Politik

Langsam erdrosselt

Anlässlich der Bekanntgabe der Telekom, daß sie künftig ihre DSL-Flatratetarife nach Verbrauch von 75 GB/Monat auf die Geschwindigkeit einer in Wut geratenen Weinbergschnecke drosseln werden, habe ich gerade mal nachgesehen: ich verbrauche im Schnitt monatlich ca. 100 GB.

Das ist ohne Gaming, denn es gibt keine Konsole im Haushalt und keine Spiele auf dem Rechner, ich habe einfach kein Interesse daran.

Ich habe auch kein Entertainmentabo von T-Mobile (welches allerdings von dem Volumentarif ohnehin ausgeschlossen wäre, da die Telekom die Netzneutralität abschafft und eigene bzw. Partnerangebote bevorzugt) oder von Sky etc. Ich habe keine Zeit, kein Interesse daran, bzw. es gibt kein für mich attraktives Angebot.

Drei oder vier Tage im Jahr gucke ich mehrstündige Videostreams, nämlich wenn die Golf-Majorturniere oder alle 2 Jahre der Ryder Cup anstehen. Ich würde das zugegebenermassen viel lieber im TV sehen, aber die ÖR-Programme übertragen das nicht, sondern nur Sky, die allerdings nur auf den HD-Kanälen und auch nicht vollständig oder gar mit englischem Kommentar. Ich habe jedoch keinen HD Fernseher und will mir nicht extra deswegen einen anschaffen. Ich habe auch neben der GEZ-Zwangsgebühr von über 200€/Jahr weitere etwa 300€/Jahr für ein zu 98% für mich uninteressantes Fernsehprogramm nicht im Budget.

Ich nutze keine datenintensiven Musikstreamingangebote wie Spotify oder Soundcloud oder Internetradio etc, da ich mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren kann wenn Musik läuft. Ich bin in dieser Hinsicht leider überhaupt nicht multitaskingfähig; Musik wird hier im Hause ganz bewusst phasenweise eingeschaltet und gehört. Dafür werfe ich z.B. etwa zweimal täglich YouTube an und suche nach einem Lied, was ich dann gerade hören möchte. In den meisten Fällen ist es aufgrund des Google/GEMA Streits für mein Land jedoch leider nicht verfügbar. Ob allein der versuchte Aufruf schon viel Traffic verursacht, weiss ich nicht. Ich kaufe oder leihe etwa einen oder zwei Filme im Monat via iTunes.

Ich lebe allein in diesem Haushalt, wie komme ich also auf sportliche 100 GB, also 30% mehr als das, was die Telekom ab 2016 (!) für ausreichend hält?

Ich arbeite freiberuflich von zuhause aus, was neudeutsch so schön „Home Office“ heisst. Mein Rechner läuft im Schnitt etwa zwölf bis vierzehn Stunden am Tag. Parallel dazu habe ich ein iPad und ein iPhone im Einsatz und die auch im WLAN. Meine Programme, allen voran die Apple-eigenen Programme wie Safari oder das Betriebssystem, aber auch z.B. die Adobe Creative Suite ziehen häufig dicke Updates. Ich schaufele z.B. auch oft mehrere hundert MB große Bild- bzw. Photoshop-Dateien (für Drucksachen) meiner Kunden in die Cloud und zurück. Ich weiß, daß viele Programme auf meinem Rechner im Hintergrund ständig Daten „nach Hause telefonieren“, z.B. die von Apple, Microsoft Office oder besagte Adobe Programme. Ich nutze teilweise die Cloud auch für Testzwecke und Kooperationen bei der Webseitenentwicklung. Ich telefoniere über das Internet (VOIP); allerdings verhältnismässig wenig bzw. selten; vielleicht zwei Anrufe pro Tag. Meist telefoniere ich über das Handy. Durchschnittlich zwei Videokonferenzen kommen noch dazu.

Das alles scheint für die Generierung von rund 100 GB Traffic im Monat auszureichen.

Ich bin bei einem anderen Provider als der Telekom und zahle für meine DSL Flatrate rund 27€/Monat. Aber machen wir uns nichts vor: die anderen werden nachziehen, es ist nur eine Frage der Zeit. Unsere Politiker haben erwiesenermassen weder Interesse an noch Ahnung vom Internet, von den neuen Arbeitswelten (die sie geschaffen haben), geschweige denn von den Interessen der Kinder und Jugendlichen oder Familien heute. Sven hat das hier und hier ausgezeichnet zusammengefasst. Johnny hat übrigens eine Idee dazu.

Unlängst las ich auf Pandodaily einen Artikel zu Googles neuem Dienst ‚Fiber‘. Ganz offensichtlich ist Google in den USA bereits ins Providergeschäft eingestiegen. Kostenlose 5 Megabit Downloadgeschwindigkeit, die Geschwindigkeit für den upload liegt bei 1 Megabit und soll 70 US $/Monat kosten. Wer teilnehmen möchte, muss der Öffentlichkeit einen WiFi-Router bereitstellen und seine Bandbreite teilen. Man wird über kurz oder lang in den USA zumindest in den Ballungsgebieten nirgends mehr ohne kostenlosen WLAN Zugang sein. Klar, Google wird mit Daten bezahlt, ‚kostenlos‘ ist also relativ. Aber wie fasst es der Autor so schön zusammen:

„Google is going to kill AT&T, Verizon, Sprint, T-Mobile and the cable companies. Kids don’t talk on the phone and they don’t have a ton of money. If they can be reasonably sure they’ll have a wifi network, then they are simply not going to sign up for AT&T or Verizon.

It’s game over… in five short years.“

Auch für unseren Global Player, die Telekom. Ich kann trotz all meiner Abneigung gegenüber Google nicht behaupten, daß ich darüber weinen werde.

Geschützt: „Ein Pirat springt ab.“

  • Veröffentlicht am 20th Februar 2013,
  • veröffentlicht von
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Wir Opferkinder

Angeregt durch Maximilians Buchempfehlung hier, überlegte ich letztens, warum ich – bei allem Verständnis für ihre Belange und den historischen Kontext – so ein Problem mit der 68er Generation habe. Die meisten meiner Lehrer waren aus dieser Generation der zwischen 1940 und 1950 geborenen. Und im Gegensatz zu denen, die uns in den Naturwissenschaften oder in Sport unterrichteten, waren die Köpfe der „Schwafelfächer“ Sozialkunde, Gemeinschaftskunde, Erdkunde, Geschichte, Deutsch, Kunst, Politik oder Philosophie sehr darauf aus, uns politisch zu bilden. Und politisch hiess: uns das Thema Nationalsozialismus nahe zu bringen.

In den (damals üblichen) dreizehn Jahren bis zum Abitur habe ich nichts über die Römer, die Ägypter, die Griechen, die Germanen gelernt. Auch nichts über das Mittelalter, die spanischen Eroberer Lateinamerikas, Christoph Columbus oder die Entdeckung Australiens und Ozeaniens. Ich erfuhr nichts über Scott und Amundsen, nichts über Dschingis Khan, nichts über Marco Polo. Dafür standen Bismarck, die Weimarer Republik, die Machtergreifung, die Kriegsjahre 39-45 auf den Lehrplänen der Klassen 6-10. Der Marshall-Plan irgendwann im Vorsemester. Ein Häppchen Kubakrise in der Oberstufe, die hektisch dazwischengeschobene Französische Revolution im 3. Semester –wahrscheinlich, weil man im Abitur sein Thema aus mindestens zwei verschiedenen Epochen wählen können musste. (Ich wählte dann folgerichtig für meine schriftliche Prüfung in Geschichte die Französische Revolution, mehr aus Protest denn aus echtem Interesse.) (mehr…)

Suchmaschinenbetreiber sind quasi Ladendiebe

So sieht es jedenfalls offenbar der Bundesverband der Zeitungsverleger BDZV, geht man nach einem erhellenden Twitterdialog:

 

Es ist doch wohl eher so, daß der Ladenbesitzer einflussreiche Verteiler darum anbettelt, daß  sie mit von ihm anbiedernd zur Verfügung gestellten Gratispröbchen ihre Kunden in seinen Laden locken – und dann ebenjene Verteiler dafür zur Kasse bitten will, daß sie seiner Bitte nachgekommen sind – wobei die Gratispröbchen vom Ladenbesitzer plötzlich als Diebesgut klassifiziert werden.

