Meine Follower sind teurer als Dein MacBook Pro.
In den letzten Tagen blitzt es wieder mal hier und da in meiner Twitter-Timeline auf, wie schon einige Monate zuvor mindestens einmal: “[Firma XYZ] verlost ein MacBook Pro. Ich bin hiermit dabei http://www.firmenwebsite.de “. Ich weiß, was sich solche Firmen von dieser Art Social Marketing versprechen: Mittendrin statt nur dabei zu sein in den heissesten Peergroups, eine Mundpropaganda auf Mediendarling Twitter auszulösen und für den Preis eines MacBook Pro (Ca. 1.200 € netto) ein paar hunderttausend nachweisbare Kontakte zu generieren. (Keine Sorge: Da ich meine Follower nicht um den Preis eines Notebooks vergrätzen will werde ich mir den RT verkneifen und konsequent jeden entfolgen, der mich mit dem Kram zuspammt.)
Das Zauberwort heißt “nachweisbar”: Anders als bei jedem anderen Medium kann man die Anzahl der Kontakte und viele andere Faktoren online ziemlich genau messen. Werbetreibende geben massiv Geld aus für Bullshit-Pi-mal-Daumen-Zahlen wie TV-Zuschauer (gemessen an einer kleinen Testgruppe und dann hochgerechnet), Zeitungsabo- und Einzelverkaufszahlen (jedes Heft wird angeblich von x Leuten gelesen) oder, mein persönlicher Favorit, die Aussenwerbung: Wenn x Leute täglich auf der Y-Straße an der Litfassäule vorbeifahren oder -gehen, dann haben unter Milchmädchen Z Kontakte stattgefunden. So Fragen wie “klebt mein Plakat vielleicht gerade ganz unten und mit Blick zur Wand statt zur Straße?” oder “Haben die Autofahrer vielleicht doch eher den Blick auf die Ampelphase statt auf die Werbung gerichtet?” stellt man da besser nicht. Aber online lässt sich fast alles ziemlich genau nachweisen, mit dem Erfolg, daß der Verkauf von Online-Displaywerbung härter ist als ein Tritt von Chuck Norris. Die Kunden wollen nur noch Centpreise bezahlen und auch das am liebsten nur noch auf Klickbasis, also für einen Klick auf das Werbemittel, nicht mehr nur fürs Betrachten desselben. Immer häufiger reicht ihnen auch dies nicht mehr, sie wollen nur noch für jeden erfolgreichen Abschluß zahlen, der nachweisbar über das Online-Werbemittel kam. Ich glaube, eine Reihe von Onlinevermarktern würde sich, vor die Wahl gestellt, für den Tritt von Chuck Norris entscheiden.
Ich twittere seit zweieinhalb Jahren und habe aktuell 160 Folllower. Das klingt viel, wenn man sich vorstellt, daß die einem alle auf der Straße hinterherlaufen würden. De facto ist das sehr, sehr wenig. Es wären sicher ein paar Tausend inzwischen, wenn ich nicht “geschützt” (also nicht-öffentlich) twittern, meine Tweets nicht täglich löschen und morgens wieder bei Null anfangen würde und außerdem meine Tweets noch über Facebook laufen ließe. (Mein top secret Zweitaccount, den ich mir zum Spaß und zu Testzwecken mal angelegt habe, ist erst wenige Wochen online und hat jetzt schon doppelt so viele Follower wie @e13kiki, auch ohne Facebookaccount. Insofern ist meine Einschätzung wohl nicht völlig aus der Luft gegriffen.) Meine 160 Follower haben selbst insgesamt atemberaubende 1.521.289 Follower, und auch wenn davon 1.235.313 auf Sir Stephen Frys Konto gehen, bleiben ohne den guten Mann immerhin noch 285.976 Kontakte übrig, bzw. im Schnitt 1.787 pro Nase. Wobei: er folgt mir ja (und 54.216 anderen), also besteht auch die Chance auf seinen Retweet, so winzig sie auch sein mag.
Denn der Retweet ist das Ziel: Die Lawine soll ins Rollen kommen. Wenn ich also den Eingangs erwähnten Satz twittere, in dem die URL steckt auf die all meine Follower (oder realistischer betrachtet: 1-2% von ihnen) klicken sollen und den sie idealerweise an ihre Follower re-tweeten, dann erst wird es interessant für den Werbetreibenden. Er muß sich da auch gar nicht auf seine Agentur verlassen (falls er unnötigerweise dafür eine beauftragt haben sollte), denn er kann es leicht selbst verfolgen: Er gibt [Firma XYZ] in die Twittersuche ein und bekommt in Echtzeit seine Ergebnisse ausgespuckt. Die muß er dann nur noch durchzählen, bzw. durchzählen lassen (macht sowieso der Prakti). Blöd nur, wenn er dabei so doofe Retweets findet wie “Hat eigentlich schon irgend jemand mal ein MacbookPro bei [Firma XYZ] gewonnen?”, oder “Daß dieser [Firma XYZ] Spam immer wieder hochkommt, ich versteh’s nicht”, oder, besonders nett: “Das bekannteste MacBookPro ist garantiert das von [Firma XYZ] - jeder kennt’s, keiner hat’s.” Der letzte Satz hat übrigens 4 Retweets binnen einer Stunde hervorgebracht. Das wäre jetzt natürlich für Freunde des echten Kundenbeziehungsmanagements eine Steilvorlage: man geht hin, antwortet direkt auf die Kritik und verweist z.B. sehr transparent auf den Gewinner der letzten Runde. Man holt die Spötter mit ins Boot wird kreativ, denkt sich etwas Neues aus für dieses neue Medium. Man kommuniziert. Aber das ist natürlich aufwendiger und teurer.

