re:kapitulation #rpTEN

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Die zehnte re:publica war meine fünfte. Nach vier Jahren Pause hatte ich mich auf das Wiedersehen bzw. Kennenlernen mit den Mitgliedern meiner Timeline gefreut und erstmals eine eigene Session eingereicht: „#Bingecreating statt #Bingewatching“, ich wollte Leute motivieren, einen Stift in die Hand zu nehmen und jeden Tag ein Viertelstündchen zu zeichnen, statt das Netz nur noch als Fernseher 2.0 zu nutzen und Netflix komplett in einer Woche durchzugucken.

2012 fand die re:publica erstmals in der Station Berlin am Gleisdreieck statt; die bis dato genutzten Räumlichkeiten der Kalkscheune und sogar der Friedrichstadtpalast wurden dem Ansturm der Horden nicht mehr gerecht. Es kam mir damals alles sehr riesig und weitläufig vor, so im direkten Vergleich. Ich hätte nicht gedacht, dass wir nur vier Jahre später erneut Kalkscheunenverhältnisse haben würden: Man kam in viele Sessions nicht mehr hinein, es war viel zu voll. Also setzte man sich – wie damals – einfach schon in die Session vor der, die man eigentlich sehen wollte, um garantiert einen Platz zu ergattern. Und wie damals war es nicht selten diese erste, „notgedrungen“-Session, die sich anschliessend als interessanter entpuppte als das vermutete Highlight danach.

Wirklich gesetzt waren für mich vorab nur zwei Sessions; die von Carolin Emcke über „Raster des Hasses“ und natürlich meine eigene. Ich habe auch einige weitere Panels besucht, und enttäuscht wurde ich fast nirgends, aber diese beiden stachen aus unterschiedlichen Gründen heraus.

Carolin Emcke mit „Raster des Hasses“ am 03.05.2016 auf der re:publica in Berlin. Foto: re:publica/Gregor Fischer CC BY 2.0

Carolin Emcke sprach mit professioneller Distanz über Hass und wie seltsam unscharf er ist, sein muss, um zu funktionieren. Ihre Betroffenheit über z.B. die Ereignisse von Clausnitz war unüberhörbar, aber es gelang ihr, das Geschehene gleichsam unter dem grellem Licht eines OP-Tischs zu sezieren, jeden Aspekt mit der Pinzette der geschulten Beobachterin hochzuhalten und ins Licht zu drehen – um am Ende dennoch ratlos die Einzelteile zu betrachten. Die stehende Ovation am Ende war mehr als gerechtfertigt und ihr leicht ungläubiges, scheues Lächeln darüber war ein wohltuender, natürlicher Sonnenstrahl inmitten des gleissenden Neonlichts. Sie richtete es jedoch umgehend auf eine Clausnitzer Helferin, deren Geschichte nirgends erzählt wurde, deren Name bis dato nirgends erwähnt wurde und die, wie viele andere, an die Arbeit ging als die Kameras aus und der „Reiseglück“-Bus lange leer und fort war. Carolin Emckes Session ist leider nicht in der #rpTEN-Videothek abrufbar, aber auch das ist eigentlich okay. Die besten Momente sind halt genau das: Momente, und ohnehin wird kein Video all das einfangen können, was unsere Herzen gesehen haben.

#bingecreating at #rpTEN, Foto ©Anne Schüßler

#bingecreating at #rpTEN, Foto ©Anne Schüßler

Der Raum, in dem am nächsten Tag meine eigene Session stattfinden sollte, Stage J, war gefühlt nicht grösser als mein Wohnzimmer, dafür aber mit zehn Metern Deckenhöhe, was für eine interessante Akustik sorgte. Ungefähr 40 Plätze hatte der Raum, am Ende waren nicht ganz doppelt so viele Leute tatsächlich drin, standen an den Wänden, saßen auch an den Seiten in drei Reihen hintereinander und hingen noch in Trauben vor der Tür. Das war super, aber damit hätte ich im Leben nicht gerechnet, genauso wenig wie offensichtlich die Organisatoren. Mein simples „wir haben eine Stunde lang Spaß zusammen, uns mit Stift und Papier gemeinsam zum Horst zu machen“ war wohl genau das, wonach sich die Leute nach all dem professionellen Gedöns da draussen sehnten.

Alle waren sie gekommen um mit mir zu zeichnen: Anne Schüßler (die ein paar herrliche Fotos gemacht hat, welche meine verblüffte Begeisterung ob des Andrangs gut einfangen), das Nuf (die das Thema „Hände malen“ anregte), Frau Novemberregen, die das Thema gleich mal in die Tat umsetzen und die nächsten 30 Tage lang täglich ein selbstgemaltes Bild ins Blog stellen will, Herr @Giardino und Frau @Claudine, der Nullenundeinsenschubser und @Philbee, @Katzentratschen, @Wortfeld … einfach alle.

