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Letztens bekam ich auf Facebook eine Freundschaftsanfrage von einer Frau, mit der ich vor ca. 15 Jahren zusammenarbeiten musste. Sie war laut, grell, unfreundlich, intrigant, ein Leuteschinder vor dem Herrn und insgesamt war sie die unbeliebteste Frau in meiner Abteilung. Wir anderen waren kurz davor, Strohhälmchen zu ziehen, wer von uns es wie einen Unfall aussehen lassen dürfte und feilten beim after work Bier an unseren Alibis. Diese Art von unbeliebt.

„Wenn die Hölle überfriert“, dachte ich, und sah mir ihr Profil an. Äusserlich hatte sie sich kaum verändert, ihre schlecht sitzenden Businessanzüge waren labberigen Tanktops und Leggins mit wilden Mustern gewichen. Auf den meisten Fotos war sie mit ihrem ca. 3jährigen Kind und ihrem Mann zu sehen; beides hatte sie vor fünfzehn Jahren noch nicht gehabt, damals war sie Mitte/Ende zwanzig. Ein paar Fotos von Familienfeiern und class of xy Alumnifeiern waren dazwischen, alles irgendwo in einem sehr sonnigen und südlichen Teil der USA aufgenommen, Texas, Oklahoma, Arkansas, Nevada. Wie ich sah, hatte sie inzwischen einen Masterabschluss in irgendwas mit Altenpflege gemacht und arbeitet auch in einer US-Kleinstadt in einem Pflegeheim.

Ich schwankte zwischen Verblüffung, Entsetzen und Bewunderung. Diese Frau, die erwachsene Kolleginnen durch ihre giftige Mitarbeiterführung zum Weinen gebracht und andere zu Mordfantasien angeregt hatte, die war jetzt Mutter und Altenpflegerin? Das arme Kind! Die armen Pflegebedürftigen!

Und dann besah ich mir mein eigenes Facebookprofil mal mit ihren Augen. Diese Frau, die damals pro Tag mehr internationale Meetings und Telefonkonferenzen hatte als vermutlich die Kanzlerin heute, Marketingkampagnen für Filmevents plante und meist im dunkelblauen Windsoranzug topgestylt durch die Welt lief, die malt jetzt im Hoodie und Chucks Illustrationen und Comics und schreibt und illustriert ein Buch mit einem Martinis trinkenden Bären?
Und obwohl ich mir relativ sicher bin, dass ich nie KollegInnen getriezt und zum Weinen gebracht habe: Wie sicher kann ich mir sein, dass ich nicht auch mit Mitte Zwanzig als arrogante, eingebildete Zicke wahrgenommen wurde, und das vielleicht sogar zu Recht? Wie weit ist man geistig schon in dem Alter?

Ich nahm die Anfrage an. Ich gratulierte ihr zu ihrer Familie und ihrer neuen Karriere. Sie sagte, sie und ihre kleine Tochter freuten sich jeden Tag über meinen Bären. Wir fragten uns gegenseitig, ob wir unser früheres Leben nicht vermissen würden. Nein, waren wir uns einig. Das Gestern war wunderschön, aber das Jetzt sei viel spannender, wir machten wohl inzwischen beide das, wofür wir bestimmt seien, etwas sinnvolles, das Menschen Freude macht und konkret hilft. Ob ich ihre Familienweihnachtspostkarte malen könnte?

Menschen verändern sich, manchmal um 180 Grad. Es heißt, auf Facebook träfe man nur die Leute, mit denen man zur Schule gegangen ist, auf Twitter hingegen die Leute, mit denen man gern zur Schule gegangen wäre. Nach dieser Woche bin ich mir da nicht mehr so sicher.