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Mein Besuch auf der TED X Hamburg 2013

Gestern fand die TED X Hamburg 2013 in der Laeiszhalle statt, das Thema war „City 2.0“ – wie wollen wir leben, wie sehen unsere Städte der Zukunft aus und was sollten wir tun bzw. was geschieht, damit wir dort ankommen?

TED steht für Technology – Entertainment – Design und diese Konferenz gibt es seit den 80ern in New York. Das X dahinter für die Open Source Variante und die local events weltweit („the x marks the spot“ wie das im Krimi heissen würde).

Ich hatte sehr spät erst von dem Event vor meiner Haustür erfahren; netterweise bekam ich über den akkreditierten Blogger Maximilian noch eine Karte. Angeblich gab es sogar Plakate in der Stadt; der Moderator sprach jedenfalls später davon, daß ein Museum bereits angefragt habe, ob es das Plakat in die Sammlung aufnehmen dürfe. Ich hatte kein Plakat gesehen und auch sonst scheint mir die Kommunikation dieser Konferenz sehr sparsam verlaufen zu sein. Das Feedback der Leute vor Ort bestätigte meinen Eindruck und ein befreundeter Blogger meinte, es sei schon seltsam – in anderen Städten käme man für Geld und gute Worte nicht auf TED Events und bei uns konnte man sogar Tickets kaufen. Diese wurde sicherlich nicht alle verkauft (obzwar der kleine Saal der Musikhalle gut gefüllt war), was bei 119€/Stück auch nicht verwunderlich ist. Doch dazu später mehr.
Maximilian stand schon vor der Tür, zusammen mit dem Eimerchen und bald stiess auch Isabel zu uns, die sich trotz der gemeinsamen Autorenlesung mit Maximilian am Vorabend zu nachtschlafender Stunde aus dem Bett gequält hatte und tapfer in die Hamburger SommerSonne blinzelte.

Robert Neuwirth: „D.I.Y. City“

Der erste Sprecher war der New Yorker Autor und Aktivist Robert Neuwirth, und sein Thema war „D.I.Y. City“, also die do-it-yourself Stadt. Da ging es weniger ums Bäume umstricken und Graffitos als um die weltweite (Zurück)Eroberung der Städte durch die Menschen, und zwar die Menschen ganz unten. Menschen, die sich selbst ihre Häuser und Städte bauen, z.B. in Afrika und Asien (aber nicht nur!) und ihre Märkte selbst finden und bedienen, z.B. mit piratierten Handys und Markenkleidung.
Piraten zapfen Stromleitungen an und versorgen so ihre Slums z.B. mit der Möglichkeit, Wasser zu pumpen – das bedeutet, weniger potentiell tödliche Epidemien und Krankheiten durch Keime und Fäkalien. „Wenn Sie einen Besitz in Form von Bargeld, Immobilie, Auto oder anderen Dingen in Höhe von 2.138 US $ bzw. 1.652 € oder mehr sind, herzlichen Glückwunsch: Sie gehören zu den reichsten 50% der Menschen auf diesem Planeten.“ Puh.

Neuwirth fuhr fort und plauderte aus dem Nähkästchen, warum (Marken)piraterie eine gute Sache sei, z.B. bei Handys – es werden mit gefälschten Nokia Handys Menschen miteinander verbunden, die sich andernfalls kein solches Kommunikationsmittel leisten könnten. Gleichzeitig verbessern die Piraten (aus China) die Originale, so wurden beispielsweise „Nokia“ Handys verkauft, die zwei oder drei SIM-Karten aufnehmen können, weil in Afrika alle paar Kilometer ein anderes Netz existiert und man so nicht länger drei Handys mit sich herumschleppen musste. Nokia sah dies und hat reagiert: inzwischen bieten sie selbst solche Handys and (und haben den Preis auf wettbewerbsfähige 19 Dollar pro Teil reduziert).

Er erzählte auch, daß beispielsweise ein Manager eines großen, internationalen Sportswearunternehmens sagte, die Piraten seien grundsätzlich sehr wichtig für die Branche, und zwar als Marktforscher – was nicht piratiert wird, kann schon als Flop angesehen werden. (Aus meinen Erfahrungen in Film- und Musikindustrie kann ich die ähnliche Denkweise bestätigen – ein Film, der nicht vor Start in einer Tauschbörse in großen Stückzahlen heruntergeladen wurde, wird vermutlich ein Flop. Studios setzen auf diese Art von MaFo inzwischen mehr als auf klassische Screenings.)

Mehr dazu in Neuwirths Blog Squattercity und seinen Büchern „Shadow Cities: A Billion Squatters, A New Urban World“ und „Stealth of Nations: The Global Rise of the Informal Economy“. Er twittert unter @RobertNeuwirth. Das Video seines Vortrags werde ich hier einbinden, sobald es verfügbar ist.

Ein Redner fiel krankheitsbedingt aus, dafür wurde nun ein Talk aus der Konserve gezeigt; Kent Larson sprach auf der TED X Boston 2012 über Responsive Cities und das war definitiv sehenswert. Das Video findet sich hier.

Raul Krauthausen: „The Accessible City – How to Increase the Usability of Our Cities for EVERYONE“

Der nächste Redner war Raul Krauthausen, den ich schon im letzten Jahr auf der re:publica kennenlernen durfte und der erst vor kurzer Zeit u.a. für sein Projekt Wheelmap.org mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde (Anm. d. Red.: endlich mal einer, der es auch verdient hat). Raul stellte nicht nur die „Bundesligatabelle der barrierefreien Städte“ sondern auch Projekte vor, bei denen u.a. Schüler sich in den Rollstuhl setzen um ihre Stadt aus einer anderen Perspektive im wahrsten Sinne zu erfahren und wies darauf hin, daß Architekten und Architekturstudenten von heute entsprechend in Sachen Barrierefreiheit geschult werden müssen, wenn ihre Werke nicht noch in Jahrhunderten so behindernd sein wollen wie die schöne Laeiszhalle, in der wir uns gerade befanden (von Haller/Meerwein zwischen 1904 und 1908 im neobarocken Stil erbaut).

Was mich jedoch am meisten erschütterte: Sein zu Wheelmap gehörendes Projekt Tausendundeine Rampe hat bislang zu nur 50 gespendeten Rampen geführt und das nächste bescheidene Ziel sind 1000 gespendete Rampen. Mit einer solchen Rampe kann ein ansonsten barrierfreies Restaurant oder Geschäft dann wirklich für alle betret- bzw. befahrbahr werden und eine solche Rampe kostet 100 €. Es ist mir völlig schleierhaft, warum sich für solch einen Portokassenbetrag noch kein Unternehmen gefunden hat, Deutschland mal eben flächendeckend mit diesen steuerlich absetzbaren Rampen auszustatten und dabei etwas fürs Unternehmenskarma zu tun. Die meisten Betriebsausflüge und Weihnachtsfeiern jeder Versicherung kosten doch schon mehr als dafür benötigt würde! Und mir kamen wieder die 119,- € in den Sinn, den diese Veranstaltung für Besucher regulär kosten sollte.

Raul bloggt unter raul.de, twittert als RAULde und wer eine Rampe spenden möchte, kann das hier tun: Tausendundeine Rampe (I’m looking at you, Daimler, Lufthansa, Audi, Deutsche Bahn, Vodafone, Telekom etc. – Konzerne, die sich das Thema Mobilität auf die eine oder andere Art auf die Fahnen geschrieben haben.)

Thomas Hohenacker: „Clevercityparking“

Thomas Hohenacker war der nächste Redner, und bei ihm ging es um cleveres Parken in den Städten. Er stellte einige Zahlen vor, nach denen ein Drittel des täglichen Stadtverkehr für die Suche nach einem Parkplatz draufgehen und zwanzig Minuten pro Suche veranschlagt werden dürfen – das ist eine Menge Lebenszeit, die so sinnlos verplempert wird, von Sprit mal ganz zu schweigen. Seine Firma will den Faktor Glück aus der Gleichung nehmen und mittels technischer Hilfsmittel wie Kameras und Big Data die verfügbaren Parkplätze jederzeit sichtbar machen. Eine App zeigt den Suchenden an, wo freie Parkplätze sind bzw. wo planmässig welche frei werden und das sogar massgeschneidert für die Autogröße – von Smarts bis SUV. Da allerdings die meisten Menschen (in Hamburg angeblich 50-80%) nicht ordentlich für ihre Parkplätze bezahlen, ist das mit der Planung so eine Sache. Mit ihrem Tool käme die Stadt den „Parkdieben“ auf die Schliche.

Ich bin nicht so ganz überzeugt von dem Konzept; zum einen auch deshalb, weil ich nicht finde, daß Parken doppelt bezahlt werden sollte. Als Autofahrer zahlt man ohnehin sehr viel mehr Steuern und die komplett überhöhten Parkgebühren sind legalisierter Straßenraub der Kommunen – umgekehrt wird jedoch so gut wie nichts mehr zum Erhalt oder zur Pflege der Strassen getan. Aber das ist natürlich eine Philosophie, mit der ich allein auf weiter Flur stehe, schon klar. (Nur als Randnotiz: ich habe kein eigenes Auto mehr, nutze Rad, ÖPNV und habe mich gestern am Sponsorenstand auf der TED X Hamburg für Car2Go angemeldet, danke. Kein Bashing erforderlich.)
Zum Anderen hasse ich diese Kameraüberwachung des öfentlichen Raums und es war mir schon bei den Fotos auf seinen Präsentationsfolien unbehaglich.

Hohenacker hat noch keine Website für das Projekt, er selbst ist über XING erreichbar.

Die musikalische Unterbrechung kam vom Improvisationskünstler Roland Satterwhite und hat mir gut gefallen. Bluesklänge auf einer Geige? Ungewohnt. Muss ich nicht dauernd haben, aber das war definitiv keine verschenkte Zeit.

Es folgte die erste Pause, und die war auch dringend nötig, denn der Sauerstoff im Saal war fast zur Neige gegangen. Wir sassen etwas weiter hinten, unter dem Balkon des ersten Rangs und dort war es extrem stickig. Leider wurde das im Laufe des Tages immer schlimmer; später nickte Markus neben mir mehrfach kurz weg und ich hatte erstmals das Gefühl, bald ohnmächtig zu werden. Als die Pause kam, rannten wir folgerichtig hinaus und stürzten an die offenen Fenster im Treppenhaus bzw. gingen hinaus vor die Tür. Dort traf ich – long time no see! – Benjamin, der fleissig fotografierte und dessen Team von viergleicheins.de für die fantastische Live Visualisierung der Veranstaltung per bis kurz vor Konferenzbeginn programmierten Tools flyp.tv verantwortlich zeichnete (wenn ich das richtig verstanden habe).

Nach den TED Richtlinien soll kein Vortrag länger als 18 Minuten dauern und wir hatten nun drei Live- und einen Konservenvortrag hinter uns. (Die Konservenvorträge sind Pflichtvorgabe von TED an die TED X Local Teams.) Alle Vorträge waren zwischen ganz interessant bis sehr inspirierend und verlangten einen hohen Konzentrationsgrad vom Publikum. Alle Vorträge bei TED sind in englischer Sprache und das war für einige sicherlich noch eine weitere Hürde (vor und auf der Bühne). Die Schlagzahl war sehr hoch, das war hier definitiv nicht die re:publica oder die NEXT (ohne diese beiden Konferenzen damit abwerten zu wollen).

Reinier de Graaf: „Foresight in Hindsight“

Nach der Pause ging es weiter mit Reinier de Graafs mir etwas zu hektischen Vortrag „Foresight in Hindsight“ über das Thema Zukunftsprognosen und es gab spannende Einblicke: Natürlich sind viele Prophezeiungen blanker Unfug und haben sich als haltlos herausgestellt; ich habe irgendwann nicht mehr mitbekommen, wie häufig die Welt untergehen oder Christus zurückkommen sollte. Die größte Treffsicherheit haben offenbar noch „(Science) Fiction“-Autoren – Politiker hingegen liegen fast immer daneben. Es mag daran liegen, daß Prophezeiungen ja letztlich auch etwas wie „Fiction“ sind. Auch aufschlussreich: das Verhältnis zwischen Utopien und Dystopien über die letzten Jahrzehnte und zwischen den USA und China.

De Graaf ist Architekt und Partner bei OMA. Ich werde seinen Vortrag inkl. sexistischer Sprüche hier einbinden (wie die anderen auch) wenn das Video verfügbar ist.

David Satterthwaite: „How to Ensure that Aid Really Does Empower Urban Poor Groups“

Es folgte Prof. David Satterthwaite, der sanft aber nachdrücklich und durchaus unterhaltsam davon erzählte, wie man sicherstellt, daß das gespendete Geld auch bei den Bedürftige ankommt und tatsächlich die Empfänger ermächtigt, damit das zu tun, was sie für erforderlich halten. Er erzählte von obdachlosen Frauen in Afrika, die schmale 18.000 US $ für eine Siedlung benötigten, die sie selbst zu bauen gedachten und daß es keine Organisation gab, die ihnen helfen konnte – weil die Organisationen in der Regel vor Ort mit den Regierungen sprechen und den Rest kann man sich denken. Diese Frauen hatte einfach niemand auf dem Schirm. Letztlich konnte das Problem auch aufgrund der Arbeit des IIED gelöst werden und Satterthwaite wurde entsprechend belohnt:

Picki brachte ansonsten auch mein Gefühl zu diesem Vortrag auf den Punkt:

Auftritt der ersten Frau auf der Bühne, die das E für Entertainment mit Leben füllte: Cäthe. Tolle Stimme, gute Performance, es ist halt mühsam so am Vormittag, zumal dank des Sauerstoffmangels alle halbkomatös auf ihren Sitzen hingen.

Genau.

Sam Hill: „Experiencing Cities“

Als nächstes sprach Sam Hill über „Experiencing Cities“ und das war nun der erste Vortrag, bei dem ich wirklich nur dachte ‚och, ja, next please.‘ Hill erzählte von Erfahrungen, die in den Städten für die Besucher der Nachwelt erhalten bleiben sollen, daß Städte große Tagebücher seien und das war vielleicht ganz interessant, aber nicht besonders kohäsiv vorgetragen. Oder aber ich litt schon zu sehr unter Sauerstoffmangel, das kann auch sein. Es endete mit einer gescheiterten Einkaufspassage in ReEading (UK), die sich die Anwohner als Zombiemassaker-Paintballspielplatz zurückerobert haben. Ja gut, äh. Wer’s braucht.

Tusch!

Fabienne Hoelzl: „Upgrade Your Slum“

Die Schweizer Architektin Fabienne Hoelzl erzählte über Slums und daß jeder vierte von uns in der Zukunft (so ab ca. 2030) in einer sog. „informellen Siedlung“ leben wird. Nunja, wie wir ja gerade gelernt hatten, sind Prognosen immer sehr unsicher, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Aber inhaltlich flanschte das natürlich prima an den ersten Vortrag vom Vormittag an und an den von David Satterthwaite. Auch wenn sie leider etwas aufgeregt, leise und schnell sprach, so lohnte es sich sehr, ihr zuzuhören. In „Upgrade your slum“ berichtete sie aus allen schmutzigen Ecken der Erde und besonders aus Afrika und leise aber nicht zu überhören rief sie dazu auf, den Frauen mehr (konkrete) Macht zur Selbsthilfe zu geben, denn: „The Women run Africa“.

Mehr über Fabienne Hoelzl gibt es hier.

Ja, diese Quote ist beschämend, ohne Frage.

Wer noch nicht in Ohnmacht gefallen war, ging nun raus, raus, raus! Und ab zum Lunch. Ich musste mich leider rausziehen, da die Arbeit rief, fuhr nach Hause, arbeitete fleissig und hatte im Hintergrund den Livestream laufen. Darüber bekam ich immerhin noch die letzten Vorträge mit, für deren Beschreibung ich jetzt und hier leider keine Zeit mehr habe, aber ich bin sicher, die Bloggerkolleginnen und -kollegen werden das auffangen.

Ein Fazit:

Mein Fazit: Weniger wäre mehr gewesen. Einige Vorträge hätten gerne länger dauern dürfen und wenn ich die vergleichsweise popelig geringen Beträge gehört habe, mit denen man Menschenleben retten, Lebensumstände verbessern kann und dann die unfassbare Liste von Sponsoren, die bitte beklatscht werden wollten in Zusammenhang mit dem Ticketpreis von 119,- € und besagten nötigen Geldern für die genannten Projekte bringe, wird mir schwindelig.

Wie kann es angehen, daß eine solche Veranstaltung ohne großen Bühnenaufwand in einem relativ kleinen Saal für ein paar hundert Leute ein solches Vermögen kostet, daß es dafür sechsundzwanzig (!) Partner bzw. Sponsoren braucht? Was ist denn daran bitte so teuer gewesen? Strom, Licht und Audiotechnik, Miete, Catering – das kann doch nicht angehen! Das WLAN hat auch nicht funktioniert (was ich nicht weiter schlimm fand), aber wofür ist bitte das ganze Geld bei der TED X Hamburg draufgegangen? Ein paar Dutzend Frauen bauen sich in Afrika eine Siedlung für 18.000 Dollar und … Irgendwie fehlt mir da ein Baustein im Gebäude.

Aha.


[social-bio]

Der AdBlocker Appell (ursprüngliche Fassung)

Ich habe soeben den ersten Entwurf des Bettelbriefs gefunden:

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[social-bio]

Langsam erdrosselt

Anlässlich der Bekanntgabe der Telekom, daß sie künftig ihre DSL-Flatratetarife nach Verbrauch von 75 GB/Monat auf die Geschwindigkeit einer in Wut geratenen Weinbergschnecke drosseln werden, habe ich gerade mal nachgesehen: ich verbrauche im Schnitt monatlich ca. 100 GB.

Das ist ohne Gaming, denn es gibt keine Konsole im Haushalt und keine Spiele auf dem Rechner, ich habe einfach kein Interesse daran.

Ich habe auch kein Entertainmentabo von T-Mobile (welches allerdings von dem Volumentarif ohnehin ausgeschlossen wäre, da die Telekom die Netzneutralität abschafft und eigene bzw. Partnerangebote bevorzugt) oder von Sky etc. Ich habe keine Zeit, kein Interesse daran, bzw. es gibt kein für mich attraktives Angebot.

Drei oder vier Tage im Jahr gucke ich mehrstündige Videostreams, nämlich wenn die Golf-Majorturniere oder alle 2 Jahre der Ryder Cup anstehen. Ich würde das zugegebenermassen viel lieber im TV sehen, aber die ÖR-Programme übertragen das nicht, sondern nur Sky, die allerdings nur auf den HD-Kanälen und auch nicht vollständig oder gar mit englischem Kommentar. Ich habe jedoch keinen HD Fernseher und will mir nicht extra deswegen einen anschaffen. Ich habe auch neben der GEZ-Zwangsgebühr von über 200€/Jahr weitere etwa 300€/Jahr für ein zu 98% für mich uninteressantes Fernsehprogramm nicht im Budget.

Ich nutze keine datenintensiven Musikstreamingangebote wie Spotify oder Soundcloud oder Internetradio etc, da ich mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren kann wenn Musik läuft. Ich bin in dieser Hinsicht leider überhaupt nicht multitaskingfähig; Musik wird hier im Hause ganz bewusst phasenweise eingeschaltet und gehört. Dafür werfe ich z.B. etwa zweimal täglich YouTube an und suche nach einem Lied, was ich dann gerade hören möchte. In den meisten Fällen ist es aufgrund des Google/GEMA Streits für mein Land jedoch leider nicht verfügbar. Ob allein der versuchte Aufruf schon viel Traffic verursacht, weiss ich nicht. Ich kaufe oder leihe etwa einen oder zwei Filme im Monat via iTunes.

Ich lebe allein in diesem Haushalt, wie komme ich also auf sportliche 100 GB, also 30% mehr als das, was die Telekom ab 2016 (!) für ausreichend hält?

Ich arbeite freiberuflich von zuhause aus, was neudeutsch so schön „Home Office“ heisst. Mein Rechner läuft im Schnitt etwa zwölf bis vierzehn Stunden am Tag. Parallel dazu habe ich ein iPad und ein iPhone im Einsatz und die auch im WLAN. Meine Programme, allen voran die Apple-eigenen Programme wie Safari oder das Betriebssystem, aber auch z.B. die Adobe Creative Suite ziehen häufig dicke Updates. Ich schaufele z.B. auch oft mehrere hundert MB große Bild- bzw. Photoshop-Dateien (für Drucksachen) meiner Kunden in die Cloud und zurück. Ich weiß, daß viele Programme auf meinem Rechner im Hintergrund ständig Daten „nach Hause telefonieren“, z.B. die von Apple, Microsoft Office oder besagte Adobe Programme. Ich nutze teilweise die Cloud auch für Testzwecke und Kooperationen bei der Webseitenentwicklung. Ich telefoniere über das Internet (VOIP); allerdings verhältnismässig wenig bzw. selten; vielleicht zwei Anrufe pro Tag. Meist telefoniere ich über das Handy. Durchschnittlich zwei Videokonferenzen kommen noch dazu.

Das alles scheint für die Generierung von rund 100 GB Traffic im Monat auszureichen.

Ich bin bei einem anderen Provider als der Telekom und zahle für meine DSL Flatrate rund 27€/Monat. Aber machen wir uns nichts vor: die anderen werden nachziehen, es ist nur eine Frage der Zeit. Unsere Politiker haben erwiesenermassen weder Interesse an noch Ahnung vom Internet, von den neuen Arbeitswelten (die sie geschaffen haben), geschweige denn von den Interessen der Kinder und Jugendlichen oder Familien heute. Sven hat das hier und hier ausgezeichnet zusammengefasst. Johnny hat übrigens eine Idee dazu.

Unlängst las ich auf Pandodaily einen Artikel zu Googles neuem Dienst ‚Fiber‘. Ganz offensichtlich ist Google in den USA bereits ins Providergeschäft eingestiegen. Kostenlose 5 Megabit Downloadgeschwindigkeit, die Geschwindigkeit für den upload liegt bei 1 Megabit und soll 70 US $/Monat kosten. Wer teilnehmen möchte, muss der Öffentlichkeit einen WiFi-Router bereitstellen und seine Bandbreite teilen. Man wird über kurz oder lang in den USA zumindest in den Ballungsgebieten nirgends mehr ohne kostenlosen WLAN Zugang sein. Klar, Google wird mit Daten bezahlt, ‚kostenlos‘ ist also relativ. Aber wie fasst es der Autor so schön zusammen:

„Google is going to kill AT&T, Verizon, Sprint, T-Mobile and the cable companies. Kids don’t talk on the phone and they don’t have a ton of money. If they can be reasonably sure they’ll have a wifi network, then they are simply not going to sign up for AT&T or Verizon.

It’s game over… in five short years.“

Auch für unseren Global Player, die Telekom. Ich kann trotz all meiner Abneigung gegenüber Google nicht behaupten, daß ich darüber weinen werde.

Geschützt: „Ein Pirat springt ab.“

  • Veröffentlicht am 20th Februar 2013,
  • veröffentlicht von
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Hört auf damit!

  • Veröffentlicht am 25th Januar 2013,
  • veröffentlicht von

Update: Ich habe die Kommentare nach einigen widerlichen Beiträgen geschlossen. Und ein rundes Dutzend widerlicher anonymer bzw. fake-Absender emails gelöscht.

„You shoot off a guy’s head with his pants down, believe me, Texas ain’t the place you want to get caught.“ – Louise Sawyer

Aktuell geht ein Aufschrei durch Twitter und Blogs. Wir haben die Nase voll von Sexismus. Wer sich die Tweets mit dem Hashtag #Aufschrei durchliest, bekommt eine ungefähre Ahnung davon, wie es um unsere Gesellschaft hier und heute im 21. Jahrhundert bestellt ist. Little Jamie hat das hier mal sehr schön zusammengefasst. Frauen und Mädchen gelten nach wie vor nichts. Sie werden täglich angegriffen, wenn sie Glück haben nur verbal – von Kollegen, Vorgesetzten, Bekannten, Nachbarn, Familienangehörigen, Wildfremden. Auf der Straße, am Telefon, im Büro, zuhause, im Internet. Ich habe ein Forum, in dem ich jahrelang sehr gerne aktiv war, hauptsächlich deswegen verlassen weil die sexistischen Beiträge dort in der Frequenz drastisch zunahmen. Die Betreiber hielten sich wie immer desinteressiert raus und die Moderatoren hatten keine Machtbefugnisse bzw. kein Interesse. Schöne Grüße, einige meiner Leser wissen, welches Forum gemeint ist, und natürlich werden sie ungläubig lachend abwinken, meinen, daß ich mich anstelle, vermutlich meine Tage hätte, daß ja alles halb so wild sei, alles nur Spaß. Well, fuck you too.

Mädchen wird beigebracht, daß Jungs eben so sind und man besser den Kopf senkt, sich wegduckt, dem Stress aus dem Weg geht, drüber lacht, es abperlen lässt, sich keine aufreizenden Klamotten anzieht, keine kurzen Röcke, keine tiefen Ausschnitte, denn die suggerieren den Männern, dass Frauen es doch wollen, daß sie alle Schlampen sind, daß sie selber Schuld haben „wenn etwas passiert“. Dabei ist es da schon längst passiert: Frauen werden misstrauisch, manche ängstlich, manche machen sich unsichtbar. Manche tragen einen Ehering, obwohl sie gar nicht verheiratet sind, damit sie weniger belästigt werden. Wenn sie sich wehren, müssen sie sich mit Glück nur Beleidigungen anhören, mit etwas weniger Glück Drohungen und mit richtig Pech endet es tragisch, in einer Vergewaltigung oder gar tödlich. Frauen, die laut und deutlich „nein!“ sagen, müssen sich fragen lassen ob sie frigide sind, ob sie lesbisch sind, ob sie verheiratet sind oder gerade ihre Tage haben – das eigene Ego des Angreifers ist so riesig aufgeblasen, daß kein Platz ist für den Gedanken, er selbst sei vielleicht einfach nur ein jämmerliches Stück Scheiße und wenig attraktiv für 99,2% aller Frauen, die er auf diese Weise anmacht.