Geht einfach sterben.

Auf der Flucht

Ich bin Kind eines Flüchtlingskinds. Meine Großmutter wurde in Essen ausgebombt und begab sich mit ihren drei kleinen Kindern (6, 5 und 4 Jahre) auf die Flucht; mein Großvater war gefallen. Zunächst ging es nach Bayern, später in die Lüneburger Heide. Sie hatten das Glück und das Pech, eine Familie von vielen zu sein, die im eigenen Land, der Not gehorchend, von jetzt auf sofort bei Fremden Unterkunft finden mussten und sich mit dem Versorgungsamt herumschlagen durften.

Vier Köpfe von rund 12 Millionen; später kamen noch einmal rund 12 Million „Displaced Persons“ aus KZ und Zwangsarbeitslagern dazu. Daß meine Omi, die schon hungernd den ersten Weltkrieg überlebt hat und heute im 100. Lebensjahr steht, nach wie vor topfit im Kopf und in der Zeit damals nicht wahnsinnig geworden ist, das finde ich bemerkenswert. An Tagen, an denen ich glaube gestresst zu sein, denke ich kurz an die junge, hübsche Frau Mitte zwanzig, die frisch verwitwet war, drei kleine Kinder an den Händen hielt und keinerlei Aussicht auf eine nennenswerte Zukunft hatte und lache herzlich.  (mehr…)

Radikal sinnlos

Menschen, die radikale Positionen vertreten, sind mir suspekt. Zum einen glaube ich nicht, daß es zu irgend einem Thema nur schwarz oder weiss gibt, auch wenn sich diese beiden mit Nichtfarben bezeichneten Positionen meist ideal weil müheloser darstellen lassen. Das ist in Zeiten, in denen man von endlosen 15 Minuten Ruhm bzw. Aufmerksamkeit für die eigenen Ergüsse nur noch träumen kann, sehr wichtig: Sag’s plakativ, erklär’s mir als ob ich drei Jahre alt sei und verpacke es in einen Satz, der nicht mehr als 140 Zeichen umfasst. Für Grauschattierungen und Zwischentöne bleibt keine Zeit; zuviel Nachdenken ist nicht gefragt.  (mehr…)

Die Andalucia Masters entfallen in diesem Jahr

Eines der traditionsreicheren Events auf der European Golf Tour, die Andalucia Masters im prestigeträchtigen Valderrama, entfällt dieses Jahr. So steht es auf der Website der European Tour zu lesen. Der Bezahlsender Sky zitiert European Tour Director O’ Grady mit folgenden Worten:

“We’ve used all our relationships down there, the Spanish golf federation, presidents of that body, presidents of central government but this is a political arena we’re now in and the individual concerned now probably doesn’t understand what he’s got.

“Everyone was rallying around to rescue the tournament. There’s a lot of people who see the value of the event for the region, the tourism, the industry that comes there.

“We have a tight, hard, legal contract which is just being ignored. Naturally enough we’ll see if we can sort it out ourselves without using lawyers too much but, if we wanted to, we can.”

Als Golferin und Fan der European Tour und besonders dieses Events zum Saisonende betrübt mich das natürlich sehr. So eine Entscheidung so kurz vor dem geplanten Event bekannt zu geben ist auch nicht gerade die feine, spanische Art. Und vom Problem des Vertragsbruchs wollen wir gar nicht erst anfangen.

Aber wir wollen doch auch mal die Kirche im Dorf lassen. Spanien steht das Wasser finanziell nicht bis zum Hals sondern bisUnterkante Oberlippe. Wie wunderschön die Region ist, das wissen die Touristen, die sich den Urlaub dort überhaupt noch leisten können. Dafür muss nicht weiter geworben werden, besten Dank. Von den in den High End Urlaubsghettos ausgegebenen Euros sieht der Durchschnittsandaluse auch nicht so richtig viel. Andalusien ist die zweitärmste Region Spaniens und dabei eine der bevölkerungsreichsten des Landes. Die sozialistische Regierung der Region boykottiert den Sparkurs der Regierung in Madrid unter Verweis auf die unbillige Härte. Wenn man dort also festgestellt hat, daß es aktuell wirklich in ihrem Interesse ist eine Sportveranstaltung abzusagen, die nicht völlig zu Unrecht als dekadent und elitär verschrieen ist und in erster Linie dem Zeitvertreib der High Society dient, dann wird das wohl so sein. Hier dürfte man ruhig mal etwas Augenmaß beweisen und den geordneten Rückzug anordnen, statt mit der juristischen Keule zu wedeln und das Tischtuch zu zerschneiden und sich auf den Standpunkt „sollen sie doch Kuchen essen“ zurückzuziehen.

Andalusien braucht die European Tour nicht, aber die Tour braucht Andalusien. Es gibt klimabedingt nicht mehr so viele Gegenden und Plätze in Europa, wo man in der Saison ein solches Event durchführen kann. Und ob die europäischen Fans es goutieren, wenn noch mehr Turniere nach Asien und Nahost ausgelagert werden, wage ich mal zu bezweifeln.

Irgendwann wird sich auch Spanien wieder erholen und die Andalucia Masters werden wieder stattfinden. Und falls nicht, ist zumindest Letzteres auch kein Beinbruch.

Leistungsschutzgeld, die Dritte

  • Veröffentlicht am 28th August 2012,
  • veröffentlicht von
  • mit 1 Kommentar

Wie Jan Moenikes hier festhält, steht der inzwischen dritte Entwurf eines Leistungsschutzrechts für Presseverleger wohl morgen auf der Tagesordnung im Bundestag.

Nachdem die erste Version zu gierig war und auf große Empörung allerorten stieß, die zweite Fassung ausschliesslich die Suchmaschinen zur Kasse dafür bitten wollte, daß sie den Verlagen rund 4 Mrd Klicks auf die Seiten schaufeln und man ahnt, daß Google das wahrscheinlich nicht mitmachen und die kleinen, größenwahnsinnigen Scheißerchen Verlage schlicht aus dem Index kicken würden, steht da nun in Variante Nummer 3:

§87g

(4) Zulässig ist die öffentliche Zugänglichmachung von Presseerzeugnissen oder Teilen hiervon, soweit sie nicht durch gewerbliche Anbieter von Suchmaschinen oder gewerbliche Anbieter von Diensten erfolgt, die Inhalte entsprechend aufbereiten. Im Übrigen gelten die Vorschriften des Teils 1 Abschnitt 6 entsprechend.

(mehr…)

Warum das Leistungsschutzrecht eine gesellschaftliche Katastrophe ist

Warum das Leistungsschutzrecht eine gesellschaftliche Katastrophe ist

Der Entwurf zum geplanten Leistungsschutzrecht liegt jetzt vor und es ist so schlimm wie bzw. schlimmer als befürchtet. Das Zitatrecht wird de facto außer Kraft gesetzt, man wird nicht einmal mehr Überschriften der Artikel verlinken und zitieren dürfen, wer kommerziell agiert bestimmen die Verlage und der Blogger, Twitter- oder Facebooknutzer hat im Zweifel die Beweispflicht, daß er es nicht tut. Dem grassierenden Abmahnwahnsinn wird eine weitere Tür aufgestoßen und entsprechend spezialisierte Kanzleien müssen glauben, Weihnachten sei in diesem Jahr vorverlegt worden.

Die erste, vielleicht instinktive Reaktion vieler Blogger und „always online“ Social Media Nutzer, also denjenigen, die von Politik und Medien gerne als „Netzgemeinde“ subsumiert werden, ist eine Mischung aus Gehässigkeit und Schadenfreude: Ja gut, dann verlinken wir halt alle nicht mehr auf diese Presseangebote, zitieren nicht mehr, beten, daß Google und Bing ihre Seiten aus dem Index werfen und beobachten genüsslich, wie die Verleger spätestens zu Weihnachten heulend auf Knien angerutscht kommen und alles wieder rückgängig machen wollen, weil ihnen Traffic und Einnahmen weggebrochen sind und sie ihre Läden de facto zumachen können. Auch die Meinung von Ralf Schwartz geht in diese Richtung:

Der deutschen Blogosphäre kann nichts Besseres passieren als das neue Leistungsschutzrecht. Hut ab vor den Verlagen und der Politik, die uns endlich zwingen, wenn wir es schon nicht freiwillig tun, innovativ, relevant, distinktiv und einzigartig zu werden.

