Category: Politik


Noch ein paar Worte zur Schulreform

Juli 20th, 2010 — 9:31am

Das Volk hat gesprochen, die Schulreform in Hamburg ist geplatzt. Ich für meinen Teil bin sehr froh darüber, aus verschiedenen Gründen. Andere sprechen von Klassenkampf, noch wieder andere entblöden sich nicht zu behaupten, „der elitäre Rassismus hat heute in Deutschland gesiegt” oder faseln von deutschem Blut. So viel hasserfüllte Verblendung ist schwer zu ertragen, finde ich. Eine Elite ist per Definition eine kleine Minderheit. Wie eine kleine Minderheit eine deutliche Mehrheit bei einer Volksabstimmung gewinnen kann? Äh, ja. Genau. Das geht natürlich nicht, aber wozu mit Fakten verwirren? Die breite Mitte hat gegen die Schulreform gestimmt, anders wäre eine Mehrheit nicht zustande gekommen.

Daß es viele Nationen aber keine verschiedenen Rassen unter den Menschen gibt, sollte sich eigentlich inzwischen herumgesprochen haben. Aber mit Reizworten wird man wahrscheinlich seinen Frust besser los; auch ich bin nicht völlig frei davon und gönne mir gelegentlich meine polemischen fünf Minuten im Provo-Modus (Stichwort: Primatenschultweet). Schwarz-Weiß-Malerei geht ja so viel schneller und einfacher als ein differenziertes Bild in vielen Schattierungen zu zeichnen. Der Frust sitzt tief, teils sogar zurecht.

Allerdings auf beiden Seiten des Grabens, denn wer jetzt glaubt, die Befürworter ließen die Champagnerkorken knallen, hat nicht richtig hingesehen. Niemand ist glücklich mit dem Status Quo. Eine Reform des Schulsystems muß her, das ist klar. Ich befürworte die Stadtteilschulen. Ich wäre auch sehr für das gemeinsame Lernen, allerdings bis zur 9. bzw. 10. Klasse und nicht nur bis zur siebten. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, daß es die Schüler weniger traumatisiert, mitten in der Pubertät, wenn sich der heranwachsende Mensch ohnehin permanent im körperlichen und seelischen Ausnahmezustand befindet, aus ihrem Freundeskreis gerissen und sozusagen umgetopft zu werden.

Die Schulreform, so, wie sie zur Abstimmung stand, war nicht Fisch und nicht Fleisch. Es war ein fauler Kompromiss, bei dem niemand etwas gewonnen, der allerdings viel Geld für Showeffekte verblasen hätte. Den Eltern die Mitbestimmung über die Zukunft ihrer Kinder komplett zu verweigern und ausschließlich den Lehrern an die Hand zu geben war natürlich ein Schuß in den eigenen Fuß. Und es gibt keinerlei empirischen wissenschaftlichen Belege für den Erfolg der Primarschule. Es gab und gibt vor allem keinerlei gesundes Finanzierungsmodell für das Projekt, und das war der Hauptgrund dafür, daß ich gegen diese Reform gestimmt habe. Es gab allerdings eine seitens des Senats mit 200.000 € finanzierte, nichtssagende Plakatkampagne, wobei sich offengestanden die Kampagnen aller Beteiligten völlig idiotisch fand: „Wir wollen lernen“ der Reformgegner (das gilt ja wohl für alle) vs. „Geben wir unseren Kindern mehr mit als gute Worte – zum Beispiel guten Unterricht“ der Bürgerschaft (ein Schlag ins Gesicht aller Lehrer und Schulen, die sich seit Jahren genau darum bemühen und denen meist zuerst die Mittel zusammengestrichen werden, wenn mal wieder „über unsere Verhältnisse“ gelebt wurde). Die LINKE schickte „ Deine Stimme für meine Zukunft“ ins Rennen und die FDP forderte „besserer Unterricht für alle Kinder“ – lauter austauschbare, nichtssagende Slogans. Die Plakatkampagnen waren auf allen Seiten einfach unterirdisch schlecht.

