Bei MC Winkel fand ich das neue Video zur Haiti-Auflage von We Are The World.
Damals bei Band Aid habe ich noch daran gegalubt, daß die Aktion wirklich etwas bringen könnte. Und zwar beim eigentlichen spontanen get-together der (UK)-Pop-Titanen der damaligen Zeit, “Do They Know It’s Christmas”. Sehr lesenswert übrigens die Autobiografie von Sir Bob Geldof, wo er genau das Dilemma beschreibt, das in Winkelsens Kommentarecke auch schon angesprochen wurde. Er selbst (und seine Band, die Boomtown Rats) war zu jener Zeit de facto tot und vergessen und die Charts gehörten Duran Duran, Spandau Ballet, Kajagoogoo und Konsorten. Aber Geldof war auch klar, daß es nicht darum ging, wer hier künstlerisch wertvolle Musik machte sondern wer die meisten Platten verkaufte und damit wahrscheinlich auch die meisten Leute bewegen konnte, zu spenden. Und Live Aid war ein halbes Jahr später deshalb so aufregend, weil es das erste Konzert seiner Art war, weltweit über Satellit übertragen und wir haben damals wirklich alle geglaubt, es würde etwas bewegen und nutzen. Funny ol’ world, innit?
Als die Amis dann etwas später mit ihrer eigenen Nummer USA for Africa und “We are the World” nachzogen, wurde dieser Gedanke natürlich beibehalten. Im damaligen Lineup finden sich zwischen den Giganten des Showbiz wie Michael Jackson, Bruce Springsteen oder Bob Dylan auch eine Menge musikalischer Eintagsfliegen, die aber eben eine Menge Platten verkauften zu ihrer damals besten Zeit. Und es ging ja auch nur ums Verkaufen dieser Platte, damit der Hilfszweck erfüllt werden konnte. Radiomoderatoren haben einem in den Song gequatscht, damit niemand den Song auf Cassette mitschnitt, oder wenigstens dann hinterher ein schlechtes Gewissen hatte… man sollte die Platte kaufen und spenden. Das ist natürlich heute nicht mehr machbar – wer den Song für lau will, streamt ihn sich und schneidet halt mit.
Ich finde die neue Version rein musikalisch nicht besonders gelungen und fände es besser, wenn sie einen neuen Song aufgenommen hätten. Michael Jackson hätten sie auch weglassen können, die ganzen Rapper können nicht singen und sollten dann auch keine Stimmenverfremder benutzen, das ist nur peinlich. Bob Dylan kann auch nicht singen, aber ich bezweifele, daß jemandem bei Lil’ Waynes Auftritt ähnliche Schauer den Rücken hinuntergelaufen sind wie mir damals, als Dylan seine Zeilen krächzte. (Oder wenigstens aus denselben Gründen…) Enrique Iglesias finde ich insofern nicht schlimmer oder besser als die anderen; wirklich singen können die allerwenigsten (Celine kann man mögen oder nicht, aber sie hat wenigstens Stimme und verkauft Platten) und echte Präsenz hat auch kaum jemand der Beteiligten.
Die Star-Dichte und -Qualität war vor 25 Jahren um Klassen höher muß ich sagen, und schön war auch, daß es wirklich quer durch alle Genres ging: es zählte nur, ob jemand erfolgreich Platten verkaufte. So fanden sich Folksinger wie Paul Simon neben Rockstars wie Tina Turner, Soul-Legende Diana Ross neben Pop-Sternchen Cindi Lauper oder Country-Sänger wie Willie Nelson neben Stadionrockern wie Steve Perry von Journey wieder. Das vermisse ich in der neuen Fassung etwas; allerdings muß ich auch gestehen daß ich kaum noch aktuelle Musik höre, kein TV sehe und daher wahrscheinlich nur sehr wenige Musiker überhaupt erkannt habe, womit ich sicher nicht alleine bin. Und natürlich ist es heute schon schwieriger, Millionen Platten zu verkaufen und seinen Ruhm länger als die berühmte Viertelstunde aufrechtzuerhalten. Insofern ist das neue Projekt eine interessante Momentaufnahme.
Beim Ausmisten meines Bücherschranks habe ich mich in alten Reiseführern festgelesen. Ein paar schöne Zitate aus dem dtv MERIAN Reiseführer Berlin (4. aktualisierte und überarbeitete Ausgabe Juni 1989) möchte ich Euch nicht vorenthalten:
Reisezeit und Klima: Es scheint manchmal, als sei es in Ost-Berlin kälter als in West-Berlin, besonders auf dem riesigen Alexanderplatz oder in den großen Straßen der Neubaugebiete. Das kommt daher, daß der Wind heftiger weht, es sind keine Ecken und verwinkelten Straßen da, um ihn aufzuhalten. Wettervorhersage: Tel.: 162
Sprache: Was bei uns ein “Supermarkt” ist, nennt sich in Ost-Berlin “Kaufhalle”. Jugendliche benutzen häufig Ausdrücke wie “einwandfrei” oder “das fetzt”.