Vor Gericht landen die wenigsten Fälle, da Frau sich nicht traut, nichts beweisen kann, das Trauma nicht noch einmal durchleben will, das alles nur ganz schnell vergessen will, sie ja vielleicht doch ein zu aufreizendes Kleid, einen zu kecken Gang gehabt hat, zu spät abends im falschen Viertel unterwegs war, alleine U-Bahn gefahren ist. Was sollen die Nachbarn oder Familie sagen? Lieber schweigen. War es ein Täter mit Migrationshintergrund, gar ein Schwarzer oder Moslem, darf Frau sich schon gar nicht wundern, die sind ja alle so erzogen, wie die Tiere, die können gar nicht anders, das gehört zu deren Kultur, weissmanja.

„Ein Mann schaut auf den Busen einer Frau neben ihm. […] Dazu ist er da. Muss ich Frauen ihre Anatomie erklären?“ – Timo Rieg, Spiegelkritik.de

Wenn sie sich irgendwann psychisch so stark fühlen, oder nach der – in aller Regel geheim gehaltenen – Therapie soweit sind, daß sie sich zitternd trauen, Anzeige zu erstellen oder die Öffentlichkeit zu informieren, dann müssen sie sich fragen lassen, warum sie nicht eher etwas gesagt hätten. Kann ja dann wohl kaum so schlimm gewesen sein, oder?

Jungs lernen, daß sie mit so ziemlich jeder Verhaltensweise ungestraft davonkommen. Manchen ist es tatsächlich unangenehm, so unter Generalverdacht zu stehen. Andere sind froh, wenn es mal gerade nicht sie selbst trifft, z.B. weil sie schwul sind. Oder haben Angst, für schwul gehalten zu werden, wenn sie den Mund aufmachen und sich für die blöden Weiber einsetzen. Lieber drüber lustig machen, den Charme spielen lassen. Nicht wenige jammern beim Thema dann herum, Männer hätten’s auch nicht leicht und es gäbe genügend Frauen, die Männern auch nur auf den Hintern starren würden, das sei ja wohl dasselbe. Mir kommen die Tränen, Ihr Arschlöcher.

Huch, was ist denn mit mir los, ich rege mich doch sonst nicht so künstlich auf, bin doch sonst so ein vernünftiges Mädchen, mache doch sonst nicht so ein Theater? Warum stelle ich mich denn heute so an?
Nun, nennen wir es eine Neujahrsresolution. 2013 wird das Jahr, in dem ich keinen Bock mehr habe, die sexistische Verhaltensweise meiner Mitmenschen großzügig und um des lieben Friedens Willen zu ignorieren. 2013 ist das Jahr, in dem ich eskaliere.

Seid gewarnt: Hört auf damit!

Suchmaschinenbetreiber sind quasi Ladendiebe

So sieht es jedenfalls offenbar der Bundesverband der Zeitungsverleger BDZV, geht man nach einem erhellenden Twitterdialog:

 

Es ist doch wohl eher so, daß der Ladenbesitzer einflussreiche Verteiler darum anbettelt, daß  sie mit von ihm anbiedernd zur Verfügung gestellten Gratispröbchen ihre Kunden in seinen Laden locken – und dann ebenjene Verteiler dafür zur Kasse bitten will, daß sie seiner Bitte nachgekommen sind – wobei die Gratispröbchen vom Ladenbesitzer plötzlich als Diebesgut klassifiziert werden.

Geht einfach sterben.

Medienkonsum, Teil 1: Bücher

Isabel, Patschbella, Excellensa, Journelle und Anne haben schon drüber gebloggt, das nehme ich mal zum Anlass, meinen Medienkonsum mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Beitrag liegt hier schon geraume Weile unter den angefangenen Blogeinträgen, jetzt muss er langsam mal raus.

Ja, Medienkonsum jetzt mal. Also, meiner. Heute: Bücher.

Puh.

(mehr…)

Die Professionalität des Tom Hanks

Aktuell finden sich auf stern.de oder auch SpOn Berichte, wonach Tom Hanks nach seinem Auftritt bei „Wetten, dass… ?“ im ZDF am letzten Samstag Abend kräftig über Markus Lanz  ablästert.

„Eigentlich gilt Hanks, der mit Berry nach Deutschland gekommen ist, um ihren gemeinsamen Film “Cloud Atlas” zu promoten, als einer der umgänglichsten Stars Hollywoods. Am Tag nach seinem Abenteuer in der deutschen Unterhaltungsprovinz konnte er allerdings nicht mehr an sich halten: Wenn in den USA einer eine Fernsehshow über vier Stunden laufen ließe, so Hanks’ schonungslose Bilanz, würde der Verantwortliche am nächsten Tag gefeuert.“

Fassen wir mal zusammen: Die Sendung „Wetten, dass… ?“ gibt es seit ca. 30 Jahren. Seit jeher finden da skurrile Dinge statt und spätestens seit Übernahme der Moderation von Formaterfinder Frank Elstner seitens Thomas Gottschalks hat das Ding Überlänge und bringt viele Zuschauer zum Fremdschämen. Allerdings fühlen sich auch verdammt viele Leute davon unterhalten, und ob sie nun echte Fans der Sendung sind oder wie bei einem Autounfall einfach nicht wegsehen können, sie schalten regelmäßig ein. Keine andere Unterhaltungssendung im europäischen Fernsehen weist eine traditionell so hohe Zuschauerquote auf wie „Wetten, dass… ?“. (mehr…)

Auf der Flucht

Ich bin Kind eines Flüchtlingskinds. Meine Großmutter wurde in Essen ausgebombt und begab sich mit ihren drei kleinen Kindern (6, 5 und 4 Jahre) auf die Flucht; mein Großvater war gefallen. Zunächst ging es nach Bayern, später in die Lüneburger Heide. Sie hatten das Glück und das Pech, eine Familie von vielen zu sein, die im eigenen Land, der Not gehorchend, von jetzt auf sofort bei Fremden Unterkunft finden mussten und sich mit dem Versorgungsamt herumschlagen durften.

Vier Köpfe von rund 12 Millionen; später kamen noch einmal rund 12 Million „Displaced Persons“ aus KZ und Zwangsarbeitslagern dazu. Daß meine Omi, die schon hungernd den ersten Weltkrieg überlebt hat und heute im 100. Lebensjahr steht, nach wie vor topfit im Kopf und in der Zeit damals nicht wahnsinnig geworden ist, das finde ich bemerkenswert. An Tagen, an denen ich glaube gestresst zu sein, denke ich kurz an die junge, hübsche Frau Mitte zwanzig, die frisch verwitwet war, drei kleine Kinder an den Händen hielt und keinerlei Aussicht auf eine nennenswerte Zukunft hatte und lache herzlich.  (mehr…)

Radikal sinnlos

Menschen, die radikale Positionen vertreten, sind mir suspekt. Zum einen glaube ich nicht, daß es zu irgend einem Thema nur schwarz oder weiss gibt, auch wenn sich diese beiden mit Nichtfarben bezeichneten Positionen meist ideal weil müheloser darstellen lassen. Das ist in Zeiten, in denen man von endlosen 15 Minuten Ruhm bzw. Aufmerksamkeit für die eigenen Ergüsse nur noch träumen kann, sehr wichtig: Sag’s plakativ, erklär’s mir als ob ich drei Jahre alt sei und verpacke es in einen Satz, der nicht mehr als 140 Zeichen umfasst. Für Grauschattierungen und Zwischentöne bleibt keine Zeit; zuviel Nachdenken ist nicht gefragt.  (mehr…)

Für dumm verkauft

Ich kriege das ja alles nur unmittelbar durch Blogeinträge etc.mit, was da wieder für eine Sau durchs Sommerloch getrieben wird. Ich habe, wie ich schon bei Johnny schrieb, vier Anläufe (via Mediathek) unternommen, mir die ZDF Info Sendung mit ihm und Spitzer anzusehen. Ich hab’s nicht geschafft, mir das Elend zu Ende anzuschauen. Und die Jauch(e)-Sendung habe ich auch nur via Twitter mitgekriegt.

Mir wird übel bei so einer Mischung aus Inkompetenz (zunächst einmal der Moderatorin, die es nicht schafft, diesen blökenden Unsympathen kalt zu stellen, was aber natürlich auch ihr Sendekonzept ad adsurdum führen würde) und aggressiver Selbstdarstellung der Teilnehmer; in diesem Falle Spitzer, der unhöflich jeden anderen Teilnehmer unterbrochen hat bzw. über ihre Einwände hinweggerollt ist. Von seinen Thesen habe ich nichts mitbekommen, weil ich mich nicht anschreien lasse und daher den Stream weggeklickt habe. „Wer schreit, hat keine Argumente, wer schreit, hat unrecht“ haben meine Eltern mir als Kind beigebracht. Das mag nicht in jedem Fall zutreffen, aber hier bin ich mir sehr, sehr sicher, daß dem so ist. Und sollte der Mann tatsächlich valide Argumente haben, dann ist er dennoch dumm (im Sinne von ungeschickt), weil er sich selbst durch sein schlechtes Benehmen disqualifiziert hat, sie mir nahezubringen.

Vielleicht ist der Mensch von Natur aus unzufrieden mit dem, was er hat und neidisch oder wenigstens neugierig auf das, was andere haben. Und wie in der Fabel vom Fuchs und den sauren Trauben macht er das nieder, was er gerne hätte aber nicht haben kann, oder was er einfach nicht versteht. Weniger, um andere davon zu überzeugen, als um sich selbst davon zu überzeugen, daß er das Ding ja gar nicht braucht. Und natürlich braucht er es in den meisten Fällen nicht; wir brauchen bekanntlich überhaupt nur sehr wenig zum Leben. Aber hätten es halt gerne.

Mir geht es inzwischen wie vielen anderen, oft jüngeren FreundInnen, KollegInnen, Followern etc. aus diesem Internet: ich habe keine große Lust mehr, mich anzustrengen den aus-Prinzip-Offline-lebenden zu erklären was sie verpassen, welche Chancen sie sich verbauen, was eigentlich so großartig ist an all dem. Ich bin langsam müde, ein Feuer der Begeisterung entfachen zu wollen wo alle in Asbestklamotten mit verschränkten Armen neben ihren Feuerlöschern stehen. Es ist keine Frage des Alters, der Bildung oder der Herkunft. Es ist eine Frage der Neugierde auf das Leben, wie offen der geistige Horizont ist und die Bereitschaft, sich auf ein Abenteuer einzulassen. Ja, man kann sich im Internet furchtbar weh tun, man kann beraubt, verleumdet, verarscht werden. Newsflash: all das passiert auch täglich in der Offlinewelt, wie man in Zeitungen lesen und im TV sehen kann. Man kann sich im Internet ausschliesslich in sog. walled gardens wie einstmals AOL und CompuServe und heute Facebook aufhalten und trotzdem ein tolles Leben haben, genau wie man einen fantastischen Cluburlaub in einem all-inclusive-Hotel mit Kinderbetreuung, all-you-can-eat Buffet und Animation haben kann. Vielen Menschen reicht das und sie erleben jedenfalls schon mal deutlich mehr als diejenigen, die gar nicht erst vom Sofa aufstehen. Aber sie verpassen so viel. Es gibt so viel mehr!

Andererseits: wir verpassen alle etwas, jeden Tag. Es gibt einfach zuviel. Wir können niemals alles machen, alles lesen, alles sehen, alles lernen. Selbst die aktivsten, belesensten und am weitesten gereisten unter uns werden, im Ganzen betrachtet, am Ende ihres Lebens nicht sehr viel mehr als an der Oberfläche dessen gekratzt haben, was möglich gewesen wäre. Ich möchte gern segeln lernen, und programmieren, mit dem Motorrad durch Indien fahren und eine eigene Schriftart entwerfen, ich will richtig gut kochen können und herausfinden, wie man World of Warcraft spielt, ich will noch mehr Fremdsprachen lernen und mein Buch endlich veröffentlichen und besser Golf spielen und eine neue Band gründen und noch viel mehr. Ich will mir keine künstlichen Grenzen aufbauen und mir keine bauen lassen. Schon gar nicht von Leuten, die mich anschreien und für dumm verkaufen wollen.

 

 

Zum selben Thema: Wenn die Kinder das Internet nicht hätten

Leistungsschutzgeld, die Dritte

  • Veröffentlicht am 28th August 2012,
  • veröffentlicht von
  • mit 1 Kommentar

Wie Jan Moenikes hier festhält, steht der inzwischen dritte Entwurf eines Leistungsschutzrechts für Presseverleger wohl morgen auf der Tagesordnung im Bundestag.

Nachdem die erste Version zu gierig war und auf große Empörung allerorten stieß, die zweite Fassung ausschliesslich die Suchmaschinen zur Kasse dafür bitten wollte, daß sie den Verlagen rund 4 Mrd Klicks auf die Seiten schaufeln und man ahnt, daß Google das wahrscheinlich nicht mitmachen und die kleinen, größenwahnsinnigen Scheißerchen Verlage schlicht aus dem Index kicken würden, steht da nun in Variante Nummer 3:

§87g

(4) Zulässig ist die öffentliche Zugänglichmachung von Presseerzeugnissen oder Teilen hiervon, soweit sie nicht durch gewerbliche Anbieter von Suchmaschinen oder gewerbliche Anbieter von Diensten erfolgt, die Inhalte entsprechend aufbereiten. Im Übrigen gelten die Vorschriften des Teils 1 Abschnitt 6 entsprechend.

(mehr…)

Media Monday #61

Media Monday #61

Ich habe die letzten paar Wochen den Media Monday ausgelassen, wie Ihr vielleicht bemerkt habt. Zum einen, weil ich keine Zeit hatte, zum anderen, weil da zu viele Namen drin vorkamen, die mir nichts sagen und dann immer zu schreiben „kenn’ ich nicht“ ist ja auch mehr so mittelsinnvoll. Aber heute bin ich mal wieder dabei:

1. Steve McQueen gefiel mir am besten in Papillon. In Papillon hat er erstmals wirklich schauspielerisches Können gezeigt, finde ich. OK, mit Dustin Hoffman einen echten Schauspieler der method acting Schule an seiner Seite zu haben war sicherlich auch nicht verkehrt. Versteht mich nicht falsch, ich bin großer Steve McQueen Fan und viele seiner Film zählen zu meinen Lieblingsfilmen (The Great Escape, Bullitt, The Getaway, The Cincinnatti Kid), aber er war in meinen Augen mehr ein Star als ein Schauspieler, ähnlich wie z.B. Tom Cruise, der auch tolle Filme gedreht hat, aber grundsätzlich immer nur sich selbst spielt. Das muss dem Vergnügen oder der Filmqualität keinen Abbruch tun. Aber in aller Regel bekommt man auch keine Überraschung zu sehen. In Papillon aber hat er mich jedoch sehr positiv überrascht.

2. John Carpenter hat mit Escape from New York (dt.: Die Klapperschlange) seine beste Regiearbeit abgelegt, weil das einer von zwei Filmen ist die ich von ihm kenne (der andere ist They Live): da er anerkannter Meister des Horrorgenres ist, sind die meisten seiner Werke für mich kleinen Schisshasen eine fett markierte no-go-area. Allerdings habe ich auch so nicht viel von diesem Film gesehen, da ich frisch verliebt war und beim Videoabend die meiste Zeit, äh, abgelenkt wurde. [sheepish grin]

3. Erika Eleniak gefiel mir am besten in ________ . Wer? OK, beim flüchtigen Überfliegen der IMDB kenne ich offenar doch genau zwei Filme mit ihr: E.T., wo sie offenbar nur Statistin war und Under Siege (dt. Alarmstufe Rot), von dem ich nicht mehr so viel in Erinnerung habe, weil ich immer noch verliebt war und im Kino die meiste Zeit abgelenkt wurde. [sheepish grin] (Protipp an die Kerle: sinnfreie Actionfilme eignen sich übrigens sehr viel mehr für „Action“ als RomComs, da frau a) sich nur zu gerne von dem nervigen Geballer vorne ablenken lässt und sich in Euren starken Armen vergräbt. Bei RomComs hingegen stört Ihr nur.)

4. Einfach um den Versuch mal zu wagen: Welches Theaterstück/Musical o. ä. habt ihr zuletzt gesehen und wie hat es euch gefallen? Ich habe zuletzt den König der Löwen gesehen (Geburtstagsgeschenk für La Mamma, ich bin mitgegangen) und es hat mir gut gefallen. Ich kannte den Film und fand die Inszenierung sehr schön. Normalerweise mache ich mir allerdings weder aus Musicals (Ausnahmen sind West Side Story, Sweeney Todd und Hair) noch aus Theater etwas. Oper und ganz besonders Ballet hingegen besuche ich sehr gerne, wenn auch nicht so oft wie ich mir wünschen würde – trotz massiver staatlicher Subventionen ist das für Normalsterbliche einfach unbezahlbar (70€ aufwärts), es sei denn, man nimmt sehr schlechte Plätze in Kauf. Und für einen Hörplatz im dritten oder vierten Rang sind mir dann wiederum selbst 8 € noch zuviel. Im Verhältnis zum Kinobesuch oder DVD-Kauf ist es natürlich mehr als günstig; schliesslich arbeiten da jeden Abend eine Unzahl von Menschen live für mein Vergnügen, die dafür auch gut oder wenigstens okay bezahlt werden wollen und sollen.

5. Das überflüssigste Klischee in TV-Serien wird garantiert bedient.

6. Horror-Komödien sind nichts für mich. Ich mach’ mir schon bei Gremlins ins Hemd.

7. Mein zuletzt gesehene Serie ist Fawlty Towers und die war wie immer herrlich fies, nur leider zu kurz, weil John Cleese einfach zu gut ist, um einen Witz zu Tode zu reiten.

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Warum das Leistungsschutzrecht eine gesellschaftliche Katastrophe ist

Warum das Leistungsschutzrecht eine gesellschaftliche Katastrophe ist

Der Entwurf zum geplanten Leistungsschutzrecht liegt jetzt vor und es ist so schlimm wie bzw. schlimmer als befürchtet. Das Zitatrecht wird de facto außer Kraft gesetzt, man wird nicht einmal mehr Überschriften der Artikel verlinken und zitieren dürfen, wer kommerziell agiert bestimmen die Verlage und der Blogger, Twitter- oder Facebooknutzer hat im Zweifel die Beweispflicht, daß er es nicht tut. Dem grassierenden Abmahnwahnsinn wird eine weitere Tür aufgestoßen und entsprechend spezialisierte Kanzleien müssen glauben, Weihnachten sei in diesem Jahr vorverlegt worden.

Die erste, vielleicht instinktive Reaktion vieler Blogger und „always online“ Social Media Nutzer, also denjenigen, die von Politik und Medien gerne als „Netzgemeinde“ subsumiert werden, ist eine Mischung aus Gehässigkeit und Schadenfreude: Ja gut, dann verlinken wir halt alle nicht mehr auf diese Presseangebote, zitieren nicht mehr, beten, daß Google und Bing ihre Seiten aus dem Index werfen und beobachten genüsslich, wie die Verleger spätestens zu Weihnachten heulend auf Knien angerutscht kommen und alles wieder rückgängig machen wollen, weil ihnen Traffic und Einnahmen weggebrochen sind und sie ihre Läden de facto zumachen können. Auch die Meinung von Ralf Schwartz geht in diese Richtung:

Der deutschen Blogosphäre kann nichts Besseres passieren als das neue Leistungsschutzrecht. Hut ab vor den Verlagen und der Politik, die uns endlich zwingen, wenn wir es schon nicht freiwillig tun, innovativ, relevant, distinktiv und einzigartig zu werden.

Ich gestehe, dies ist auch meine erste Reaktion gewesen: Leistungsschutzrecht? Cool, wir schützen das Netz vor den „Leistungen“ der Verleger und ignorieren ihre Ergüsse. Das denke ich ja jedes Mal, wenn wieder mal automatisiert irgendwelche Falschmeldungen von dpa & Co. in drölftausend redaktioneller Content Management Systeme einlaufen und dann strahlend die Blödheit und Inkompetenz der Redakteure demonstrieren, die sich nicht entblöden im Zusammenhang mit ihren Erzeugnissen immer noch von Qualitätsjournalismus zu faseln. Aber das ist zu kurz gedacht.

Es ist unsere verdammte Pflicht, den rund 30% offline lebender Menschen unserer Gesellschaft die nötige Medienkompetenz zu vermitteln.

Die staksigen und hilflosen Gehversuche der etablierten Medien im Social Web lassen uns entweder mitleidig grinsen oder hämisch lachen. Erst Mittwoch Abend gab es wieder Grund zum fremdschämen, als im ZDF Oliver Kahn unter großem Tanderadei seinen ersten Tweet abließ:

„Wie platt ist das denn?“ entfuhr es unwillkürlich der Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, die damit wohl nicht nur meinen ersten Gedanken dazu laut aussprach. Aber das gefühlte gleichzeitige vor-die Stirn-patschen tausender Twitternutzer vor dem Fernseher konnte nicht übertönen, daß wir unsere Hausaufgaben nach wie vor nicht gemacht haben. Wir müssen die Offliner zu uns ins Boot holen, dürfen sie nicht auf dem Trockenen zurücklassen. Und das klappt besser, wenn man sich nicht über sie lustig macht sondern ihnen hilft und die Hand reicht. Sascha Lobo sprach es auf der re:publica an: Es ist unsere verdammte Pflicht, den rund 30% offline lebender Menschen unserer Gesellschaft die nötige Medienkompetenz zu vermitteln. Und daß man mit Honig mehr Fliegen fängt als mit Essig, das sollte eigentlich auch bekannt sein.

Bei wem habt Ihr in der Schule mehr gelernt: bei dem Lehrer, der Euch ob Eures Unwissens ausgelacht und vor der Klasse bloßgestellt hat? Oder bei dem, der Euch gezeigt hat, wie spannend der zu vermittelnde Stoff sein kann, was man für tolle Tricks mit dieser mathematischen Formel oder diesem Chemieexperiment machen kann und wie Ihr das Gelernte gewinnbringend auf Euer Leben übertragen könnt?

Eine „wir gegen die“-Haltung ist menschlich verständlich, aber dumm und kontraproduktiv. Das Problem ist, daß wir keine Lobby haben: weil wir in unserer Arroganz davon ausgehen, daß jeder denkende Mensch mit einem IQ oberhalb der Raumtemperatur unsere Sichtweise teilen muss. Wer das nicht tut, den lassen wir eben achselzuckend im Staube zurück. Dabei übersehen wir, daß wir es sind die zurückgedrängt werden, denn die „dunkle Seite der Macht“ hat eine ganz reale Macht: Geld und Einfluss, in Form von medialer Reichweite und mehr oder weniger eindeutig gekauften Politikern.

Print is temporary, digital is forever.

Politiker wiederum haben genau zwei Interessen: erstens, ihre Schäfchen in der ersten Legislaturperiode ins Trockene zu bringen und zweitens, eine zweite Legislaturperiode zu erreichen (und die Schäfchenherde zu vergrößern). Dabei ist ihnen das Netz mitsamt seinem Bürgerjournalismus naturgemäß ein Dorn im Auge, denn anders als die Zeitung von gestern, in die der Fisch von heute eingewickelt wird, vergisst das Netz nicht. Print is temporary, digital is forever.

Das deckt sich weitgehend mit den Interessen der Verleger, die Inhalte verkaufen wollen und kein Interesse an kostenloser Konkurrenz haben, auch wenn diese auf den ersten Blick nur eine Nischenreichweite hat: ein Blog mit wenigen hundert Besuchern am Tag spielt hierzulande schon in der Regionalliga und an der Grenze zur zweiten Bundesliga, um es mal sportlich zu formulieren. Aber es ist theoretisch weltweit jederzeit sichtbar und das Archiv kann jederzeit durchsucht werden.

Ich weiß nicht, ob z.B. Burda ein wirklich großes Interesse daran hat, wenn z.B. ein gern belächeltes Strickblog kostenlos Häkelanleitungen und Schnittmusterbögen erstellt und verbloggt, eventuell gar mit Videotutorials garniert, die kostenfrei auf YouTube gehostet werden und vielleicht sogar über Googles AdSense ein paar Einnahmen in die Haushaltskasse spülen. Jeder Leser dieses Strickblogs ist im Zweifel ein Käufer weniger für das eigene Nischenprodukt, das unter teuren Herstellungs- und Vertriebskosten einmal im Monat erscheint, während die Strickbloggerin mehrmals täglich oder wöchentlich neuen Content bloggt und in ihren Kommentaren das Leben tobt.

Das Leistungsschutzrecht wird inhaltlich auf den ersten Blick wenig Einfluss auf diese Blogs haben, da sie in aller Regel nicht viel aus den kommerziellen gedruckten Pendants übernehmen oder zitieren werden. Meist ist es ja eher umgekehrt – da wird dann ungefragt einfach der Content übernommen und bestenfalls mit „Quelle: Internet“ gekennzeichnet. Wenn es auffällt, gibt es ein Minishitstürmchen der Nischenblogs und ihrer Fans, eine lauwarme Entschuldigung und ein Angebot für ein Gratisabo des Verlags, das war’s dann.

