht verteufeln und mit Dreck bewerfen, es lächerlich machen, versuchen, es im Keim zu ersticken oder wenn möglich schlicht und einfach verbieten. Das wird mit dem Netz nicht funktionieren, denn Menschen reden nun einmal gern miteinander, teilen sich mit und tauschen sich aus. über Belangloses, über Gehaltvolles, über Produkte, über Erlebnisse, über Träume und Wünsche, über Kinder, Jobs, Sport und manchmal auch über Politik. Sie tun das im Café, am Brunnen, in der Flughafenlounge, im Bus, im Park, am Telefon und im Internet. Und je verbotener das Thema, desto heißer das Getuschel. “Deal with it”, wie die Amerikaner sagen. “Kommt damit klar.”
Kategorie: Medien, Politik | Tags: Medien, Twitter, Wahlen Kommentare deaktiviert