Ich gestehe, dies ist auch meine erste Reaktion gewesen: Leistungsschutzrecht? Cool, wir schützen das Netz vor den „Leistungen“ der Verleger und ignorieren ihre Ergüsse. Das denke ich ja jedes Mal, wenn wieder mal automatisiert irgendwelche Falschmeldungen von dpa & Co. in drölftausend redaktioneller Content Management Systeme einlaufen und dann strahlend die Blödheit und Inkompetenz der Redakteure demonstrieren, die sich nicht entblöden im Zusammenhang mit ihren Erzeugnissen immer noch von Qualitätsjournalismus zu faseln. Aber das ist zu kurz gedacht.

Es ist unsere verdammte Pflicht, den rund 30% offline lebender Menschen unserer Gesellschaft die nötige Medienkompetenz zu vermitteln.

Die staksigen und hilflosen Gehversuche der etablierten Medien im Social Web lassen uns entweder mitleidig grinsen oder hämisch lachen. Erst Mittwoch Abend gab es wieder Grund zum fremdschämen, als im ZDF Oliver Kahn unter großem Tanderadei seinen ersten Tweet abließ:

„Wie platt ist das denn?“ entfuhr es unwillkürlich der Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, die damit wohl nicht nur meinen ersten Gedanken dazu laut aussprach. Aber das gefühlte gleichzeitige vor-die Stirn-patschen tausender Twitternutzer vor dem Fernseher konnte nicht übertönen, daß wir unsere Hausaufgaben nach wie vor nicht gemacht haben. Wir müssen die Offliner zu uns ins Boot holen, dürfen sie nicht auf dem Trockenen zurücklassen. Und das klappt besser, wenn man sich nicht über sie lustig macht sondern ihnen hilft und die Hand reicht. Sascha Lobo sprach es auf der re:publica an: Es ist unsere verdammte Pflicht, den rund 30% offline lebender Menschen unserer Gesellschaft die nötige Medienkompetenz zu vermitteln. Und daß man mit Honig mehr Fliegen fängt als mit Essig, das sollte eigentlich auch bekannt sein.

Bei wem habt Ihr in der Schule mehr gelernt: bei dem Lehrer, der Euch ob Eures Unwissens ausgelacht und vor der Klasse bloßgestellt hat? Oder bei dem, der Euch gezeigt hat, wie spannend der zu vermittelnde Stoff sein kann, was man für tolle Tricks mit dieser mathematischen Formel oder diesem Chemieexperiment machen kann und wie Ihr das Gelernte gewinnbringend auf Euer Leben übertragen könnt?

Eine „wir gegen die“-Haltung ist menschlich verständlich, aber dumm und kontraproduktiv. Das Problem ist, daß wir keine Lobby haben: weil wir in unserer Arroganz davon ausgehen, daß jeder denkende Mensch mit einem IQ oberhalb der Raumtemperatur unsere Sichtweise teilen muss. Wer das nicht tut, den lassen wir eben achselzuckend im Staube zurück. Dabei übersehen wir, daß wir es sind die zurückgedrängt werden, denn die „dunkle Seite der Macht“ hat eine ganz reale Macht: Geld und Einfluss, in Form von medialer Reichweite und mehr oder weniger eindeutig gekauften Politikern.

Print is temporary, digital is forever.

Politiker wiederum haben genau zwei Interessen: erstens, ihre Schäfchen in der ersten Legislaturperiode ins Trockene zu bringen und zweitens, eine zweite Legislaturperiode zu erreichen (und die Schäfchenherde zu vergrößern). Dabei ist ihnen das Netz mitsamt seinem Bürgerjournalismus naturgemäß ein Dorn im Auge, denn anders als die Zeitung von gestern, in die der Fisch von heute eingewickelt wird, vergisst das Netz nicht. Print is temporary, digital is forever.

Das deckt sich weitgehend mit den Interessen der Verleger, die Inhalte verkaufen wollen und kein Interesse an kostenloser Konkurrenz haben, auch wenn diese auf den ersten Blick nur eine Nischenreichweite hat: ein Blog mit wenigen hundert Besuchern am Tag spielt hierzulande schon in der Regionalliga und an der Grenze zur zweiten Bundesliga, um es mal sportlich zu formulieren. Aber es ist theoretisch weltweit jederzeit sichtbar und das Archiv kann jederzeit durchsucht werden.

Ich weiß nicht, ob z.B. Burda ein wirklich großes Interesse daran hat, wenn z.B. ein gern belächeltes Strickblog kostenlos Häkelanleitungen und Schnittmusterbögen erstellt und verbloggt, eventuell gar mit Videotutorials garniert, die kostenfrei auf YouTube gehostet werden und vielleicht sogar über Googles AdSense ein paar Einnahmen in die Haushaltskasse spülen. Jeder Leser dieses Strickblogs ist im Zweifel ein Käufer weniger für das eigene Nischenprodukt, das unter teuren Herstellungs- und Vertriebskosten einmal im Monat erscheint, während die Strickbloggerin mehrmals täglich oder wöchentlich neuen Content bloggt und in ihren Kommentaren das Leben tobt.

Das Leistungsschutzrecht wird inhaltlich auf den ersten Blick wenig Einfluss auf diese Blogs haben, da sie in aller Regel nicht viel aus den kommerziellen gedruckten Pendants übernehmen oder zitieren werden. Meist ist es ja eher umgekehrt – da wird dann ungefragt einfach der Content übernommen und bestenfalls mit „Quelle: Internet“ gekennzeichnet. Wenn es auffällt, gibt es ein Minishitstürmchen der Nischenblogs und ihrer Fans, eine lauwarme Entschuldigung und ein Angebot für ein Gratisabo des Verlags, das war’s dann.

Welcher Blogger hat schon das Geld, die Nerven und die Ahnung, sich juristisch gegen solche Wegelagerei zur Wehr zu setzen? Spendenaktionen ergeben dann ein paar hundert, vielleicht zweitausend Euro und dafür steigt auch kein Anwalt aus dem Bett, der sein Geld wert ist. Umgekehrt wird natürlich mit aller Härte die Abmahnkeule geschwungen, sollte der Nischenblogger so unvorsichtig gewesen sein, ein Foto von der Verlagsseite verwendet zu haben. Da hat man dann gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: die lästige Konkurrenz ist man los, denn die ist dann in der Privatinsolvenz oder zumindest so verängstigt, daß sie nie wieder was ins Internet schreiben wird und man hat ein wenig Taschengeld eingenommen. OK, hauptsächlich der Anwalt hat kassiert, aber man hatte ja auch selbst Spaß.

Das Leistungsschutzrecht wäre eine massive Behinderung und Einschränkung der Kommunikationsfreiheit

Aber der zweite Blick entlarvt: Künftig reicht es schon, wenn der Blogger auf ein Verlagsangebot verlinkt und dazu die Überschrift des Artikels zitiert. Diese Wortkombinationen werden dann geschützt sein und natürlich kostenpflichtig. Dies wäre eine massive Behinderung und Einschränkung der Kommunikationsfreiheit. Man dürfte nur noch konsumieren bzw. lesen, aber sich nicht mehr öffentlich dazu äußern oder gar kommentieren, was man gelesen hat. Die Schere im Kopf und die Angst vor dem finanziellen Ruin des normalen Internetnutzers würde der Debatte im Netz zu egal welchem Thema den garaus machen. Niemand wird sich mehr trauen, etwas ins Netz zu schreiben.

Wenn wir aber von den Strick- und anderen Nischenblogs mal absehen und uns den großen politischen, gesellschafts- und medienkritischen Blogs wie dem von professionellen Journalisten wie Stefan Niggemeier, Thomas Knüwer oder den Machern des  Bildblogs zudrehen, dann sieht die Sache schon ganz anders aus. Die sind gut verdrahtet, nicht so leicht mundtot zu machen und ein steter Stachel im Fleisch von Politikern und Verlegern. Als Journalisten geniessen sie zudem Schutz in presserechtlichen Fragen. Abmahnungen schockieren oder überraschen hier keinen mehr. Damit wird gerechnet und mit Spenden für die gebotene Zurwehrsetzung darf gerechnet werden.

