Na prima!

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Normalerweise kaufe ich meine Arbeitsmaterialien vor Ort bei Jerwitz, einem Traditionsunternehmen in der Schanze, aber die hatten mein favorisiertes Papier nicht auf Lager und da es eilte, habe ich zähneknirschend bei Amazon bestellt, welche ich eigentlich seit Jahren boykottiere. Es gibt noch ein paar weitere Künstlerbedarfsläden in Hamburg, doch die liegen entweder in weit entfernten Stadtteilen oder aber gehören zu einer nationalen Crafting-Basteln-Dekogedöns-Selbermachen-Kette. Da ich keine Zeit für halbe Tagesreisen habe und mein Geld genauso gut Jeff Bezos in den Schlund werfen kann wie dieser Kette (die im Bereich Malen und Zeichnen ausserdem überwiegend Einsteiger-bzw. Amateurutensilien zu allerdings hochprofessionellen Preisen führt, wie ich in ihrer Filiale in der Europapassage feststellen konnte), habe ich mich für Amazon entschieden, was obendrein den Vorteil der Lieferung hat. Papier ist schliesslich schwer und ich hab’ Rücken, Schätzelein. 

Papier ist ausserdem teuer, dazu kaufte ich noch eine Dose Fixativ und neue Versandumschläge für den nächsten Schwung Bärenoriginale und so kam schnell eine Summe zusammen, für die mir ein kostenloser 30-Tage-Test des Prime-Service angeboten wurde. Früher™ einmal waren Amazons Sendungen ohne wenn und aber am Folgetag da; in der Zwischenzeit, so las ich, müsste man die sonst üblichen 3-4 Tage warten, es sei denn man hätte für rund 50 € im Jahr den Prime-Service dazugekauft, der die Lieferung am Folgetag garantiert.

Nun, Lieferung am Folgetag kam mir sehr zupass, da ich inzwischen auf den letzten drei Blatt war und so nahm ich das Angebot an. Seitdem habe ich statt der üblichen zwei Mails („Ihre Bestellung ist eingegangen“ und „Ihre Bestellung wurde versandt“) derer neun (9) bekommen – denn meine Bestellung wurde in drei Lieferungen aufgeteilt und ausser von Amazon gibt’s nun noch von DHL bzw. Hermes eine Mail, dass ihre geflügelten Boten sich in Bewegung gesetzt haben. Ja, Amazon Prime heißt auch: Versand mit Hermes. Kannste dir nicht ausdenken.

Prime ist Englisch und bedeutet „erstklassig, wesentlich, hauptsächlich, erster/erstes, von bestem Ansehen“ (Quelle: dict.cc).

Hätte ich für Prime bezahlt, würde ich mich jetzt vermutlich ziemlich ärgern, denn mir bei der Bestellung vorzugaukeln, dass die Lieferung am nächsten Tag garantiert sei, wenn das letzten Endes nur für einen Teil der Lieferung gilt (in diesem Fall das Fixativ, haha), empfinde ich nicht als erstklassig. Aber Prime hat ja neben dem kostenlosen Premiumversand noch mehr Vorzüge, wird mir erklärt:

Prime Photos: Ich bekomme unbegrenzten Speicherplatz für meine Fotos, wenn ich sie in der Amazon-Cloud speichere. Das klingt nett, aber ich finde wirklich nicht, dass meine Fotos Amazon irgend etwas angehen und habe ausserdem genügend Festplatten und DVDs zuhause, auf die ich regelmässig meine Bilder brenne.

Prime Video: Das klingt zunächst verlockend, Filme und Serien im Stream, 30 Tage für lau? Aber auf den zweiten Blick wird schnell klar: bei den allermeisten für mich interessanten Titeln gibt es keine Originaltonspur und damit sind sie für mich schlagartig völlig uninteressant geworden. Und andere Titel, die ich gerne sähe, sind nicht im Angebot enthalten oder aber kosten jeweils wieder die üblichen 3-5 € Leihgebühr pro Titel, die auch Apple iTunes verlangt. Dann bleibe ich lieber bei Apple, dort gibt es inzwischen fast immer O-Ton dazu. Netflix hingegen hat übrigens noch weniger Titel, die mich interessieren, bzw. nur bei Netflix USA oder anderen Ländern, aber inzwischen die Nutzung ihrer ausländischen Seiten via VPN unterbunden, so dass Netflix auch keine Alternative mehr ist. Es sieht ganz danach aus, als hätte die Contentmafia aus diesem ganzen DVD-/BluRay Regionalcodefiasko nichts gelernt und nach wie vor kein Interesse an ehrlichen, zahlenden Nutzern.

Prime Music scheint so etwas ähnliches zu sein wie Spotify, aber das brauche ich ja auch nicht. Ich bin kein Mensch für Flatrates und Binge-Watching, da ich nur gezielt Musik höre oder Filme schaue. (Der Ausdruck Binge-Watching lehnt sich ja nicht von ungefähr an das berüchtige Binge-Drinking an, den vornehmen, englischen Ausdruck für das gar nicht mal so vornehme Komasaufen. Ich bin mehr so der Typ Binge-Creating.)

Zuletzt hat man als Prime-Kunde auch Zugriff auf die Kindle-Leihbücherei. Das wäre zwar grundsätzlich für eine bekennende Leseratte interessant, aber ich habe keinen Kindle, habe zu müde Augen um auf dem Handy per App Bücher zu lesen und will auch in erster Linie nicht, dass Amazon sieht, was ich lese und auf welcher Seite ich gerade bin. Deshalb habe ich mich ja vor ein paar Jahren für einen E-Reader von Sony entschieden, auf den ich meine Bücher via Calibre im offenen epub-Format laden und vom Grossen Bruder unbeobachtet lesen kann. Meine elektrischen Bücher kaufe ich lieber direkt bei den Autoren, da kommt das Geld wenigstens an und oft schiebe ich direkt mein Feedback zum Buch hinterher. Ich lese elektrisch allerdings auch hauptsächlich Fachliteratur zum Thema Web-/Mobile Design, z.B.  fast alles von A Book Apart.

Mein, zugegebenermassen etwas böse formuliertes, Fazit dieses Tests lautet: Amazon Prime ist super für Leute, die viel Zeit und Geduld für einen Versand mit Hermes haben, die ihre Privatsphäre grundsätzlich für wertlos erachten und die sich gern bis zur Bewusstlosigkeit passiv mit Unterhaltungsinhalten berieseln lassen.

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