Schwatzbacken gegen Nerds 2:0

Diese Woche war Dirk Hillbrecht, seines Zeichens Vorsitzender der Piratenpartei Deutschland zu Gast auf Phoenix, dem Reportage- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF. In der Talkshow “Unter den Linden” trat er im Gespräch zum Thema “Unter Piraten – Wem gehört das geistige Eigentum?” gegen Prof. Rupert Scholz (CDU) an und wurde von Scholz und dem Moderator (der diese Bezeichnung nun wahrlich nicht verdiente) nach allen Regeln der Kunst medial abgeschlachtet. Den dreisten Lügen, Tatsachenverdrehungen und Angriffen auf unterstem Niveau hatte Hillbrecht schicht nichts entgegenzusetzen. Wer sich selbst ein Bild von diesem Massaker machen möchte, findet die Aufzeichnung der Sendung bei Phoenix in der Mediathek oder bei YouTube in voller Länge.

Ähnlich erging es Franziska Heine, die die berühmte Online-Petition gegen das vergangene Woche vom Bundestag abgesegnete Zensurgesetz unter dem Deckmäntelchen des Kampfes gegen Kinderpornographie für ZEIT ONLINE zusammen mit Ursula v. d. Leyen interviewt wurde und dabei von “Zensursula” mit Unterstützung völlig passiver Interviewer vorgeführt wurde. Hier das Interview in voller Länge; es wird morgen in der gedruckten Zeit gekürzt erscheinen – mit einer kleinen, aber bedeutenden Änderung in der Unterzeile der überschrift: Den Lesern der gedruckten Zeit wird dadurch suggeriert, Frau Heine und die Unterzeichner der Petition kämpften für Kinderpornographie – eine Unterstellung, die Frau von der Leyen übrigens erneut in perfider Art und Weise im Interview in den Raum stellte.

Nach wütenden Protesten hat ZEIT ONLINE Redakteur Kai Biermann angekündigt, dieses bedauerliche Missverständnis werde in der kommenden Woche in der gedruckten ZEIT richtiggestellt. Doch der Schaden ist wohl angerichtet.

Was zeigen diese beiden aktuellen Beispiele vom Umgang der “Nerds” und der “Schwatzbacken” miteinander?

Das Problem ist, daß die Nerds die Politik zu lange den Schwatzbacken überlassen haben. Denen, die nix, aber auch gar nix können außer mit fantastischer Rhetorik und erstklassiger Fönwelle all die Leute beeindrucken, die nicht mit Fakten belästig werden möchten – solange das Unterhaltungsprogramm stimmt. Die Sorte die schon Schulsprecher war, weil die Nerds ihnen netterweise die Hausaufgaben gemacht haben oder sie abschreiben ließen, nur um in Ruhe gelassen/nicht verprügelt/zur Party eingeladen zu werden. Diejenigen, die wissen, daß derjenige Recht bekommt, der am lautesten schreit, auch wenn er lügt wie gedruckt und mit erfundenen Zahlen um sich wirft.

Dirk Hillbrecht und Franziska Heine sind ganz offensichtlich zu gut erzogen und/oder zu schüchtern um ihre Gesprächspartner zu unterbrechen und definitiv nicht erfahren genug um zu wissen, daß derjenige vom Showmaster a.k.a. Moderator die meiste screentime bekommt, der die beste Show abliefert. Deswegen wurden sie vorgeführt von Schwatzbackenprofis und ihren Steigbügelhaltern, den Moderatoren bzw. “Journalisten”. Im Amerikanischen würde man das als “shooting fish in a barrel” bezeichnen – Fische in einem Fass erlegen. Keine große Kunst, keine nennenswerte Gegenwehr.

Die Piraten sollten sich nun also ratzfatz ein paar Miet-Schwatzbacken ans Bein binden, welche für sie diese politische Drecksarbeit machen: indem sie gegen die Schwatzbacken der anderen Parteien in den Ring steigen und den Holzmedienvertretern eine quotenträchtige Show liefern. Dabei laufen die Piraten allerdings Gefahr, nicht nur dem Feind immer ähnlicher zu werden und den Rückhalt in den eigenen Reihen zu verlieren (was die Grünen schwer beschädigt hat), sondern auch ihre Macht aus den Händen zu geben.

“Welche Macht denn bitte?” höre ich Euch fragen. Klar, 0,9% bei einer Wahl, die eine verschwindend geringe Wahlbeteiligung hatte und bei der es nach Ansicht einiger “um nichts ging” ist nicht viel. Aber das Problem bei Schwatzbacken ist, daß sie zwar keine Substanz haben, aber welche erkennen wenn sie sie sehen und vor ihr Angst haben. Und Menschen die Angst haben sind gefährlich. Ein ähnlich hoher (oder sogar höherer) Wert nach der Bundestagswahl wäre ein Affront für die etablierten Parteien.

Dem bleibt wenig hinzuzufügen.

Kategorie: Medien, Politik, Privatsphäre, im Netz | Tags: , Kommentare deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.

Zurück nach oben