Welcher Blogger hat schon das Geld, die Nerven und die Ahnung, sich juristisch gegen solche Wegelagerei zur Wehr zu setzen? Spendenaktionen ergeben dann ein paar hundert, vielleicht zweitausend Euro und dafür steigt auch kein Anwalt aus dem Bett, der sein Geld wert ist. Umgekehrt wird natürlich mit aller Härte die Abmahnkeule geschwungen, sollte der Nischenblogger so unvorsichtig gewesen sein, ein Foto von der Verlagsseite verwendet zu haben. Da hat man dann gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: die lästige Konkurrenz ist man los, denn die ist dann in der Privatinsolvenz oder zumindest so verängstigt, daß sie nie wieder was ins Internet schreiben wird und man hat ein wenig Taschengeld eingenommen. OK, hauptsächlich der Anwalt hat kassiert, aber man hatte ja auch selbst Spaß.

Das Leistungsschutzrecht wäre eine massive Behinderung und Einschränkung der Kommunikationsfreiheit

Aber der zweite Blick entlarvt: Künftig reicht es schon, wenn der Blogger auf ein Verlagsangebot verlinkt und dazu die Überschrift des Artikels zitiert. Diese Wortkombinationen werden dann geschützt sein und natürlich kostenpflichtig. Dies wäre eine massive Behinderung und Einschränkung der Kommunikationsfreiheit. Man dürfte nur noch konsumieren bzw. lesen, aber sich nicht mehr öffentlich dazu äußern oder gar kommentieren, was man gelesen hat. Die Schere im Kopf und die Angst vor dem finanziellen Ruin des normalen Internetnutzers würde der Debatte im Netz zu egal welchem Thema den garaus machen. Niemand wird sich mehr trauen, etwas ins Netz zu schreiben.

Wenn wir aber von den Strick- und anderen Nischenblogs mal absehen und uns den großen politischen, gesellschafts- und medienkritischen Blogs wie dem von professionellen Journalisten wie Stefan Niggemeier, Thomas Knüwer oder den Machern des  Bildblogs zudrehen, dann sieht die Sache schon ganz anders aus. Die sind gut verdrahtet, nicht so leicht mundtot zu machen und ein steter Stachel im Fleisch von Politikern und Verlegern. Als Journalisten geniessen sie zudem Schutz in presserechtlichen Fragen. Abmahnungen schockieren oder überraschen hier keinen mehr. Damit wird gerechnet und mit Spenden für die gebotene Zurwehrsetzung darf gerechnet werden.

Es wird die BILD kaum Leser kosten, wenn im Bildblog mal wieder – Überraschung! – krasse Fehlberichterstattung, fragwürdige Recherchemethoden („Witwenschütteln“) und fortlaufende Verstöße gegen den Pressekodex mitsamt der dazugehörigen Rüge des Presserats dokumentiert werden. Aber es nervt. Was wird aus dem Bildblog, wenn es künftig de facto keine solche Berichterstattung mehr möglich sein wird, weil keine Zeitungssausschnitte mehr abgebildet, keine Zitate mehr gebracht werden dürfen, keine Links mehr erlaubt sein werden? Was wird aus Rivva, Quote.fm, dem Perlentaucher, der Wikipedia?

Was wird aus Rivva, Quote.fm, dem Perlentaucher, der Wikipedia?

Google hat keinerlei journalistischen Anspruch sondern ist ein börsennotiertes US-Unternehmen. Google verdient kein Geld mit Google News, dem beanstandeten Angebot, bzw. höchstens indirekt, wie mit allen kostenlosen Google Angeboten. Es wird dort keine Werbung neben den Snippets, den Textauszügen aus den Verlagsveröffentlichungen angezeigt. Wenn die paar deutschen Presseerzeugnisse jetzt rumstänkern, dann werden sie halt achtkantig aus dem Google Index fliegen. Google tut das nicht weh, im Gegenteil. Das geforderte Leistungsschutzgeld zu bezahlen rechnet sich nicht für sie. Wenn aber niemand mehr die Verlagsangebote findet, weil sie weder in Blogs, noch social media Angeboten noch Suchmaschinen verlinkt sind, dann werden sie eingestampft, klar. Sie rechnen sich ebenfalls nicht mehr, bzw. noch weniger als jetzt schon.

Die Nutzer wiederum werden auf ausländische Angebote ausweichen und sich noch häufiger als bisher ihre Nachrichten vom Guardian, dem Economist oder der Neuen Zürcher Zeitung holen statt von der Süddeutschen, der Welt oder dem Handelsblatt. Aber kann das im deutschen Interesse sein, nur noch den Blick von außen zu haben? Ich lese gern z.B. auf BusinessInsider und Le Monde über Merkel und die deutsche Fiskalpolitik und habe viele ausländische Blogs im Feedreader. Aber zum einen bin ich privilegiert weil ich verhältnismässig gut Englisch und Französisch spreche und zum anderen, weil ich überhaupt von solchen Angeboten weiß. Da wären wir dann wieder beim Thema ‚Medienkompetenz vermitteln‘.

Wir brauchen eine starke Presse, die unsere Regierenden beobachtet und ihren Job als vierte Macht im Staate ernst nimmt, oder wenigstens ernster als im Moment. Aber wir brauchen auch eine alternative Medienlandschaft, die u.a. ein wachsames Auge auf die kommerzielle Presselandschaft hat. Sozusagen jemanden, der auf die Aufpasser aufpasst. Das Leistungsschutzrecht schadet beiden Seiten und eliminiert endgültig das „sozial“ aus „soziale Marktwirtschaft“. Es ist der Anfang vom Ende einer funktionierenden Demokratie.

Links zum Thema:

 

Re:publica 2012 von A-Z

Re:publica 2012 von A-Z

A wie Act!on

Das Motto zog sich gut durch die Veranstaltung: Kriegt Eure Ärsche hoch! Bloggt, was das Zeug hält! Nehmt Eure Stühle mit, seid in Bewegung! Bewegt etwas! Verändert etwas! Denkt quer! Hornbach hat das prima gesponsort mit der Offline Twitterwall und dem eigenen Motto „Es gibt immer was zu tun“ verknüpft. Ein Beispiel für einen gelungenen Markenauftritt auf einer Veranstaltung voller Leute, die zwar gern ihre Blogs monetarisieren aber ansonsten von Werbung im Netz doch lieber nichts wissen möchten.

Die Beobachtung habe ich auch gemacht, wie in meinem Instagram-Stream erkennbar …

B wie Barrierefreiheit

Ich zähle zu den noch-nicht-Behinderten, wie der fabelhafte Raul Krauthausen das so schön formuliert hat. Und insofern sind mir sicherlich viele Punkte noch nicht aufgefallen, an denen es hakte. Aber insgesamt kam mir diese re:publica sehr viel barrierefreier vor, als die vorangegangenen, was nicht nur am sicherlich für Rollstuhlfahrer_innen weitaus zugänglicheren Veranstaltungsort lag. Ähnliche Beobachtungen hat auch Christiane Link gemacht.

[blackbirdpie url="https://twitter.com/#!/StereoSushisu/status/197749860273889280"]

Die Sprecher der Panels auf Stage 1 (und einige andere?) wurden live mitgetippt und auf Bildschirmen übertragen, was naturgemäß mit einigen Tippfehlern und teils auch Verständnisfehlern verbunden war, aber das bleibt wahrscheinlich nicht aus, wenn der Sprecher nuschelt, lispelt, zu schnell spricht oder Begriffe benutzt, die dem Mitschreibenden nicht geläufig sind. Und „echte“ Dolmetscherinnen gab es auch vor Ort, aber natürlich zu wenige. Das wäre vielleicht auch mal etwas fürs Crowdsourcing …

C wie Catering

Die neulich von mir vermissten vegetarischen Gerichte gab es im re:staurant, also Entwarnung. Das lag zwar in der hintersten Ecke des Saals und ist mir bei dem super Wetter und dem schönen, sonnigen Innenhof mit seinen Grillständen nicht weiter aufgefallen, hatte aber diverse Pastagerichte und Salate und angeblich sogar Spargel.
Ansonsten war das Catering super, man mußte nirgends lange anstehen, die Leute hinterm Tresen waren unfassbar freundlich und bezahlbar war es auch. Toll!

[blackbirdpie url="https://twitter.com/#!/Einstueckkaese/status/197652350247243779"]

(Die Kostenloskultur macht auch vor dem Kohlestoffleben nicht halt: Aber @Einstueckkaese bekam seinen Willen.)

D wie Dukummsthiernetrein!

Das Brandschutzteam hat seine Arbeit sehr ernst genommen und gelegentlich die Schotten dicht gemacht, wenn ein Panel zu voll wurde. Das war gelegentlich lästig, aber wat mutt dat mutt und Pünktlichkeit kann man ja auch planen. ;-)

E wie Ersatzbefriedigung

[blackbirdpie url="https://twitter.com/#!/spreeblick/status/198310893312937984"]

 

F wie Foursquare

Hihi, ich war im Zoo!

Ts, da habe ich nun den Begriff „Affenfelsen“ erfunden geprägt zuerst benutzt und bin nicht mal Mayor von dem Ding geworden!  Auf unfassbare 1000 Punkte, wie @svenonsan vom Hamburg vs. Berlin Blog Pop64 werde ich im Leben nicht kommen (die Punkte gibt’s nur binnen 7 Tagen, dann fängt man wieder von vorne an, oder?), aber immerhin habe ich den Super Swarm Badge (gleichzeitiges check-in mit 250 anderen Leuten in einer Location) dazugewonnen. Ta-daa!

 

G wie Grillschwaden

Ich will nicht sagen, daß ich nach Thüringer stank, aber im Zug schnupperte ein Hund sehr erwartungsvoll und freundlich wedelnd an mir herum.

 

H wie Helfer

[blackbirdpie url="https://twitter.com/#!/trottelbot/status/198337184862961664"]

Unsichtbar, allgegenwärtig, freundlich, witzig, geduldig – die Helfer_innen der #rp12 waren der Leim, der das ganze Gefüge zusammenhielt. Habt tausend Dank, Ihr wart großartig!!11

 

I wie Instagram

Die Daheimgebliebenen wurden dank Instagram umgehend mit Erinnerungsfotos zugeballert. Meine findet Ihr rechts in der Seitenleiste.
Das Blöde an Instagram ist, daß man nicht ohne Weiteres eine URL findet, über die man das Bild z.B. jetzt hier im Artikel einbinden kann. Das war bei flickr besser gelöst. Dachte, das nutzt niemand mehr außer Herrn Sixtus, der seine Leica spazierentrug, aber hier ist der flickr-Stream der #rp12: Klick!

 

J wie Johnny

[blackbirdpie url="https://twitter.com/#!/uniwave/status/197647704149598209"]

Er ist der eigentliche Rockstar der Veranstaltung, und die Medien wissen es. Ich glaube nicht, daß ich ihn länger als eine halbe Minute irgendwo allein gesehen habe, bevor sich ein Kamerateam auf ihn stürzte. Heldenhaft behielt er seine gute Laune (soweit ich sehen konnte) und ich kann ihm und den anderen Erfindern, Organisatoren und Zauberern der re:publica nicht genug danken für diese tolle Veranstaltung.

 

K wie klöternde Flaschen

[blackbirdpie url="https://twitter.com/#!/ankegroener/status/198372284858249216"]

Echtjetzmal.

 

L wie Latte Macchiato

Gab’s nicht, oder wenn, dann habe ich niemanden damit gesehen. Es gab Kaffee – heiss, schwarz, gut. Erfrischend.

 

M wie Mate

[blackbirdpie url="https://twitter.com/#!/Terzinfarkt/status/198050738990100480"]

 

N wie Netzgemeinde

[blackbirdpie url="https://twitter.com/#!/christiansoeder/status/198393940884459520"]

 

O wie Orr

[blackbirdpie url="https://twitter.com/#!/marcusengert/status/198396986532171776"] [blackbirdpie url="https://twitter.com/#!/PickiHH/status/198400218859970560"]

 

P wie Plastikstuhl

Diese Plastikstühle waren eine gute Idee: man schnappt sich einen, wenn man ihn braucht. Überall bildeten sich Stuhlkreise mit Gesprächsrunden, wenn die Bestuhlung im Saal nicht ausreichte, bildete man flugs neue Reihen (jedenfalls so lange, bis der Brandschutz dazwischenging) und am Ende konnte man sie sogar kaufen und sich nach Hause schicken lassen, für vergleichsweise okaye 25€ (inkl. Porto).

Lizensiert unter CC-BY-2.0 von re:publica 2012

 

Q wie Qualität der Vorträge

Die war durchwachsen, wenn ich mal nur von denen sprechen darf, die ich besucht habe. Aber den Tweets und der Nachberichterstattung der anderen nach zu urteilen, gab es ein recht großes Gefälle.
Ich muß sagen, daß mir einige Vorträge der „großen Namen“ eher so mittelprächtig gefallen haben und einige der (mir) unbekannteren Referent_innen wirklich super waren.
So oder so hätten es jedenfalls einige Vorträge verdient gehabt, daß ihnen eine größere Bühne bzw. ein größeres Publikum und eine längere Vortragszeit beschieden worden wäre.

 

R wie Re:publicaner

Das dürfte der einzige Kontext sein, in dem man mich (und wohl die Mehrzahl der Anwesenden) ungestraft so nennen darf. Klingt aber immer noch besser als „liebe Netzgemeinde“.

 

S wie Steckdosen

[blackbirdpie url="https://twitter.com/#!/Frau_Elise/status/198078229096050688"]

Auf den Affenfelsen gab es Steckdosen, aber die reichten natürlich bei weitem nicht aus. Energielieferant Yello Strom verteilte nicht nur Schokolade, die süßer war als ein mit Käse überbackenes Igelbaby und mir die Zahnplomben aufwimmerte, sondern auch Mehrfachsteckdosenleisten. Und Simyo schoß den Vogel ab mit seinen mobilen Energiepacks, in die man über USB-Kabel sein Handy bzw. Smartphone steckte und den Tag über aufladen konnte. Das alles für lau, nur gegen Pfand. Toller Service, vielen Dank!

 

T wie Twitter

[blackbirdpie url="https://twitter.com/#!/svensonsan/status/196997873844494336"]

Wer ohne Twitteraccount auf der re:publica ist, ist nur halb dort. Im Ernst – Verabredungen mit den Leuten aus der Timeline, Kommentare zu den Vorträgen, egal was: es findet über Twitter statt. Großartig.

 

U wie U-Bahn

[blackbirdpie url="https://twitter.com/#!/GebbiGibson/status/198391384712024064"]

Die U-Bahnstation Gleisdreieck liegt direkt neben dem Veranstaltungsort, was nicht nur äußerst praktisch war sondern gelegentlich auch zu hören (Donnergrollen in Saal 1). Als Auswärtiger hört man ja das ganze Jahr über die aberwitzigsten Dinge über die Berliner Verkehrsbetriebe, aber die U-Bahn fuhr zügig und regelmäßig und der Bahnhof verfügte auch über einen Fahrstuhl (vgl. B wie Barrierefreiheit).

 

V wie VPN

Ich bekam eine ganze Reihe von dubiosen Direktnachrichten auf Twitter – von Freunden, deren Accounts offensichtlich gehackt wurden. Ernsthaft, Kinder, habt Ihr noch nie etwas von Safer Surfen gehört? In öffentlichen und offenen WLANs nur mit VPN-Zugang schwimmen, das lernt man doch im Kindergarten, hoffe ich!!!11

 

W wie WLAN

Hahaha!

 

Z wie Zeit

Mit 15 Minuten Luft zwischen den einzelnen Vorträgen hatte dieses Jahr wirklich jeder genügend Zeit für Saalwechsel, Cub Mate trinken und noch mal Pipi machen gehen. Das war eine deutliche Verbesserung gegenüber den Vorjahren, wo das Zusammenspiel aus langen Wegen zwischen überfüllten Räumen und Veranstaltungen, die unmittelbar aufeinander folgten oft dazu führte, daß man einen Vortrag 5 Minuten vor dem Ende verließ, um es gerade noch zum nachsten zu schaffen.
Manche Themen kann man in den veranschlagten 60 oder weniger Minuten nicht einmal anreissen, andere Panels dauerten hingegen selbst bei tatsächlichen 30 Minuten Vortragszeit ein gefühltes Jahr. Klar, das kann man manchmal im Vorhinein nicht wissen, aber fürs nächste Jahr wünsche ich mir von den Vortragenden noch etwas mehr Spielraum für den oft wichtigen und interessanten Open Mic Teil eines Panels.

Ausführliche Review Tag 1, Tag 2, Tag 3.

Re:publica 2012, dritter Tag

Re:publica 2012, dritter Tag

Der dritte Tag begann für mich mit einem Vortrag des Niederländers Baas van Abel, der über den Einfluss von do-it-yourself, Fablabs und Open Design auf das Verhältnis zwischen dem Selbst und dem Rest der Welt sprach. Das klingt jetzt erst einmal eher trocken, aber war doch ziemlich spannend. Ich hatte z.B. schon von dem Phänomen des 3D-Druckens gehört (und daß solche Torrents wohl auch auf Pirate Bay immer beliebter werden), aber eher am Rande. Und wie wir alle hatte auch ich mir erlaubt, zu verdrängen unter welchen unmenschlichen Bedingungen unser aller mobilen Spielzeuge hergestellt werden. Nein, ich rede nicht von Foxconn (die ja für alle großen Anbieter von Unterhaltungselektronik produzieren, nicht nur für Apple), sondern von den Vorgängen im Kongo, wo in den Kobaltminen die Minerale gefördert werden, ohne die mobile Kommunikationsgeräte nicht gebaut werden können. Van Abel ist Mitbegründer von Fairphone, einer Gesellschaft, die, vereinfacht gesagt, für die Minenarbeiter dort das tut, was Fair Trade Kaffee andernorts für Kaffeeplantagenarbeiter erreicht: faire Bezahlung und Arbeitsbedingungen.

In der nächsten Session diskutierten Johnny Haeusler (Musiker, Autor, Mitbegründer der re:publica), Roxanne De Bastion (Musikerin), Conrad Fritzsch (Macher von tape.tv), Hans Hafner (Filmmusikkomponist), Konrad v. Löhneysen (Ministry of Sound und im Vorstand Bundesverband Musikindustrie) über „Copyriots“, also das inzwischen glücklicherweise Mainstrreamthema gewordene Urheberrechtsgesetz. Mit auf dem Podium sitzen sollte ein Vertreter der GEMA, der aber in letztere Minute abgesagt hat, aus Gründen. Vermutlich nicht ganz ohne Trotzköpfchenschadenfreude hat Johnny dann Michael Seemann, a.k.a. Mspr0 gebeten, einzuspringen. Der ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen und quakte „Bedingungsloses Grundeinkommen!1elf!“. Okay, das klingt jetzt böser, als es gemeint ist, aber ich mag seine Theorien und Vorschläge nicht, selbst wenn ich ihm attestieren muss, daß er sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat und seine Meinung, das UrhG sei abzuschaffen, konsequent vertritt.
Natürlich kann man das aufgeheizte Thema nicht binnen einer Stunde auch nur annähernd abhandeln. Ich war genervt von Conrad Fritzschs Drang zur Selbstdarstellung bei gleichzeitigem Ausweichen von Johnnys interessanten Fragen. Ich war beeindruckt und überzeugt von den Argumenten Hafners und de Bastions, die ohne die Gelder aus GEMA bzw. dem UK Pendant nicht von ihrer Musik leben könnten. Und ich war sehr überzeugt von v. Löhneysens Argumentation, sowie seinem trockenen Humor. Er war das klare Feindbild dort oben, Lobbyist, Industrieschwein, Abmahner, der Endgegner. Aber am Ende hat seine ruhige, selbstironische Art sicherlich zur sachlichen, weiterführenden Debatte beigetragen.

Dieekt im Anschluss kam dann Felix Schwenzels Vortrag, „Soylent Green, äh, the internet is people!“, den ich zwar recht unterhaltsam fand, aber letztlich nicht lange durchhielt, zumal er auch keine Neuigkeiten enthielt. Bald wurde es für mich langweilig (wahrscheinlich lag es an der etwas leiernd-monotonen Vortragsart, die mir beim Versuch, ein Gähnen zu unterdrücken, fast das Trommelfell zerrissen hätte) und ich bin raus, ab in die Sonne.

Mittagessentechnisch hielt ich mich am dritten Tag an die Bananen (die Nudeln im re:staurant sahen nicht wirklich al dente aus) und Club Mate. Letzteres versuche ich nun schon im dritten Jahr in Folge mir schönzusaufen, wenn ich das so sagen darf. Ich mag das Zeug immer noch nicht, aber das angebotene alternative Radlergetränk war noch weniger mein Fall.

Das Nachmittagsprogramm hielt für mich Katie Stanton bereit, ihres Zeichens Head of Strategy bei Twitter. Sie warf mit Zahlen, Daten, Fakten um sich und versuchte, mit Referenzen zu Tatort, Borussia Dortmund oder dem Versuch, uns zu bewegen, Merkel zum twittern zu bewegen und uns den Bauch zu pinseln, was aber zumindest bei mir nicht verfing. Ich fand sie einfach unsympathisch und ihren Vortrag doch reichlich langweilig.

Regierungssprecher Steffen Seibert twittert unter @regsprecher und stellte sich den harmlosen Fragen der netten, angesichts dieses PRofis völlig überfordert wirkenden Interviewerin. Seibert hat es geschafft, in knapp über einer Stunde mit seinem professionellen Kai Pflaume Charme nicht nur seine Gesprächspartnerin, sondern auch einen Saal voller Digerati einzulullen und mehr Sympathiepunkte für die Regierung zu landen, als diese es in den letzten sieben, gefühlt hundert Jahren jenseits der CDU Stammtische und Hotelierskonferenzen vermocht hat. Faszinierend. Nebenbei hat er noch den Spruch der #rp12 gebracht: Angesprochen auf die Frage, warum er sich für Twitter entschied und nicht z.B. für Facebook, zählte er all die Regierungen auf, die twitterten — USA, UK, Frankreich, Russland und auch der Vatikan. „Man sollte in Sachen Aktualität nicht unbedingt dem Vatikan hinterherhinken“. Solchermaßen zugeflauscht mußte ich erst einmal ein Bier trinken.

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Eigentlich hatte ich mir dann den Vortrag der bloggenden Lehrerinnen vorgenommen, aber da sich immer alle so von Kathrin Passig totschwärmen, bin ich doch wieder in Saal 1 gegangen, um mir ihren Vortrag über Standardsituationen der Technologiebegeisterung anzusehen. Das war jedoch ein Fehler, denn obwohl ich Passig genauso gerne lese wie Schwenzel, und sie auch genauso sympathisch finde, schläfert mich leider ihre meditative Vortragsweise auch auf ähnliche Art ein. Eine Stunde war außerdem definitiv viel zuviel Sendezeit für diesen Vortrag, da hätte auch eine halbe Stunde gereicht. Aber ich ahne, daß ich mit dieser Meinung in der Minderheit sein werde, und inhaltlich war’s ja auch teils echt interessant.

Dann war Tag 3 um, die Macher und Helfer der siebten re:publica (die meine vierte war) enterten die Bühne und ich war etwas ängstlich: würde es zum Abschied wieder Bohemian Rhapsody Karaoke geben, wie spontan vor zwei Jahren, und leider im letzten Jahr lauwarm wiederholt? Aber Johnny enttäuschte nicht: Man kann Spontanität nicht wiederholen. Keine Bohemian Rhapsody. Dafür eine Ansammlung von Musikeren mit analogen Instrumenten, die uns dann musizierend durch den Saal und nach draussen in den sonnigen Innenhof führten. Die re:publica 2012 war vorbei.

Ich lasse das jetzt noch ein bisschen sacken und poste dann, wie in jedem Jahr, die Marginalien und Beobachtungen am Rande. Für heute bin ich leergeschrieben.

Re:publica 2012, erster Tag

Re:publica 2012, erster Tag

Die neue Location ist toll, und ich habe nicht den Eindruck, daß sie zu groß ist, wie zunächst befürchtet. Die Stimmung ist wie in jedem Jahr super. Man kommt überall schnell und gut hin, der „Affenfelsen“ in der Mitte ist mit Steckdosen ausgerüstet und alle sind freundlich, gut gelaunt und freuen sich. Man sucht und findet die Mitglieder seiner Timeline, fällt sich um den Hals, verklönt sich und verpasst darüber fast das nächste tolle Panel. Aber nicht so schlimm, das guckt man sich dann halt nächste Woche zuhause als Videoaufzeichnung an.

Die Eröffnung ist fröhlich, der große Saal randvoll, die Organisatoren sind aufgeregt, hibbelig, voller Energie. Den Partnern wird ausführlich gedankt, und mit Recht, denn so eine gigantische Konferenz muss finanziert werden. Spiegel Online hat jetzt sogar einen Livestream, so hören wir. Danach schwallert irgend ein wichtiger Mensch aus Politik und/oder Wirtschaft vor sich hin, bis der erste im Saal sein Bullshitbingo-Kärtchen voll hat und laut Bingo! ruft. Schallendes Gelächter, nur der Redner hat’s nicht gerallt und dröhnt weiter vom Silicon Valley Berlin. Herr @Schaarsen und ich stimmen mit den Füßen ab und ich schaue mich draußen um.

