Category: Privatsphäre


Sprung in der Schüssel

Januar 22nd, 2010 — 9:38am

Vor ca. sechs bis acht Wochen machte ein neues Spielzeug die Runde auf Twitter: formspring.me. Auf der Seite kann man Fragen beantworten, die einem von anonymen oder registrierten Usern gestellt wurden, und man kann das Spielzeug auch als Widget im Blog, bei Facebook und noch ein paar anderen Social Web Seiten einbinden. Ich habe es zu Beginn hauptsächlich aus beruflichen Gründen gleich ausprobiert  (allerdings auch weil “Ich gestehe, daß mir wie den meisten Menschen Neugier nicht fremd ist”) und für irgendwo zwischen überflüssig und fishy befunden. Aus der Seitenleiste des Blogs habe ich das Teil ebenfalls schon nach wenigen Tagen wieder rausgeworfen. Mir war der Laden irgendwie extrem suspekt. Die Nutzungsbedingungen waren derselbe knebelnde “wir dürfen alles, Ihr dürft gar nix”-Dreck wie bei fast allen anderen Services des Social Web auch, und daß man seinen Account nur stilllegen aber nicht löschen kann, fand und finde ich auch hochgradig widerwärtig. Google sagt, ihr Motto sei “don’t be evil” und ich glaube und vertraue Google nicht weiter als ich ein Klavier werfen kann. Twitter transportiert in Image, Aufbau und Funktionalität “don’t be evil” und ich vertraue ihnen keinen Zentimeter weiter als Google (deshalb lösche ich auch täglich meine Tweets wieder). Aber formspring stinkt für meine Nase zehn Meilen gegen den Wind nach “let’s be fucking evil!” (genau wie Facebook übrigens) und deshalb war ich froh, daß ich nur 24 Fragen zu löschen hatte, als ich meinen Account damals stilllegte.

Jetzt hat Kixka Nebraska bei ihren Recherchen noch ein schmutziges Detail ausgebaggert:

Im Gegensatz zu der Behauptung von Formspring.me verschwinden die Antworten damit allerdings nicht von der Bildfläche. Zumindest bei denjenigen, die den Account abonniert haben, erscheinen sämtliche Posts zurückverfolgbar bis zur ersten Frage in der Timeline.

Also, liebe Kinder: 1. Accountnamen ändern in irgend einen Bullshitnamen wie “qwertzui”, 2. alle Fragen und Antworten löschen, ggf. Hintergrund- und Profilbild entfernen, 3. Account stillegen (disable), 4. gehen und sich nicht mehr umschauen.

Und ab und zu mal wieder das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein lesen. Ihr wißt schon: Kreide, Stimme, Pfote. Happy End, immerhin.

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Durch den Nacktscanner: Ein Bestellvorgang in einem deutschen Onlineshop

Januar 4th, 2010 — 7:03pm

Ich suche schon längere Zeit einen Diascanner, um, quasi als Teil meiner persönlichen Argenda 2010, dutzende Kartons im Schrank modernder Familiengeschichte nach und nach ins 21. Jahrhundert zu befördern und auf dem Mac zu bearbeiten. Ich stieß bei meinen Recherchen auf die Seite eines bekannten Elektronikversands, der ein solches Gerät im Angebot hatte. Um es zu bestellen, sollte ich ein Kundenkonto anlegen. Es ist bei dem Laden nicht möglich etwas zu bestellen, ohne sich virtuell zu entblättern. Das hätte eigentlich normalerweise schon das Ende des Bestellvorgangs bedeutet, aber wahrscheinlich war ich noch nicht wieder ganz im Alltagsmodus und mein “smells like bullshit”-Detektor schlug nicht an.

Die Daten, die auf dieser Seite mit Sternchen als zwingend auszufüllen gekennzeichnet sind waren

  • Vorname/Name
  • Geburtsdatum
  • Straße, PLZ, Wohnort
  • eMail
  • eMail (wiederholen)
  • Passwort

Außerdem mußte man ankreuzen, daß man mit den AGB und den Datenschutzbestimmungen einverstanden sei. Optional war eigentlich nur das Feld für die Newsletterbestellung, aber immerhin war es nicht vorangekreuzt (opt-in).

Okay, Name und Adresse und eMail – das brauchen sie wirklich zur Erfüllung des Auftrags, das sehe ich ein. Aber warum kann ich nicht bestellen ohne ein Konto anzulegen? Und was um Himmels Willen wollen sie in diesem Stadium mit meinem Geburtsdatum?