Lasziver Akt (was ich nie kann). #bingecreating

Ein von Phil Braun (@philbee) gepostetes Foto am

Um den Schwung beizubehalten habe ich eine wöchentliche #bingecreating Challenge ins Leben gerufen: Die erste ist hier und die Ergebnisse werde ich in den nächsten Tagen auf einer eigenen Seite sammeln und vorstellen.

Was war noch?

Das Thema Sponsoren, insbesondere Eyeo wurde schon andernorts mehrfach thematisiert und natürlich ist das klebrig und riecht reichlich streng, dem Laden eine Bühne zu bereiten. Andererseits weiß man das auch und kann es entsprechend einordnen als erwachsener Mensch: Die gesamte Station Berlin für etwa eine Woche anzumieten (drei Tage Veranstaltung, der Rest An- und Abbau) lässt sich nicht von den lächerlich geringen Eintrittspreisen finanzieren, zumal Helfer und Speaker freien Eintritt haben, das sind ja auch schon rund 10-15% der Anwesenden. Vergleichbare Fachkonferenzen kosten schon mal 1.500,–€ und haben noch viel mehr Sponsoren, die sich ausserdem noch viel aufdringlicher zeigen (can you say TNW?). Wir sind nicht mehr in Kansas, Toto: Die re:publica, wo die digitale Bohème sich seit zehn Jahren fragt, wie man mit Bloggen Geld verdienen kann, trägt sich in dieser Form nur mit zahlungskräftiger Unterstützung von Firmen der Grössenordnung Daimler, IBM und Microsoft. Man muss diese Firmen nicht lieben, es ist umgekehrt auch keine Geste der Liebe ihrerseits, es handelt sich schlicht um ein Geschäft. Deal with it.

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Alle Menschen vor Ort wirkten auf mich entspannt, freundlich und voller positiver Energien geladen. Sogar die Securitycrew wirkte nicht bedrohlich oder einschüchternd sondern eher peinlich berührt, dass sie in die Rucksäcke und Taschen der Besucherströme schauen mussten. Wobei ich mich ja fragte, wonach sie gesucht bzw. was sie zu finden erhofft haben. Kameras? Kein Problem. Mitgebrachte Getränke und Stullenpakete? Kein Thema (das ist auch noch lange nicht überall so). Laptops? „Dankeschön, viel Spaß.“ Kathrin Passig hat sich wohl dasselbe gefragt, jedenfalls habe ich sehr über ihren entsprechenden Tweet gelacht:

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Der Snapchat Hype nervte, v.A. weil er verdeutlichte, wie doof wir sind, wie konditioniert. Aber auch das ist wohl Leben im Netz.

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Diese re:publica kam mir besonders politisch vor, das gefiel mir sehr gut. Die Panels rund um die Themen Flucht, Migration, Krieg und Arbeitswelten haben mir mehrheitlich sehr gut gefallen. (Aber vielleicht kann trotzdem mal jemand Herrn Dueck stecken, dass er a) immer noch zu leise und nuschelig redet und b) Bis repetita non placent.)

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Das Wetter war mehrheitlich klasse, so dass die Liegestühle wirklich eine schöne Sache waren (ausser für meinen Rücken …) und es gab auch eine Vielzahl an Food Trucks, deren Angebot qualitativ eher durchwachsen war, wie ich fand. Aber vielleicht bin ich da als Hamburgerin einfach verwöhnt. Die Preise fand ich gerade noch erträglich, bis auf einige Ausrutscher: 3 Euro für ein Legosteingrosses Stück Kuchen oder eine Mate? Nicht mit mir. Die Aufteilung in drei Gesprächszonen – der vordere Hof, der Affenfelsen in der ersten Halle und der „Strand“ inkl. Strandsauna hinter der letzten Halle – entspannte und entzerrte die Menge etwas, aber führte vielleicht auch dazu, dass ich weniger Leute traf als noch 2012. Was jedoch wieder schön war: Ab 18 Uhr konnten Besucher auf den Hof und so traf ich noch einige Berliner, die leider erst nach der Arbeit Zeit hatten aber problemlos vorbeikommen konnten.

Fazit: Alles richtig gemacht, Tanja, Johnny, Markus und Andreas. Habt tausend Dank für Eure Mühen – ich habe mich sehr wohl gefühlt und freue mich auf die #rp17.

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