Was sonst?
Nachdem die Brühgruppe meiner schönen Rancilio Espressomaschine vor ein paar Monaten aus unerfindlichen Gründen das Handtuch geworfen hat und eine Reparatur über den Vertragshändler preislich gesehen einem Neukauf gleichkäme, habe ich mich vorerst für die Notlösung “Nespresso” entschieden. Miss Silvia wird demnächst von einem italienischen Kenner der Materie wieder flottgemacht, keine Sorge, aber ich kann ja nicht so lange ohne Kaffee sein. Von den ganzen aufs-Knöpfchen-drücken-fertig-Maschinen hat mich das Ergebnis bei den Schweizern noch am ehesten überzeugt, auch wenn es natürlich nicht an das Ergebnis meiner bella macchina heranreicht. Immerhin, so ist die Vorfreude umso größer.
Nespresso hat nicht nur den Clooney Schorsch als Werbeträger, sie verkaufen ihre Kaffeekapseln auch nur über ihre eigene Website oder aber ihre eigenen “Flagship Stores”. Die Maschinen hingegen kriegt man überall hinterhergeworfen, sie unterscheiden sich nur im Design und in der Frage “mit oder ohne Milchaufbereitungseinheit”. Technisch gesehen ist immer dasselbe drin, egal ob Krups, DeLonghi oder was auch sonst vorne für ein Logo dranklebt. Die gebrauchten Alu-Kapseln werden in der Schweiz immerhin anstandslos beim Händler wieder zurückgenommen, wie ich diese Woche vor Ort erfahren durfte. In Deutschland soll man sie einfach in den gelben Sack werfen und dem grünen Punkt anvertrauen. Damit dürfte das Produkt in Sachen Umweltfreundlichkeit wohl eher auf den hinteren Plätzen landen.
Wenn man nun – so wie ich – keine Lust hat, seinen Kaffee übers Internet zu bestellen, dann hat man in Hamburg nur die Möglichkeit, sich in die inzwischen dank der Privatisierung mit Abstand unsympathischste Einkaufsstraße der Stadt, den Neuen Wall, zu begeben und dort in den Nespressotempel zu gehen. Dort konnte man unter Umständen heute den folgenden Dialog belauschen:
Verkäufer: Guten Tag, was darf’s sein?
Kundin: Guten Tag. Ich hätte gern fünf mal die Sorte Ristretto und fünfmal die Sorte Volluto.
V: Gerne. Haben Sie eine Kundenkarte?
K: Nein, danke. Ich möchte nur den Kaffee.
V: Aber Sie wissen schon, daß Sie mit einer Kundenkarte bei uns… (es folgt eine Aufzählung angeblicher Vorteile, mit denen ich Euch nicht langweilen will), oder?
K: Ja.
V: Warum möchten Sie denn dann keine Kundenkarte?
K: Ich möchte Kaffee kaufen.
V: Verstehe. Aber unser Service…
K: Warum komme ich in dieses Geschäft? Weil ich vor dem Einkauf nicht erst stundenlang Formulare ausfüllen will, weil ich finde, daß es nirgendwo gespeichert sein muß, wann ich wieviel Kaffee welcher Sorte gekauft habe und weil ich gern sofort meinen Kaffee haben möchte und nicht auf die Post warten will. Ich komme nicht hierher, um mich mit für mich nutzlosen Informationen zumüllen zu lassen.
V: Aber je mehr wir über Ihre Kaffeevorlieben wissen, desto besser können wir Sie beraten und bedienen! Dazu bedarf es einer entsprechenden Datenbank, das müssen Sie doch einsehen?
K: Ach, Ihr Gedächtnis reicht dazu nicht aus?
V: Nunja, wir haben ja sehr viele Kunden, und ich bin ja auch nicht immer hier…
K: Sind Sie gelernter Verkäufer oder ist das nur ein Aushilfsjob für Sie?
V:Äh… (blickt sich unruhig um)
K: Das dachte ich mir. Sehen Sie da drüben den Laden, schräg gegenüber? (zeigt aus dem Fenster) Ladage & Oelke? Die haben auch sehr viele Kunden. Seit vielen, vielen Jahrzehnten. Und deren Angebot ist deutlich umfangreicher als das Ihre, mit Ihren weniger als 20 Kaffeesorten. Wenn ich den Laden betrete, dann erinnert sich mindestens einer der Verkäufer dort an mich und begrüßt mich mit Namen. Auch wenn ich höchstens ein- oder zweimal im Jahr dort einkaufe. Dort weiß man um meine Farbvorlieben und meine Konfektionsgröße und was ich zuletzt dort gekauft habe. Ich habe keine Ahnung, wie sie das anstellen, denn ich mußte dort nie irgend welche Formulare ausfüllen, Paßwörter aufsagen oder Kundenkarten vorzeigen. Was glauben Sie, wie das funktioniert?
V: Äh…
K: Selbst wenn Sie mich und meine Kaffeevorlieben auch nach dem vierten Kauf binnen sechs Monaten hier immer noch nicht kennen sollten, müßten Sie als Verkäufer eigentlich genügend Menschenkenntnis haben um zu erkennen, wenn jemand Lust hat auf Kundenkartenblabla und wann jemand einfach nur seinen Kaffee haben will.
V: 100 Kapseln, das macht dann (nennt exorbitant hohen Preis).
K: Danke. Schönen Tag noch. (zahlt und ab).
V (zum nächsten Kunden gewandt): Guten Tag, was darf’s sein?
Ich glaube, ich gehe da erst wieder hin wenn der Clooney Schorsch hinterm Tresen steht.