Die Comdirect Bank hat einen Stand. Ich gehe hin, wirklich neugierig, um zu erfahren was genau sie denn hier machen, anbieten, erzählen wollen. Die armen Mitarbeiter stehen an einem brütend heissen Tag in ihren dunklen Anzügen und Kostümen da, verteilen lauwarme Energydrinks mit der Aufschrift Performancebooster, haha, und erzählen mir, daß sie mit ihrer Onlinebank jetzt auch eine Facebookseite haben. Ah ja. Außerdem küren sie heute hier das Finanzblog des Jahres. Mhmhm. Und daß sie kostenlose Konten anbieten. Ich frage nach: auch für Freiberufler? Äh, nein, nur für Privatleute. Ich blicke nachdenklich auf die Leute um uns herum, die gefühlt zu 90% freelancer sein dürften, „wir nennen es Arbeit“, lehne höflich den lauwarmen Energydrink ab und wandere leicht ratlos zur offline-Twitterwall.

Oflline Twitterwall

Hier druckt Hornbach, der Baumarkt, alle mit einem #rp12 getaggten Tweets aus und tapeziert sie an die Wand, die bis zum Abend voll sein wird. Nette Idee, aber irgendwie auch … hm.

Auf zu meinem ersten richtigen Vortrag des Tages. Ich höre Raul Krauthausen zu, der u.a. über barrierefreie Zugänge zu öffentlichen Bahnhöfen spricht und nach seinem Erfolg mit wheelmap.org jetzt ein neues Crowdsourcing-Projekt stemmen will, wo man defekte Fahrstühle sammelt. Er spricht locker und mit schön schwarzem Humor und ich hoffe, das Projekt hebt ab. Verdient hätte es das.

Anschliessend höre ich Alexander a.k.a. Not Quite Like Beethoven aus meiner Timeline und zwei weiteren hörbehinderten Redner_Innen bei ihrer Diskussion auf einem Panel über barrierefreies Internet zu. Das Netz hat viel dazu beigetragen, daß behinderte Menschen besser am gesamtgesellschaftlichen Leben teilhaben können, und die technischen Möglichkeiten sind großartig. Aber das muss auch offline mehr, viel mehr unterstützt werden. Das Panel hier ist barrierefrei, d.h., daß eine Gebärdendolmetscherin dabei ist, und daß jemand live die gesprochenen Worte abtippt, die dann über einen Monitor flimmern. Aber die Panels zur Barrierefreiheit sind noch die einzigen, die so begleitet werden. Das ist sicherlich auch eine Ressourcenfrage – finanzieller und personeller Art. Dennoch schade, daß nicht alle Besucher der #rp12 die Qual der Wahl haben, welche der vielen fantastischen Angebote sie denn wahrnehmen wollen.

Ich treffe Johnny und habe endlich mal die Gelegenheit, mich persönlich für die tolle Veranstaltung zu bedanken. Er wird von Kamerateams verfolgt und als das nächste anrückt, gehe ich auf den sonnigen Innenhof, etwas essen. Die nächste Veranstaltung auf meinem Plan ist das Panel von Profilagentin @Kixka, die unterhaltsam und kurzweilig über die digitale Selbstinszenierung spricht, gefolgt von einem Panel übers Selfpublishing, in das ich mit @Claudine und @Writingwoman gehe, aber schnell verlasse, als ich endlich @Frau_Elise treffe. Muss ich mir den Vortrag halt nächste Woche auf Youtube ansehen. Wir brauchen eigentlich alle dringend ein Eis, aber es gibt leider keins. Next stop: Der Vortrag „Your information: Whose is it?“ von Ali Ravi.

Unterbrechung: ich merke gerade, daß dieser Eintrag länger wird als geplant und ich schon jetzt noch nicht einmal die Hälfte der Erlebnisse aufgeachrieben habe. Allerdings muss ich jetzt los zum ersten Vortrag von Tag 2. Habt also bitte Nachsicht, wenn ich hier abbreche und heute Abend oder morgen früh weiterschreibe.

Update, 4. Mai (Star Wars Day), Sternzeit 05:30 Uhr:

Das ursprünglich eingeplante Panel über Leetspeak und Ragefaces von Nerd-Zeichner Johannes Ketzschmar a.k.a. Beetlebum, den ich sehr schätze, habe ich mir geschenkt und statt dessen Cindy Gallops «Make Love Not Porn» auf Stage 1 gesehen. Das war wohl in jeder Hinsicht eine gute Entscheidung, denn zum einen soll Jojos Vortrag doch eher, nunja, dröge gewesen sein (wie Frau Gröner schreibt, was natürlich eine wunderbare Klatsche zur Antwort hatte) und andererseits war das Thema und die Vortragsweise von Cindy Gallop einfach nur unterhaltsam und wichtig. Aber seht selbst: http://spon.de/vfaK6.

Ich blieb auf Stage 1 und sah echte Astronauten auf der Bühne, die mit Verve, Witz und Leidenschaft über ihre Social Media Aktivitäten aus dem All(tag) erzählten, leider vor meist leeren Stühlen. Voller wurde es im Publikum erst wieder, als der anschliessende Überraschungsvortrag von Sascha näherrückte. Vielleicht bin ich ja hoffnungslos altmodisch, aber um die Worte des Außenministers mal sinnvoll abzuwandeln: Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem eine Frisur mehr Leute anlockt als eine Runde Astronauten das kann. Und das ist nichts gegen Sascha, ich liebe Sascha, und sein Vortrag war wie immer prima und wahr, aber Leute, das geht so nicht! Ich habe mich geschämt für Euch.

Am Ende ging es dann endlich hinaus auf den Innenhof, netzwerken, Bierchen trinken, alte und neue Freunde treffen und sich auf morgen freuen.

Right Here, Right Now

Es gibt gerade zwei Themen aus der Welt der Unterhaltungsindustrie, die offenbar auf allen Kanälen mit aller Macht beworben werden: Game of Thrones, eine TV Serie aus dem Fantasygenre, und The Hunger Games, ein Kinofilm, der, wenn ich das richtig verstanden habe, eine Kreuzung aus Mad Max III, Schwarzeneggers Running Man, Michael Bays The Island und District 13 ist.

Ich schreibe dazu worum es sich jeweils handelt, weil ich von beiden Themen bis letzte Woche noch nie etwas gehört habe. (Falls ich sehr daneben liegen sollte, hat das Marketing ziemliche Scheisse gebaut.)

Halt, das stimmt so nicht ganz — Game of Thrones begegnete mir erstmals vor ein paar Wochen in dem berühmten Cartoon, in dem ein aufrechter Nutzer gern diese Serie ausleihen, auf DVD kaufen, legal streamen oder downloaden will, aber nicht kann, weil das nur nach den Spielregeln und Veröffentlichungsplänen der Unterhaltungsindustrie gehen soll, die kein Interesse daran hat, daß ein Inhalt umgehend überall und sofort erhältlich ist. Am Ende lädt er traurig, mit schlechtem Gewissen aber binnen weniger Minuten und ohne grosse Mühe via torrent die Raubkopie herunter. Da dieses Prinzip  „ich will es jetzt“ jedoch bei jedem Titel greift bzw. greifen kann, hatte ich dem Namen keine weitere Beachtung geschenkt.

Das zweite Mal begegnete mir Game of Thrones am Freitag in meiner Twittertimeline, wo sich über die synchronisierte, verstümmelte Fassung der deutschen TV-Erstausstrahlung aufgeregt wurde. Ich war milde interessiert und beschloss, mir das nicht anzutun und darauf zu warten, bis die Serie im US iTunes Store zu leihen sein würde. Aber eigentlich habe ich es eh nicht so mit Fantasyspektakel, Männern in Wolfsfellen mit Schwertern oder blutigen, mittelalterlichten Schlachten und brauche mir das nicht mal mehr geliehen anzusehen; selbst dann nicht, wenn sie von HBO kommen.

Boromir und schlecht gefärbte Blondinen? Nö, lasst man.

The Hunger Games ist ein Film, der offenbar auf einer erfolgreichen Jugendbuchvorlage von 2008 basiert, die ich ebenfalls nicht kenne. Von dem Film erfuhr ich erstmals letzte Woche, als ich ein Plakat auf einem U-Bahnhof sah. Das Plakat war so dermassen schlecht gestaltet und wirkte so unfassbar billig, dass ich natürlich annahm, es handele sich um einen TV-Zweiteiler auf RTL II oder SAT.1. Dann tauchten in diversen meiner abonnierten RSS feeds US-amerikanischer Blogs Hinweise auf den Film auf und ich war etwas fassungslos. Zum einen, daß ich — obwohl fast 24/7/365 online lebend und aus der Entertainmentbranche kommend und in ihr gut vernetzt – von diesem neuen Hype noch gar nichts mitbekommen hatte und zum anderen, wie ein planmässiger Blockbuster so billig und schlecht beworben werden kann. Ich habe unter einem Stein geschlafen, wie es aussieht. Okay, ich habe auch eine Weile gebraucht um zu merken, daß Twilight eine TV-Serie UND ein Film (oder mehrere?) ist und nicht identisch mit Buffy The Vampire Slayer.

»Wenn die Nachricht für mich wichtig oder interessant ist, wird sie mich schon irgendwann erreichen«, so heisst es ja. Ich bin sehr froh, daß ich erst jetzt mit diesen beiden Themen konfrontiert werde, Wochen, Monate, wenn nicht Jahre nach ihrem Erstauftritt und ich sie fortan gepflegt ignorieren kann.

Geht sterben

Geht sterben

Ich finde halt nicht, dass die Gesellschaft den Künstlern ein Geschäftsmodell schuldig ist. Alle anderen müssen schließlich auch sehen, wo sie bleiben. Wenn der Putzroboter bald die Reinigungskraft ersetzt, wird sie auch nicht auf imaginäre Rechte referieren können, damit ein Anwalt ihre Bezahlung durchsetzt.

So schreiben @mspr0, @peterbreuer*) und andere in einem oft geteilten Beitrag zum Urheberrecht.

Und ja, in gewisser Weise haben sie Recht: Es gibt keine Garantien und kein Recht darauf von seiner Arbeit leben zu können, bzw. daß andere einen dafür bezahlen das zu tun, was einem Freude macht oder was man gut kann. Was nicht gebraucht wird, wirklich lebenswichtig, dringend gebraucht, wie z.B. eine Herz-Lungen-Maschine, das ist frei für den Abschuss, ist überflüssig und man darf sich nicht beschweren, wenn es dann halt einfach vom Markt verschwindet. Wobei … man kann das doch eigentlich noch etwas weiter spinnen: wir sind fast 7 Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Herz-Lungen-Maschinen braucht es von weitem betrachtet eigentlich auch nicht. Leute sterben halt, ja muss ja, Schwund ist immer, so ist das Leben eben, Platz für Neues zu schaffen ist wichtig. Was soll man uns groß künstlich beatmen, am Ende landen wir ja doch alle in der Kiste. Für falsche Sentimentalitäten ist kein Platz in dieser Welt. Geht sterben. Gehen wir sterben. Denn das tun wir ja, unser erster Tag auf Erden ist letztlich auch nur der erste vom Rest unseres Lebens.  (mehr…)

My 0.02 cents zur Diskussion ums Urheberrecht

Ich lese gerade diesen Artikel und die Kommentare zum Thema Urheberrechtsdebatte. Und ich muß mich entscheiden zwischen heulen, kotzen oder Amok laufen.

Seitdem es ein Urheber- und Nutzungsrecht gibt, müssen Kreativarbeiter – ich vermeide hier mal bewußt das Wort Künstler, die Kunst um ihrer Selbst Willen schaffen wollen, denn ich meine auch Gebrauchsgrafiker und Illustratoren, Auftragsfotografen und -komponisten (z.B. für eine Filmmusik), Texter, Journalisten etc. – nicht mehr hungern. Jedenfalls haben sie erstmals eine faire Chance, von ihrer eigenen Hände Arbeit auch leben zu können.  (mehr…)

Von rechtlosen Urhebern und gesetzlosen Nutzern

Die  Opalkatze schreibt hier einen guten Artikel über den Umgang mit den Urhebern und hofft, daß sich diese untereinander einigen mögen.

Ich sehe ein Problem darin, daß es viele verschiedene Interessen auch zwischen den den einzelnen Urhebergruppen gibt, die sich nicht notwendigerweise über einen Kamm scheren lassen und oft kollidieren, aber alle über das UrhG abgedeckt werden wollen. Musiker haben andere Interessen als Autoren haben andere Interessen als Wissenschaftler haben andere Interessen als Softwareentwickler haben andere Interessen als Journalisten haben andere Interessen als Texter, Grafiker, Illustratoren, Designer, Fotografen, Filmemacher. Alle aber produzieren immaterielle Güter.

Daß ein Wissenschaftler ein profundes Interesse daran hat, selbstredend kostenlosen oder zumindest erschwinglichen Zugang zu den Forschungsarbeiten seiner Kollegen zu haben, ist klar: seine Arbeit baut zu erheblichem Teil auf deren Ergebnissen auf und ist ohne diese Informationen fast unmöglich. Gleichzeitig sollte die Öffentlichkeit ein Interesse daran haben, daß von ihren Steuergeldern finanzierte wissenschaftliche Arbeiten und Studienergebnisse selbstredend jedermann ohne weitere Kosten zur Verfügung stehen, z.B. in öffentlichen Bibliotheken, on- oder offline (ich sage bewußt nicht „kostenfrei“, denn wir haben ja schon dafür bezahlt).

Bei Softwareentwicklern ist es wahrscheinlich ähnlich; zumindest bei manchen Musikgenres ist es ebenso oder vom Ansatz her ähnlich (Stichwort: HipHop-/Samplingkultur); hier fliessen zwar gemeinhin keine öffentlichen Gelder, aber es sollte ein Modell gefunden werden, das in Richtung Fair Use geht.

Andererseits ist die Haltung vieler Nutzer und Politiker (z.B. weiten Teilen der Piratenpartei) gegenüber Musikern oder Fotografen beispielsweise, daß diese doch in erster Linie darauf aus seien, daß ihr Werke möglichst weite Verbreitung fände und demnach zuallererst einmal froh und glücklich darüber sein sollten, wenn man ihre Musik überhaupt hören, ihre Bücher überhaupt flächendeckend lesen, ihre Bilder angucken wolle. Sie sollten sich halt damit abfinden, daß der Markt entscheide und es eben kein von Gott gegebenes Recht sei, von seiner Kunst leben zu können. Und historisch bedingt seien Künstler halt arm, schon immer gewesen, ja nun. Hättense halt was anständiges gelernt. Selber schuld. Sie können sich ja um Spenden bemühen (Euphemismus für: betteln gehen), oder es wird gönnerhaft eine Kulturflatrate in Aussicht gestellt. Daß sich diese an den „zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“-Beträgen von Hartz IV orientiert (und, sollte es je dazu kommen, garantiert auch gegen Hartz IV Beträge gegengerechnet werden) davon darf getrost ausgegangen werden.

Mit dieser Haltung bilden sie den Schulterschluß mit den Verlegern, Filmstudios, Labels und Auftraggebern, die traditionell den eigentlichen Urheber schlechter bezahlen als den Pförtner  vor dem Glaspalast in dem sie sitzen. In diesem Zusammenhang immer wieder schön:

Gleichzeitig stellen sich diese Leute aber auf den Standpunkt, daß dieses eben noch als de facto wertlos bezeichnete Gut, ihre Kunst, andererseits ein kostbares Allgemeingut sei, daß es zu schützen und zu erhalten und also zu verstaatlichen gelte. Das schließt natürlich aus, daß dem Künstler und seinen Erben die Früchte seiner Arbeit zustehen, gar über einen längeren Zeitraum, wo kämen wir denn da hin! Künstler, die dieser Logik („wenn du vergewaltigt wirst, mach’ das Beste daraus: lehn’ dich zurück und geniess’ es“) nicht folgen wollen, sind dann erst recht die Buhmänner. Urheber, die auf Bezahlung ihrer Werke drängen bzw. gegen die unbezahlte, illegale Verbreitung derselben, gelten als unverschämt, unsozial, undankbar und gierig. Und überhaupt, ihnen entstehe ja kein Schaden wird dann kluggeschissen, denn es werde ihnen ja nichts gestohlen, im Gegenteil: es werde vervielfältigt, haha.

Liest man es sich einmal ganz durch, dann ist das Urheber- und Nutzungsrecht schon ganz okay so, wie es ist. Zu überdenken gilt aber das Verhältnis zwischen Verwertern und Urhebern, sowie ganz allgemein die Frage, in was für einer Art Gesellschaft wir leben wollen. Diese Debatte ist jedoch ungleich anstrengender zu führen als eine Gesetzesänderung.

Mit fremden Federn schmücken

Dieser Artikel hier machte heute die Runde. Die Abmahnwelle erfasst jetzt auch Künstler, die auf ihren, in aller Regel traffictechnisch nicht gerade in den Top Ten der IVW angesiedelten, Homepages ihren Pressespiegel veröffentlichen. Ich habe einen solchen Künstler im Freundeskreis, der durchaus in Gefahr wäre und habe ihm den Link heute weitergeleitet, mit der Empfehlung, die entsprechende Rubrik von seiner Seite zu entfernen.

Er rief mich an, fassungslos. „Was ist denn das für ein Stuß? Da lädt doch niemand mehr einen Journalisten zu einer Vernissage ein!“ meinte er. Ich stimmte ihm zu, aber wies ihn darauf hin, daß er im Zweifel ordentlich blechen müßte. Schliesslich habe nicht er, sondern der entsprechende Journalist den Text geschrieben und die Veröffentlichungsrechte lägen nun einmal beim jeweiligen Verlag bzw. der jeweiligen Zeitung.  (mehr…)

Link(s) des Tages

Link(s) des Tages

Zwischen dem 30. Januar 2012 und dem 31. Januar 2012 aufgelesen:

Content will remain King

Dies ist ein Beitrag des mir diesjährig zugelosten Weihnachtsbloggerwichtels. Ich denke, er regt sehr schön zum Nachdenken über das Bloggen an, auch wenn ich inhaltlich teils nicht mit der Autorin oder Autor übereinstimme. Vielen Dank für dieses Geschenk an meine Leserschaft!

Warum bloggen wir?

Weil es was zu erzählen gibt, so einfach ist das. Und zwar von uns.
Blogger sind in der Mehrzahl weder Selbstdarsteller noch an der
Vermarktung interessiert, sondern wollen authentisch kommunizieren.
Und deshalb findet man viele Blogger parallel auf Twitter und in den
sozialen Netzwerken.
Weil wir uns austauschen wollen, weil wir es lieben, uns zu vernetzen,
zu teilen. Weil uns manchmal auch einfach der Kragen platzt über einer
Ungerechtigkeit in der Welt oder wir jemandem unbürokratisch helfen
wollen, der unverschuldet in Not geraten ist. “Wir” Blogger sind keine
Konkurrenz für “euch”. Wir wollen doch nur etwas erzählen. Und im
besten Fall etwas, dass auch die Journalisten interessiert, das sie
aufgreifen. Oder wir beobachten Journalisten, wenn sie mal dummes Zeug
reden.
Natürlich gilt aber gleiches für uns Blogger.

Und ach ja, wir haben unsere Klassentreffen. Das grosse in Berlin
(re:publica 12, es wird sicher wieder klasse) aber auch die kleinen,
auf Barcamps, pl0gbars oder einfach nur online.

Versucht uns nicht, in eine Schublade zu schieben, wir stecken in so
vielen. Aber lest uns, kommentiert, teilt. Seid Teil dieser
unglaublichen, kreativen, verrückten Gemeinschaft von Menschen, die
nur eins gemeinsam haben. Die Lust am Schreiben und den Wunsch, etwas
mitzuteilen.

Oh, und erzählt uns nicht, was wir schrieben, sei irrelevant, so lange
ihr es schafft, euch stundenlang abends das stumpfsinnige
Fernsehprogramm reinzuziehen. Da sind wir nur teilweise dabei. Trefft
uns da, wos wirklich interessant ist. Auf Twitter, auf Google oder
einfach in unseren Blogs.

Bloggen ist Punk, bloggen ist kreativ und macht einfach einen riesigen
Spass. Und wenn aus einem Gedanken in einem Blog sich eine Kette
bildet. Wenn Meinungen aufeinanderprallen und die Kommentare fliessen,
dann, ja dann habt ihr einen kleinen Blogwichtel sehr glücklich gemacht.
In diesem Sinne, frohe Weihnachten und noch viele Beiträge in euren
Blogs.

Bonus Content for Dummies

Heute fiel mir eine CD von 1995 in die Hände. Auf dem Cover angepriesen wurde „This Audio CD can also play Bonus Video & Interactive Material on most Multi Media Computers!“. Als ich sie neugierig in den Rechner schob um mir dieses sagenhafte Material anzusehen, kam eine Fehlermeldung. Ich könne das Programm nicht mehr öffnen, da die Classic-Umgebung (des Mac) nicht mehr unterstützt werde.

Ich glaube, mit den meisten Apps, ganz besonders denen von Medienkonzernen, verhält es sich wie mit diesen Multimedia-Bonusapplikationen aus den frühen 90ern des letzten Jahrhunderts. Sie sind aktuell der heisse Scheiß; jede Firma will eine herausbringen, jeder User sein neues Tablett erst einmal vollpacken mit Inhalten.

Ich erinnerte mich dunkel daran, daß ich das Material damals in meinen Quadra gesteckt und für unterwältigend befunden hatte. Ob New York Times, Bild, SpOn, Bunte – wir haben zwanzig Jahre später noch immer nicht gemerkt, daß die Inhalte in den seltensten Fällen der aufwendigen Verpackung bzw. Aufmachung gerecht werden, für die wir alle so viel Geld bezahlen. Schlimmer noch: damals gab es noch kein WWW, bzw. es steckte in den Kinderschuhen. Wir waren noch nicht an Browser gewöhnt. Heute könnte man jedes dieser Angebote im Web genießen, aber soll sich für jedes eine App installieren, einen Extra-Browser sozusagen. Einige sperren gezielt die Web-User aus und verweisen auf ihre App (Bild), andere weisen penetrant darauf hin, daß es doch eine extra tolle App gibt, wenn man ihre Website mit einem mobilen Browser ansteuert (Zeit).

Wir haben Mailboxen und AOL überwunden und die ummauerten Gärten von CompuServe und GEnie – doch mauern uns mit schöneren, bunteren Steinen neue Eilande. Warum? Ich verstehe die Motivation der Anbieter, die wollen halt Geld verdienen. Aber warum machen wir Nutzer das mit? Sind wir wirklich so lernresistent?

(Dies ist ein Crossposting von Google+. Da ich dort jedoch (wie bei facebook und Twitter) in regelmäßigen Abständen meine Einträge wieder lösche, möchte ich den Gedanken auch hier im Blog festhalten.)

Vor und nach dem Mittagsschlaf

  • Veröffentlicht am 10th September 2011,
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Vor und nach dem Mittagsschlaf

Es ist morgens etwa halb sieben, als ich im strömenden Regen in den dämmerigen Morgen hinaustrete. Ich drücke den Knopf der Fußgängerampel vor meinem Haus und renne kurz darauf bei rot über die Straße durch die Lücke im Verkehr, die sich unerwartet aufgetan hat. Im Geiste entschuldige ich mich bei den gleich fluchenden Autofahrern, die nun unnötigerweise vor einer Ampel anhalten müssen. Aber ich habe keinen Schirm und meine Schuhe sind nicht für stundenlanges Warten in Pfützen gedacht sondern für das Leben im Büro. Ich sprinte den Schleichweg über den Hinterhof der Nachbarn, vorbei an den Mülltonnen und ducke mich unter den nassen Zweigen der Magnolie durch, bis ich in der winzigen, kopfsteingepflasterten Gasse bin, in der ich am Vorabend spät mein Auto abgestellt habe. Ich stehe gern hier, hinter der Kirche, auch wenn ich weder religiös noch sonderlich gläubig bin. Ich denke, mein kleiner Smart steht hier wohlbehütet, so nahe an Gottes Haus. Wahrscheinlich ist das Aberglauben der allerschönsten Sorte. (mehr…)

„Unsere Demokratie sieht keine ausreichende Strafe vor um meinen Rachedurst zu stillen, ganz so wie es beabsichtigt ist.“

Ein Forumsnutzer in Norwegen schreibt:

„In the safest, most boring country, the worst lone gunman shooting happens. The worst in the world, in history. But it will not make our country worse. The safe, boring democracy will supply him with a defense lawyer as is his right. He will not get more than 21 years in prison as is the maximum extent of the law. Our democracy does not allow for enough punishment to satisfy my need for revenge, as is its intention. We will not become worse, we will be better. We lived in a land where this is possible, even easy. And we will keep living in a land where this is possible, even easy. We are open, we are free and we are together. We are vulnerable by choice. And we will keep on like that, that’s how we want to live. We will not be worse because of the worst. We must be good because of the best.“

via Giardino

Qualitätsjournalismus, my arse. Heute: Zum Tode von Amy Winehouse

Die Sueddeutsche schreibt mit dem gebotenen Pathos:

„Für das zugehörige Album “Back to Black” erhielt sie fünf Grammys. Es landete in Großbritannien und Deutschland auf Platz eins der Charts. In den USA reichte es zu Platz zwei. Dort war vermutlich ein Gangsterrapper mit Drogendealer-Vergangenheit erfolgreicher. Amy Winehouse könnte zu seinen Kunden gehört haben. Zu seinen besten, womöglich.“

Quelle: „Der öffentliche Tod einer großen Stimme“, ein Nachruf von Michael König, 23.07.2011

Zwei Minuten Recherche auf der Billboard Website bringen zutage: Vor „Back to Black“ lag auf Platz 1 der Charts in der betreffenden Woche vom 1. März 2008 das Album von Singer-Surfer-Songwriter-Saubermann Jack Johnson, „Sleep Through The Static“.

Spätrömische Dekandenz, tatkräftig umgesetzt

Nochmal langsam: Eine uneinsichtige akademische Hochstaplerin lässt sich wenige Tage, nachdem eine der ältesten und angesehensten Universitäten Europas ihr ihren Doktortitel entzogen hat, in einen Ausschuss des Europäischen Parlaments wählen, der Entscheidungen über Forschungsfragen trifft.