Dieses Projekt war nicht nur meiner Meinung nach offensichtlich integraler Bestandteil des Koalitionsvertrags zwischen Schwarz und Grün. Die Grünen schlucken die bittere Pille namens Kohlekraftwerk Moorburg, die Schwarzen segnen im Gegenzug das Lieblingsprojekt der Grünen, die Schulreform ab. Die Wähler beider Parteien sind natürlich die Verlierer bei dieser Kungelei, aber hey, das ist Demokratie; trotz aller Macken immer noch das beste politische System das wir haben. Und dank des Demokratiewerkzeugs Volksabstimmung haben sich die Wähler dann ja auch am Sonntag laut und deutlich geäußert. Wie teuer dem Senat die Kinder in Hamburg sind, hat er ja gerade erst mit der saftigen Erhöhung der KiTa Gebühren um 100€ demonstriert. Nicht wenige Eltern werden auch aus Unmut über diese Erhöhung gegen die Schulreform gestimmt haben.

Ein meiner Ansicht nach sehr trauriger Fakt ist, daß viele Betroffene (ca. 15% aller Hamburger, über 200.000 Menschen) gestern leider nicht mit abstimmen durften, weil sie keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Natürlich ist nicht gesagt, daß das Abstimmungsergebnis sehr viel anders verlaufen wäre (ich für meinen Teil glaube es nicht), aber gesünder wäre es schon für die Demokratie, wenn Menschen, die in unserem Land Steuern zahlen, arbeiten und wohnen und ihre Kinder auf unsere Schulen schicken auch ihre Stimme in Wahlen und Volksentscheiden abgeben dürften. Es ist nämlich auch ihr Land. Wir sind glücklicherweise inzwischen ein Einwanderungsland, ob es den Neocons und Ewiggestrigen nun passt oder nicht.

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Zitate des Tages

Juni 28th, 2010 — 3:58pm

Zitat des Tages

Hintergrund war diese Forderung eines Politikers, der offensichtlich nicht schnell genug aus der Sonne gegangen ist.

Darauf gibt es natürlich nur eine Antwort:

Zitat des Tages, Teil 2

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Ah! ça ira

Juni 8th, 2010 — 11:20am

Ich bin ja nun gerade in den Ferien und überwiegend offline. Den Grand Prix Eurovision Song Contest und den Hype um die Gewinnerin habe ich geflissentlich ignoriert. Ich sage nichts zu der Bundeskaspernummer zwischen Köhler, Wulff, Merkel und dem Rest der Leyenspieltruppe. Ich äußere mich nicht zu den beiden vorgeschlagenen Kandidaten, die alle beide in meinen Augen indiskutabel sind und zu dem depperten „not my president“/„my president“ Trallala in Bloggershausen. Ich verkneife mir auch einen Kommentar zu den Linken, die einmal mehr eindrucksvoll bewiesen haben (als ob es dessen noch bedurft hätte…) warum sie absolut unwählbar und zutiefst undemokratisch sind.

Das Sparpaket der Bundesregierung überrascht mich null, schließlich fährt Schwarz-GeldGelb nur ja konsequent weiter auf seiner menschenverachtenden Schiene. Die ärmsten der Armen werden’s schon richten. Tun sie ja seit jeher, und dank des neuen Ermächtigungsgesetzes schützt man sich so gut es geht gegen Rufe wie „A la lanterne!“.

Selbst die Ölpest und das KriegsKrisengewinnlertum von Google & Co. ringen mir nur einen müden Tweet ab. Ich bin ja im Urlaub. Ich sag’ da nix zu. Ich habe kein Bedürfnis zu weinen, auch wenn ich wette, daß die Bilder hinter dem Link dort nicht schlimmer sein könnten als die in meinem Kopf, denn auch ich erlebe nicht meine erste Ölpest. Ich erlaube mir einfach, den Kopf noch eine Woche lang in den Sand zu stecken.

Auch daß die Verleger sich nun nicht entblöden, nach Google auch noch Facebook abkochen zu wollen, weil sie schlicht gierig, geldgeil und zu blind, blöd, unfähig, und rundherum zu dumm sind um aus dem Bus zu gucken ein eigenes, funktionierendes, tragfähiges Geschäftsmodell auf die Beine zu stellen lässt mich nur „what else is new“ ausrufen und denken „geht endlich sterben, Ihr Spinner“. ZEIT wird’s ja.