Es wird die BILD kaum Leser kosten, wenn im Bildblog mal wieder – Überraschung! – krasse Fehlberichterstattung, fragwürdige Recherchemethoden („Witwenschütteln“) und fortlaufende Verstöße gegen den Pressekodex mitsamt der dazugehörigen Rüge des Presserats dokumentiert werden. Aber es nervt. Was wird aus dem Bildblog, wenn es künftig de facto keine solche Berichterstattung mehr möglich sein wird, weil keine Zeitungssausschnitte mehr abgebildet, keine Zitate mehr gebracht werden dürfen, keine Links mehr erlaubt sein werden? Was wird aus Rivva, Quote.fm, dem Perlentaucher, der Wikipedia?

Was wird aus Rivva, Quote.fm, dem Perlentaucher, der Wikipedia?

Google hat keinerlei journalistischen Anspruch sondern ist ein börsennotiertes US-Unternehmen. Google verdient kein Geld mit Google News, dem beanstandeten Angebot, bzw. höchstens indirekt, wie mit allen kostenlosen Google Angeboten. Es wird dort keine Werbung neben den Snippets, den Textauszügen aus den Verlagsveröffentlichungen angezeigt. Wenn die paar deutschen Presseerzeugnisse jetzt rumstänkern, dann werden sie halt achtkantig aus dem Google Index fliegen. Google tut das nicht weh, im Gegenteil. Das geforderte Leistungsschutzgeld zu bezahlen rechnet sich nicht für sie. Wenn aber niemand mehr die Verlagsangebote findet, weil sie weder in Blogs, noch social media Angeboten noch Suchmaschinen verlinkt sind, dann werden sie eingestampft, klar. Sie rechnen sich ebenfalls nicht mehr, bzw. noch weniger als jetzt schon.

Die Nutzer wiederum werden auf ausländische Angebote ausweichen und sich noch häufiger als bisher ihre Nachrichten vom Guardian, dem Economist oder der Neuen Zürcher Zeitung holen statt von der Süddeutschen, der Welt oder dem Handelsblatt. Aber kann das im deutschen Interesse sein, nur noch den Blick von außen zu haben? Ich lese gern z.B. auf BusinessInsider und Le Monde über Merkel und die deutsche Fiskalpolitik und habe viele ausländische Blogs im Feedreader. Aber zum einen bin ich privilegiert weil ich verhältnismässig gut Englisch und Französisch spreche und zum anderen, weil ich überhaupt von solchen Angeboten weiß. Da wären wir dann wieder beim Thema ‚Medienkompetenz vermitteln‘.

Wir brauchen eine starke Presse, die unsere Regierenden beobachtet und ihren Job als vierte Macht im Staate ernst nimmt, oder wenigstens ernster als im Moment. Aber wir brauchen auch eine alternative Medienlandschaft, die u.a. ein wachsames Auge auf die kommerzielle Presselandschaft hat. Sozusagen jemanden, der auf die Aufpasser aufpasst. Das Leistungsschutzrecht schadet beiden Seiten und eliminiert endgültig das „sozial“ aus „soziale Marktwirtschaft“. Es ist der Anfang vom Ende einer funktionierenden Demokratie.

Links zum Thema:

 

My 0.02 cents zur Diskussion ums Urheberrecht

Ich lese gerade diesen Artikel und die Kommentare zum Thema Urheberrechtsdebatte. Und ich muß mich entscheiden zwischen heulen, kotzen oder Amok laufen.

Seitdem es ein Urheber- und Nutzungsrecht gibt, müssen Kreativarbeiter – ich vermeide hier mal bewußt das Wort Künstler, die Kunst um ihrer Selbst Willen schaffen wollen, denn ich meine auch Gebrauchsgrafiker und Illustratoren, Auftragsfotografen und -komponisten (z.B. für eine Filmmusik), Texter, Journalisten etc. – nicht mehr hungern. Jedenfalls haben sie erstmals eine faire Chance, von ihrer eigenen Hände Arbeit auch leben zu können.  (mehr…)

Der Schlüssel

via Christian (facebook-Eintrag):

Verschlüsselung in Mail und Chat: Der Kampf ist verloren (oder auch nicht?) – Niels K.

«Und dann muss es noch Propaganda geben. So schöne Infographiken und Youtube-Videos, welche die Probleme klären und erklären wie es geht. Die eintrichtern, dass man Verschlüsselung will. Übrigens ich will auch gerne überzeugt werden, warum ich Verschlüsselung will und warum ich mir den aktuellen Schmerz antun sollte. […] Bitte den Elevator-Pitch. Sprich: Ihr habt eine kurze Aufzugfahrt Zeit, um mich zu überzeugen und nicht ganze Bildschirmseiten. Wenn ihr den Durschnittsuser überzeugen wollt, habt ihr auch nicht mehr Zeit.»

Niels erklärt, warum das trotz großflächigen Schnorchelangriffs unserer Junta Regierung so schwer ist, Leute zum Verschlüsseln ihrer Mails zu bewegen.

Ich hatte ca. 1993 meinen ersten PGP Key, es erschien mir sinnvoll. Das muß um die gleiche Zeit gewesen sein, in der ich in die EFF eintrat, nachdem ich den inspirierenden und schockierenden Artikel in Ausgabe 2 des WIRED Magazins gelesen habe (eine der wenigen Ausgaben, die mein großes Altpapiermassaker vor zwei Jahren überlebt haben). Ich war die einzige in meinem Bekanntenkreis, die PGP nutzte (OK, die überhaupt eMail hatte und wußte, daß es ein Leben jenseits der CompuServe, AOL und GEnie Mauern gab). Niemals sah ich je unter einer anderen Mail einen public key. Nicht einmal. Und nicht einmal hat mich jemand gefragt, was das für eine merkwürdige Signatur sei. Throw your hands in the air – they just don’t care.

Die Nerdette in mir war neugierig genug und die Aluhutträgerin in mir war paranoid genug, sich mit dem unfassbar umständlichen Verfahren auseinanderzusetzen. Am Mac noch dazu (Prä System 7).

In den Jahrzehnten danach habe ich für kleine und große Firmen gearbeitet, die durchaus schützenswerte Informationen ungeschützt durch die Welt schickten. E-Mail war ja so einfach und schnell! Eine Agentur hatte im Jahr 1999 heftigst grassierenden Dotcomfieber  etwa vier Sätze Bücher, die zum Thema Due Diligence bei mindestens ebensovielen Wirtschaftsprüfern unterwegs waren, bevor man den Sprung an die Börse wagen wollte. Die Praktikantin oder Auszubeutendebildende, so genau weiß ich das nicht mehr, verbrachte ganze Wochen ausschliesslich am Kopierer, ausgedruckte und natürlich unverschlüsselte Mails mit vertraulichen Zahlen, Daten, Fakten zu vervielfältigen. Schiefe oder schlechte Kopien wurden schlicht und sparsam umgedreht und als Schmierzettel beim Telefonieren genutzt. Da landete schon mal die Bitte um Rückruf von Frau S. auf meinem Schreibtisch, geschrieben auf der Rückseite von Gehaltslisten der Mitarbeiter des Münchner Büros.

Der weltgrößte Medienkonzern entblödete sich zu meiner Zeit dort nicht, seine Mitarbeiter zu verpflichten den „legal Deppendsclaimer“ (kurz darauf auch in Verbindung mit dem „legal und Umweltschutz-Deppendisclaimer“) ellenlang unter (!) jede Autosignatur zu setzen. Jeder zweite Kollege auf meinem Flur hatte wändelang und -hoch Aktenordner voll ausgedruckter E-Mails, die dann in schöner Regelmäßigkeit teuer einem zertifzierten Reisswolfunternehmen übergeben wurden. Es gab ein laminiertes Blatt mit Handlungsanweisungen, wie man sich verhalten solle, wenn Polizei, Steuerfahndung oder sonstige Aliens plötzlich neben dem Schreibtisch stünden. Was es nicht gab: verschlüsselte Festplatten, Ordner oder Mails.

