Ich miste in regelmäßigen Abständen meine Wohnung aus. Klamotten und Schuhe, die ich ein oder zwei Jahre nicht getragen habe? Weg damit. Bücher, Zeitschriften, DVDs und CDs die ich garantiert nie wieder lesen oder ansehen bzw. -hören werde? Ins Altpapier damit (bye, bye complete WIRED Magazine 1993-2000!). Bei alten Golfschlägern fällt mir das schon schwerer, aber ich habe doch schon einige Sätze verschenkt oder verkauft, auch wenn immer noch zu viele im Keller schlummern. The things you own, they end up owning you, wie wir wissen. Nichts ist für die Ewigkeit, oder besser gesagt: Nichts sollte für die Ewigkeit sein.
Aber was ist mit unseren ditigalen Wohnzimmern? Den Blogartikeln, den Tweets, der Facebook Historie und den XING-Kontakten, die wir sammeln? Kann man sich davon genauso leicht trennen wie von einem Paar ausgelatscher Chucks? Ich habe es schon einige Male versucht, teils nicht ganz freiwillig: Dieses Blog hier ist mir schon mindestens drei Male bei Updateversuchen des WordPress CMS abgerauscht und die Inhalte ließen sich nicht oder nur unter Einsatz mehrerer Arbeitstage rekonstruieren. Beim dritten Mal habe ich es gar nicht mehr erst versucht, sie wiederzugewinnen und achselzuckend wieder bei Null angefangen. Inzwischen überlege ich mindestens einmal jährlich, es ganz zu schließen. Warum ich es dennoch nicht tue? Aufgrund dessen, was ich mal „digitale street credibility“ nennen möchte.
Die meisten Leute in den sozialen Netzwerken in denen ich aktiv bin kenne ich persönlich oder aber „man liest sich“ seit einer Weile und findet sich gegenseitig interessant. Ein Stück des Vertrauens gegenüber einem neuen digitalen Wesen, das ein Stück weit in das eigene Leben eintauchen möchte, resultiert aus dessen digitaler Historie. Ein neuer Follower auf Twitter ohne ein eigenes Blog? Ein unmittelbares Zurückfolgen meinerseits ist reichlich unwahrscheinlich. Welcher meiner teils virtuellen, teils echten Freunde folgt ihm denn? Ah! @serotonic hat ihn retweeted? @schaarsen empfiehlt ihn am #ff? Zu seinen ersten Followern gehörte @ankegroener? OK, der scheint in Ordnung zu sein.
Wie wirke ich auf andere in diesem Internet, wo häufig zunächst einmal ein lustiges Avatarbildchen im Format 80×80 Pixel oder kleiner über dazugehören oder draußenbleiben entscheidet? Kixka Nebraska a.k.a. die Profilagentin hat einen schönen Vortrag darüber auf der letzten re:publica gehalten (hier zum noch mal ansehen, wer’s noch nicht kennt) und sich eine eigene Beratungsnische damit geschaffen. Mein Lieblingsnetzwerk ist Twitter, und dort tritt kaum jemand unter seinem echten Namen auf. Ich selbst schreibe dort als @e13Kiki und nicht unter meinem vollen Namen. Warum? Nun, zum einen weil Twitter nur 140 Zeichen pro Tweet erlaubt. Mit meinem Vor- und Zunamen wäre ich jedoch schon bei 13 Zeichen. Mein Twittername hat nur 7. (@Kiki war leider schon vergeben.) Zum anderen, weil es meinen Blognamen wieder aufgreift und so das Pseudonym in Verbindung mit meinem Avatar, einem Ausschnitt der Golfflagge aus meinem Header, ein Stück Vertrautheit zeigen und im Gegenzug um Vertrauen werben soll. Ich bin’s. Ihr könnt mir folgen, ich twittere mehr oder weniger banales Zeug wie alle anderen auch, aber ich werde Euch nicht zuspammen und ich bin kein Bot. Das ist auch deshalb so wichtig, weil ich meine Tweets täglich wieder lösche – siehe oben: Nichts ist für die Ewigkeit.
Auf Facebook bin ich mit vollem Namen und einem anderen Profilbild zu finden. Ich hatte lange überlegt, ob ich meine e13 Flagge auch dort wehen lassen soll und mich dann dagegen entschieden. Nicht alle meine Kunden und Auftraggeber wissen (oder müssen wissen), daß ich hier blogge – auch wenn ich nichts, schon gar nichts kompromittierendes über sie schreiben würde (oder erst dann, wenn es lange, lange verjährt ist). Aber ich kenne fast jeden meiner Facebookfreunde persönlich, und sei es auch nur von einem gemeinsamen Bier auf einer Veranstaltung. Natürlich haben mich einige alte Schulfreunde und ehemalige Kollegen dort aufgestöbert, deren Existenz ich eigentlich gerade erfolgreich verdrängt hatte. Einige ignorieren die Vorgabe eines Klarnamens, die Facebook in seinen AGB macht. Trotzdem sind sie nicht anonym, sie nutzen nur ein Pseudonym.
