„Ich war als Kind schon scheiße.“
Sollte man Kunst für sich betrachten und vom Künstler trennen können? Geht das überhaupt? Oder sind beide untrennbar miteinander verwoben? Neulich noch schrieb ich „mir doch egal, wenn der Autor ein Nazi war. “ Und das meine ich auch so. Es gibt Millionen Bücher, die einfach umwerfend gut sind und von absoluten menschlichen Nullnummern geschrieben wurden. Es gibt Millionen Musikstücke, die von Arschlöchern erster Güteklasse fabriziert wurden, nicht selten unter Drogen. Wie jemand mal sagte: „Heroin ist scheiße, okay. Aber ohne wäre mein Plattenschrank ziemlich öde und leer.“ In der Rapmusik brüsten sich nicht wenige Künstler mit echten oder fürs Image erfundenen Schießereien und Bad Boys Atttüden; bei einigen Rappern scheinen Frauenverachtung oder ein Knastaufenthalt die Einstiegsbedingung für einen Hit in den Charts zu sein. Wer sich ein bisschen durch die Geschichte und Gegenwart Hollywoods liest, kriegt Würgereflexe, wenn er Näheres über das Privatleben so manchen oscarprämierten Filmemachers lernt und darüber, wie nicht wenige Filme unter absurdesten Bedingungen entstanden sind. Die meisten Regisseure sind unerträglich aufgeblasene Egomanen, und bei Schauspielern ist das wahrscheinlich eine Grundvorausetzung, um überhaupt auch nur eine Rolle in einem Werbespot zu bekommen. David Lean hat angeblich seine Crew und Besetzung grundsätzlich zur Verzweiflug und an den Rand der Meuterei gebracht. Über den Wahnsinn von Coppolas Dreharbeiten zu Apocalypse Now hat seine Frau eine ausgezeichnete Dokumentation gedreht. Hitchcock verglich seine Schauspieler mit Vieh und überraschte seine Gattin schon mal mit einer lebensechten Nachbildung seines Kopfes, drapiert auf einem Silbertablett im Kühlschrank. Woody Allen hatte ein Verhältnis mit seiner Stieftochter und hat sie schließlich geehelicht, da war sie immerhin schon volljährig.
Musiker, Maler, Regisseure, Schauspieler aller Couleur und in jedem Zeitalter waren fast durchgängig auch Alkoholiker, drogensüchtig, promisk, psychisch krank oder schlicht ganz normale Charakterschweine. Roman Polanski ist ein großartiger Künstler, wenngleich menschlich ganz offensichtlich nicht wirklich aus der obersten Schublade. Lindsay Lohan kenne ich nur aus dem Ensembledrama Bobby, wo sie mir sehr gut gefiel. Ansonsten säuft sie sich gerade ins Koma oder tut zumindest so als ob. Tom Cruise ist Scientologe und dreht nicht nur fabelhaftes Actionkino sondern läßt auch die Ausscheidungen seiner Tocher vergolden. Vielleicht braucht es Leute mit einem satten Sprung in der Schüssel um Kunst zu produzieren. Vielleicht bekommt man den Sprung auch erst dann, wenn man Kunst produziert. Und wo und wie und warum zieht man die Grenze? Verhaltensweisen, die vor Jahrzehnten kaum ein Augenbrauenzucken hervorgerufen hätten und als völlig akzeptabel und normal galten, kommen heute gesellschaftlichem Selbstmord gleich. Aber mir ist das immer noch schnurz. Jeder von uns ist mehr als nur jeder von uns. Wie kann ich Empathie und Bewunderung für Dr. House empfinden, auf dessen charakterlichen Macken und politisch inkorrekten Verhaltensweisen die ganze Serie beruht – und dann gleichzeitig mit Abscheu einen Film von Mel Gibson boykottieren, weil der das nicht geringe Kunststück fertig gebracht hat, Juden, Schwarze, Frauen und Schwule in ihrer Empörung zu einen indem er sie alle gleich übel beleidigt hat? Sollte ich das nicht trennen bzw. trennen können?