Wenn ich heute diese Naivität sehe, diese „ich hab’ doch nichst zu verbergen“-Einstellung auch meiner Altvorderen (die auf meine Gegenfrage: „und warum führt Ihr dann Eure Korrespondenz mit Finanzamt oder Bank nicht via Ansichtskarte, hm?“ nur entgegnet: „ach, papperlapapp!“), dann weiß ich: der Kampf ist verloren. Sie haben, Mitte 70,  gerade erfolgreich das Thema „E-Mails schreiben“ gemeistert. Schon wenn ein Dateianhang ins Spiel kommt, ist die Unsicherheit groß und man wartet lieber darauf, wenn ich am Wochenende komme, dann kann ich ja auch gleich noch mal zeigen, wie man etwas ausdruckt.

Am anderen Ende des Alterspektrums fragt mich Captain Jack (11einhalb), ob es nicht klug sei, für jeden Dienst dasselbe Passwort zu nutzen, denn dann müsse man sich nur eines merken. Mein Rat, das tunlichst zu unterlassen, da man dann Gefahr laufe, an allen Fronten Megastreß zu haben leuchtet ihm ein, aber zerstreut und wenig technikaffin wie er ist, wird er vermutlich ebenfalls irgendwann zu den Usern gehören, die das Passwort mit Post-it unter die Tastatur kleben. (Um seinen kleinen Bruder mache ich mir weniger Sorgen; der warf neulich nonchalant „ich muss mal schnell meinen Account checken“ ein, da er eine Einladung seines Kumpels zum Kindergeburtstag erwartete.)

So lange seine Mails zu verschlüsseln nicht mindestens so simpel und benutzerfreundlich ist, wie ein Foto zu verschicken, so lange wird es keine flächendeckende Verschlüsselung geben. Der Schlüssel heisst: E1nf4ch3_B3nu7z84rk31t!

Von rechtlosen Urhebern und gesetzlosen Nutzern

Die  Opalkatze schreibt hier einen guten Artikel über den Umgang mit den Urhebern und hofft, daß sich diese untereinander einigen mögen.

Ich sehe ein Problem darin, daß es viele verschiedene Interessen auch zwischen den den einzelnen Urhebergruppen gibt, die sich nicht notwendigerweise über einen Kamm scheren lassen und oft kollidieren, aber alle über das UrhG abgedeckt werden wollen. Musiker haben andere Interessen als Autoren haben andere Interessen als Wissenschaftler haben andere Interessen als Softwareentwickler haben andere Interessen als Journalisten haben andere Interessen als Texter, Grafiker, Illustratoren, Designer, Fotografen, Filmemacher. Alle aber produzieren immaterielle Güter.

Daß ein Wissenschaftler ein profundes Interesse daran hat, selbstredend kostenlosen oder zumindest erschwinglichen Zugang zu den Forschungsarbeiten seiner Kollegen zu haben, ist klar: seine Arbeit baut zu erheblichem Teil auf deren Ergebnissen auf und ist ohne diese Informationen fast unmöglich. Gleichzeitig sollte die Öffentlichkeit ein Interesse daran haben, daß von ihren Steuergeldern finanzierte wissenschaftliche Arbeiten und Studienergebnisse selbstredend jedermann ohne weitere Kosten zur Verfügung stehen, z.B. in öffentlichen Bibliotheken, on- oder offline (ich sage bewußt nicht „kostenfrei“, denn wir haben ja schon dafür bezahlt).

Bei Softwareentwicklern ist es wahrscheinlich ähnlich; zumindest bei manchen Musikgenres ist es ebenso oder vom Ansatz her ähnlich (Stichwort: HipHop-/Samplingkultur); hier fliessen zwar gemeinhin keine öffentlichen Gelder, aber es sollte ein Modell gefunden werden, das in Richtung Fair Use geht.

Andererseits ist die Haltung vieler Nutzer und Politiker (z.B. weiten Teilen der Piratenpartei) gegenüber Musikern oder Fotografen beispielsweise, daß diese doch in erster Linie darauf aus seien, daß ihr Werke möglichst weite Verbreitung fände und demnach zuallererst einmal froh und glücklich darüber sein sollten, wenn man ihre Musik überhaupt hören, ihre Bücher überhaupt flächendeckend lesen, ihre Bilder angucken wolle. Sie sollten sich halt damit abfinden, daß der Markt entscheide und es eben kein von Gott gegebenes Recht sei, von seiner Kunst leben zu können. Und historisch bedingt seien Künstler halt arm, schon immer gewesen, ja nun. Hättense halt was anständiges gelernt. Selber schuld. Sie können sich ja um Spenden bemühen (Euphemismus für: betteln gehen), oder es wird gönnerhaft eine Kulturflatrate in Aussicht gestellt. Daß sich diese an den „zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“-Beträgen von Hartz IV orientiert (und, sollte es je dazu kommen, garantiert auch gegen Hartz IV Beträge gegengerechnet werden) davon darf getrost ausgegangen werden.

Mit dieser Haltung bilden sie den Schulterschluß mit den Verlegern, Filmstudios, Labels und Auftraggebern, die traditionell den eigentlichen Urheber schlechter bezahlen als den Pförtner  vor dem Glaspalast in dem sie sitzen. In diesem Zusammenhang immer wieder schön:

Gleichzeitig stellen sich diese Leute aber auf den Standpunkt, daß dieses eben noch als de facto wertlos bezeichnete Gut, ihre Kunst, andererseits ein kostbares Allgemeingut sei, daß es zu schützen und zu erhalten und also zu verstaatlichen gelte. Das schließt natürlich aus, daß dem Künstler und seinen Erben die Früchte seiner Arbeit zustehen, gar über einen längeren Zeitraum, wo kämen wir denn da hin! Künstler, die dieser Logik („wenn du vergewaltigt wirst, mach’ das Beste daraus: lehn’ dich zurück und geniess’ es“) nicht folgen wollen, sind dann erst recht die Buhmänner. Urheber, die auf Bezahlung ihrer Werke drängen bzw. gegen die unbezahlte, illegale Verbreitung derselben, gelten als unverschämt, unsozial, undankbar und gierig. Und überhaupt, ihnen entstehe ja kein Schaden wird dann kluggeschissen, denn es werde ihnen ja nichts gestohlen, im Gegenteil: es werde vervielfältigt, haha.

Liest man es sich einmal ganz durch, dann ist das Urheber- und Nutzungsrecht schon ganz okay so, wie es ist. Zu überdenken gilt aber das Verhältnis zwischen Verwertern und Urhebern, sowie ganz allgemein die Frage, in was für einer Art Gesellschaft wir leben wollen. Diese Debatte ist jedoch ungleich anstrengender zu führen als eine Gesetzesänderung.

„Und bist du nicht willig, so brauch ich … Geduld.“

Drei Minuten, die sich lohnen: Prof. Kruse über das Internet und die Revolution. It’s the end of the world, as we know it. Bzw. der Anfang einer neuen Welt. Sehr spannende Zeiten, in denen wir leben.

R-E-S-P-E-C-T find out what it means to me

Zur Affäre Wulff las ich heute früh auf Spiegel Online:

«Die Parteispitze bemüht sich um Schadensbegrenzung. Kanzlerin Angela Merkel stellte sich Mitte der Woche hinter Wulff. Am Sonntag zog CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe nach: “Ich habe volles Vertrauen in seine Aussagen”, sagte er der “Welt”. Kritiker und Opposition sollten “rasch zum nötigen Respekt zurückfinden, der unserem Staatsoberhaupt gegenüber geboten ist”, so Gröhe.»

Lieber Herr Gröhe, der gebotene Respekt gilt dem Amt. Es liegt jedoch an dessen Inhaber, dieses nicht zu beschädigen oder zu zerstören und sich den Respekt für die geleisteten Dienste zu verdienen. Ihre aus parteipolitischer Sicht zwar verständliche „bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen“-Haltung ist insofern der Gipfel der Respektlosigkeit gegenüber dem Amt des Staatsoberhaupts, nichts für ungut. Jeglichen Kredit, der einem neuen Amtsinhaber höflichkeitshalber gewährt werden sollte, hat Herr Wulff längst aufgebraucht, wenn das Wortspiel gestattet ist.