Google Plus besteht ebenfalls auf Klarnamen. Heute habe ich mich dort abgemeldet. Mir folgten über 350 Leute, von denen ich allergrößtenteils noch nie etwas gehört hatte. Bei Stichproben erwiesen sich die meisten davon als das, was ich „Social Media Blubberati“ nenne. Leute, die von nicht vielen Dingen sonderlich viel Ahnung, aber zu allen Dingen etwas zu sagen haben, und zwar schnell und laut. Leider ist unsere Welt so aufgebaut, daß die größten Krakeeler die größten Stücke vom Kuchen bekommen. Gut, diese Leute kann ich blocken oder ignorieren, niemand zwingt mich, ihnen zurückzufolgen. Google Plus funktioniert unilateral, wie Twitter auch. Aber die Diskussionen dort ließen mich seltsam unberührt. Und was mich so wütend macht ist, daß einige meiner digitalen Freunde, die ich seit Jahren unter ihrem Pseudonym kenne und lese, bzw. mich mit ihnen austausche, dort sang- und klanglos aus dem Netzwerk gekickt wurden, unter lapidarem Hinweis auf einen Verstoß gegen die Google Plus Richtlinien. Das ist schlicht eine Frechheit. Inzwischen ist es angeblich nicht mehr ganz so finster wie noch vor ein paar Tagen, als damit dann auch gleich mal der gesamte Google Account (Mail, Kalender, Dokumente, Reader etc.) weg war. Für manchen eine Art digitalen Mordes, oder wenigstens Totschlags – ein US Nutzer schreibt, daß sieben Jahre seiner digitalen Existenz vernichtet wurden. Google Plus ist im Beta-Stadium, das darf man auch nicht vergessen. Für Pop64 Blogger Sven dennoch Grund genug, sich von Google Plus zu verabschieden – das Risiko ist einfach zu groß.
Wir sollten im Hinterkopf behalten, daß wir für diese Anbieter keine Kunden sondern das Produkt sind. Unsere Daten, aggregiert, sind das Pfund, mit dem gewuchert wird und der Grund, warum Aktienkurse explodieren und Investoren Fantasiesummen in diese Firmen stecken. Genauso wenig wie wir im Supermarkt eine Tomate mit Druckstellen in den Einkaufskorb legen würden, wollen die tatsächlichen Kunden dieser Netzwerke, nämlich die Werbetreibenden, virtuelle Druckstellen auf ihrem gekauften bze. gemieteten Produkten – unseren Profilen. Und ein Pseudonym statt eines echten Namens, unter dem wir z.B. bei der SCHUFA zu finden sind, mit deren Datensätzen die gemieteten Datensätze aus Google, Facebook & Co. von den Kunden hinterher zusammengeführt werden, das wäre eine ungeliebte Druckstelle. Die nationalen und internationalen Behörden gehören nicht drekt zu den zahlenden Kunden, aber auch sie haben ein großes Interesse an „unverseuchten“ Daten. Es ist kein Geheimnis, daß oft und gern vom gesetzlichen Auskunftsanspruch Gebrauch gemacht wird und der große Bruder nicht nur mithört (hallo, Dresden!) sondern auch mitliest.