Nur, falls es jemand immer noch nicht verstanden hat: Deutschland wird im Forschungsausschuss des Europaparlaments durch eine überführte wissenschaftliche Betrügerin repräsentiert.

Das Ende der Lügen

Ich bin nicht mehr wirklich überrascht über die Chuzpah, mit der Die Frau und ihre Steigbügelhalter hier agieren. Es kommt ja nicht unvorbereitet zu einer Zeit, in der z.B. mediale Volksverhetzung prämiert wird (gesponsort durch die Stiftung einer Familie, die ihr Geld in der Rüstungsindustrie zu NS-Zeiten nachweislich zu einem nicht geringen Teil durch die Ausbeutung von Zwangsarbeitern angesammelt hat). In einer Zeit, in der Banken, Wirtschaftsprüfer und -kanzleien ihren Lobbyismus nicht mehr heimlich im Hinterzimmer pflegen müssen, sondern von unseren Volsvertretern schon hochoffiziell mit der Ausgestaltung der Gesetzesvorlagen beauftragt werden. In einer Zeit, in der regelmässig Polizisten auf Demonstrationen friedlicher Bürger als Agents Provocateurs agieren und auf eine Eskalation der Gewalt setzen, die sie selbst hervorgerufen haben. In einer Zeit, in der ständig neue Terrorgesetze gefordert werden, der Bürger immer gläserner wird aber gleichzeitig oft durch Abmahnungen in seiner wirtschaftlichen Existenz bedroht, wenn er selbst Transparenz von seinen gewählten Vertretern fordert. In einer Zeit, da das Prinzip der Gewaltenteilung offensichtlich ein Fremdwort für manchen Landesinnenminister ist. In einer Zeit, da unsere Politiker ein ums andere Mal die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts vorsätzlich grob missachten und Deutschland von einer Verfassungskrise in die nächste stürzen.

Andererseits passiert das alles ja ganz transparent. Es überrascht mich daher nur, daß der Schrei „Ah! Ça ira – à la lanterne!“ noch nicht lauter erklingt.

Veränderte Sehgewohnheiten

In meiner Kindheit gab es drei Fernsehsender, die in der Regel wochentags auch nicht vor 15 bzw. 17 Uhr ihr Programm begannen und angeblich (ich selbst war natürlich um 19:30 im Bett) spätestens um Mitternacht endeten – mit einem Testbild oder Schneegestöber. Sonntags gab es schon mal Vormittags den internationalen Presseclub oder Werner Höfers „Frühschoppen“, wo sich dann mein Vater wahlweise über die alten Nazis oder blöden Sozis in dieser Runde aufregte, jedenfalls so lange bis meine Mutter zu Tisch rief. An Trickfilmserien gab es Wicki, Kimba, Heidi, den rosaroten Panther, Tom und Jerry, die Biene Maja oder Sindbad und natürlich die legendären tschechischen Serien, z.B. mit dem kleinen Maulwurf.

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Und die Werbung! Hach! Meine Generation kann wahrscheinlich deshalb fast jeden Spot auswendig, weil es nur vergleichsweise wenige TV-Spots gab, und die durften auch nur in kurzen Werbeblöcken bis 20 Uhr gesendet werden. Tilly von „Sie baden gerade Ihre Hände drin!“ Palmolive, Clementine von Ariel, die jungen Leute mit dem Riesenpaket Wrigley’s Spearmint Gum unterm Arm, oder natürlich die legendäre Stanwell Tabak Reklame (denn damals gab es noch Tabakwerbung im TV):

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„Heimlich fernsehen“ fiel völlig aus, denn es gab einfach nichts, was für mich interessant gewesen wäre und bzw. oder zu einer Zeit gesendet wurde, zu der ich wach und alleine gewesen wäre. Davon abgesehen spielte, malte oder las ich viel lieber, als in die Kiste zu gucken. Aber natürlich spielten wir Kinder auch die Abenteuer unser Vorabendserienhelden nach: wir waren Kwai Chung Caine aus „Kung Fu“oder der Marshal und die Bankräuber aus „Rauchende Colts“ oder Captain Kirk und Mr. Spock vom „Raumschiff Enterprise“. (Die Besatzung der „Mondbasis Alpha 1“ fand hingegen keinen besonderen Anklang.)

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Wie ich heute früh bei Jörn las, hat sich das TV-Programm doch sehr geändert. An welche Spiele sich wohl später der heutige Nachwuchs erinnern wird?

Was macht eigentlich myspace?

Schöne Visualisierung dessen, was so im Musikbusiness gerade abgeht. Klick auf das Bild bringt Euch auf virtualmusic.tv, wo Ihr Euch die einzelnen Zahlen, Daten, Fakten zu den Services ansehen könnt. Interesting stuff, man!

Feigheit vor dem Feind

Gleich vorab: Ich mag den Guttenberg nicht. Ich habe grundsätzlich nichts für Leute übrig, die „von Adel sind“, denn um Forrest Gumps Mama mal zu paraphrasieren: adlig ist, wer Adliges tut. Ich warte noch auf den ersten passenden Kandidaten – von allen Adeligen, die ich in meinem Leben bislang kennenlernen durfte, hat sich keiner durch übermäßig viel Intelligenz ausgezeichnet. Sie waren zwar meist auch nicht dümmer als der Rest der Welt, aber durchgehend bornierter, und da kann ich ja mal gar nicht drauf, wie man so schön sagt. Ich halte seine Frau für völlig unerträglich, komplett lernresistent und geradezu böswillig und heimtückisch, was ihre abartige „Tatort Internet Kampagne“ angeht, und daß den beiden die BLÖDzeitung täglich in den Allerwertesten kriecht, ist zwar naheliegend, aber gibt der Sache endgültig den Anstrich: „wi-der-lich“. Kommt noch dazu, daß er die Bundeswehr de facto in eine Freiwilligenarmee umwandelt und mit chancenlosen Hauptschulabbrechern bevölkern will (ob diese Art Armee auch den Schießbefehl verweigern wird, wenn dereinst der Pöbel die Wahlbetrüger an die Laternen knüpfen will, oder ob wir nicht doch besser, wie die Ägypter, mit einer Wehrpflichtigenarmee fahren?), und mein Ekel kennt kaum noch Grenzen, wenn ich seinen Namen höre.

Andererseits kann er ja auch nix dafür, daß er ein Titelträger ist, man wird nun einmal so geboren, das hat er sich ja nicht ausgesucht. Solche Titel kleben halt auf der Geburtsurkunde, ob man will oder nicht, und wer von uns diesen Vorsprung ins Leben der Reichen und Schönen nicht ausnützen würde, der werfe den ersten Stein. Der Titel, der allerdings nicht auf der Geburtsurkunde prangt, den man sich dann doch erst erarbeiten muss, das ist der Doktortitel. Für den begibt man sich entweder ein paar Jahre seines Lebens ins stille Kämmerlein und schuftet, oder man kauft ihn sich im Ausland und hofft, nicht aufzufliegen. So oder so, man kriegt ihn nicht geschenkt. Er gehört erst nach der Verleihung durch die Universität zum Namen.

Einige Leute scheinen nichts besonderes dabei zu finden, wenn man sich diesen Titel „erschummelt“ hat, wie sie es nennen. „Haben wir nicht alle mal abgeschrieben?“ versuchen sie „die Kirche im Dorf zu lassen“.

Nein, haben wir nicht. Und es geht nicht um einen Satz Mathehausaufgaben aus der dritten Klasse, die man morgens im Bus noch schnell abschreibt im Tausch gegen einen Schokoriegel, auch wenn das Prinzip natürlich dasselbe ist. Ein Doktortitel kann einen Unterschied von mehreren -zigtausend Euro Gehaltszahlungen im Jahr ausmachen, kann den Unterschied zwischen „hab’ den Job gekriegt“ und „leider war ein anderer Bewerber qualifizierter“ sein, kann bei manchen Naivlingen wie mir sagen „okay, er ist von Adel, aber wenigstens hat er seinen Doktor gemacht, er kann also nicht völlig blöd sein.“

Ich weiß nicht, ob Karl Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel zu Unrecht trägt oder nicht. Es wird gerade ein Wiki mit angeblich plagiierten Teilen seiner Dissertation gefüllt, es gibt einige journalistische Recherchen und die die Beweislast scheint insgesamt eher erdrückend. Andererseits gilt natürlich auch hier „viel Feind, viel Ehr’“ und die Motivation einiger der Beitragenden und Journalisten dürfte auch nicht ganz frei von persönlichen Animositäten sein. Die Wikipedia gilt zu Recht in wissenschaftlichen Kreisen nicht als veritable Quelle, da dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet sind. Mit der Schwarmintelligenz ist es auch nicht immer weit her, gerade die Wikipedia ist ein leuchtendes Beispiel dafür, daß es eben auch Schwärme von Idioten gibt, die sich gern und ausführlich äußern und das dann für relevantes Wissen ausgeben.

So oder so: es wäre in des Verteidigungsministers bestem Interesse, das Thema nicht weiträumig zu umfahren, wie er es gerade tut. Seine Reise nach Afghanistan war sicherlich länger geplant und es wäre töricht, sie als Flucht zu beschreiben, auch wenn ihm eine kleine Verschnaufpause sicherlich zupaß kam. Aber nun ist er wieder im Lande und könnte, um nicht zu sagen: müßte vor die Presse treten und sich den Fragen stellen, die die letzten verbliebenen nicht gekauften Journalisten in unserem Lande an ihn richten möchten.

Statt dessen brüskiert er die Journallie, indem er sich nur „einigen, ausgewählten Medienvertretern“ zur Verfügung stellt. Es bedarf sicherlich nicht viel Fantasie sich vorzustellen, welche Sorte Hofberichterstatter dort eifrig das notieren werden, was er ihnen in die Notizblöcke diktiert. Und hier endet auch jedwege Spekulation um Betrug oder Missverständnis – dieses Verhalten nenne ich schlicht Feigheit vor dem Feind.

Ach ja: Heute sind in Afghanistan zwei unserer Soldaten ums Leben gekommen. Ich hätte dazu ein paar Worte ihres Chefs erwartet, und seien sie noch so warm und windig wie die seichten Fürze, die auch sonst jeder Politiker weltweit dazu absondert. Aber das stand nicht auf der Agenda bei der Bundespressekonferenz. Statt dessen: Ein geplanter Besuch der Karnevalsprinzen im Kanzleramt.

Die besten iPad Apps (2/4): Kategorie Medien

Das iPad ist ja für die Verleger das Goldene Kalb und sichere Ticket ins gelobte Land, in dem Umsätze fliessen und Anwender gefälligst dafür bezahen, daß man sie mit nichtssagenden, als Qualitätsjournalismus etikettierten PR- und Angstmacher-Texten traktiert. Da nimmt man als Anwender doch gerne mal unter die Lupe, was einem von den Medienhäusern so geboten wird:

(mehr…)

Commentarist

Auf Commentarist.de geht gerade ein neuer Nachrichtenaggregator an den Start, ähnlich wie Rivva, allerdings der „reinen Lehre“ verhaftet und befüllt von „echten“ Journalisten und Meinungsmachern. Zitat: „Commentarist vereint tagesaktuelle Kommentare & Kolumnen von mehr als 1000 Journalisten der führenden deutschen Medien, komfortabel kategorisiert und thematisch sortiert.“ Äh, ja, ob die „führenden deutschen Medien“ (sechzehn nicht näher benannte an der Zahl) es insgesamt auf 1.000 Journalisten bringen, lasse ich mal dahingestellt. Aber ich will nicht schon vor dem offiziellen Geburtstermin lästern: Einen Aggregator für Qualitätsjournalismus kann man immer gebrauchen.

Hinter der Platform stehen „Zwei Programmierer, ein Betriebswirtschaftler, ein Editor und eine Anzahl an Journalisten“, und man kann ihnen auch auf Twitter unter http://twitter.com/commentarist folgen. Commentarist.de ist aktuell  nur mit einem Einladungscode zu begutachten; ich habe davon drei Stück unters Volk zu werfen, bei Interesse meldet Euch gern in den Kommentaren oder via Twitter bei mir.

Update: alle Einladungen sind raus.

„Ja, habt ihr denn überhaupt keinen Stolz?“

„Ja, habt ihr denn überhaupt keinen Stolz?“

Vorab: Ich glaube, das ist das erste Mal, daß ich hier im Blog einen fremden Text in Gänze übernehmen. Normalerweise würde ich natürlich nur im Rahmen des gesetzlich Erlaubten daraus zitieren. Allerdings ist der Text so gut, daß man ihn nicht nur in Gänze zitieren möchte sondern netterweise auch darf – Mario Sixtus bittet ums Republizieren und hat den Text unter eine CC-Lizenz gestellt. (mehr…)

Wettbewerbsverzerrung aus Verlegersicht

Zwei Nachrichten las ich gestern, die das ganze Ausmaß des Siechtums der kranken Häuser auf den Tisch legen. Erstens: Die Tagesschau-App ist da. Sie war vor ca. einem Jahr bereits geplant und angekündigt und in der Zwischenzeit eifrig von den privaten Medienmachern als „Wettbewerbsverzerrung“ attackiert worden. Hier werde von den Öffentlich-Rechtlichen mittels Zuschauergebühren ein Mehrwert geschaffen, für den private Sender und Verlage tief in die eigene Taschen greifen und investieren müßten. Wenn ich mich recht entsinne, hat damals die geplante Tagesschau-App die ganzen Irrsinnsdebatte um das von Verlegern geforderte Leistungsschutzrecht erst losgetreten. (mehr…)

Wissen ist Macht.

Im Bücherstöckchen hatte ich ja unlängst erwähnt, daß ich gerne Tom Clancys Jack Ryan Bücher lese. (Call it a guilty pleasure…) Ich war auch sicher nicht die Einzige, die am 11. September 2001 ein Déjà Vu hatte – immerhin hatte der Autor diese Art von Terror schon 1994 in „Debt of Honor“ detailliert beschrieben. Im selben Buch schildert er auch, wie der Feind mittels gefälschter Video-/TV-Aufnahmen und tatkräftiger Hilfe der US-Presse in trügerischer Sicherheit gewiegt wurde. Die Erklärung von CNN nach dem Sieg lautete dann lapdar: „We were asked to cooperate with government deception operations, and after careful consideration, it was decided that CNN is, after all, an American news service…“.

Nun dreht also ein US-Unternehmen nach dem anderen Wikileaks die Luft ab. Zunächst wurden die Server mittels einer DOS-Attacke unerreichbar gemacht, angeblich von einem patriotischen US-Hacker. Daraufhin hat der DNS-Provider kurzerhand die Reißleine gezogen und die Domain abgeschaltet. Dann besinnt sich Amazon auf seine AGB und kickt Wikileaks aus der Cloud. Nun also auch PayPal. Man kann Wikileaks nicht mehr über PayPal unterstützen; ebenfalls aufgrund vorgeschobener AGB-Verletzungen. Fefe fragt ganz zu Recht, wie der Laden überhaupt hierzulande eine Banklizenz bekommen konnte. Artikel wie dieser hier (und eigene Erfahrungen) sagen klar: Finger weg von PP. Und wie hat es Lawblogger Udo Vetter so schön formuliert?

Ich frage mich jetzt, wann Google wohl die Seite, Julian Assange und Dokumente (und alle Mirrorserver) aus dem Index wirft. Was nicht zu finden ist, existiert ja auch nicht. They are an American search engine, after all. Und wie lange wird Facebook noch Gespräche über Wikileaks dulden? Immerhin haben sie erst vor kurzer Zeit bewiesen, daß unerwünschte Worte ruckzuck zensiert werden können und werden. Und auch beim Castor-Transport haben sie ratzfatz das Schottern dicht gemacht. Wann wird Twitter Wikileaks den Account dicht machen oder, subtiler, den Failwhale vorschieben?

Das Ministerium für Wahrheit US State Department hat in allen Behörden den Zugriff auf Wikileaks gesperrt und warnt klar mit unverhüllten Drohungen die Studenten vor Unterhaltungen und Aktionen pro Wikileaks im Social Web:

(via)

Auf gut deutsch: „Wer jemals einen Behördenjob haben will, hält besser die Klappe und surft nicht auf verbotenen Seiten.“

Parallel wird mehr oder offen zur Ermordung von Julian Assange aufgerufen und von manchem US-Politiker die Todesstrafe für den eigentlichen Informanten gefordert. Assange dürfte wohl auch der einzige Mensch auf der Welt sein, der nur zu Befragungszwecken (die Anklage wegen Vergewaltigung wurde ja fallengelassen) über Interpol zur Fahndung ausgeschrieben wurde. Ich warte ja darauf, daß der erste Bischof oder Kardinal wegen fortgesetzten Kindesmißbrauchs steckbrieflich gesucht wird… müßte ja nicht gleich international sein, schon national wäre das eine Sensation. Aber eher friert die Hölle zu.

Und was macht eigentlich unsere selbsternante Qualitätsjournallie, außer sich den Allerwertesten plattzusitzen und laut nach Schutzgeldern zu krakeelen? Vielleicht ist ihnen klar, daß früher ein Informant direkt mit brisantem Material an sie herangetreten wäre. Aber heute, da die qualitativen Unterschiede zwischen dem Klein-Kleckersdorfer Wochenblatt und der FAZ langsam zu verschwimmen drohen? Niemand erwartet, daß all das Wikileaks zugespielte Material ungeprüft in die Zeitung muß. Und es ist auch klar, daß Assange und seine letzten verbliebenen Getreuen diese Materialberge nicht allein und zuverlässig sichten und bewerten könnten, selbst wenn sie wollten. Aber sie wollen ja gar nicht – das ist nämlich Aufgabe der Presse. Die aber ist beleidigt, eifersüchtig und neidisch und hat ganz offensichtlich generell inzwischen große Probleme mit der Sichtung von Material, wenn über einer Quelle nicht dick „Pressemitteilung“ steht.

Das Traurigste ist aber, daß der Aufschrei der Politiker nicht annähernd so riesig war, als die Unterlagen zum Irakkrieg oder ihren dubiosen Afghanistanmachenschaften online gestellt wurden. Nein, erst jetzt, wo ihre schmierigen, schleimigen Lügen im Scheinwerferlicht stehen, wo es um Geheimnisse geht, die de facto keine sind, wo es persönlich wird und eine drohende Dokumentenwelle zum Thema Finanzmärkte angekündigt wurde, da beißen sie um sich.

Die Dokumente, die Wikileaks veröffentlicht, sollten nicht geheim sein. Sie sind Arbeitsunterlagen unserer Angestellten – der Staatsdiener. Insofern gibt es meiner Ansicht nach eine klare Pflicht zur Veröffentlichung, wenn schon nicht proaktiv, so doch auf Verlangen. In einer Demokratie sollte das selbstverständlich sein. Aber vielleicht sollten wir uns bei all dem Neusprech unserer Regierungsvertreter schon mal daran gewöhnen: „Demokratie“ ist das neue Wort für Diktatur. Jedenfalls wird erschreckend deutlich, warum seitens Politikern aller Couleur und aller Herren Länder so wiederholt laut und deutlich unter dem Deckmäntelchen der Kinderpornografiebekämpfung, des Jugendschutzes oder Urheberrechtsverletzungsbekämpfung nach Netzsperren und Zensurmechanismen geschrieen wird und der ePerso durchgeprügelt wurde. Ich schätze, spätestens 2013 wird man nur noch über staatlich lizensierte Provider auf ausgewählte Seiten kommen, und auch erst dann, wenn man sich vorab biometrisch ausgewiesen hat. Dystopie, my arse.

Update, 06.12. Schau an, netzpolitik.org hat sich mal die Trending Topics bei Twitter näher angesehen. Und, Überraschung! Da gibt es so einige Unstimmigkeiten. Wikileaks kommt nämlich nicht vor, trotz deutlich mehr Tweets pro Stunde als „Nikolaustag“, der in der Liste auftaucht.

Für Individualisten

Nun ist es also auch bei uns live, dieses Streetview. Meine Straße wurde nicht erfasst; sie ist wohl zu klein, oder zu uninteressant gewesen. Vielleicht hatte der Googlemobilfahrer auch einfach keine Lust, stundenlang hinter einem Umzugswagen zu stehen, nur um ein paar hübsche, aber unspektakuläre Backsteinfassaden und Schrebergartenhecken abzulichten. Vielleicht wohnt er auch in meiner Straße und hatte seine subversiven fünf Minuten, anders als die Kollegen an der ABC-Strasse, die ihm begeistert zuwinkten. „Sieh her, Welt, sieh’ her, Jeff Jarvis – es gibt hier nicht nur Verweigerer des  Kool-Aid Drinks!“ Ich weiß es nicht.

Vor dem Google Hauptquartier, Hamburg.  Bild © 2010 Google

Ich habe hier vor Monaten schon recht ausführlich dargelegt, warum ich gegen StreetView bin. Leider ist u.a. auch dieser Eintrag, mitsamt den vielen interessanten Kommentaren dazu, bei den Blogumbaumassnahmen verschütt gegangen. Aber Enno Park fasst den Kern drüben bei Carta sehr viel besser und präziser zusammen, als ich es wohl könnte:

Die Streetview-Verteidiger behaupten, Streetview sei eine Form von Öffentlichkeit. Ist es nicht. Streetview ist Google, nicht mehr und nicht weniger. Google kann jederzeit den Dienst manipulieren, kostenpflichtig machen, abschalten. […] Der öffentliche Raum bleibt vollkommen unangetastet – niemand sperrt Straßen und Plätze und verweigert uns den Zutritt.

Genau so ist es. Und ich will hier gar nicht groß auf den Terror des digitalen Mobs („Wir sind alle Individuen!“) eingehen, für den jeder, der nicht ihrer Meinung ist, bestenfalls ein kleingeistiger Spießer ist. Daß sich jemand ganz alleine seine Meinung bilden kann gilt offenbar als ausgeschlossen, solange sie der eigenen zuwiderläuft. Nein, da muss man natürlich ein Opfer des Lobbyismus, der Politiker und der Medienschranzen sein.

Das Gejammer der Vermieter war auch vorherzusehen. Da hatten sie sich nun schon die Hände gerieben, keine teuren Kleinanzeigen mit vielen Fotos mehr in den Immobilienportalen, und nun das: Ein Mietling hat doch tatsächlich ihr Haus verpixeln lassen! Und Google twittert schadenfroh:

Was nun, was tun? Verklagen? Ermorden? Wie soll man mit diesem Drama weiterleben?
Wie bisher, würde ich vorschlagen. Die positiven Dinge hervorstellen, wie man das als Verkäufer und Vermieter eben so macht: „Eine Objekt für Individualisten, das müssen Sie einfach selbst gesehen haben!“

Ein Herz für Blogs IV

Aktuell läuft der vierte Teil der Aktion „Ein Herz für Blogs“, bei der man seine Lieblingsblogs vorstellen soll um ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen und sie aus dem Insidertipp-Status herauszuholen. Dieser ist zwar sehr schön auf der nach oben offenen Coolness-Skala, aber sowohl bei Bars, Kneipen, Filmen, Klamottenlabels etc. doch eher schlecht fürs Geschäft und bei Blogs rauscht der Traffic auch nicht unbedingt durch die Decke. Das ist natürlich nicht unbedingt erforderlich, aber mehr Leser und Aufmerksamkeit hat doch eigentlich jeder Autor/Künstler/Musiker etc. gern. Darum sind solche „share/spread the love“-Aktionen auch immer prima und lobenswert. Daß das Ergebnis besser wird, wenn das verlinkende Blog selbst über einen gewissen Bekannheitsgrad verfügt, versteht sich von selbst. Und daß bei solchen Aktionen das verlinkende Blog natürlich dabei auch oft etwas Traffic bekommt, ist ein Nebeneffekt.

Es gibt Blogs, denen geht der Traffic mehr oder weniger hinten vorbei, weil sie aus Liebe und Lust am Bloggen geschrieben werden. Und es gibt Blogbetreiber, die genau das von sich behaupten, während sie ihre Zahlen frisieren „weil es doch ganz witzig wäre“, obwohl sie sich doch gar nichts aus Zahlen machen, ehrlich, wirklich nicht. Und dann gibt es noch Blogger, die offen und laut und deutlich sagen, daß sie vom Bloggen leben wollen und sich freudig, frech und oft manchmal jenseits der nach unten offenen Schamgrenze selbst vermarkten und 24/7/365 rotieren um a) zu widerlegen, daß man in Deutschland nicht vom Bloggen leben kann und b) weil es ihnen Spaß macht. Wer von den beiden letzteren authentischer und glaubwürdiger ist, mag jeder Leser für sich selbst entscheiden. Und ja, meine Sympathien sind klar verteilt, deal with it. („Die Plakette für den Zweitbesten hängt unten, in der Damentoilette.“)

Aber zurück zum Thema: Meine aktuellen Lieblingsblogs. Es ist eigentlich nur eines. Und ich habe es zumindest über Twitter auch schon einige Male gepusht, denn ich bin fast jeden Tag neu begeistert von diesem Fund. Es ist sehr persönlich, dabei aber politisch-gesellschaftlich hoch aktuell. Es ist absolut zeitlos. Es wird von einer Frau geschrieben, die ihr Handwerk versteht. Es wird aus Liebe und Lust am Bloggen und aus Liebe und Lust, aber auch Verzweiflung und Hoffnung über das Thema geschrieben. Fast jeder Eintrag bringt einen zum Lachen, manchmal fast zum Weinen, immer zum Nachdenken.

