Oh, the Drama!
Früher©, als die Leute sich ihre Flamewars noch in Foren und nicht in Blogs, auf Twitter oder Facebook geliefert haben, gab es ganze Seiten mit “lustigen Forenpics”, die man zur Illustration seiner jeweiligen Meinung zum Thema nutzen konnte. Einer meiner Lieblinge zeigte das sepiagetönte Bild einer amerikanischen Hausfrau aus den 50ern, die entsetzt die Hände wrang und sich “Oh, the Drama!” kaum beruhigen konnte – worüber, wird auf ewig ihr Geheimnis bleiben.
Inspiriert von der Empörung hier über den Versuch der Sueddeutschen, ihre neue iPhone App mittels bezahlter Blogpostings und damit schlussendlich natürlich gekaufter Meinungen zu bewerben, habe ich mal Google angeworfen und nur “Vodafone” eingegeben. Die Älteren unter uns werden sich erinnern: im vergangenen Sommer(loch) hatte der Mobilnetzanbieter sich mit tatkräftiger Unterstützung der üblichen Verdächtigen ins Haifischbecken Social Web begeben und wurde erwartungsgemäß gnadenlos zerfleischt. Eine Bloggerin, die sich der Dunklen Seite Der Macht als Testimonial zur Verfügung gestellt hatte und ein paar Haifischbisse abbekam, trat vom Bloggen zurück (ist aber inzwischen wieder dabei). Und allenthalben hämte es: Wenn Vodafone künftig nach dem Firmennamen googelten, würden sie noch Jahre später zusammenzucken vor den Folgen dieser Nummer; der longtail Effekt werde sie teuer zu stehen kommen.
So, da wären wir dann sechs Monate später. Auf den ersten beiden Seiten der Suchergebnisse findet sich bei der Suche nach “Vodafone” zu diesem Skandal im Goldfischglas nicht ein einziges Ergebnis. Auf Seite 3 Mitte, also Platz 25 der Suchergebnisse dann der SpOn-Artikel von damals, zwei Reihen darunter ein Artikel von Kosmar. Danach erst mal wieder nichts mehr, auf Seite 4 kommt dann Sascha Lobos Blogbeitrag zur Kampagne und ein Artikel der FAZ. Das war’s dann vorerst. Der lange Schwanz schlägt dreimal matt und träge auf den Boden der Tatsachen: Die Aktion hat Vodafone null geschadet.
Die Sueddeutsche tut das, was Firmen eben tun: Für PR und Werbung bezahlen. Wer bei Trigami mitmacht tut das, was gekaufte Schreiber eben machen: Das schreiben, was der Kunde in Auftrag gegeben hat. Die Frage, ob sich die Sueddeutsche als angeblich internetfeindiche Zeitung (ich lese das Blatt eher selten und mir ist es in dieser Hinsicht bislang nicht negativ aufgefallen, oder wenigstens nicht negativer als jede andere überregionale Tageszeitung) ausgerechnet das Medium Internet und darin ausgerechnet die Blogger als Sprachrohr hätte aussuchen sollen, geht meines Erachtens am Thema vorbei. Die iPhone App ist, wie bei den Apps der Konkurrenz auch, aktuell ein Imageprodukt. Weder braucht ein iPhone User die App, um die Sueddeutsche auf seinem Telefon zu lesen, noch braucht die Sueddeutsche die App, um neue Leser zu generieren oder ihr Produkt zu veröffentlichen. Es geht, wie meist in der Werbung, darum, jung, hip und trendy rüberzukommen. Oh, the Drama!
