Noch ein paar Worte zur Schulreform
Das Volk hat gesprochen, die Schulreform in Hamburg ist geplatzt. Ich für meinen Teil bin sehr froh darüber, aus verschiedenen Gründen. Andere sprechen von Klassenkampf, noch wieder andere entblöden sich nicht zu behaupten, „der elitäre Rassismus hat heute in Deutschland gesiegt” oder faseln von deutschem Blut. So viel hasserfüllte Verblendung ist schwer zu ertragen, finde ich. Eine Elite ist per Definition eine kleine Minderheit. Wie eine kleine Minderheit eine deutliche Mehrheit bei einer Volksabstimmung gewinnen kann? Äh, ja. Genau. Das geht natürlich nicht, aber wozu mit Fakten verwirren? Die breite Mitte hat gegen die Schulreform gestimmt, anders wäre eine Mehrheit nicht zustande gekommen.
Daß es viele Nationen aber keine verschiedenen Rassen unter den Menschen gibt, sollte sich eigentlich inzwischen herumgesprochen haben. Aber mit Reizworten wird man wahrscheinlich seinen Frust besser los; auch ich bin nicht völlig frei davon und gönne mir gelegentlich meine polemischen fünf Minuten im Provo-Modus (Stichwort: Primatenschultweet). Schwarz-Weiß-Malerei geht ja so viel schneller und einfacher als ein differenziertes Bild in vielen Schattierungen zu zeichnen. Der Frust sitzt tief, teils sogar zurecht.
Allerdings auf beiden Seiten des Grabens, denn wer jetzt glaubt, die Befürworter ließen die Champagnerkorken knallen, hat nicht richtig hingesehen. Niemand ist glücklich mit dem Status Quo. Eine Reform des Schulsystems muß her, das ist klar. Ich befürworte die Stadtteilschulen. Ich wäre auch sehr für das gemeinsame Lernen, allerdings bis zur 9. bzw. 10. Klasse und nicht nur bis zur siebten. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, daß es die Schüler weniger traumatisiert, mitten in der Pubertät, wenn sich der heranwachsende Mensch ohnehin permanent im körperlichen und seelischen Ausnahmezustand befindet, aus ihrem Freundeskreis gerissen und sozusagen umgetopft zu werden.
Die Schulreform, so, wie sie zur Abstimmung stand, war nicht Fisch und nicht Fleisch. Es war ein fauler Kompromiss, bei dem niemand etwas gewonnen, der allerdings viel Geld für Showeffekte verblasen hätte. Den Eltern die Mitbestimmung über die Zukunft ihrer Kinder komplett zu verweigern und ausschließlich den Lehrern an die Hand zu geben war natürlich ein Schuß in den eigenen Fuß. Und es gibt keinerlei empirischen wissenschaftlichen Belege für den Erfolg der Primarschule. Es gab und gibt vor allem keinerlei gesundes Finanzierungsmodell für das Projekt, und das war der Hauptgrund dafür, daß ich gegen diese Reform gestimmt habe. Es gab allerdings eine seitens des Senats mit 200.000 € finanzierte, nichtssagende Plakatkampagne, wobei sich offengestanden die Kampagnen aller Beteiligten völlig idiotisch fand: „Wir wollen lernen“ der Reformgegner (das gilt ja wohl für alle) vs. „Geben wir unseren Kindern mehr mit als gute Worte – zum Beispiel guten Unterricht“ der Bürgerschaft (ein Schlag ins Gesicht aller Lehrer und Schulen, die sich seit Jahren genau darum bemühen und denen meist zuerst die Mittel zusammengestrichen werden, wenn mal wieder „über unsere Verhältnisse“ gelebt wurde). Die LINKE schickte „ Deine Stimme für meine Zukunft“ ins Rennen und die FDP forderte „besserer Unterricht für alle Kinder“ – lauter austauschbare, nichtssagende Slogans. Die Plakatkampagnen waren auf allen Seiten einfach unterirdisch schlecht.
Dieses Projekt war nicht nur meiner Meinung nach offensichtlich integraler Bestandteil des Koalitionsvertrags zwischen Schwarz und Grün. Die Grünen schlucken die bittere Pille namens Kohlekraftwerk Moorburg, die Schwarzen segnen im Gegenzug das Lieblingsprojekt der Grünen, die Schulreform ab. Die Wähler beider Parteien sind natürlich die Verlierer bei dieser Kungelei, aber hey, das ist Demokratie; trotz aller Macken immer noch das beste politische System das wir haben. Und dank des Demokratiewerkzeugs Volksabstimmung haben sich die Wähler dann ja auch am Sonntag laut und deutlich geäußert. Wie teuer dem Senat die Kinder in Hamburg sind, hat er ja gerade erst mit der saftigen Erhöhung der KiTa Gebühren um 100€ demonstriert. Nicht wenige Eltern werden auch aus Unmut über diese Erhöhung gegen die Schulreform gestimmt haben.
Ein meiner Ansicht nach sehr trauriger Fakt ist, daß viele Betroffene (ca. 15% aller Hamburger, über 200.000 Menschen) gestern leider nicht mit abstimmen durften, weil sie keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Natürlich ist nicht gesagt, daß das Abstimmungsergebnis sehr viel anders verlaufen wäre (ich für meinen Teil glaube es nicht), aber gesünder wäre es schon für die Demokratie, wenn Menschen, die in unserem Land Steuern zahlen, arbeiten und wohnen und ihre Kinder auf unsere Schulen schicken auch ihre Stimme in Wahlen und Volksentscheiden abgeben dürften. Es ist nämlich auch ihr Land. Wir sind glücklicherweise inzwischen ein Einwanderungsland, ob es den Neocons und Ewiggestrigen nun passt oder nicht.