Ich habe dieses Blog an einem Tag zweimal von hinten nach vorne gelesen. Einmal allein, und dann jemandem vorgelesen, der keine Blogs liest und von diesem Blog genauso begeistert ist wie ich. Die einhellige Meinung ist: Warum ist das noch kein Buch? Dieses Buch würde ich zur Pflichtlektüre für Politiker, Bundestagsabgeordnete, Medienvertreter machen. Und wenn es ein Blog gibt, das den Grimmepreis wirklich verdient hat, dann dieses, Vallah!

Gefunden habe ich es über ein anderes Lieblingsblog, Die Rückseite der Reeperbahn. Bitte besuchen Sie jetzt und hier und heute und dann immer wieder:

Frl. Krise interveniert.

Warum Wikileaks Irak-Dossier keine Gefahr für die Kriegsverbrecher ist

Nicht, weil das Team um Julian Assange in den Dokumenten sogar mehr Namen, Daten, Fakten geschwärzt hat als das Pentagon. Sondern weil es viel zu wenig Menschen wirklich interessiert, was da drin steht. Der Irakkrieg ist zu weit weg, räumlich, zeitlich und inhaltlich. Kein Mensch weiß mehr genau, wie und warum das alles angefangen hat. Machen Sie mal eine Umfrage in einer x-beliebigen deutschen Fussgängerzone. „Irakkrieg? Ach ja, 11. September, Saddam, Massenvernichtungswaffen, Bush, Blair, Achse des Bösen, blah, blah, blah. Die Amis haben geduldet, daß sich die Iraker weiter foltern? Na und? Das ist fast zehn Jahre her, die Amis schlachten sowieso alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, wir hier haben das Hemd doch näher als die Hose: Arbeitslosigkeit, Überfremdung, Islamisierung… herrje, wenn diese Turbanträger irgendwo da unten sich gegenseitig umbringen, hey, einer weniger, der bei uns Asyl sucht.“

Es ist einfach zu viel Information: zu viele Seiten (391.832), zu viele zivile Todesopfer (109.032), zu viele Orte, alles zu chaotisch. Das war schon beim Afghanistan-Dossier so, und da waren ja immerhin „unsere Jungens“ beteiligt. „Ach, die sind immer noch da? Egal, das ist einfach zu weit weg, da hab’ ich jetzt echt kein’ Kopf für, tut mir leid.“

Die Jungs vom Pentagon brauchen sich also gar nicht groß aufzupumpen: es interessiert keine Sau. Und selbst wenn es zu einer Anklage wegen Kriegsverbrechen kommen sollte, dann wird sich das Jahre hinziehen und am Ende werden die entscheidenden Beweise fehlen, verurteilt wird keiner oberhalb des Rangs eines Majors, vielleicht muss auch irgend ein zwei-Sterne-General in Frühpension gehen, dann wird er seine Memoiren schreiben („I did it for God and Country“), durch die Talkshows und den Bible Belt auf Lesetour tingeln und 2020 als Vizepräsidentschaftskandidat von Sarah Palin antreten.

140 Zeichen? Eines reicht.

Wein und Weinkeller. Kitesurfen in Mosambique. Skifahren und Knieprobleme. Segeln. Sport. Mit einem Wort: Unser Gastgeber ist ein toller Hecht. Wir sitzen schon alle am Tisch, als die Frau wieder hereinkommt, die heute für den Service zuständig ist. Während sie arbeitet, stellt er sie uns vor. “Zwischen unseren Familien besteht schon lang eine Verbindung”, sagt er, und ich übersetze es mir im Stillen: Ihr Vater hat schon meinen Vater bedient.

liquid center | Ein Paar

Auf dieses Blog und diesen fabelhaften Eintrag (bitte dringend lesen!) stieß ich heute, als ich erkältet und gelangweilt im Bett lag und u.a. mal von Hand meine Blogroll und deren Blogrolls absurfte. Sonst lese ich Blogs ja meist nur noch über den RSS Reader, aus Trägheit, Bequemlichkeit, um Zeit zu sparen oder sonstigen dämlichen Gründen. Bei der Affectionista stieß ich auf den Link zu liquid center. Madame Affectionista hat mich die ganze letzte Zeit mit ihren Beiträgen über ihr Experiment beglückt. Ich habe diese Einträge gerne und aufmerksam gelesen, aber eben im Feedreader. Ich sah heute eher nebenbei bei meinem Besuch auch, daß nicht einer dieser schönen Einträge einen Kommentar hat. Und ich schäme mich ein wenig, denn natürlich habe auch ich nicht kommentiert, nur konsumiert. Dabei weiß ich doch eigentlich selbst, wie sehr ich mich immer über einen Kommentar freue. Warum schaffe ich es, durchschnittlich zehn Tweets am Tag zu jedem Mist abzusetzen aber nicht dort zu kommentieren, wo mir wirklich jemand mit seiner Arbeit eine Freude bereitet hat? Dafür bräuchte es nicht einmal 140 Zeichen. Und flattr braucht es schon gleich gar nicht. Ein einfaches „Danke für den schönen Eintrag, er hat meinen Tag bereichert.“ würde schon genügen.

Professionelle Abzocke?

Ich stelle mir gerade vor, ich kaufe mir einen schönen, grünen Bleistift der Härte 2B und zeichne damit einen Cartoon, der es in den New Yorker schafft und vielfach preisgekrönt und reproduziert wird, auf T-Shirts und Tassen, das ganze Programm. (Man darf ja wohl noch träumen, oder?) Und dann kommt eines Tages der Bleistifthersteller und hält die Hand auf: Bei mir, beim New Yorker, bei den Tassen- und T-Shirtproduzenten, etc. Weil das Ding mit ihrer Bleistiftminentechnologie produziert wurde, auf die sie ein Patent haben und weil wir alle mit dem Ergebnis ihrer patentierten Technologie Geld verdient haben. Der Bleistift wäre mir schließlich nur unter der Bedingung verkauft worden, daß ich ihn privat nutze, z.B. beim Telefonieren damit herumkritzele, oder an der Tapete markiere, wo ich mein Bild aufhängen will. Klingt albern?

Fefe hat einen Bericht über die MPEG-LA und das Thema professionelle Nutzung von Filmkameras verlinkt und fragt, ob wir hierzulande ähnliche Bestimmungen beim Kamerakauf beachten müssten. Hintergrund ist, daß das Sytem, mittels dessen die Filme codiert werden, urheberrechtlich geschützt und patentiert ist und der Rechteinhaber mitverdient, wenn der Kamerahersteller das System nutzen will, und wenn der durch diese Technik zustandegekommenen Ergebnis (also dem Film) Geld verdient. Das Geld muß gar nicht der Urheber des Films verdient haben, da reicht auch, daß beispielsweise YouTube Werbung auf bzw. vor seinem Clip einblendet.

You see, there is something very important, that the vast majority of both consumers and video professionals don’t know: ALL modern video cameras and camcorders that shoot in h.264 or mpeg2, come with a license agreement that says that you can only use that camera to shoot video for “personal use and non-commercial” purposes (go on, read your manuals).

Ich habe mir vor zwei Jahren meine erste Digiknipse gekauft (also jenseits der Handyfotografiererei), eine kleine Canon Ixus 75, die mir nach wie vor treue Dienste leistet und hoffentlich noch lange erhalten bleibt. In der Betriebsanleitung steht zu dem Thema nur:

Warnung vor Urheberrechtsverletzungen
Beachten Sie, dass Digitalkameras von Canon zum persönlichen
Gebrauch bestimmt sind und niemals in einer Weise verwendet
werden dürfen, die gegen nationale oder internationale
Urheberrechtsgesetze und -bestimmungen verstößt oder diesen
zuwiderläuft. Beachten Sie auch, dass das Kopieren von Bildern
aus Vorträgen, Ausstellungen oder gewerblichen Objekten mithilfe
einer Kamera oder anderer Geräte unter bestimmten Umständen
Urheberrechten oder anderen gesetzlich verankerten Rechten
zuwiderläuft, auch wenn das Bild nur zum persönlichen Gebrauch
aufgenommen wird.

Ich erinnere mich, daß ich den Abschnitt damals las und so bei mir dachte „Persönlicher Gebrauch? Was soll das denn heissen? Und wenn ich mit dem Teil jetzt das nächste Blair Witch Projekt drehen will?“

In den USA wird diese Regelung noch absurder dadurch, daß der Passus nicht nur bei kleinen, offensichtlich nicht für professionellen Gebrauch ausgelegten Digitalkameras wie meiner Ixus 75 steht, sondern auch bei den High-End-Geräten, die viele tausend Dollar bzw. Euro kosten und eindeutig für Profis und extrem ambitionierte Hobbyfilmer vermarktet und angeboten werden:

But looking at its license agreement last night (page 241), I found out that even my $3000 camera comes with such a basic license. So, I downloaded the manual for the Canon 1D Mark IV, which costs $5000, and where Canon consistently used the word “professional” and “video” on the same sentence on their press release for that camera. Nope! Same restriction: you can only use your professional video dSLR camera (professional, according to Canon’s press release), for non-professional reasons. And going even further, I found that even their truly professional video camcorder, the $8000 Canon XL-H1A that uses mpeg2, also comes with a similar restriction. You can only use your professional camera for non-commercial purposes. For any other purpose, you must get a license from MPEG-LA and pay them royalties for each copy sold. I personally find this utterly unacceptable.

Ich auch. (Und bevor jetzt alle auf Canon schießen (no pun intended): Ähnliche Formulierungen gibt es bei den anderen Herstellern auch. Denn alle nutzen dieselbe, lizensierte Encoding-Technik.

Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre ein solcher Passus in unserem Land in dieser Form (noch) nicht mit den geltenden Gesetzen vereinbar (und der oben zitierte Hinweis ist sowieso nur unverbindliches Blabla). Zum einen schon deshalb nicht, weil man vor dem Kauf keine Kenntnis von den Wünschen des Herstellers hat und diese natürlich nicht verbindlich sind, wenn sich beide Parteien darüber nicht im Vorfeld einig waren. Zum anderen, weil man als Käufer ja keinen Vertrag mit dem Hersteller sondern mit dem Händler schließt, wenn man so ein Gerät kauft und der Hersteller zwar Schadenersatz bei unsachgemäßem Gebrauch ausschließen kann, aber mir nicht den Nutzungszweck vorschreiben kann. Genaueres müßte man vermutlich mal ein wenig im BGB nachlesen.

Aber das Problem betrifft potentiell nicht nur die Käufer und Benutzer der Kameras, auch diejenigen, die sich auf YouTube den Film ansehen:

Their license agreement is so broad, that ALLOWS for crazy lawsuits against 99.999% of the population (most people have watched a Youtube video, you see, even if themselves might not even own a PC).

Think about it.

They have created such broad license agreements, with such a stronghold around the whole chain of production (from shooting to delivering), that they could make liable the whole EU/US population, and beyond.

Die Lösung? FREE CAMERA CODECS:

FREE OUR CULTURE. We already have Creative Commons, and a Free codec in our disposal. But without FREE CAMERA CODECS, we’re going nowhere fast. Because it all starts with the camera. Not how you export at the very end.

P.S.: Das patentierte System ist der offene Quasi-Standard in Sachen Video, von dem Apple spricht. Offen? Ja, im Sinne von: flexibel einsetzbar und anpassbar auf jede Plattform. Aber frei ist er nicht, im Gegenteil.

Geschichten aus der Schattenwelt

1. Ein Apple-Mitarbeiter lässt spät abends nach Besuch einer Gastwirtschaft und Genuss mehrerer leckerer deutscher Biere versehentlich sein iPhone auf dem Tresen zurück.

2. Ein anderer Gast findet das Gerät, sieht, daß der Besitzer nicht mehr da ist und schaltet das iPhone an, vorgeblich um herauszufinden, wem es gehört. Er findet den Namen des Besitzers via der facebook-app heraus.

3. Als er am nächsten Morgen erwacht, ist das Gerät tot, vermutlich per Fernbedienung über die mobile.me-Deaktivierungsseite abgeschaltet. Der Finder wundert sich, daß keine Nachricht mit einer Adresse und der Bitte um Rückgabe darauf auf dem Display erscheint (wie es technisch möglich wäre) und besieht sich das Gerät erstmals näher: Das scheint kein normales iPhone zu sein? Er pult die Verkleidug ab und legt einen Prototypen der nächsten iPhone Generation frei.

4. Der Finder versucht vergeblich, Apple das Gerät zurückzugeben. Angeblich nimmt ihn am Telefon niemand ernst, wenn er von seiner Geschichte des gefundenen iPhone Prototypen erzählt.

5. Keiner sagt, wie und über wen es genau passiert ist, aber das Gerät wechselt irgendwie über eine dritte Person für 5.000 US $ den Besitzer. Gekauft hat es ein berühmtes, werbefinanziertes Technikblog, das sich davon den Coup des Jahres verspricht, das Teil genau unter die Lupe nimmt und ausführlich und bebildert über die Details bloggt.

6. Apple meldet sich bei dem Technikblog und fordert höflich und bestimmt sein Eigentum zurück. Das Blog antwortet ebenso höflich, es werde dem umgehend nachkommen.

7. Lufthansa nutzt die Gunst der Stunde und feuert aus allen PR-Rohren und twittert: Der arme Tropf, der nach Genuss des deutschen Bieres den Prototypen hat liegen lassen, bekommt von ihnen einen Business-Class-Freiflug nach München und zurück, Freibier bis  zum Umkippen inklusive.

8. Der Blogger kommt spät abends mit seiner Gattin vom Essen nach Hause und findet sein Haus voller Polizisten, die bei der Vollstreckung eines Durchsuchungsbefehls aufgrund seiner Abwesenheit die Haustür aufgebrochen haben und dabei sind, eine Reihe von Computern, Kameras, Festplatten und andere Gegenstände zu beschlagnahmen. Der Grund für die Aktion ist vorgeblich Hehlerei, bzw Beteiligung an einem Diebstahl. Man will wissen, von wem er das Gerät gekauft hat.

9. Der Anwalt des Bloggers sagt, der Blogger sei Onlinejournalist und Verlagsangestellter und somit greife der Informantenschutz, wie bereits schon zu einem früheren Anlass und in anderem Zusammenhang gerichtlich festgestellt. Der Blogger hätte also niemals durchsucht werden dürfen.

10. Die meisten Apple-Fanboys finden: Wer mit geklauten Sachen herumprotzt, muß halt damit rechnen, daß die Polizei und der Eigentümer etwas dagegen haben und auch etwas unternehmen. Die meisten Apple-Hasser schreien „Pressefreiheit“ und finden ansonsten offenbar nichts an dem Verhalten des Technikbloggers anrüchig; Apple habe selber schuld, das sei halt dumm gelaufen für sie.

Wir sind das Volk, aber wen interessiert ’s?

Der aktuelle Rundfunkstaatsvertrag besagt, daß Sendungen der öffentlich-rechtlichen Medien nur für einen begrenzten Zeitraum online angeboten werden bzw. verfügbar sein dürfen. Die gebührenfinanzierten Sender, denen von Seiten der Verleger und privaten Konkurrenz erst unlängst noch vorgeworfen wurde, sie drängten mit aller Macht ins Netz und wollten den Wettbewerb unfair verzerren, löschen daher gerade große Teile ihrer Onlinearchive.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Inhalte, die durch Gebührenzahler finanziert wurden, und von denen man also entsprechend erwarten können sollte, daß sie bis in alle Ewigkeit auf Abruf in Online Mediatheken stehen, werden gerade vorsätzlich gelöscht. Wer keinen Fernseher oder kein Radio besitzt, sondern nur einen PC oder ein entsprechendes Handy, wird bekanntlich ebenfalls von der GEZ zur Kasse gebeten, denn er könnte ja die Online-Angebote der ÖR-Sender nutzen. OK, man mag über die Höhe der Gebühren streiten und natürlich auch über die rüden Methoden der GEZ, den Schwarzsehern auf die Spur zu kommen. Auch die Frage, was teure Produktionen wie „Wetten, dass?…“ mit dem Auftrag der Grundversorgung zu tun haben, darf ruhig mal gestellt werden. Aber ich glaube, die meisten Menschen haben nichts per se gegen einen gebührenfinanzierten staatlichen Rundfunk. Nur die Verhältnismäßigkeit und Nachhaltigkeit sollte gewährleistet sein.

Unabhängig von der Frage der Finanzierung, und warum die Gebührenzahler kein Anrecht darauf haben ihre bezahlten Inhalte anzusehen, wann und wie sie es für richtig halten: Was ist mit dem kulturellen und historischen Aspekt? Sind diese Archive nicht  Teil unserer gemeinsamen Geschichte und damit auch Teil unserer Zukunft? OK, ich vermute und hoffe mal, daß die Daten nicht unwiederbringlich gelöscht werden, sondern nur nicht mehr öffentlich zugänglich sind. Sie werden wahrscheinlich weiterhin in den Kellern der Sender schlafen und ggf. vermodern. Vielleicht werden irgendwann nur noch akkreditierte Wissenschaftler und Forscher Zugang zu einer Tagesschausendung von 1990 haben. Aber macht es das besser?

Zu einer anderen historischen Baustelle: Das Fraunhofer-Institut wird vermutlich Ende nächsten Jahres die Pilotphase des e-Puzzler-Projekts abgeschlossen haben. Der e-Puzzler soll aus den rund 15.000 Säcken mit Papierschnipseln, die Stasi-Angestellte in den letzten Minuten des DDR-Regimes aus den Akten fabriziert hatten, eines Tages wieder les- und verwertbare Dokumente machen. Die Kosten für das Projekt liegen irgendwo zwischen 40 und 40 60 Millionen Euro, ca. 6,3 Millionen EUR sind bislang geflossen, woher die restliche Summe kommen soll steht in den Sternen. Einen interessanten Artikel über das Projekt hat TIME.com diese Woche online gestellt.

Ich habe weder an den Inhalten von ARD, ZDF & Co. noch an den Stasi-Akten ein persönliches Interesse. Insofern könnte es mir bestenfalls egal sein, wie viele Gebühren und Steuergelder dort jeweils fliessen. Aber ich bin nicht der Nabel der Welt und ich glaube, ein Volk kann es sich nicht leisten, kein Geld für die Dokumentation der Vergangenheit auszugeben. Sonst hat es keine gute Zukunft.

Der Bewusstseinswandel, der nicht stattfinden wird.

Der einzig wirklich wahre Satz in Frank Patalongs jammernd vorgetragenen Pamphlet über die Notwendigkeit von Onlinewerbung und seinem Wehklagen über die bösen Nutzer von Adblockern lautet: “Notwendig ist ein Bewusstseinswandel.” Allerdings darf bezweifelt werden, daß die Werbebranche und Verlage diesen Bewußtseinswandel hinkriegen. Sie schnallen ja nicht einmal, daß er bei ihnen liegen muß.

Ich habe nichts gegen Werbung. Ich habe auf die eine oder andere Art, direkt oder indirekt, mit Werbung und Marketing mein Geld verdient seit ich die Schule verlassen habe. Aber ich halte nichts davon, die Leute aufs Glatteis zu führen. Werbung kann durchaus informieren und unterhalten. Ich sehe gerne gut gemachte Werbung, die mich nicht für dumm verkaufen will. Ich lache über witzige TV-Spots und blättere gern in gut gemachten Katalogen und Broschüren. Werbung ist ein Handwerk, und wie bei jedem Handwerk ist es ein Genuss, den Meistern ihres Faches bei der Arbeit zuzuschauen. Und ich lasse mich gern von Werbung verführen – jedenfalls, solange ich mir bewußt bin, daß es sich um Werbung handelt. Leider besteht fast jedes kommerzielle Verlags-/Medienangebot offline wie online, gedruckt wie im TV nur noch aus Werbung, davon nur etwas 50% als solche deklariert. Der Rest ist Product Placement, Vettern-/Günstlingswirtschaft, PR, Schleichwerbung. Journalismus? Fehlanzeige. Die Medien betrügen und belügen ihre Kundschaft schon lange und werden von Jahr zu Jahr unverschämter. Eine Selbstregulierung greift nicht, die Politik ist zwar nicht machtlos, die für beide Seiten notwendige und gesunde Abtrennung zur selbsternanten vierten Macht im Staate findet jedoch schon lange nicht mehr statt, wie das Beispiel Koch/Brender/ZDF zuletzt gezeigt hat.

Früher gab es eine gesunde Mischung diverser Printmedien in überschaubarer Vielfalt in Deutschland. Dazu drei öffentlich-rechtliche Fernsehsender und ein paar öffentlich-rechtliche Radiosender. Unter Rudolf Augstein zeichnete kein Redakteur des SPIEGEL mit Namen seine Artikel. Das wäre als Eitelkeit angesehen worden: Der gesamte SPIEGEL stand für aufrechten und wahren Journalismus. Es ging nicht um Selbstreferenzalität sondern um Nachrichten. (Dies nur als Erklärung für diejenigen, die sich bei Fefe mal über seine wiederkehrende Formulierung “Das ehemalige Nachrichtenmagazin” gewundert haben sollten.) Natürlich gab es früher auch Werbung in den Medien, aber a) als solche gekennzeichnet und b) teilten sich sehr viel weniger Kunden einen sehr viel kleineren Kuchen. Die irriwtzigen Gewinnmargen der 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts werden in der Werbung wohl niemals wieder erreicht werden. Woran erinnert mich das nur? Ach ja: Tim Renners Zitat zum Niedergang der Musikindustrie:

Meiner Meinung nach begann der Untergang der Musikindustrie mit der CD. Das liegt nicht nur daran, dass die Langspielplatte, die sie ablösen sollte, so viel sinnlicher war als das kleine Stück Plastik/Aluminium Gemisch. Das eigentliche Problem der CD war ihre hohe Profitabilität. Die Herstellung einer CD kostet weniger als die von Vinyl, die Preise wurden bei der Einführung aber verdoppelt. Verkauft wurde Anfangs hauptsächlich Katalog, also Aufnahmen welche die Plattenfirmen schon lange bezahlt und verbucht hatten. In der Konsequenz schossen die Margen durch die Decke. Musikwirtschaft wurde ein hoch profitables Geschäft und zog deshalb statt Freaks und Fans Betriebswirte und Banker an.

Klingt irgendwie bekannt, oder?

Heute gibt es ungezählte Blätter im Printdschungel und irgendwo zwischen 50 und 300 in Deutschand über Kabel oder Satellitenschüssel empfangbare TV-Sender. Und alle wollen bzw. müssen sich irgendwie refinanzieren. Und dann gibt’s natürlich noch das Internet: vergleichsweise geringen Herstellungs- und Distributionskosten stehen potentiell Millionen an Lesern/Zuschauern/Konsumenten gegenüber. Die müssen sich doch irgendwie einfangen lassen! Zur Not per Gesetz – es würde mich wirklich nicht im Mindesten überraschen, sollten Werbeblocker bald illegal sein. Die Werbeblocker, die von verzweifelten Nutzern programmiert wurden, die sich nicht länger von teils virenverseuchten Popups, Bannern, Superbannern, Layer-Ads und sonstigen Informationsverhinderern fesseln lassen wollten. Oder Cookies und schlimmere Schnüffelsoftware auf ihren Rechnern installiert bekommen wollten.

Das Internet ist nicht erschaffen worden um Verlagsgeschäftsmodellen, die offline schon gescheitert sind und sich ohnehin nur noch dank Tricksereien und Milchmädchenrechnungen tragen, einen dritten Frühling zu bescheren. Es wurde zum internationalen Austausch von Wissen und Informationen geschaffen. Zunächst militärischer und wissenschaftlicher Natur, erst später auch für “normalsterbliche” Nutzer. Der ganze Witz am Netz ist, daß es immer die kürzeste Verbindung zwischen den zwei Punkten “Nutzer” und “Information” sucht und anbietet. Hürden wie Werbung werden schlicht umgangen oder übersprungen. Jan Schejbal hat das in seiner Antwort an Patalong wunderbar zusammengefasst:

Ihr könnt natürlich auch in den Krieg gegen das Netz ziehen, anfangen, Adblocker zu erkennen und die Leute aussperren. Ihr werdet verlieren. Das Netz kann die Tarnung schneller anpassen als ihr die Erkennung. Wenn es sein muss, innerhalb von Minuten. Ihr könnt euren Inhalt auch hinter Paywalls verstecken. Vielleicht werden euch die wenigen, die ihn trotzdem lesen, sogar so viel einbringen wie die Werbung euch eingebraucht hat. Aber viel wahrscheinlicher werdet ihr in der Bedeutungslosigkeit versinken. Niemand wird euch mehr verlinken, wenn seine Leser eure Artikel nicht abrufen können. Der böse raubkopierende Feind Google wird euch nicht mehr finden, und mit ihm 50% eurer Besucher.

So sieht’s aus. Und niemand wird Euch eine Träne mehr nachweinen, denn Ihr habt keinen echten Wert geboten sondern immer nur genommen, genommen, genommen.

Die Verwechslung von Medium und Botschaft

Der von mir sehr geschätzte Journalist Stefan Niggemeier hat eine Reihe von Tweets zum Thema Kachelmann exemplarisch herausgesucht und folgendermaßen kommentiert: “Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob Twitter die Menschen doof macht oder nur ohnehin vorhandene Doofheit sichtbar.”

Ist es nicht erstaunlich, wie das Medium Twitter mal als Heilsbringer gefeiert wird, weil es iranischen Regimegegnern eine Stimme gibt oder sogar Leute aus dem ägyptischen Knast holen kann und mal als Untergang des Abendlands oder wenigstens des Journalismus, weil es zum Beispiel bei Flugzeugkatastrophen schneller ist als Nachrichtenagenturen, aber natürlich auch die getwitterten Bemerkungen keiner journalistischen Sorgfaltspflicht unterliegen und nicht jeder Überprüfung standhalten? Das zeigt doch ganz offensichtlich, wie neutral und demokratisch dieses Medium ist. Jeder hat 140 Zeichen zur Verfügung, um seine Botschaft potentiell an ein Millionenpublikum zu senden. Wie also könnte so ein Medium die Menschen “doof machen”?

