Schmöchtedasnicht (Warum ich nicht gerne böse Wörter lese, höre, benutze)

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„Schmöchtedasnicht.“ Ich hab’ vergessen, woher dieser Ausdruck kommt, der mir vorwiegend auf Twitter begegnet, aber er beschreibt sehr treffend meine Reaktion auf das F-Wort. Und das andere F-Wort. Und das S-Wort. Und das K-Wort. Und all die anderen Wörter, die noch in der Generation meiner Grosseltern dazu geführt hätten, dass es „ein paar gesetzt hätte“ oder der fluchende Mund mit Seife ausgewaschen worden wäre.

„Wer schreit, hat Unrecht“, diese Antwort meiner Eltern auf meine kindlichen, legendären Wutausbrüche haben mich zwar noch wütender gemacht, aber in der Sache letztlich keinen Schritt nach vorn gebracht: Ich musste lernen, mich zu beherrschen, meine Wut zu zügeln und mit Argumenten zu überzeugen. Und wer auf Kraftausdrücke zurückgreifen muss um seine Argumentation zu unterstreichen, verliert rein deshalb in meinen Augen sehr an Höhe, so valide die eigentlichen Argumente auch sein mögen.

Am häufigsten begegnen mir diese Ausdrücke der Hilflosigkeit, wie ich sie einmal positiv darstellen möchte, in Diskussionen zu Gender-/Feminismusthemen im Netz. Da finden Menschen es probat, echten oder vermeintlichen Angriffen auf die Weiblichkeit mit deftigster Gossensprache zu begegnen und fluchen wie ein Haufen Matrosen auf dem ersten Landgang nach drei Monaten auf See. Das mag sie gerade sehr erleichtern, aber wie das halt so ist, wenn man sich erleichtert: Das Ergebnis dieser Erleichterung bleibt zurück wenn man selbst längst weitergezogen ist und verschmutzt die Landschaft optisch, haptisch und auch olfaktorisch. Inzwischen entfolge ich solche Leute, wenn mir ihre verbalen Entgleisungen mehr als dreimal böse aufstossen, auch wenn diese Leute ansonsten gut und interessant twittern. Schmöchtedasnicht.

Ich bin nicht prüde, oder zumindest nicht mehr oder weniger als wohl die meisten Menschen. Sicherlich entfährt mir, häufiger als mir lieb ist, das eine oder andere schmutzige Wort. Und jedes Mal zucke ich anschliessend innerlich zusammen und schäme mich ein bisschen, denn es tut mir selbst weh. Ich möchte diese Worte, die ausschliesslich dazu da sind, zu verletzen, nicht nutzen. In der Fastenzeit habe ich dieses Jahr für jedes dieser Wörter einen „Strafbären“ gemalt, das war eher als Gag gedacht, mehr nicht, ich bin weder religiös noch oberspiessig. Aber dieses Spiel hat mich noch etwas mehr auf meine Worte achten lassen und zu etwas mehr Selbstdisziplin zurückgeführt. Neun Fluchbären sind es am Ende in sieben Wochen geworden, und obwohl sie mir gut gelungen sind, betrachte ich das als neun zuviel.

Es gibt Kraftausdrücke aus anderen Kulturkreisen und Sprachen, die ich herrlich komisch finde, entweder rein phonetisch oder von ihrer eigentlichen Bedeutung her. Wer erinnert sich nicht an Trappattonis verzweifeltes „Struuunz! Was erlaube?“ bei seiner Pressekonferenz damals? Ich weiß nicht mehr, ob der arme Strunz an dem Tag tatsächlich so schlecht (oder überhaupt) gespielt hat, dass sein Trainer ihn auf solch zweifelhafte Art quasi unsterblich machen musste. Das italienische Schimpfwort Stronzo klingt soviel lustiger als sein deutsches Äquivalent, das A-Wort. Aber das nimmt ihm nicht wirklich die Bedeutung und die Härte.

Ein erstauntes „WTF?!“ ist immer angebrachter als die ausgeschriebene Version (und auf Twitter auch nicht zuletzt wegen der Zeichenbegrenzung), die Steigerung davon ist das eingedeutschte „Watzefak?“, das immer noch reichlich milder klingt als das Original. Doch auch hier beschleicht mich Unbehagen: Indem ich auf die Umschreibung zurückgreife, zwinge ich letztlich den Empfänger dazu, das Wort für sich zu übersetzen oder zu ergänzen. Bei Licht betrachtet auch ziemlich feige, oder? Das erinnert mich an Louis C.K.s berühmten (und umstrittenen) Rant zu Leuten, die lieber “The n-word” sagen. Insofern bitte ich hiermit um Entschuldigung für die eingangs erwähnten Abkürzungen. Es ist offensichtlich gar nicht so leicht, sich über Schimpfwörter zu echauffieren ohne welche zu benutzen.

Ich bemühe mich also, möglichst gar nicht zu schimpfen, aber natürlich gelingt das nur so mittelprächtig. Wenn es denn sein muss, greife ich meist auf „Pappnase“ zurück: Das ist weder grob unhöflich, noch sexistisch, noch beleidigend gegenüber Minderheiten oder Kranken, hört sich lustig an (wie ich finde) und dennoch kräftig genug, meinen Unmut kundzutun. Das solchermassen betitelte Opfer ist in meinen Augen ein Clown, jemand, den ich nicht ernst nehmen kann, will oder muss. Das kann man albern finden, klar, aber auch das passt zum Begriff. Perfekt.