Das neue iPhone kann mich nicht locken, weil ich und mit HD-Video nix anfangen kann und im September mit meinem 3G endlich, endlich !!!11! den Ketten des rosa Riesen entkommen sein werde und auf fonic prepaid oder so umsteigen werde. Das iPad kann einfach zu wenig, um mein alterschwach vor sich hin röchelndes iBook G4 vollumfänglich abzulösen, dafür liebäugele ich mit dem MacBook Air und hätte mich gefreut, wenn es nach den Gerüchten gestern auch eine Update-Ankündigung auf der Keynote gegeben hätte. Aber hey, ich bin im Urlaub. Das kann alles warten. Die Fussball WM fängt ja auch erst richtig an, wenn ich wieder daheim bin.

Nur daß man in der Schweiz für zwei Croissants, ein halbes Pfund Butter und einen Liter Milch 12 21 CHF (ca. 15 EUR) los wird, das lässt mich für einen Moment milde irritiert zurück – bis ich in das himmlische Croissant beisse und der Kuh im Nachbarort über den Zaun hinweg dankbar die Locken hinter den Ohren kraule.

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Same Difference

Mai 4th, 2010 — 3:07pm

„Forgetting the forgettable, there are three parties we can choose from. They represent, so far as I can see, the Same, Another Same and something New and Untried. There are powerful, in my opinion, reasons for believing either that the last thing we need now is discontinuity or for believing that we need fundamental change. In other words, I can see why we might want to plough on through the debt crisis that faces us with a reliable, if unexciting administration and I can also see why we might want absolutely to alter direction and experiment with new ways of hammering out consensus, compromise and pragmatic reform. What is harder to envisage is a new driver in the same car, a change that satisfies tribal loyalties but actually achieves nothing.“

Stephen Fry, „How I will vote…“

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„Das kommt, weil das so ist.“

April 29th, 2010 — 8:39am

„Das kommt, weil das so ist.“ - Das ist ziemlich offensichtlich, daß sich einige unter den Linken, Kriegsgegnern, Pazifisten, Vegetariern, Veganern, Feministinnen, St. Pauli-Fans, Atomkraftgegnern, Antifaschisten so fühlen. Ja, genau, das ist so, die fühlen sich so. Das macht sie allerdings weder zu Gutmenschen noch zu guten Menschen. Höchstens zu besonders dummen. Und damit unterscheiden sie sich dann null von ihren Gegnern, die sich ihrerseits genauso überlegen fühlen.

Zwei Seiten derselben Medallie, die sich am Wochenende wieder mal so richtig schön ausleben – angeblich im Namen, aber de facto auf Kosten der vernünftigen und friedliebenden Menschen in der Schanze und in Berlin und überall sonst wo gerade unter vorgeschobenen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Ansprüchen Bock auf Krawall herrscht.

Pflastersteine werden fliegen, Schaufenster zu Bruch gehen, Wasserwerfer in Marsch gesetzt, nach der epischen Berichterstattung der geifernden Medien, Eurem Komplizen in diesem perfiden Spiel, werden noch härtere und noch sinnlosere Gesetze gefordert und nach Abzug der Rauchschwaden auch durchgedrückt werden. Es wird Verletzte geben, vielleicht sogar Tote.

All dies nehmt Ihr billigend in Kauf, kalt lächelnd herabblickend von Eurem hohen Ross der moralischen Überlegenheit. Ein paar Tage später gibt es dann ein geschwurbeltes, selbstgerechtes Pamphlet aus dem Linke/Antifa-Textbausteinkasten, in dem sämtliche Schuld an den bedauerlichen Vorfällen auf unreife Einzeltäter geschoben und ansonsten der Gegenseite zugesprochen wird.

Das Schlachtfeld wird von Euren Opfern aufgeräumt: den Anwohnern, die die Schmierereien an ihren Häuserwänden übertünchen, den Geschäftsleuten, die schweigend zum Besen greifen und die Scherben ihrer Existenz wegfegen, den Männern und Frauen von der Stadtreinigung, die die abgefackelten Müllbehälter entsorgen und neue aufhängen, den Ärzten und Schwestern, die stillschweigend die Wunden der Unbeteiligten versorgen und natürlich auch Euch und Eure Gegner wieder fit machen für den nächsten Kampfeinsatz.

Es ist Eure geistige Armut, die mich so ankotzt.

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