Bleibt die Frage, ob Twitter “die ohnehin vorhandene Doofheit sichtbar” macht. Ja und nein:

Es gibt nicht “das Twitter”. Jeder Twitteruser  stellt sich selbst seine Timeline zusammen und kann entscheiden, wem er folgt und wen er folgen lässt. Ich habe nicht einen einzigen Spruch über Kachelmann bzw. das Thema auf Twitter mitbekommen, was wahrscheinlich für das Niveau meiner virtuellen Bekanntschaften spricht (allerdings klebe ich auch nicht 24/7 mit einem Auge auf meiner Timeline).

Wie im Offline-Leben, den Kantinen, U-Bahnen und Schulhöfen da draußen gibt es natürlich auch auf Twitter  und in anderen Online Communities Menschen oder Themen, denen es aus dem Weg zu gehen gilt, will man sich nicht aufregen. Und anders als im Offline-Leben muß man sich auf Twitter nicht einmal unter einem höflich gemurmelten Vorwand zurückziehen, wenn das Thema nicht gefällt oder der Gegenüber plötzlich schmutzige Witze oder radikale politische Ansichten zum Besten gibt. Man geht einfach kommentarlos offline oder entfolgt bzw. blockt den Störenfried auf Knopfdruck. “Puff!” und weg ist er.

Wer dezidiert nach Kachelmannwitzen sucht, wird sie finden und darf sie geschmacklos finden und an den Blogpranger stellen, klar. Aber inwiefern unterscheidet sich die gezielte Suche auf Twitter von dem Boulevardreporter, der den Pendlern in einem U-Bahn-Wagen sein Mikro unter die Nase hält und Soundbites zum Thema sammelt? “Dumm ist der, der Dummes tut”, wie schon Forrest Gumps Mama wußte. Was sagt das über mich aus, wenn ich erst gezielt nach etwas suchen muß, das ich grundsätzlich abstoßend finde – um es dann empört meinem Publikum in epischer Breite zu präsentieren? Das wäre doch bestenfalls heuchlerisch zu nennen. Oder eben schlicht – doof.

Homefucking kills PRostitution

Hier findet gerade eine schöne, selbstreferentielle Debatte zum Thema PR und Social Media statt.

“Andererseits ist klar, dass es wohl niemandem gibt, der einen legitimeren Zugang zum Thema Social Media anmelden könnte als die PR-Branche, die sich nun mal seit langer Zeit für ihre Kunden mit strategischer Kommunikation beschäftigt. Dennoch sitzen PR-Treibende heute am gleichen Tisch mit Webdesignern, Grafikern, Informatik-Studenten und anderen “Experten”, die nun allesamt das Thema Social Media für sich entdecken und lautstark auf ihrer Fahnen heften.”

“Ihr dauert mich, das Walross sprach. Ich kenne Eure Qualen.” – Werbeagenturen, die seit Jahren ihre Mitarbeiter einstellen nach dem Motto: “Du machst Marketing, PR und Vertrieb – ist ja eh alles dasselbe, und am besten bringst du auch noch ausführliche Kenntnisse in HTML, CSS, PHP und Photoshop mit. Die gängigen Contentmanagement-Systeme sind dir sicher geläufig, oder?”

Aber ich verstehe Euren Schmerz; ich erinnere mich gut an die Zeit, als es noch Schriftsetzer und Reprografen gab. Die dann drei Jahre später vom Arbeitsamt eine Umschulung auf PageMaker und QuarkXpress oder Photoshop bekamen und sich fortan DTP-Spezialisten nannten; noch ein paar Jahre später dann “Webdesigner”. Und mit ihrer 10 DM/Stunde-Herangehensweise uns acht-Semester-studierten-Dipl.-Grafikdesignern gehörig die Preise verdarben. Da half dann auch keine Mitgliedschaft in AGD oder BDG mehr, die Büchse der Pandora war geöffnet. Ich habe auf die harte Tour gelernt, daß “Grafikdesigner” keine geschützte Berufsbezeichnung ist und sich quasi jeder so nennen darf, der einen Bleistift richtigherum halten kann. (Thies hier hat ein schönes, aktuelles Beispiel für den Niedergang dieses Gebiets. Man müßte laut lachen, wenn es nicht so traurig wäre.)

Insofern verstehe ich, daß Euch der Arsch auf Grundeis geht. Nur, daß es noch weniger Kenntnisse braucht, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen als einen Bleistift zu halten. Und darum seid Ihr schlicht vom Schicksal gefickt, pardon my French. Diese “Webdesigner, Grafiker, Informatik-Studenten und andere “Experten”" sind genau das: Experten. Da braucht Ihr gar keine Anführungsstriche zu bemühen. Jeder Mensch mit einem einigermassen intakten Sozialleben ist ein Social Media Experte. Daß nun einige unter ihnen daraus klingende Münze machen wollen und sich damit auf “Euer” Agenturterrain begeben – tja, das nennt man dann wohl die Poesie der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Die allermeisten Firmen wollen nicht mit ihren Kunden reden. Der Kunde stört. Darum haben sie Callcenter, CRM-Programme und andere Kundenkontaktverhinderungsmaßnahmen um ihre Schlösser und Burgen herum aufgebaut. PRler sind die Krokodile in diesen Burggräben. Und dann so etwas: In diesem blöden Interweb, das doch eigentlich nur als Vertriebskanal angedacht war, unterhalten sich die Kunden jetzt plötzlich über die Firmen und ihren meist nonexistenten Service oder die schlechte Produktqualität, statt brav zu kaufen. Also rufen die Firmen nach PRlern und schreien “iiiiih, mach das weg!” oder aber schicken die Krokodile als Schwäne verkleidet durch den Park, um mit tollen Versprechungen neue Besucher anzulocken.

Wer hauptberuflich in PR macht wird vielleicht schon mal gemerkt haben, daß ihn selten bis nie jemand freudig mit offenen Armen empfängt. Journalisten nehmen verächtlich Euren Content entgegen, wenn Ihr sie brav mit genügend Goodies (Pressevorführungen, Reisen, Bankette, Digitalkameras oder wenigstens DVDs etc.) schmiert. Die wollen schließlich auch nicht mehr als nötig arbeiten für ihre dreieurofuffzich, sondern idealerweise Eure Pressemitteilung direkt ins CMS einfliessen lassen. Aber respektieren oder gar lieben tun sie Euch deswegen noch lange nicht. Und Otto Normalverbraucher weiß genau: PR ist gleich Werbung, nur halt verkleidet. Ein Schwein mit Lippenstift bleibt halt ein Schwein. PRler lügen hauptberuflich für Geld, genau wie Werber, aber wenigstens geben letztere das offen zu. (Been there, done that. Proud Member of the Association of Puffpianisten International.)

Werbung aber interessiert Otto Normalverbraucher nicht, sie nervt ihn zu 99,9%. Er will sich nicht mit PRlern unterhalten. Er will sich nicht mal mehr mit den Firmen unterhalten, denn seine Erfahrungen sind meist so übel, daß er lieber gleich mit seinen Freunden redet. Gemeinsames Leid verbindet schließlich, davon kann jeder ein Lied singen, der beispielsweise je einen DSL-Anschluß kündigen wollte – egal, bei welchem Anbieter.

Ihr habt was falsch verstanden, Ihr PR-Experten: Ja, Märkte sind Gespräche, aber Gespräche sind deshalb nicht gleich Märkte. Ihr werdet immer diejenigen sein, die sich im Lokal bei einer fröhlichen Runde an den Tisch schleichen und “Wolle Rose kaufen?” fragen. Der Störfaktor. Die Lachnummer. Bestenfalls bemitleidet.

“Wir kennen ein paar Leute aus eurer Firma. Sie sind online recht cool. Habt ihr noch welche von der Sorte, die ihr versteckt? Dürfen sie rauskommen und mitspielen?” (Cluetrain Manifest)

Social Media ist eine echte Chance für die Firmen, sich von überflüssigem Ballast wie beispielsweise PR-Beratern zu befreien, und mit ihren Kunden direkt in Dialog zu treten. Nicht über einen inhouse-PRofi mit Twitteraccount und Facebookseite, sondern vielleicht über den Controller, die Sekretärin oder sogar den Geschäftsführer selbst. Aber selbst wenn die Firmen lieber noch mehr Krokodile in den Burggraben setzen (die sich irgendwann gegenseitig zerfleischen, es fängt schon an, s.o.), so nivelliert Social Media immerhin das Spielfeld für die Endverbraucher. Jedenfalls so lange, bis die Krokodile von den Haifischen abgelöst werden:  den Abmahnanwälten.

Zitate des Tages zum Thema Journalismus

Der Kommentar des Tages, wenn nicht der Woche ist für mich diese Reaktion auf Stefan Winterbauers Artikel über die fragwürdige Art und Weise, wie die Zeitschrift Merian in ihrem aktuellen Sonderheft zur Formel 1 zwischen Anzeigen und Redaktion trennt:

“Als ich 16 war, und bei Burger King diese komische Zeitung gelesen habe, die da immer ausliegt, da ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass da nie Verrisse drinstehen. Immer nur Lobhudeleien. Das war der Moment an dem mir klar wurde, dass es keinen Journalismus-Nicolausosterhasen gibt.

Seither gehe ich bei allem Gedruckten, bei allen Medien, die in der Herstellung viel, viel Geld kosten, immer, immer immer zuerst davon aus, dass es selbstverständlich einen Zusammenhang und einen Einfluss von Werbenden auf Redaktionen gibt. Vom Gegenteil lasse ich mich nur mühsam überzeugen.

Und erst jetzt wird mir klar, dass ich deswegen vielleicht inzwischen lieber die Blogs meiner Freunde lese, als publizistische Produkte.”

Gleichzeitig verlangt auf einer anderen Bühne der Cheflobbyist eines Verlages, daß künftig u.a. nicht nur Google, sondern auch jeder den PC gewerblich nutzende Leser der journalistischen Angebote im Netz eine Abgabe an eine neu zu gründende Verwertungsgesellschaft leisten solle. Die selbstbewußt lautende Begründung:

“Das Netz quillt über mit Informationen – wir organisieren die Rangreihenfolge. Das ist die Leistung, die wir bringen. […] Wir sehen, dass die Abonnements von Zeitungen und Zeitschriften in den meisten Unternehmen zurückgehen – das hängt natürlich auch damit zusammen, dass wir so gute Webseiten machen.”

Die beste Replik auf diese Chuzpah kommt von Thomas Knüwer:

“Nun, dann schauen wir uns die Rangreihenfolge doch einmal an, in diesen Sekunden, da ich dies tippe. Da meint Welt Online, die wichtigste Meldung der Welt sei, dass die FDP Kritik an Guido Westerwelle “Diffamierung” nennt. Derzeit also, in diesen Sekunden, gibt es auf der Welt nichts Wichtigeres als PR einer Partei. Es muss ein ruhiger Tag sein. Daneben bekomme ich mitgeteilt, dass ein Aldi-Bruder laut “Forbes”-Liste nicht mehr so reich ist wie zuvor – eine Meldung von gestern. Oder ich darf mir das Auslaufen eines Kreuzfahrtschiffes anschauen – inszenierte Unternehmens-PR.

Meine persönliche Rangreihenfolge der Nachrichten sieht anders aus.”

Meine auch.

Wake up and smell the Bullshit (aktualisiert)

Ich habe ca. ein Dreivierteljahr vor Roberts Verkauf von basicthinking.de aufgehört, das Blog zu lesen. Es hat mich einfach nicht mehr interessiert. Nach Übernahme durch das neue Redaktionsteam war ich noch nicht einmal dort und sah bislang auch keinen Anlass dazu. Heute stieß ich auf einen Artikel im YuccaTree Blog, wo sich der Autor darüber empört, daß die meisten User wohl keine Lust haben basicthinking.de direkt zu besuchen, statt die Artikel in einer offenbar neuerdings gekürzten Fassung im Feedreader zu lesen. Die Redakteure müßten ja auch von etwas leben und sollen jetzt unter Brücken schlafen… User, die alles kostenlos wollen… blah blah, blah.

1. Wer interessante Dinge mit einem Mehrwert für den Nutzer bloggt, wird auch gelesen. Selbst wenn er verkürzte Feeds oder Artikelanrisse im Blog anbietet und der User eben einmal mehr klicken muss.
Ich habe über 300 Feeds abonniert, davon sind etwa 10 Prozent gekürzt, zeigen also nicht den vollen Inhalt der Artikel. Nicht bei jedem Artikel klicke ich auf “mehr”, aber bei einigen schon – wenn sie ein Thema behandeln, das mich interessiert. Das erfahre ich natürlich nur, wen der Redakteur oder Blogger die ersten Absätze entsprechend interessant geschrieben hat. Wenn sein Artikel allerdings nur so dahin mäandert und erst im letzten Absatz der springende Punkt kommt, hat der Autor leider Pech gehabt. Kein Klick.

Basicthinking hat nach eigenen Angaben über 320.000 Besucher im Monat. Das sind mehr als so einige IVW-geprüfte kommerzielle Angebote vorzuweisen haben. Nicht schlecht für ein Blog, und ein beredtes Zeugnis für die interessanten und offenbar gut aufbereiteten Inhalte.

2. Man kann Feedabonnenten zählen und in auch Feeds Werbung einblenden. Das ist keine Raketenphysik, man muß dafür nicht Informatik studiert haben. Und seinen Werbekunden gegenüber kann man dann sogar noch anbieten: “Mein Blog wird von x Leuten täglich besucht, und weitere y Leute lesen es täglich im Feedreader, und von denen wiederum klicken z Leute dann auch noch auf weiterführende Links um mehr zu erfahren. Sie können also zusätzlich auch noch im Feed werben!”

3. Man kann seine Inhalte auch für mobile Endgeräte optimieren, z.B. fürs iPhone. Nein, man muß keine App dafür programmieren. Nicht einmal sonderlich viel Zeit investieren, etwa 5 Minuten sollten reichen. Es reicht ein WordPress-Plug-in wie beispielsweise das von Alex King (basicthinking.de läuft auf WordPress). Vorteil: User, die den Feed auf dem Smartphone lesen (und das ist ja insbesondere bei einem IT-Blog nicht wirklich unwahrscheinlich), haben weniger Hemmungen, vom Feed auf die Seite zu wechseln.

Den Leuten vorschreiben zu wollen, wie und wo sie Inhalte zu konsumieren haben – das funktioniert heute nicht mehr. Das sollte sich eigentlich herumgesprochen haben, dachte ich.

Es kann gut sein, daß das alles nicht für genügend Einnahmen sorgt. Das ist sogar wahrscheinlich. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Man betreibt das Blog aus Leidenschaft und sieht jegliche Art von Werbeeinnahmen als nettes Zubrot, arbeitet aber ansonsten anderweitig für sein Geld (Shopblogger, Saftblog und ungezählte andere). Das machen die meisten Blogger, und nur sehr , sehr wenige können ausschließlich von den Werbeeinnahmen ihres Blogs leben, nicht einmal Deutschlands bekanntester Blogger Sascha Lobo, wie’s aussieht. Vielleicht Spreeblick, keine Ahnung.

Oder man sieht das Blog als steuerabzugsfähige Werbeausgabe für die dahinterstehende Firma. Werbung kostet halt Geld. Nicht werben auch. Wenn man sich die Werbung nicht mehr leisten kann, wird sie eben eingestellt. Die Firma dann meist auch. Das kann die angestellten Redakteure/Blogger ihren Job kosten, aber hey, that’s life. It sucks and then you die. Wenn eine Firma die Werbeagentur wechselt, sind meist auch plötzlich eine Menge Leute arbeitslos, die den Etat zuvor betreut haben.”Deserve got nuthin’ to do with it”. Mund abputzen, weitermachen.

Nachtrag: Nachdem Felix Schwenzel hier sehr schön die Lage zusammengefasst hat, gibt es nun auch noch einen Nachschlag von basicthinking.de. Leider outet sich der Autor als komplett merkbefreit:

Basic Thinking ist kein Hobbyprojekt, ich glaube, dass ist vielen nicht klar. Ich schlurfe nicht morgens im Bademantel zum Computer, stelle die Kaffeetasse ab und sage: “So, wat hammwa denn da?”, um danach “ein wenig zu bloggen”

Guess what: Das werden wohl die wenigsten Blogger tun, auch wenn das Bild ja immer wieder gerne mal von der Bratwurstjournallie bemüht wird. Aber wer seinen Traum leben will und sein Geld mit seinem Hobby verdienen, der sollte a) verdammt gut sein und möglichst einzigartig oder wenigstens eine echte Kapazität seines Fachs, b) vorab überlegen wovon er leben will, wenn es nicht klappt und einen realistischen Plan B haben (“Mach was Sicheres Kind / Denn noch ist nicht alles hin!”) und nicht die beleidigte Leberwurst geben, wenn das eigene Genie vom Publikum nicht erkannt wird.

Dann folgt eine end- und freudlose Schilderung seines ach so aufreibenden Tagesablaufs, den man auch ganz gut unter “wir nennen es Arbeit” subsummieren könnte. Nichts, was nicht andere Tausende “Webworker” auch täglich machen, gute Zeiten, schlechte Zeiten, Leben eben.

Ich beschwere mich nicht, ich habe mir diesen Job ausgesucht – er macht mir Spaß. Doch er ist kein Hobby. Er ist ein Beruf, mit dem ich, Marek und die anderen bei uns den Lebensunterhalt verdienen müssen. Und nicht zuletzt steht hinter dem Blog ein Betreiber, der wohl früher oder später auch etwas dafür sehen möchte, dass wir seine Räumlichkeiten und die Technikinfrastruktur nutzen dürfen. Wie lange wird ein bislang defizitäres Projekt in den heutigen Tagen noch gesponsert? Wenn Basic Thinking sich nicht selbst trägt, wird der Laden dicht gemacht. So einfach ist das.

Tough shit. Basicthinking.de wurde damals medienwirksam für einen Betrag ersteigert, für den man auch eine viertel bis halbe Anzeigenseite in einer Tageszeitung hätte schalten können. Mit dem ganzen PR-Rummel hat man deutlich mehr Werbewert für sein Geld bekommen, die Aktion dürfte also als erfolgreich gewertet werden. Nun hat die Werbewirksamkeit für den Käufer inzwischen nachgelassen und man möchte gern Geld mit dem Projekt verdienen. Nur leider hat man sich vorab kein Businessmodell überlegt, sondern vermutlich “das wird schon noch” gesagt haben, wenn überhaupt so weit gedacht. Und nun stellt man fest, daß es eben nicht noch wird und daß die User einen vielleicht ganz gern lesen, aber nicht so gern, daß sie dafür bezahlen möchten oder ihre Lesegewohnheiten komplett umstellen. Statt einen neuen echten Mehrwert zu bieten, nimmt man ihnen stattdessen etwas weg, an das sie sich gewöhnt hatten: den kompletten Feed.

Daß einige Kommentatoren sich im Ton vergriffen haben ist unbestritten, aber warum hat man diese Kommentar nicht kommentarlos gelöscht? Warum verhöhnt man sein Publikum noch?

“ich denke, dass gerade Leser, die unsere Texte mögen, diese 0,3 Kcal am Tag aufbringen können.”

“Wie sieht es mit Paid Content aus? Ein kostenpflichtiger Zugang zum Blog! Ah, wollt ihr nicht… ich verstehe. Na, dann halt Bannerwerbung, vielleicht etwas auf TKP-Basis. Ach…”

Mit Honig fängt man mehr Fliegen als mit Essig. Ist es Sache der User, sich ein Businessmodell für Euch auszudenken? Wohl kaum.
Ich habe basicthinking wie gesagt seit ca. anderthalb Jahren nicht mehr gelesen (s.o.), aber wäre ich Abonnent, so flöge Euer Feed spätestens jetzt achtkantig aus meinem Reader. Die 0,3 Kcl würde ich dafür freudestrahlend investieren.

Golfkrieg ohne eingebetteten Journalismus

Tiger Woods wird heute eine Erklärung zur Lage der Nation zu seinem Major Fuckup abgeben. Dazu hält er eine Pressekonferenz im Clubhaus der TPC Sawgrass ab, die keine ist: Wie sein Agent Mark Steinberg von IMG verlauten ließ, dürfen einige ausgewählte Freunde und Kollegen live dabei sein. Fragen werden nicht zugelassen. Die Presse ist nicht zugelassen, nur Vertreter der Agenturen AP, reuters  und Bloomberg (was bedeutet, daß wir anschließend denselben, unredigierten und garantiert nichtssagenden Text auf allen Kanälen zu lesen bekommen werden). So faszinierend und unglaublich seine Errungenschaften und Taten auf dem Platz sein mögen – Tiger hat vor einem Mikro noch nie etwas wirklich Interessantes oder Berichtenswertes gesagt; er ist ein aalglatter Medienprofi, totaler Kontrolletti und strahlt jenseits des Golfplatzes etwa so viel Charisma wie eine Playmobilfigur aus.

Eingeladen war auch Vartan Kupelian in seiner Funktion als Vorsitzender der Golf Writers Association of America, also des 950 Mitglieder starkenVerbands der US-Golfjournalisten. Er hat nicht nur abgesagt, sondern der Verband hat eine Erklärung abgegeben, daß die Pressekonferenz für die Presse zugänglich sein sollte und daß Journalisten Fragen stellen dürfen sollten, in anderen Worten: ihrer Arbeit nachgehen dürfen sollten.

“The position, simply put, is all or none. This is a major story of international scope. To limit the ability of journalists to attend, listen, see and question Woods goes against the grain of everything we believe.
The GWAA also believes strongly that its presence, without the ability to ask question, gives credibility to an event that isn’t worthy of it.”

(Wieso haben eigentlich ausgerechnet US-Golfberichterstatter die cojones um journalistische Prinzipien zu vertreten, und unsere Politjournallie legt sich umgehend auf den Rücken wenn’s ums Rückgrat zeigen geht? Aber ich schweife ab…)

Tiger bläst nicht nur von der Golfpresse, die ihn mehrheitlich seine gesamte Karriere lang und auch während seines Skandals mit Samthandschuhen angefasst hat, ein schärferer Wind ins Gesicht. Auch seine Kollegen sind recht angefressen ob des Timings der Verlautbarung. Ernie Els nannte Tigers Entscheidung, die Erklärung am heutigen Freitag statt am Montag abzugeben “egoistisch”. Heute beginnt Am Donnerstag begann das WGC Matchplay Turnier, gesponsored von Accenture, einem der Sponsoren, die Tiger jüngst wie eine heiße Kartoffel fallenließen. Wer glaubt, daß Tigers Timing Zufall ist, glaubt auch an die elf Asse, die der geliebte Führer Nordkoreas, Kim-Jong Il, auf einer Runde erzielt haben will. Aber die Zeiten, da Tiger für Spieler und Presse unantastbar war, dürften vorbei sein. Die Aura des Unbesiegbaren ist dahin. Ob er unter diesen Umständen tatsächlich noch eine echte Chance hat, zum größten Golfer aller Zeiten zu werden und Jack Nicklaus’ Rekord von 18 gewonnen Majorturnieren brechen kann? (Zum Vergleich: Tiger hat jetzt 14 Majors gewonnen; Roger Federer 16 GrandSlam Turniere.) Golf wird nicht auf den Kilometern zwischen dem 1. Abschlag und dem 18. Grün entschieden sonden auf den Zentimetern zwischen den Ohren.

Eigentlich wird es ab jetzt erstmals wirklich spannend, Tiger bei der Arbeit zuzuschauen.

Zitat des Tages

Denn Fernsehen ist vor allem eine Billiglösung und verhält sich zur DVD wie Ryanair zur Lufthansa. Wenn man sich nichts besseres leisten kann, dann schaut man sich die Angelegenheit eben schlecht übersetzt, mit Einblendungen, Werbegezappel und verstümmeltem Abspann an.

Quelle

Oh, the Drama!

Früher©, als die Leute sich ihre Flamewars noch in Foren und nicht in Blogs, auf Twitter oder Facebook geliefert haben, gab es ganze Seiten mit “lustigen Forenpics”, die man zur Illustration seiner jeweiligen Meinung zum Thema nutzen konnte. Einer meiner Lieblinge zeigte das sepiagetönte Bild einer amerikanischen Hausfrau aus den 50ern, die entsetzt die Hände wrang und sich “Oh, the Drama!” kaum beruhigen konnte – worüber, wird auf ewig ihr Geheimnis bleiben.

Inspiriert von der Empörung hier über den Versuch der Sueddeutschen, ihre neue iPhone App mittels bezahlter Blogpostings und damit schlussendlich natürlich gekaufter Meinungen zu bewerben, habe ich mal Google angeworfen und nur “Vodafone” eingegeben. Die Älteren unter uns werden sich erinnern: im vergangenen Sommer(loch) hatte der Mobilnetzanbieter sich mit tatkräftiger Unterstützung der üblichen Verdächtigen ins Haifischbecken Social Web begeben und wurde erwartungsgemäß gnadenlos zerfleischt. Eine Bloggerin, die sich der Dunklen Seite Der Macht als Testimonial zur Verfügung gestellt hatte und ein paar Haifischbisse abbekam, trat vom Bloggen zurück (ist aber inzwischen wieder dabei). Und allenthalben hämte es: Wenn Vodafone künftig nach dem Firmennamen googelten, würden sie noch Jahre später zusammenzucken vor den Folgen dieser Nummer; der longtail Effekt werde sie teuer zu stehen kommen.