Treffpunkte: Wenn Sie Ostberliner treffen wollen, können Sie zu den Fußballspielen des FC Union gehen, dessen Fans Sie an ihrem ziemlich gammeligen Aussehen und den rot-weiß-gestreiften Hemden und Schals erkennen.
Junge Leute: In Ost-Berlin werden Sie vergeblich Folklore-Schuppen und Diskotheken suchen. In der DDR geht der Jugendliche zum “Jugendtanz”. […] Die Ausstattung der Räumlichkeiten ist weniger poppig, die Licht- und Phontechnik ist mit der westlicher Beatschupppen nicht vergleichbar.
Kinder: [Im Pionierpark Ernst Thälmann] kommen Kinder vor allem in Arbeitsgemeinschaften zusammen. Wenn sie zehn Jahre alt sind, können sie auf der Eisenbahn eine halbjährige Ausbildung zum Schrankenwärter, Streckenläufer oder Zugschaffner absolvieren.
Nachtleben: Ost-Berlin hat kein nervenzerfetzendes Nachtleben. Harten Porno, schummrige Sex-Klubs, Peep-Show und Striptease werden Sie hier vergeblich suchen.
Ich sehe meinem Besuch auf der re:publica mit banger Vorfreude entgegen.
Die kleine Nebenstraße in der ich wohne ist, wie fast alle kleinen Nebenstraßen in Hamburg, komplett vereist. Sie gleicht momentan einer Kitzbühler Buckelpiste, auch weil sie leicht abschüssig verläuft und eine sanfte Kurve beschreibt. Das Ein- und Ausparken gestaltet sich für die Autofahrer also zum Risikosport (unser Gehweg ist allerdings vorbildlich geräumt bzw. gestreut, da gibt es nichts zu meckern).
Von Zeit zu Zeit höre ich daher seit Wochen vom Schreibtisch aus das Geräusch durchdrehender Autoreifen, gefolgt von dem Gebrüll oder Gefluche kurz darauf durchdrehender Autofahrer. Gestern hielt diese Geräuschkulisse länger an als üblich und ich unterbrach ohne großes Bedauern meine Arbeit und begab mich auf den Balkon, um mir ein Bild zum Ton des Dramas zu machen. Unten stand der Transporter eines Klempners halb in der Parklücke, halb auf der Straße und kam offensichtlich trotz angestrengten wiederholten und lauten Gasgebens nicht vom Fleck. Nach einer Weile gelangte der Fahrer zu der Einsicht, daß die bisherige Taktik in absehbarer Zeit nicht zum gewünschten Ziel führen würde und beorderte seinen in einen dünnen Klempneroverall gewandeten und daher ziemlich bibbernden Lehrling aus dem Wagen und ans Heck zum Anschieben. Der Meister gab Gas, der Lehrling schob, aber der ersehnte Effekt trat nicht ein. Inzwischen hatte sich hinter dem die Straße blockierenden Wagen eine kurze Schlange aus wartenden Autos gebildet, deren Fahrer geduldig die Motoren abgestellt hatten und der kommenden Ereignisse harrten.
Ich hatte inzwischen ziemlich kalte Füße, schloß die Balkontür, machte mir einen heißen Latte Macchiato und hüllte mich dann erst einmal in meinen Parka und dicke Stiefel, bevor ich wieder hinaustrat um die Fortsetzung des Dramas zu verfolgen. Unten hatte sich unser Hausmeister zum inzwischen dampfenden Lehrling gesellt, und gemeinsam versuchte man, den Wagen aus der Parklücke zu schieben während der Meister weiter Gas gab.
Nichts passierte.
Der Geduldsfaden des ersten Wartenden riß ab und ein Mann schälte sich aus seinem Audi, eierte vorsichtig die vereiste Straße hinab und half nun ebenfalls, mit anzuschieben. Aber der Wagen wollte nicht. Zwei weitere Wartende kamen, ebenfalls wie auf rohen Eiern balancierend, die Straße hinunter, schimpften laut und schoben mit an, aber der Wagen rührte sich nicht.
Mein Kaffee war alle, mir wurde trotz Parka kalt und ich beugte mich daher über die Balkonbrüstung und rief hinunter, sie mögen es doch einmal mit einem Paar Fußmatten vor den Antriebsrädern versuchen. Sechs Augenpaare starrten zu mir hoch. Der Lehrling zerrte die Fußmatten aus dem Transporter und nach kurzer Zeit war die Kiste frei und rumpelte die Straße hinunter. Einer der Wartenden schüttelte verlegen grinsend den Kopf. Ich machte mir noch einen Kaffee und begab mich seufzend wieder an die Arbeit.
Männer sind manchmal schon komischseltsam unglaublich.