Bücherstöckchen, Sonderausgabe II: Gedruckt oder als Pixel?
Ich bin lesesüchtig. Ich liebe Buchstaben, kann mich an Worten berauschen, kann keinen Tag verbringen ohne zu lesen, werde nervös, wenn ich kein Buch in der Tasche habe. Das war schon immer so. Wenn alle Stricke reißen, lese ich eben die Inhaltsangabe auf der Cornflakespackung, ich kann nicht anders. Ich kann Tage und Wochen zubringen, ohne einen Menschen zu sehen oder mit jemandem zu telefonieren, ohne daß es mir auch nur auffallen würde. Aber zu wissen, ich habe nichts zu lesen dabei – das treibt mir den Angstschweiß auf die Stirn. Ich bin ein Lesejunkie. Die schlimmste Strafe als Kind war, wenn Mama das Leseverbot verhängte. Falls ich jemals in den Knast kommen sollte, käme ich vermutlich problemlos und auf gefühlt halber Arschbacke über ein zweifaches Lebenslänglich hinweg, so lange die Gefängnisbibliothek ergiebig genug wäre. Und ich liebe Bücher. Eines der geflügelten Worte meiner Kindheit war „Bücher sind Freunde“, zum ersten Mal von meiner Mutter vernommen, als ich als sehr kleines Kind wutentbrannt ein Buch vom Tisch fegte (vermutlich weil es zu Ende war). „Und Freunde behandelt man mit Respekt.“ Ich bin nicht auf Facebook, aber ich habe ziemlich viele Freunde.
Das erste Buch, das ich auf dem Computer las, war Douglas Adams’ The Hitchhikers Guide To The Galaxy, ca. 1990. Es kam auf einer über 30 DM teuren Floppy Disc. Ich hatte das Buch bis dato noch nicht gelesen und war insgesamt eher unterwältigt, sowohl was das Leseerlebnis am Bildschirm, als auch was den Inhalt betraf. Ich konnte das Buch nicht in der Badewanne lesen, nicht im Bett, nicht im Bus, nicht am Strand, nicht in der Mittagspause. Es lag fest auf meinem Mac zuhause. ‘Was für eine Schnapsidee’, dachte ich bei mir. Und das bei diesem Titel! Nie wieder e-Books, das war mal klar. Auch die Haptik des gedruckten Buches fehlte mir zu sehr. Ein e-Book, das war weder Fisch noch Fleisch.
Etwa zehn Jahre später besaß ich einen Palm Vx und war einer der vermutlich drei zahlenden Abonnenten von Stephen Kings The Plant. Ich las gerne Stephen King (kaum jemand schreibt farbenfroher über Kindheiten), und er hatte dieses Shareware-Experiment gestartet: Er würde in festgelegtem Rhythmus die Kapitel eines neuen Buches veröffentlichen und zum kostenlosen Download anbieten, aber nur so lange es genügend Leute gab, die freiwillig einen kleinen Obolus entrichteten. Nach vier oder fünf Folgen war klar: Niemand fühlte sich fürs Bezahlen zuständig, aber Tausende hatten regelmäßig die Kapitel heruntergeladen. Die Geschichte war auch wirklich gut, aber offenbar nicht soooo gut, daß man dafür zwei Dollar bezahlen wollte. Das Leseerlebnis selbst war auf dem Palm natürlich ebenfalls grottig. Der Bildschirm war winzig, die Auflösung förderte Kopfschmerzen, in die Badewanne habe ich mich damit auch nicht getraut (obwohl mir in den letzten 42 Jahren noch nie ein Buch ins Wasser gefallen ist!), aber wenigstens konnte man das Teil jetzt mitnehmen und unterwegs benutzen. Andererseits las ich einfach zu schnell, und die Kapitel waren zu kurz. Der Zwischenstand lautete: Gedrucktes Buch: 2, e-Books: Null. (Mit Hörbüchern kann ich mich einfach nicht anfreunden. Ich lese gern selbst.)
Auf dem iPhone lese ich seit über zwei Jahren regelmäßig meinen Feedreader leer und blättere in den mobilen Versionen der Websites von SpOn, FAZ, sz, FTD, Guardian, NYT u.a. Ich möchte das nicht mehr missen, immer unterwegs ein Häppchen lesen zu können und gleichzeitig informiert zu sein. Obwohl die Lesebrille inzwischen nicht mehr optional ist… das iPhone ist einfach zu klein für gesundes Lesen. Aber Bücher? Bücher gab es bislang nicht auf dem iPhone.
Jetzt habe ich ein iPad, und das kommt mit diversen Möglichkeiten, richtige Bücher in einem augenfreundlichen Format zu lesen. Zum einen gibt es den Apple iBook Store, mit kostenloser App. Das Leseerlebnis damit ist ziemlich gut, auch wenn es nicht an den des gedruckten Buches herankommt, aber auf jeden Fall das bislang beste, was ich an e-Readern gesehen habe. Leider gibt es kaum Titel dort drin (im US Store sind es ein paar mehr), was sich aber wahrscheinlich in absehbarer Zeit ändern wird.
Dem gegenüber steht Amazons Kindle Store, mitsamt der kostenlosen App. Dort bekommt man im US Store allerdings fast jedes englischsprachige Buch. Einen deutschen Store gibt es noch nicht, soweit ich sehen konnte. Kommt sicher bald. Amazon ist bei einigen Titeln etwas teurer und das Leseerlebnis ist nicht so schön wie mit der iBook App von Apple. Da ich jedoch in erster Linie auf den Inhalt achte, hat Amazons Angebot an e-Books bei mir noch die Nase vorn. Bei beiden gibt es übrigens die Angebote des Projekts Gutenberg zum kostenlosen Download. Das sind ein paar Tausend Titel von Klassikern und obskuren Werken, für die das Copyright abgelaufen ist und die sich nunmehr in der Public Domain befinden, wie z.B. Mark Twains Tom Sawyer und Huckleberry Finn oder die kompletten Werke von William Shakespeare. Man kann damit ausgezeichnet über die Runden kommen und etwas für Spaß und Bildung tun, ohne ein Vermögen für Bücher loszuwerden.
Und sonst? Es gilt immer, die Vor- und Nachteile abzuwägen: Positiv vermerke ich, daß ich nun eine ganze Bibliothek mit in den Urlaub nehmen kann, ohne mich kaputtzuschleppen. Ich erinnere mich an die heißen Tränen vor jeder Urlaubsreise früher, auf die ich jeweils nur ein Buch mitnehmen durfte – welches bei meinem Lesehunger und meiner Lesegschwindigkeit meist schon ausgelesen war, bevor das Flugzeug vom heimatlichen Boden abgehoben hatte. Die Entscheidungen immer! Als ob man wählen mußte, welches seiner Kinder man am liebsten hat! Diese Zeiten sind glücklicherweise endgültig vorbei. Allerdings konnte mein Sitznachbar letzte Woche seine Zeitschrift noch bis zur Landung lesen, lange nachdem die „Bitte anschnallen, Rückenlehnen senkrecht stellen, Tischchen hochklappen und alle elektronischen Geräte ausschalten“-Durchsage gelaufen war. Und auch am Strand oder in der Badewanne greife ich immer noch lieber auf das gedruckte Buch zurück. Auch zum Mücken klatschen eignet sich eine dicke Bestsellerschwarte besser, jedenfalls solange keine gerollte Zeitschrift zur Hand ist. Das iPad ist eine tolle Ergänzung, wird für mich aber niemals ein Ersatz für das gedruckte Buch werden.