So, da wären wir dann sechs Monate später. Auf den ersten beiden Seiten der Suchergebnisse findet sich bei der Suche nach “Vodafone” zu diesem Skandal im Goldfischglas nicht ein einziges Ergebnis. Auf Seite 3 Mitte, also Platz 25 der Suchergebnisse dann der SpOn-Artikel von damals, zwei Reihen darunter ein Artikel von Kosmar. Danach erst mal wieder nichts mehr, auf Seite 4 kommt dann Sascha Lobos Blogbeitrag zur Kampagne und ein Artikel der FAZ. Das war’s dann vorerst. Der lange Schwanz schlägt dreimal matt und träge auf den Boden der Tatsachen: Die Aktion hat Vodafone null geschadet.

Die Sueddeutsche tut das, was Firmen eben tun: Für PR und Werbung bezahlen. Wer bei Trigami mitmacht tut das, was gekaufte Schreiber eben machen: Das schreiben, was der Kunde in Auftrag gegeben hat. Die Frage, ob sich die Sueddeutsche als angeblich internetfeindiche Zeitung (ich lese das Blatt eher selten und mir ist es in dieser Hinsicht bislang nicht negativ aufgefallen, oder wenigstens nicht negativer als jede andere überregionale Tageszeitung) ausgerechnet das Medium Internet und darin ausgerechnet die Blogger als Sprachrohr hätte aussuchen sollen, geht meines Erachtens am Thema vorbei. Die iPhone App ist, wie bei den Apps der Konkurrenz auch, aktuell ein Imageprodukt. Weder braucht ein iPhone User die App, um die Sueddeutsche auf seinem Telefon zu lesen, noch braucht die Sueddeutsche die App, um neue Leser zu generieren oder ihr Produkt zu veröffentlichen. Es geht, wie meist in der Werbung, darum, jung, hip und trendy rüberzukommen. Oh, the Drama!

Qualitätsjournalismus, my arse! (Teil 2)

  • Veröffentlicht am 15th Dezember 2009,
  • veröffentlicht von

Trotz aller Twitterei und Bloggerei bedarf es einer Instanz, die prüfen und nachprüfen muss, die den Schein mit der Realität, die Plattitüde mit den Fakten, die Inszenierung mit der Wirklichkeit, das Schrille mit dem Relevanten abgleicht. Diese Kontrollinstanz aber kann nur funktionieren, wenn sie unabhängig ist.

Quelle: Matthias Iken, “abendblatt.de gibt es seit heute im Abonnement“, HA, 14.12.2009

Stimmt. Eine dieser Kontrollinstanzen heißt z.B.  Bildblog.de und arbeitet kostenlos, aber nicht umsonst.

Es geht um das langfristige überleben der Medien, es geht um die vierte Gewalt. Es geht um die Demokratie, wie wir sie kennen. Medien sind gerade im Lokalen, vor Ort, wichtiger denn je.

Quelle: Matthias Iken, “abendblatt.de gibt es seit heute im Abonnement“, HA, 14.12.2009

Als vierte Gewalt haben sich die Medien in diesem Lande inzwischen selbst demontiert, entweder vom Verlag  kaputtgespart zwecks Gewinnoptimierung oder selbst lächerlich gemacht durch Recherchefaulheit und copy&paste von PR-Blabla aus Unternehmen bzw. dem automatisierten Einfließen von Agenturmeldung ins Content Management System. Ein Heer von Bürgerjournalisten ist an Eure Stelle getreten. Nicht immer besser, aber selten schlechter. Und insbesondere im Lokalen haben sie  immer öfter die Nase vorn, dank eines kostenlosen Angebots.

Das Netz braucht Euch nicht, aber Ihr braucht das Netz. Ihr liegt nicht im Sterben weil die Leute im Netz kein Geld für Qualität ausgeben wollen. Ihr siecht dahin, weil Euer Angebot für die allermeisten Menschen keinen Wert darstellt, weil Ihr fortgesetzt Euer angepeiltes Publikum beleidigt und weil Ihr einfach nicht versteht, daß sich Menschen im Netz informieren und unterhalten wollen, aber eben nicht so gerne mit Leuten die sie nur anbrüllen und ihnen Verkaufsgespräche aufdrängen. Mit nichtssagenden Klickstrecken vergrätzt Ihr nicht nur das zahlende Publikum, sondern auch die Anzeigenkunden, die sich bei Durchsicht der Abrechnung kaum weniger verschaukelt vorkommen dürften als die Leser.

Ist es zu viel verlangt, in Zeiten, wo aufgeschäumter Kaffee im Pappbecher drei Euro kostet oder das Telefonvoting für sinnbefreite Casting-Shows mindestens 50 Cent, für das Produkt Qualitätsjournalismus knapp 30 Cent am Tag zu bezahlen?

Quelle: Matthias Iken, “abendblatt.de gibt es seit heute im Abonnement“, HA, 14.12.2009

Gegenfrage: Wenn man Euer Angebot an dem Qualitätsjournalismus der privaten und kostenlos zugänglichen Konkurrenz im Netz mißt, wer, glaubt Ihr, wird die Nase vorne behalten und aus welchen Gründen? Ich gebe Euch einen Hinweis: Fangt schon mal an an mit dem Qualitätsjournalismus, dann können wir drüber reden. Ihr wollt die Haut des Bären verkaufen, bevor Ihr ihn erlegt habt.

Die kranken Häuser

  • Veröffentlicht am 14th November 2009,
  • veröffentlicht von

Vorab: Dieser Eintrag ist jetzt zehn Tage alt und wurde ursprünglich als spontane Reaktion auf Stefan Niggemeiers lesenswerten Eintrag “Das Geschäft mit den Bildern” geschrieben.  Ich habe ihn vor sich hin simmern lassen, weil ich a) nicht sicher war, ob ich meine “Entjungferung” in Sachen Medienwahrheit hier so schreiben darf und sollte und b) weil sich, wie meist nach einem Eintrag, das kurze, starke Gefühl des “ach komm, was soll’s, interessiert eh keine Sau und ändert sowieso nix” einstellte. Ich habe mich jetzt dafür entschieden, den Eintrag doch noch scharf zu schalten, weil das Fünkchen Hoffnung (“vielleicht liest es ja ein argloser Zuschauer und sieht Nachrichten danach mit anderen Augen”) mal wieder stärker war. (24.11.2009)

Wenn mich Leute fragen, warum ich Medienhäusern, ganz besonders denen, die auf Quote angewiesen sind, so zynisch gegenüberstehe und nicht fernsehen will, kommt als Argument meist entweder ein “Ach so, Du bist so ein Kulturfreak, der nur ins Museum und die Oper geht und klassische Musik hört” oder – meist eher obendrauf noch – das Killerargument “Ja, aber Du mußt doch wissen, was vor sich geht in der Welt!”

Nein. Bin ich nicht und muß ich nicht. Ich gehe höchstens drei- oder viermal im Jahr ins Museum und in der Oper war ich zuletzt 2007. Um zu wissen, was vor sich geht in der Welt reicht mir eine internationale digitale Presseschau per RSS, gemischt aus Zeitungen und Blogs. Den Rest erfahre ich, wie wir alle, durch Osmose – an der Kaffeemaschine im Büro, in der U-Bahn, von Freunden, über Twitter. Ich brauche kein Fernsehen, und wenn Welt.de demnächst tatsächlich Geld für ihr Blabla haben will, werfe ich sie mit Freuden achtkantig aus dem Feedreader.

Früher war das anders. Früher sah ich gern “Heute”, manchmal auch “Tagesschau”, las die FAZ und die Welt und glaubte den Bildern, die mir serviert wurden. Dann folgten rasch nacheinander zwei einschneidende Erlebnisse, die meine Haltung radikal ändern sollten: Es war 1988 und der Computer hielt Einzug in die Verlage, Redaktionen und Ateliers. Adobe Photoshop war geboren. Die Manipulation von Fotos war so alt wie die Fotografie selbst, aber von nun an nicht mehr mit hohen Kosten verbunden und dazu noch verführerisch einfach zu erzielen, weitgehend ohne Spuren zu hinterlassen – jedenfalls im Vergleich zu früher. Und 1992, mit meinem taufrischen Diplom in der Hand, trat ich meinen ersten echten Job an: als Videografikdesignerin in der Nachrichtenredaktion eines großen privaten überregionalen TV-Senders.

Meine Aufgabe bestand darin, die Bilder (“Kacheln” genannt) hinter den Sprechern zu gestalten. In der Regel war das eine Hauptkachel, für die Aufmachernachricht, sowie eine Anzahl von thematisch passenden, recht generisch und damit wiederverwendbaren Kacheln. Die Hauptkachel ergab sich aus der morgendlichen Redaktionssitzung, wenn der Aufmacher besprochen wurde. Solange nichts weltbewegendes mehr dazwischenkam (z.B. Kohl unter einen Bus geriet), würden wir damit abends rausgehen. In meiner ersten Woche war das Thema Nummer eins immer noch der Krieg in Bosnien. Die Serben hatten gerade mit den ethnischen Säuberungen begonnen und Internierungslager eingerichtet. Und unser Aufmacher sollte ein Bild eines solchen Lagers sein. Das Ausgangsmaterial befand sich auf einer MAZ, von der Standbilder genutzt wurden, die dann im Computer (liebevoll HAL genannt) auf mehreren Ebenen miteinander verwoben wurden. Ähnlich, wie es bei Photoshop heute gemacht wird, nur daß es damals im Photoshop noch keine Ebenenfunktion gab, das kam erst später.

Ich bastelte also diese Kachel und bemühte mich um eine realistische und trotzdem würdevolle Darstellung. Nach einer Weile kam der Bildredakteur dazu und meinte “Nee, so geht das nicht. Haben wir kein besseres Material?” Ich sah ihn fragend an. “Die sehen mir noch nicht verhungert genug aus. Da ist kein Drama drin.” Er lachte über meinen schockierten Blick. “Mädel, wir wollen hier kein Kunstwerk fürs Museum schaffen, wir wollen die Leute an den Bildschirm fesseln, daß sie die Finger von der Fernbedienung lassen! Wir brauchen Augenfutter!” Er wühlte in einem Schrank mit MAZen und nudelte eine im Schnelldurchlauf durch, fror ein, zwei Bilder ein und speicherte sie ab. “Hier, ist zwar die falsche Gegend, aber Elend ist Elend. Nimm die drei Skelette aus diesem Bild und kopiere sie bei dem da in den Hintergrund. Mach’s etwas dunkler, dann sieht keiner, daß das Asiaten sind. Ruf mich, wenn du fertig bist.” Meinen Einwand, daß das wohl wenig mit Nachrichten zu tun habe, wischte er vom Tisch. “Nachrichten sind das, was du draus machst.”

Ich tat, wie mir geheißen. Die Kachel wurde gut, wie er es wollte. Ich sah mir die Sendung abends nicht an. Ich habe noch ein Jahr bei dem Sender gearbeitet und viele Nachrichten “passend bebildert”, bevor mich der Burnout erwischte und ich mich schließlich beruflich neu orientierte. Es war das Annus Horribilis der Queen. Ich wette, Windsor Castle hat live nicht so geil gebrannt wie es auf meiner Kachel aussah. Der rassistisch motivierte Anschlag in Solingen sah auf keinem Sender besser und schockierender aus als bei uns. Die durch die Straßen von Mogadishu geschleiften Leichen der U.S. Army Rangers kamen bei uns besonders toll zur Geltung. Ich kann heute noch nicht Black Hawk Down sehen ohne im Geiste die besten Standbilder aus Ridley Scotts Film herauszusuchen.

Ich fühle mich nicht mehr informiert wenn ich Nachrichten gesehen habe – egal auf welchem Kanal. Nur beschmutzt und angewidert. Ich habe genaugenommen nie wieder eine Nachrichtensendung gesehen seitdem, nur noch Elendspornos, produziert mit Material von Dealern wie diesen und gekauft und gesendet von jenen. Bei den Printerzeugnissen sieht es nicht sehr viel anders aus, Manipulation wohin das Auge blickt. Und Online natürlich ebenfalls, da mache ich mir keine Illusionen.

Wollen wir diesen angeblich so notwendigen Torwächtern wirklich die Informationshoheit überlassen? Ich bin froh und glücklich darüber, daß wir alle jetzt irgendwie von der Presse sind und für lau oder ganz kleines Geld veröffentlichen können. Und daß es nun mehr Versionen von der Wahrheit gibt, als uns die etablierten Medien zugestehen wollen. Und ja, es gibt wahrscheinlich mehr Spinner im Netz und mehr Lügen im Netz als im Print oder TV, aber das ist eine Frage der Mathematik: Es gibt ein paar tausend Fernsehsender auf der Welt und ein paar -zigtausend Zeitungen, jedenfalls heute noch. Aber es gibt Millionen von Websites und hunderttausende von Blogs. Klar, daß da auch eine Menge Müll bei ist, das wundert doch wirklich niemanden. Und klar, daß dieser Müll das Netz verstopft und es für Journalisten und Normalsterbliche immer mühsamer wird, sauber zu recherchieren. Mit “mal eben Google anwerfen” ist es nicht getan. Recherchieren, Quellen bewerten, vergleichen und idealerweise verifzieren… all das, was mein naives Herz so an den beiden Watergate-Reportern Woodward und Bernstein, ihrem genialen Chefredakteur Ben Bradlee und seiner mutigen Verlegerin Katherine Graham bewundert hat und als Maßstab für journalistische Sorgfalt und Ethik gelten sollte, das gibt es heute offenbar nicht mehr. Klar, wie auch, es gibt auch keine Bradlees und Grahams mehr.

Doch das Schöne an diesem “Online” ist, daß es Watchblogs und aufmerksame Leser gibt, die sich nun Gehör verschaffen können. Dank der Echtzeitkommunikation bleibt keine fette Lügenstory sehr lange unwiderlegt. Ein schwacher Trost, aber auch ein zartes Pflänzchen, dieses Stück Unabhängigkeit, das ja auch prompt von den Print- und TV-Machern unter Dauerbeschuß geraten ist.

„Was nix kost’ is’ auch nix wert.“

  • Veröffentlicht am 6th November 2009,
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Was kost’ aber manchmal auch nicht: DWDL schreibt, der Axel Springer Verlag plane, sein mobiles Angebot der Seiten Bild.de und Welt.de für iPhone User kostenpflichtig zu machen. Vorerst nur für die und nicht auch für Blackberry, Googlephone etc. User, weil es für die noch keine entsprechenden Apps gibt, bzw. die erst noch entwickelt werden müssen. Außerdem: “Die Zahlungsbereitschaft ist gerade bei Mobilfunkkunden, insbesondere bei Besitzern des iPhones groß”, wie ein Sprecher des Konzerns erklärte. Lies: iPhone User sind reicher als Onkel Dagobert und dabei dümmer als die Panzerknacker. Nunja, da mag im Einzelfall durchaus etwas dran sein, aber ob es dann sinnvoll erscheint, sie mit diesem Angebot komplett in die Verblödung zu treiben?

Der mit Abstand lustigste Spruch ist jedoch folgender: “Nachdem sich über die Jahre im stationären Internet eine Kostenloskultur durchgesetzt hat, will der Axel Springer Verlag wenigstens bei den mobilen Angeboten so früh wie möglich eine Finanzierung über Bezahlinhalte etablieren.” So früh wie möglich wäre wohl so ca. 2005/2006 gewesen, als man die ersten WAP-Portale halbwegs stabil auf den Markt brachte. Ich erinnere mich noch an einen stolzen AS-Vortragenden auf einem dieser vielen WebZwoNull-Kongresse, der vor Begeisterung fast in Ohnmacht fiel als er die mobile Seite des (ebenfalls um Springer-Konzern gehörenden) Hamburger Abendblatts vorstellte. Ich gebe zu, ich war beeindruckt – das lief alles ruckelfrei und mit sehr guter Geschwindigkeit auf meinem damaligen SE K750i. Aber “auf den Inhalt kommt es an”, wie schon die Sprengel-Schokoladen-Werbung meiner Kindheit wußte, und die mobilen Inhalte waren nicht weniger belanglos als die der Printversion dieses Blattes, bei dem mir jedes Mal die Schamesröte ins Gesicht steigt, daß dies tatsächlich die repräsentative Tageszeitung der Medien- und meiner Heimatstadt Hamburg sein soll. Schon damals hätte ich keinen Cent für das Angebot bezahlt, es tat weh genug, daß meine Handyrechnung am Ende des Monats dank des kurzen Tests auf dem Konkgreß explodiert war und ich für den dreiminütigen Abruf der mobilen Inhalte meinem Provider derart zur Kasse gebeten wurde, daß es ihm ein Quartalsplus in zweistelligen Prozentzahlen bescherte.

Man überlegt bei Springer auch, das Internetangebot mittelfristig auf Bezahlinhalte umzustellen, zumindest teilweise – man kann sich vorstellen, diejenigen Inhalte, die auch andernorts zu finden sind wie etwa Agenturmitteilungen, auch weiterhin kostenlos zu zeigen. Na, dann besteht ja keine unmittelbare Gefahr, daß die Schotten dicht gemacht werden. Denn meiner Meinung nach bestehen sowieso sämtliche Online-Portale aller Printmedien zumindest gefühlt aus 95% Agenturmeldungen.

Ob der Plan im Hause AS aufgeht, wird die Zeit zeigen. In meinem Haus (9 Parteien im gutbürgerlichen Stadtteil Hamburg-Winterhude) hält sich niemand mehr eine Tageszeitung. Einer hat die ZEIT abonniert, zwei den Spiegel und zwei weitere lesen regelmäßig Brand Eins. Dafür zeigt mir mein Rechner aktuell 12 WLAN-Namen aus der unmittelbaren Nachbarschaft an. Es wird sicher eine paar User geben, die für den “Qualitätsjournalismus” auf welt.de und bild.de gerne Geld ausgeben wollen. Ob es genügend sein werden?

Qualitätsjournalismus, my arse!

  • Veröffentlicht am 8th Juni 2009,
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Falls sich noch irgend Jemand fragen sollte, warum ich meine Zeit nicht gerne mit dem Lesen bzw. ansurfen der Onlineauftritte etablierter Medienerzeugnisse verplempere, so bekommt er hier bei Stefan Niggemeier eine wunderbare Begründung serviert.

Unter der überschrift “Frank Schirrmacher erhält Ludwig-Börne-Preis” geht’s im dann folgenden Text bei Stern.de plötzlich um Beyoncés neuen Kinofilm. Na gut, hör’ ich Euch sagen, kann ja mal passieren, daß einem Redakteuer das durchrutscht. Nur daß es denselben Fehler auch bei den Onlineauftritten der Märkischen Allgemeinen, dem Donaukurier, den Westfälischen Nachrichten, ZEIT ONLINE, Sueddeutsche.de, der Osnabrücker Zeitung, der Lausitzer Rundschau, NWZ, der Rhein-Neckar-Zeitung und vielen weiteren Onlineablegern etablierter Holzmedien gibt.

Wie das passieren kann? Rein technisch betrachtet ganz einfach: die dpa hat den ursprünglichen Fehler gemacht und ihre Meldung so rausgeschickt. Ihre Kunden, also alle o.g. Medien und natürlich viele weitere, lassen die Meldungen der dpa (und die anderer Agenturen) automatisiert durch ihr “Content Management System”, ihr Redaktionswerkzeug laufen, das die fertige Onlineseite publiziert. Garbage in – garbage out.

Die interessantere Frage ist, warum es nicht einem einzigen Redakteur aufgefallen ist, daß da überschrift und Text null zusammenpassen. Wer also sprachlos ob der Demonstration solch geballter Inkompetenz bei den “professionellen” Schreibern sein sollte, der genieße nun noch die Kirsche auf der Sahnetorte, den Kommentar eines sich anonym windenden Akteurs in diesem Drama.

Ach ja – wer sich die Screenshots genauer anschaut wird auch feststellen, daß nicht bei jedem Qualitätsmedium die Quelle der Nachricht – dpa – genannt wird. Und wie ein weiterer Kommentator anmerkt:

Die fehlerhafte dpa-Meldung ist jetzt ca. 24h alt. Dieser Blogartikel über 16h. Aktuell stehen 10 der 13 verlinkten Artikel noch immer fehlerhaft online, lediglich die Neue Osnabrücker Zeitung, die Rhein-Neckar-Zeitung und die Nord-West-Zeitung lassen den Link – kommentarlos – ins Leere laufen.

Professioneller Journalismus in Reinkultur.

Print-Biotop Flugzeug?

  • Veröffentlicht am 6th Februar 2008,
  • veröffentlicht von

Komisch, ich käme nie auf die Idee, im Flugzeug eine Zeitung zu lesen. Erstens hat man dann die Finger voller Druckerschwärze. Nicht auf allen Strecken oder bei allen Airlines gibt es noch heisse Handtücher vor dem Essen und vor der Landung. (Das hat aber wohl weniger mit 9/11 als mit 08/15 zu tun.) Und selbst wenn man das Glück hat, mit Cathay, Singapore oder Thai zu fliegen und einen entsprechenden Service zu genießen, so möchte man ja anschliessend auch nicht mit betretenem Blick der Stewardess einen vormals blütenweißen, nun kohleschwarzen Waschlappen reichen müssen, den man auch irgendwo im Pott unter Tage gefunden haben könnte.

Zweitens finde ich es reichlich asozial, den Sitznachbarn in das Grabtuch des deutschen Journalismus einzuwickeln bzw. solchermaßen in seinen persönlichen Luftraum einzudringen. Hinzu kommt, daß die gesamte nähere Umgebung quasi gezwungen wird, mitzulesen. Das kann man natürlich spielerisch sehen und sozusagen als kostenlosen Sehtest nutzen. Aber mit lauten Zeitungen ist es wie mit lauter Musik, die am Strand aus dem Kofferradio des benachbarten Strandkorbs klingt: nicht jedermanns Geschmack.

Nein, Zeitungen sind etwas für den Frühstückstisch. Der dort sitzende Nachbar (soweit überhaupt vorhanden) wird sich meist nicht daran stören, sondern eher selbst hinter einem eigenen Mauervorsprung dieses Schutzwalls der vierten Gewalt im Staate verschanzen. Die Druckerschwärze haftet schlechter an Butterfingern und der persönliche Bewegungsraum ist höchstens durch Fragen wie “bist du schon durch mit dem Sport?” in Gefahr.

Wenn das Flugzeug überhaupt ein Biotop für Druckerzeugnisse darstellt, dann doch eher für Bücher. Diese sind verhältnismässig klein und kompakt und man hat endlich mal richtig Zeit, ungestört zu lesen. Allerdings haben Bücher natürlich den Nachteil, viel über ihre Leser zu verraten. Die von den mitfliegenden Zeitungslesern üblicherweise angebrachten Schutzbehauptungen („sie hatten keine FAZ mehr, nur noch die Bild“) greifen hier nicht: ein Buch kauft man sich selbst. Mit dieser Art von Selbstdarstellung können die wenigsten umgehen, weshalb man meist im Flugzeug – und ganz besonders in der Business Class – auch selten jemanden ein Buch lesen sieht (oder nur solch völlig schmerzfreie Zeitgenossen mit einer Dan Brown-Schwarte in den Händen).

Das wäre natürlich eine Erklärung für die Beliebtheit der Hörbücher, die man sich höchst privat in die Ohren stopfen kann. Aber auch diese Erfindung wird die Macher der Tagespresse kaum trösten. Sie müssen sich etwas anderes ausdenken, um verlorenen Boden gutzumachen. Z.B. gute Arbeit abliefern und dann Vertrauen in ihre Leser haben. „If you build it, they will come.“ Ich fürchte nur, dieses Konzept ist zu altmodisch, um sich heute noch durchzusetzen.

Allo, allo?

ARVE Error: no video ID set

An experience in excitement!

Harald Martenstein schreibt in der LehrerBravo Zeit über unterdrückte Rufnummern und vermutet einen Mangel an Selbstwertgefühl bei den Unterdrückern. Wahrscheinlich hat er sogar recht, die haben dann auch verdient ihr Pendant gefunden in den Weicheierservice-Nutzern von Frank geht ran, oder so armseligen paranoiden Kontrollettis, die erst mal aus Prinzip jeden auf Band labern lassen bevor sie sich bei Interesse entscheiden, atemlos schnaufend so zu tun als seien sie gerade durch die Tür gekommen.

Ich screene nicht, wer mich anruft. Ich gehe einfach ran. Wenn da “unterdückt” auf dem Handydisplay steht, dann ist es entweder so eine Telemarketingschmeissfliege die umgehend verbal weggeklatscht wird, oder aber einer von der lieben Verwandschaft – die haben nämlich (genau wie mein privates Ich) noch alle schöne, analoge Wählscheibentelefone mit ohne Display und so Kokolores wie Rufnummernanzeige und Wahlwiederholung.

R.I.P., CNN Videotext

  • Veröffentlicht am 17th Dezember 2006,
  • veröffentlicht von

Das nützlichste an CNN war für mich immer der Videotext. Dort konnte man rasch und unbürokratisch feststellen, wer bei den PGA Turnieren am Wochenende noch an den Start gehen durfte und wer sich ein schönes Wochenende machen konnte. Welcher Videotext berichtet sonst schon zeitnah über professionelles Golf? Und auch den spannenden Kampf um The Ashes verfolgte ich letztes Jahr mit raschem Klick auf die Fernbedienung.

Seit heute ist das Angebot tot und off the air. Schade, aber Videotext ist wohl in Zeiten von Web 2.0 nicht mehr zeitgemäss. Vielleicht hätte man ihn retten können, wenn man ein Beta drangeklebt hätte? Wir werden’ s nie erfahren.