Die Amtsleistungen des Herrn Wulff bestanden bis dato überwiegend darin, nicht weiter unangenehm aufzufallen. Mit dieser Lebensphilosophie reicht es in der Regel jedoch selbst in der Grundschule nur zu einer Gesamtnote «Vier».

Vermutlich bin ich auch nicht die Einzige, die den eigentlichen Skandal darin sieht, daß erst dieser Skandal uns überhaupt in Erinnerung bringt daß wir ein Staatsoberhaupt haben und wie es heisst. Oder wie man es andernorts formulierte:

Wer mit dem Feuer spielt …

Aktuell empören sich weite Teile der Twitterati und Klein Bloggersheims über die Gefängnisurteile für die englischen Jugendlichen, die über Facebook zu weiteren Krawallen aufgerufen haben. Allgemeiner Tenor: Unfair, viel zu hart, es ist ja gar nichts passiert, war doch nur ein harmloser Spaß, das ist doch kein Rechtsstat mehr etc. Gerne wird auch mal angeführt, die Plünderei der Nadelstreifengangster sei unfassbar schwerwiegender.

Ja, die eigentlichen Brandstifter und Gangster und Plünderer sitzen in Nadelstreifen auf Regierungsbänken und den Teppichetagen von Banken, Medien und anderen Konzernen. Ja, die Welt brennt weltweit, weil ihre Jugend ausgenutzt und chancenlos weggeworfen wurde von Generationen seelenloser und habgieriger, moralisch verkommener Machtinhaber und Wirtschaftsbosse. Ja, es müssen grundlegende Veränderungen her, und zwar schnell und weltweit. Ja, das wird so schnell nicht passieren. Nicht, wenn sich niemand jenseits von Molotowcocktails werfen politisch engagiert oder einfach nur bei sich und in seinem Viertel anfängt.

Diese Begründungen sollen dann entschuldigen und verharmlosen, daß man mit anderer Menschen Leben spielt und ihre Existenzen in Schutt und Asche legt? Menschen, die im übrigen meist Nachbarn sind und oft demselben Prekariat angehören wie die Brandstifter und Plünderer? „Der hat angefangen!“ „Der ist aber noch schlimmer!“ Sind das Eure Argumente? Euer eiskaltes „Wo gehobelt wird, da fallen halt Späne“ macht Euch zu Spiegelbildern und würdigen Nachfolgern derer, die Ihr zu bekämpfen glaubt.

Gewalt ist keine Lösung und durch nichts zu entschuldigen. Gewalt erzeugt immer Gegengewalt. Es wird gern der Interviewausschnitt zitiert, wo einer dieser kleinen Mistkerle selbstbewußt tönt, die Aktion sei deshalb schon sinnvoll weil die Presse sich ansonsten ja gar nicht mit ihm über seine eigentlichen Probleme unterhalten würde. Klar, Gehör findet man immer nur duch Raub, Mord, Brandschatzung und Plünderung. <sarcasm>Darum hat die Welt ja auch noch nie etwas von Mahatma Ghandi oder Martin Luther King gehört. </sarcasm>

Man empört sich darüber, daß Regierungsschef Cameron den Richtern bedeutet habe, keine Gnade walten zu lassen bei ihren Urteilen. Er habe das Prinzip der Gewaltenteilung verletzt. Abgesehen mal davon, daß die Richter dieses Winks wohl kaum bedurft haben dürften – die Empörung finde ich ehrlich zum totlachen: Jetzt heult Ihr rum, weil die Gegenseite angeblich nicht nach den Regeln spielt? Den Regeln, die Ihr freudig und mutwillig ignoriert und überschreitet? Den Regeln einer Gesellschaft, zu deren Zerstörung Ihr aufruft?

Vier Jahre Haft für einen erfolglosen Gewaltaufruf auf Facebook, für die Anstiftung zu Straftaten. Damit liegen die Urteile noch unter dem bei uns möglichen Maximum von fünf Jahren für dieselbe Straftat. Vier Jahre Knast für nichts?

Tough shit. Wer mit dem Feuer spielt, kommt darin um.

London is drowning, and I live by the river

Noone expected this. The so-called leaders who have taken three solid days to return from their foreign holidays to a country in flames did not anticipate this. The people running Britain had absolutely no clue how desperate things had become. They thought that after thirty years of soaring inequality, in the middle of a recession, they could take away the last little things that gave people hope, the benefits, the jobs, the possibility of higher education, the support structures, and nothing would happen. They were wrong. And now my city is burning, and it will continue to burn until we stop the blanket condemnations and blind conjecture and try to understand just what has brought viral civil unrest to Britain. Let me give you a hint: it ain’t Twitter.

Quelle | via überall

Die Elefanten im Wohnzimmer

Felix Schwenzel  fasst sehr schön zusammen, worüber wir uns dringendst Gedanken machen sollten:

da steht ein pferd aufm flur ein elefant im raum über den wir mal reden und nachdenken müssen.

eigentlich sind es drei elefanten:

  • kann es sein, dass journalisten bei facebook und google die einzigen sind, die nachvollziehbare und verbindliche antworten bekommen und alle anderen sich in kafkaesquen situationen wiederfinden?
  • wie vertragen sich bürgerrechte und die AGBs grosser unternehmen? wie lässt sich rechtssicherheit für kommunikationsstrukturen wie google+, twitter oder facebook sicherstellen?
  • wieviel regulierung verträgt das internet, wieviel regulierung ist überhaupt möglich ohne die ebenfalls nötigen freiräume und marktkräfte zu zerstören?

Die totale Transparenz des Nutzer, den Verzicht auf seine Anonymität und der Zwang zur Klarnamenverwendung bei der Anmeldung in sozialen Netzwerken wie Google und Facebook wird von diesen Unternehmen und sehr wahrscheinlich auch in weiten Teilen von ihren Kunden, den werbetreibenden Unternehmen, als Einbahnstraße und Sackgasse ohne Wendemöglichkeit verstanden und gewünscht. Wer sich in diese Netze begibt, sollte sich im Klaren darüber sein, daß er seine noch verbliebenen Bürgerrechte am Eingang abgegeben hat und sehr wahrscheinlich auch niemals wiederbekommt.

Auf Unterstützung seitens der Politiker aller Couleur darf man nicht hoffen. Zum einen haben sie längst bewiesen, daß sie selbst gern die von diesen Konzernen über ihre Schäfchen gesammelten Daten sammeln würden. Ihr lautes Geschrei nach immer neuen Datenbanken, gefüllt mit Informationen über andersdenkende, verdächtige Subjekte spricht eine beredte Sprache. Zum anderen gilt es, sich als technologiefreundlicher Wirtschaftsstandort zu profilieren und im geborgten Abglanz der strahlendsten Unternehmen unserer Zeit zu sonnen.

Wer das Geld hat, hat die Macht. Und die Mächtigen haben selbst kein Interesse an der Offenlegung ihrer Machenschaften, das wird immer wieder deutlich wenn man sich die Diskussion um Abgeordnetenwatch.de anschaut. Wie impertinent vom Bürger, Transparenz von seinen gewählten Vertretern zu fordern! Nein, von Regierenden, die kein Problem damit haben Bank- und Reisedaten der Bürger ihres souveränen Landes unaufgefordert den Machthabern und Geheimdiensten „befreundeter“ Nationen auf dem Silbertablett zu überreichen (Stichwort: SWIFT Abkommen), darf man keine Hilfe im Kampf gegen andere Datenkraken erhoffen. Eine Krähe hackt der anderen schliesslich kein Auge aus.

Umgekehrt wird auch gern unbürokratisch ausgeholfen, wenn Not am Mann ist – Blackberry beispielsweise hat gerade angekündigt, den englischen Behörden gern Zugriff auf die angeblich verschlüsselten Nachrichten seiner User zu gewähren, die verdächtig sind, an den aktuellen Londoner Unruhen beteiligt zu sein. (Merke: Verschlüsselung kann man sich eigentlich auch sparen, wenn der Vermieter, die Polizei, der Geheimdienst und jeder, der lieb fragt einen Zweitschlüssel kriegt.)