Klar, man muss Facebook, Google, Twitter & Co. nicht nutzen (Ich liste Apple hier nur deshalb nicht auf, weil ihr soziales Netzwerk „Ping“ de facto eine Totgeburt ist. Aber natürlich hat Apple ebenfalls eine Masse an Userdaten gesammelt und es wird mit jedem Betriebssystemupdate schlimmer.). Es sind Angebote, die man freiwillig nutzt und keine Zwangsveranstaltungen. Aber Facebook und noch viel mehr Google besitzen de facto ein Monopol. Google weiß mehr über uns, als wir uns oft bewußt sind. Sie kennen und personalisieren (lies: zensieren) unsere Suchanfragen und -ergebnisse. Sie lesen unsere Mails (per Roboter), um uns personalisiert die bestmögliche Werbung zukommen zu lassen. Sie kennen unsere Kontakte und Freunde. Sie wissen, welche RSS-Feeds wir abonniert haben. Sie kennen unsere Krankenakten, unsere persönlichen Fotos und Dokumente und wissen, mit wem wir über die Fußballergebnisse vom Wochenende chatten oder übers Netz oder per Handy telefonieren und wo wir uns gerade dabei aufhalten. Sie wissen, wo wir wohnen und wie unser Haus aussieht und haben oft auch unsere Zahlungsdaten. Manchen macht das nichts aus, sie haben „nichts zu verbergen“. Andere finden eigentlich nicht, daß ein US-Konzern das alles über sie wissen müsste und nennen sich dann lieber anders, nutzen ein Pseudonym und eine zweite Mailadresse. Dennoch wird diese über kurz oder lang mit dem Hauptkonto verknüpft sein. Zum Beispiel weil die erste Mailadresse im Adressbuch eines Freundes aufgetaucht ist, der eben beide Adressen kennt und leider zu doof oder zu desinteressiert ist, das Abschnorcheln seines Adressbuchs durch Facebook oder Google in den Einstellungen Privatsphäre zu unterbinden; nicht, daß man sich große Illusionen machen müte, daß diese Daten nicht trotzdem genutzt werden. Oder weil Mitbewerber gekauft und die Datenbanken zusammengeführt wurden (ich habe z.B. Netnewswire für meine Feedverwaltung genutzt, lange bevor Google sie gekauft hat. Und die e13.de Feeds wurden von Feedburner gemanaged, bevor Google den Laden übernahm).
Und so ganz freiwillig ist die Sache auch nicht, zum Beispiel nicht für Arbeitssuchende, die nachgewiesenermaßen jede Möglichkeit ausschöpfen müssen, eine neue Arbeit zu finden. Oder weil man nicht als paranoider Außenseiter gelten möchte – über 70 Mio Deustche sind auf Facebook, Google Plus hat binnen drei Wochen 18 Mio User weltweit eingesammelt, in ein Netzwerk, in das man nur auf Einladung kommt! Wer zu einer Minderheit gehört, macht sich leichter verdächtig. Es ist auch offline zunehmend schwieriger, wenn nicht unmöglich geworden, zwischen privatem und beruflichem Leben zu trennen. In vielen Branchen wird selbstverständlich erwartet, daß man 24/7 online oder erreichbar ist, auch im Urlaub. Google als digitales Schweizer Taschenmesser zu nutzen ist da sehr bequem, wer wollte es leugnen?
Nun, da wir wissen wo der Mehrwert der sozialen Netzwerke für die Kunden und die Anbieter liegt – wie sieht es mit uns aus, dem Produkt? Den Batterien in der Matrix? Können wir den Stecker ziehen? Ja, jedenfalls noch. Wollen wir den Stecker ziehen? Was würde passieren, wenn morgen alle meine Facebook-, GooglePlus, XING- oder Twitterkontakte futsch wären und kein Backup vorhanden?
Nichts.
Genauer gesagt: Nichts schlimmes. Informationen finden mich, wenn sie für mich interessant sind, auf ganz verschlungenen und oft unverhofften Wegen. Ich habe es mehrfach ausprobiert, jeden einzelnen dieser Dienste verlassen und nach einiger Zeit, oft Monaten (Facebook) oder Jahren (XING) erneut betreten, Informationen gelöscht, Kontakte abgebrochen. Und genau wie hier auf meinem Blog wieder bei Null angefangen. Nur daß es sich nicht nach einem steinigen Wiederaufstieg auf den Gipfel anfühlte, sondern wie eine Rückkehr ins Wohnzimmer der Party, nachdem man eine Weile in der Küche mit ein, zwei wirklich wichtigen Menschen bei einem guten Tropfen ein Gespräch geführt hat. (Keiner meiner echten Freunde ist mit mehr als einer Visitenkarte online; einige sind völlig offline.) Ich weiß, das klingt ein wenig wie der Witz von Mark Twain, es sei ganz einfach mit dem Rauchen auf zuhören, er habe es schon hunderte Male gemacht. Soziale Netzwerke und Anbieter wie Google bieten eine Vielzahl praktischer Lösungen für eine Vielzahl von Problemen, die man ohne sie oft nicht hätte.
Der Mehrwert dieser Netzangebote für mich ist, daß ich ratzfatz verlässliche(re) Informationen, Tips und Hinweise bekomme, die anders zu erhalten unmöglich oder sehr zeitraubend wäre. Der Preis dafür ist mir jedoch mehrheitlich viel zu hoch. In mein Kommentarfeld zur Kündigung von Google Plus schrieb ich heute: Ich möchte nicht länger Euer Produkt sein.
The things you own, they end up owning you.
Ich miste in regelmäßigen Abständen meine Wohnung aus. Klamotten und Schuhe, die ich ein oder zwei Jahre nicht getragen habe? Weg damit. Bücher, Zeitschriften, DVDs und CDs die ich garantiert...