Denn weiter ging es auf der nächsten Seite mit den Zahlungsmöglichkeiten. Bankeinzug war möglich (und, da als erstes angegeben, wahrscheinlich präferiert), und da stand dann auch explizit, daß das Geburtsdatum dafür benötig werde. OK, aber was, wenn ich nicht per Bankeinzug bezahlen will? Warum mußte ich dann doch schon eine Seite vorher mein Geburtsdatum angeben? Weitere angebotene Zahlungsmöglichkeiten waren Vorkasse, Sofortüberweisung, Nachname, Kreditkarte und Finanzierungsservice. Ich wählte Kreditkarte, weil ich damit im Netz relativ sicher bezahle.

Zu diesem Zeitpunkt erwartet man üblicherweise den Eingang einer Bestätigungsmail, daß man sich auf ihrer Seite angemeldet hat und in der man gebeten wird, auf den Bestätigungslink zu klicken oder aber Bescheid zu geben, daß sich jemand einen Scherz erlaubt hat. Es kam zwar eine Mail (die in meinem Spamordner landete), aber dort wurden nur im Klartext meine persönlichen Daten (immerhin ohne das Passwort) noch einmal aufgezählt. Außer dem Deppendisclaimer am Ende (“Der Inhalt dieser E-Mail ist vertraulich und oder rechtlich geschützt” etc. blafasel auf deutsch und englisch) stand sonst nicht weiter darin.

Auf der nächsten Seite wurde ich belehrt, daß ich aufgrund “hausinterner Anweisungen” nur per Vorkasse, Bankeinzug oder Nachname bezahlen könne. Da mein Schufa-Eintrag weiß wie frisch gefallener Schnee ist und ich nicht unbedingt im Ghetto wohne schloß ich die Antwort “Scoring-Opfer” für mich aus. Ich vermute eher, daß sie Erstbesteller nur gegen Vorkasse beliefern wollen oder Plastikgeld als Zahlungsmittel inzwischen abgeschafft, aber das noch nicht dem Webmaster erzählt hatten, auf daß er diese Zahlungsmöglichkeit entferne. Eine kurze Recherche der FAQ-Seite bestätigte das; dort war die Kreditkarte als Zahlungsmittel nicht aufgezählt. Allerdings war mir der Laden inzwischen dermaßen unsympathisch und kam so unprofesionell rüber, daß ich von einer Bestellung Abstand nahm. Ich wollte mein frisch angelegtes Konto löschen und stieß auf die nächste Hürde auf dem Weg zu einer glücklichen Kunden-Händlerbeziehung: Das ging nicht. Ich konnte wohl meine Adresse ändern, aber nicht das ganze Konto löschen. Also schrieb ich eine entsprechend Nachricht mit Bitte um Löschung meiner Daten und Bestätigung der Löschung an eine (Wegwerf-)mailadresse. Und natürlich konnte ich auch nicht einfach eine Mail schreiben, ich mußte ein Kontaktformular ausfüllen. Die Pflichtfelder in diesem Formular waren

  • Vorname/Name
  • Adresse, PLZ, Wohnort (alternativ Kundennummer)
  • eMail
  • Telefon

Das Telefonfeld durfte tatsächlich nicht leer bleiben, aber dank “Frank geht ran” hatte ich eine passende Nummer zur Hand. Ich bekam auch unmittelbar eine Bestätigungsmail mit Vorgangsnummer. Mal sehen, was noch so kommt bis sie mich endlich gehen lassen. Ach ja: Als ich bei dem Versuch mein Konto selbst zu löschen in die Einstellungen ging, war der Newsletterbezug (HTML) jetzt plötzlich doch angekreuzt.

Der Shop hat vorne auf seiner Startseite eine Reihe bunter Logos und Medallien prangen, was für ein super-duper-Onlineshop das doch ist, und ich habe über Angebot und Service des Ladens bislang nichts schlechtes gehört. Mir ist auch klar, daß es Betrüger im Web gibt und man sich als Kaufmann hingehend absichern muß. Genauso, wie ich mich als Kunde ja auch absichere und auf Impressum, verschlüsselte Datenübermittlung und eben Kreditkartenzahlung achte. Garantieen gibt’s nirgends und ein Restrisiko bleibt immer, auf beiden Seiten. Aber es gibt inzwischen so viele positive Beispiele für den streßfreien und vor allem kundenorientierten Onlineeinkauf, daß ich ehrlich gesagt keine Lust habe, nach Entschuldigungen für solch einen Laden zu suchen. Ich kaufe ja auch nicht in der Innenstadt in einem Geschäft, wo ich noch vor der Anprobe eines Kleidungsstücks Name, Adresse, Geburtsdatum angeben soll und am besten noch mein Portemonnaie öffnen und zeigen, ob ich auch genügend Geld dabei habe.

Meinen Diascanner kaufe ich jedenfalls woanders.

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