Journalisten bekommen nur deshalb einen halbwegs erleichterten Zugang zu diesen Konzernen, weil sie noch eine Hauch von Relevanz haben. Je unglaubwürdiger und damit irrelevanter sie jedoch in der Wahrnehmung der Bevölkerung werden (Stichwort: Scheckbuchjournalismus, Murdoch Skandal) und je gemütlicher ihre Verleger sich mit den Konzernen ins Bett legen, desto weiter schließt sich dieses letzte Tor zur Freiheit. Wir sind heute dank der technischen Möglichkeiten des Internets irgendwie alle ein bisschen „von der Presse“. Aber wenn letzten Endes die „kostenlosen“ Plattformen die Inhalte bestimmen und steuern, sei es über ihre AGB oder über die Manipulation der Suchergebnisse, was nützt uns das dann?

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„Die Kreditkrise hat gezeigt, wie diese Freiheit gekidnappt wird. Die Banken sind ein Spielfeld für Abenteurer, die reich werden, auch wenn sie Milliarden verfeuern. Die Rolle aller anderen ist, ihre Rechnung zu zahlen.“ – Charles Moore

Quelle:  „Der rechte Abschied von der Politik“, Tagesanzeiger

„Unsere Demokratie sieht keine ausreichende Strafe vor um meinen Rachedurst zu stillen, ganz so wie es beabsichtigt ist.“

Ein Forumsnutzer in Norwegen schreibt:

„In the safest, most boring country, the worst lone gunman shooting happens. The worst in the world, in history. But it will not make our country worse. The safe, boring democracy will supply him with a defense lawyer as is his right. He will not get more than 21 years in prison as is the maximum extent of the law. Our democracy does not allow for enough punishment to satisfy my need for revenge, as is its intention. We will not become worse, we will be better. We lived in a land where this is possible, even easy. And we will keep living in a land where this is possible, even easy. We are open, we are free and we are together. We are vulnerable by choice. And we will keep on like that, that’s how we want to live. We will not be worse because of the worst. We must be good because of the best.“

via Giardino

Spätrömische Dekandenz, tatkräftig umgesetzt

Nochmal langsam: Eine uneinsichtige akademische Hochstaplerin lässt sich wenige Tage, nachdem eine der ältesten und angesehensten Universitäten Europas ihr ihren Doktortitel entzogen hat, in einen Ausschuss des Europäischen Parlaments wählen, der Entscheidungen über Forschungsfragen trifft.

Nur, falls es jemand immer noch nicht verstanden hat: Deutschland wird im Forschungsausschuss des Europaparlaments durch eine überführte wissenschaftliche Betrügerin repräsentiert.

Das Ende der Lügen

Ich bin nicht mehr wirklich überrascht über die Chuzpah, mit der Die Frau und ihre Steigbügelhalter hier agieren. Es kommt ja nicht unvorbereitet zu einer Zeit, in der z.B. mediale Volksverhetzung prämiert wird (gesponsort durch die Stiftung einer Familie, die ihr Geld in der Rüstungsindustrie zu NS-Zeiten nachweislich zu einem nicht geringen Teil durch die Ausbeutung von Zwangsarbeitern angesammelt hat). In einer Zeit, in der Banken, Wirtschaftsprüfer und -kanzleien ihren Lobbyismus nicht mehr heimlich im Hinterzimmer pflegen müssen, sondern von unseren Volsvertretern schon hochoffiziell mit der Ausgestaltung der Gesetzesvorlagen beauftragt werden. In einer Zeit, in der regelmässig Polizisten auf Demonstrationen friedlicher Bürger als Agents Provocateurs agieren und auf eine Eskalation der Gewalt setzen, die sie selbst hervorgerufen haben. In einer Zeit, in der ständig neue Terrorgesetze gefordert werden, der Bürger immer gläserner wird aber gleichzeitig oft durch Abmahnungen in seiner wirtschaftlichen Existenz bedroht, wenn er selbst Transparenz von seinen gewählten Vertretern fordert. In einer Zeit, da das Prinzip der Gewaltenteilung offensichtlich ein Fremdwort für manchen Landesinnenminister ist. In einer Zeit, da unsere Politiker ein ums andere Mal die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts vorsätzlich grob missachten und Deutschland von einer Verfassungskrise in die nächste stürzen.

Andererseits passiert das alles ja ganz transparent. Es überrascht mich daher nur, daß der Schrei „Ah! Ça ira – à la lanterne!“ noch nicht lauter erklingt.

Killerspiele

Der Regierungsversprechertweet von Herrn Seiters Seibert wurde inzwischen gelöscht.

Montagmorgendliche Vertipper sind nichts Ungewöhnliches auf Twitter. Und so schmunzelte ich natürlich über den Tweet des @RegSprecher, der aus Osama kurzerhand Obama machte. Je nun, kann passieren.

Was nicht passieren darf, jedenfalls nach meinem Rechtsverständnis, ganz zu schweigen von meinen Moralvorstellungen, ist die in den Worten der Kanzlerin unterschwellig mitschwingende Botschaft, die Ermordung Osama Bin Ladens durch die USA in Pakistan ginge schon okay, er habe es ja nicht anders verdient. Aber der Ruf nach Selbstjustiz und Rache statt Gerechtigkeit und Gerichtsverfahren kommt ja ohnehin in letzter Zeit immer mehr in Mode.

Man denke nur an den jungen Mann, der auf einem Berliner Bahnhof vorsätzlich und mit aller Gewalt auf einen ihm völlig unbekannten Menschen eintrat und nach Feststellung der Personalien nicht etwa in Untersuchungshaft, sondern nach Hause geschickt wurde. Daß darüber die Boulevardmedien das tun was sie tun müssen, nämlich Hass schüren, indirekt zur Lynchjustiz aufzurufen und scheinheilig die Tatsachen verdrehen um die Auflage wenn schon nicht zu steigern, dann wenigstens nicht weiter sinken zu lassen, das kommt ja nun nicht wirklich unerwartet. Und daß dem gemeinen Stammtischgast nicht klar ist, daß Untersuchungshaft minichten Strafhaft ist und wir in einer Demokratie, die diesen Namen verdienen soll, auch kein Urteil ohne vorangegangenen Prozeß vollstrecken – wen wundert’s? Aber daß unsere Politiker sich ohne rot zu werden den „Rübe ab!“ Chören anschliessen, das erschreckt mich ja nun doch.

Doch zurück zu Osama Bin Laden. Ja, er war verantwortlich für den Tod tausender Unschuldiger, hat Grundwerte des Islam und aller Religionen verhöhnt. Wie auch Obama. Sein lakonisches „No Americans were harmed“ in der offiziellen Erklärung zur Aktion, wird unmittelbar gefolgt von „They took care to avoid civilian casualties“. (Mit „They“ meint er die Spezialisten, die den Mord ausführten.) Wieviel Erfolg sie dabei hatten, zivile Opfer zu vermeiden? Nun, mir reicht die schwammige Formulierung und der Tonfall um zu wissen: Es gab zivile Opfer bei der Aktion und sie sind dem US-Präsidenten scheißegal. Was hängen sie auch mit dem Staatsfeind Nummer eins herum? Selber schuld. Und lasst uns gar nicht erst von den tausenden von Opfern anfangen, die in den letzten zehn Jahren auf der Suche nach Osama durch die USA weltweit verursacht oder wenigstens billigend in Kauf genommen wurden.

Die Rede strotzt sowieso nur so vor Pathos und verwaschenen Fakten. Sie hätte auch direkt aus der Feder von George W. Bushs Redenschreiber stammen können. „Nearly 3,000 citizens taken from us, leaving a gaping hole in our hearts.“ Die Toten der Anschläge vom 11. September 2011 haben weltweit Lücken hinterlassen: in über 90 Ländern, nicht nur in den USA. Ich schätze, darauf hinzuweisen, daß viele Retter und Einsatzkräfte vom Ground Zero, ähnlich wie Tchernobyls Liquidatoren, auch heute noch um Anerkennung ihrer Krankheiten als Folgen der Rettungsaktion kämpfen müssen, passte jetzt nicht so recht zum Rest der Rede. Es war wohl auch nicht der passende Moment für die Information, daß sich die „9/11 Heroes“ nach einem jüngst verabschiedeten Gesetz zuerst vom Staatsschutz durchleuchten lassen müssen und ihre Namen mit der Terroristenliste abgeglichen werden, bevor über ihre Anträge entschieden werden kann.

