re:publica, dritter Tag
Ein guter Plan ist das halbe Leben.
Am Freitag früh um 10h ging es im kleinen Saal der Kalkscheune weiter mit einem sehr inspirerenden Vortrag über Open Government, den der Neuseeländer (und bald naturalisierte Brite wie er gleich stolz erzählte) Rob McKinnon hielt. Wer sich noch nicht näher mit dem Thema befasst hatte bekam einen sehr guten Überblick über die Aktivitäten und Erfolge von Bürgern aller Herren Länder, die ihren Regierungen auf die eine oder andere Art mehr Offenheit abringen, aber auch willens und fähig sind, sich selbst und ihr Können anzubieten und einzubringen. Mehr Transparenz kann ganz sicher nicht schaden, ist jedoch den meisten Regierungen ein Dorn im Auge, wie wir noch aus dem Wikileaks-Vortrag des Vortages wissen. Immerhin, es tut sich etwas und ich überlege auch schon, was ich tun kann und wofür ich mich engagieren will. Denn eines ist klar: Nur meckern geht nicht. Mitmachen und besser machen!
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Anschliessend begab ich mich rüber in den Friedrichstadtpalast, um den eigentlich für 11 Uhr angekündigten Themenblock “Netzneutralität” anzuhören. Statt dessen erzählte Götz Werner etwas übers Grundeinkommen, auch gut.
Götz Werner hat die Drogeriemarktkette dm gegründet und tritt für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein. Obwohl es schwer ist, sich einigen seiner Argumente zu verschliessen (natürlich hat nicht nur diejenige Arbeit einen Wert, die bezahlt wird), sind mir da noch viel zu viele Löcher in der Argumentationskette und natürlich ist mit vollen Hosen gut stinken… seine Sicht auf die Dinge dürfte wohl nicht 1:1 der seiner Angestellten entsprechen. Abgesehen davon, daß sein Vortragsstil ziemlich schnarchig und leicht von oben herab rüberkam, hielt er aber doch einen interessanten Vortrag und war kein kompletter Fehlgriff in der Themenauswahl. Die anschliessende Diskussion habe ich nur über Twitter verfolgt, da ich schon wieder zum nächsten Panel eilte.
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Das war natürlich das von MC Winkel, dem ich seine freundliche persönliche Einladung natürlich nicht abschlagen konnte. His Winkelness ist sicherlich die größte Rampensau der deutschen Bloggeria und blieb sich treu: Der winzige Blaue Salon war seit zehn Minuten gerammelt voll, ich überlegte kurz, à la Blues Brothers ein rhytmisches “Wir-wollen-die-Show!” anzustimmen, und dann kam er auch schon: direkt aus Kiel, natürlich standesgemäß im absoluten Halteverbot geparkt, hat erst einmal die Orga verwirrt, die seinen Auftritt nicht auf dem Zettel hatte und eiligst WLAN-Kabel etc. herbeischaffte und begrüßte seine Fans. Der Einblick in das Leben eines Faulancers war kurzweilig und unterhaltsam vorgetragen, was natürlich auch niemand ernsthaft anders erwartet hätte. Wie man vom Bloggen leben kann, ohne sich ein Bein auszureißen? Das dürfte auch MC Winkel nicht wissen, denn er ist verdammt rührig, auch wenn es nach Nichtstun aussehen soll. Aber das ist ja immer so bei großen Sportlern: Die scheinbare Leichtigkeit ist nur durch hartes Training zu erreichen. „Spacken sind doch die interessanteren Menschen“ sagt er, und hat Recht damit. Reich wird man mit Bloggen nicht, aber MC Winkel hat seine Nische gefunden, tut das, was er liebt, hat offensichtlich ein Auskommen mit dem Einkommen – und wer unter uns (außer natürlich you-know-who, aber wer kann den schon ernst nehmen?) wollte es ihm nicht gönnen?
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Der Vortrag von Simon Rogers über „Datajournalism and Tthe Guardian“, den ich mir als nächstes vorgenommen hatte anzuschauen, fiel leider aus: aufgrund der wohl unwahrscheinlichsten Begründung seit “der Hund hat meine Hausaufgaben gefressen”, nämlich ”da ist eine Vulkanaschewolke, die den Flugverkehr in halb Europa lahmlegt“, konnte der Redner leider nicht antreten. Die Leistungsschutzrechte-Diskussion konnte mich nicht locken und so quatschte ich ein wenig mit Kixka Nebraska und ging mit ihr in den Quatsch Comedy Club, um das Panel „Vom Livestream zum Lifestream“ anzusehen. Dort wurde es mir allerdings schnell zuviel, denn einerseits bin ich Klaustrophobikerin und musste. da. raus. JETZT!, dann war die Luft war so dick, als hätte sich die Aschewolke noch mit in der proppenvollen Saal gequetscht und außerdem hielt ich’s auch sonst nicht mehr aus:
Der so fluchtartig verlassene Raum würde sich wahrscheinlich in der nächsten Stunde noch mehr füllen, denn Felix Schwenzel (wirres.net) wollte uns erzählen “Warum das Internet scheiße ist”. Also begab ich mich lieber dahin “Wo wilde Trolle wohnen”, den Vortrag des Rechtsanwalts Joerg Heidrich, der aus dem Leben eines Forenmoderators erzählte und ein paar Schwanks zum Thema “Umgang mit Abmahnungen” und “fliegender Gerichtsstand” zum Besten gab. Da ich selbst schon Foren moderiert habe, war das alles nicht wirklich neu für mich (im Internet gibt’s aufmerksamkeitssüchtige Bekloppte? Echt? Und Wasser ist wirklich nass?), aber daß es einen echten Klagetourismus gibt zu den Gerichten, bei denen man am ehesten mit einer für die eigene Sache günstige richterliche Entscheidung rechnen kann, weil man nämlich ohne Rücksicht auf Sitz des Anbieters überall dort klagen kann, wo das Internet zu empfangen und damit die beklagte Seite zugänglich ist – das ist ein Tritt in die Magengrube für jeden Menschen mit gesundem Rechtsempfinden.
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Anschließend gab’s noch einen netten Plausch mit @littlejamie und eine wahrscheinlich ökologisch-dynamisch-politisch-korrekte schwedische Limonade, die allerdings schmeckte als hätte jemand ein paar Tütchen Ahoi-Brausepulver mit Himbeergeschmack aufgelöst. Ich machte mich auf zur großen Verabschiedung, bei der Johnny Haeusler eigentlich live auf der Bühne mit Twitter-Gründer Biz Stone skypen wollte. Der kam aber nicht, wir sollten doch bitte noch ein paar Minuten auf ihn warten wie seine Sekretärin ausrichten ließ, und so kam es zur absolut bestmöglichen Verabschiedung überhaupt: Der ganze Saal sang inbrünstig zu Queens Bohemian Rhapsody Karaoke und ließ Biz Stone einfach mal Biz Stone sein:
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It really did send shivers down my spine!
Die Party danach war klasse, ich lernte u.a. endlich auch die offizielle Haus- und Hoffotografin der re:publica, Mme Creezy persönlich kennen und outete mich als fangirl und wurde @writingwoman vorgestellt, die kurz vorm Gefrierbrand stand (es war aber auch kalt in Berlin!). Ein mitternächtliches Abendessen mit @rajue und @frankkleinert beim Thai beschloß den Abend eines schönen, dritten re:publica-Tages für mich.
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