 

Für Kriegsverbrecher u.ä. ist eigentlich der internationale Gerichtshof in Den Haag zuständig. Von einem Land, das der Welt Frieden und Demokratie bringen will (ob sie will oder nicht) könnte man erwarten, daß es solche Leute wie Bin Laden fängt, vor Gericht stellt und anschließend hinrichtet oder einsperrt und den Schlüssel wegwirft. Aber da man im Zuge der Terrorismusbekämpfung ja bereits im eigenen Land erst einmal eine Menge Menschen- und Bürgerrechte pulverisiert hat, wäre es wohl naiv anzunehmen man würde sich andernorts daran halten. Die vielbeschworenen Alliierten werden das sicher verstehen – bei ihnen, bzw. uns –  sieht’s ja kaum anders aus.

 

Daß der Tod Bin Ladens ihn für einige zum Märtyrer machen wird, dem Hass auf die USA neue Nahrung gibt, neue Terroristen beflügeln und natürlich null an der Weltlage ändern wird, weiß auch jeder. Trotzdem wird gefeiert. Aber nicht überall:

“If this means there is one less death in the future, then I’m glad for that,” said Mr. Waizer, who was in an elevator riding to work in the north tower when the plane struck the building. He made it down the stairs, but suffered third-degree burns.

“But I just can’t find it in me to be glad one more person is dead, even if it is Osama Bin Laden.”

Asked whether he felt any closure, Mr. Waizer said, “I’ve said for years I didn’t think there would be, but I’ll probably need to think about that more, now that it actually happened.”

“You know, the dead are still dead,” he added. “So in that sense, there is no such thing as closure.”

(Quelle: NY Times)

Und wir wollen’s mal nicht hoffen, aber vielleicht stellt sich ja der Versprecher oben noch als prophetisch heraus:

 

I hold your hand

Ich habe zu Schulzeiten niemanden gekannt, der oder die homosexuell ist oder war; dabei ist es wohl eine simple Matheaufgabe: von den rund 120 Leuten aus meinem Abjahrgang müssten es ca. 12 gewesen sein, wenn die gängige Faustformel stimmt. Wenn ich an die Schulzeit zurückdenke, und ganz besonders die Mittelstufe, wenn dich die Pubertät wie ein Lastwagen überrollt und du so oder so mit deinem Körper und deiner Sexualität auf Kriegsfuß stehst bzw. überhaupt nicht rallst was dir da gerade so alles widerfährt, dann mag ich mir kaum ausmalen wie unglaublich viel stressiger und verwirrender das für ein Kind bzw. eine/n Jugendlichen sein muß, der bzw. die merkt, daß das eigene Geschlecht sehr viel anziehender ist als das andere. Denn anders zu sein ist gar nicht gut in der Pubertät, da können Eltern, Lehrer und Politiker noch so schöngeistig der Diversität huldigen. Mit dreizehn, vierzehn, fünfzehn Jahren anders zu sein, weniger Geld zu haben, am falschen Ende des Dorfs zu wohnen, die falschen Klamotten zu tragen, die falsche Musik zu mögen, den falschen Sport zu treiben, die falschen Klassenkameraden nett zu finden, die falsche Hautfarbe oder Religion zu haben – all das ist Scheiße. Ich schätze mal, das falsche Geschlecht zu lieben reiht sich da nahtlos ein.

Ich hatte sehr nette Mitschüler in der späteren Mittel- und Oberstufe, wir waren ein guter Klassenverband, ohne Mobbing, es gab Cliquen, klar, aber niemand stand komplett Abseits oder wurde gar komplett abseits gedrängt und es gab Dutzende von freundschaftlichen Querverbindungen auch in die Parallelklassen. Bis zu meinem Schulwechsel in Kl. 8 hatte ich allerdings fast ausnahmslos die widerlichsten Typen der Welt in meiner Klasse, unterrichtet von den rückgratlosesten Schleimscheissern die jemals Lehrer geworden sind. (Ich bin wirklich nicht nachtragend, aber ich hoffe, die schmoren später mal in der Hölle. Oder meinetwegen jetzt schon.)

„I Hold Your Hand“ ist nett gefilmt und wirkt auf mich utopisch, wie so ein Rosamunde Pilcher Gutmenschenfilm. Ich glaube nicht, daß solch eine „Club der Toten Dichter“ Szene wie hier im Video gezeigt möglich wäre. Aber wünschenswert und schön wäre es.

100 Jahre Frauentag. Gefühlte zehn Minuten.

Heute ist der einhundertste weltweite Frauentag. Das ist auch für mich ein Anlass, mich mal ein bisschen intensiver mit der gerade ja schwer im Trend liegenden Genderdebatte zu beschäftigen.

Hier schreibt eine Frau. Kein Fräulein (obzwar unverheiratet), kein Weib, kein Grrl, keine Feministin, keine Lesbe (mit oder ohne Kampf- davor), keine taz- oder Emma-LeserIn, keine Emanze, kein Mädchen und kein Girl. Ich schreibe das so, weil ich es hasse, auf eines dieser Klischees reduziert zu werden und mich ungern in Schubladen pressen lasse. Wahrscheinlich deshalb, weil ich in meiner Branche Werbung und Marketing den ganzen Tag mit Klischees und Schubladendenken arbeite. Ich kann das so schreiben, weil ich auf den Schultern von Giganten stehe. Oder besser gesagt: auf den Schultern von Gigantinnen – all jenen Frauen, die vor mir das erkämpft haben, was für mich heute selbstverständlich ist. Das Wahlrecht. Das Recht auf eine eigene Ausbildung und einen eigenen Universitätsabschluß. Das Recht, promovieren zu dürfen. Das Recht, auch als Ehefrau mein eigenes Geld zu verdienen, ohne daß mein Mann mir dafür die Erlaubnis geben muss. Das Recht, in meiner Ehe nicht geschlagen und vergewaltigt zu werden. Das Recht zu entscheiden, ob ich verhüte oder ob ich ein Kind bekommen will. Das Recht darauf, Briefe zu schreiben und zu empfangen, ohne sie meinem Mann zur Überprüfung vorlegen zu müssen. Das Recht, mein Leben so zu führen, wie ich es mir vorstelle.

Ich denke fast nie über das Thema Gender nach, weil ich mich selten ob meines Geschlechts benachteiligt gefühlt habe. Ich habe das studiert, was ich wollte. Ich habe im Job eine vergleichsweise steile Karriere hingelegt. Ich kann durchaus über Witze lachen, die andere Menschen als frauenfeindlich bezeichnen würden. Ich habe die gläserne Decke noch nicht zu spüren bekommen, was vielleicht auch daran liegt, daß ich nicht karrieregeil bin sondern nur daran arbeiten möchte, woran ich Spaß habe. Die Tage in Nadelstreifenmeetings zu verbringen, wichtige Abendessen mit schrecklichen Leuten durchzustehen und ansonsten vierteljährlich die Konzern-Excelsheets zu massieren gehört definitiv nicht dazu. Mich öden Frauen an, die alles und jeden durch die Genderbrille sehen und an jeden Furz ein -in hängen möchten. Ich hasse rosa, und lila erst recht. Ich bezeichne mich als emanzipiert, allerdings mußte ich noch nie wissentlich Nachteile in Kauf nehmen, weil ich eine Frau bin.

Als ich heute früh durch meinen RSS-Feedreader blätterte, stieß ich bei Markus (Text & Blog) auf einen Beitrag über Ruth Gruber. Die Frau ist nun 100 Jahre alt und war 1931 die jüngste Frau mit einem Doktortitel (garantiert nicht zusammenkopiert). Es kommt ein Film über ihr Leben ins Kino, und der Trailer sieht sehr vielversprechend aus. „Wie passend, zum 100. Frauentag“ dachte ich. Und dann als nächsten Gedanken: Warum eigentlich? Das sollte selbstverständlich sein und immer selbstverständlich gewesen sein. Frauen sind weder dümmer noch intelligenter als Männer, die meisten sind den Herren der Schöpfung kräftemäßig unterlegen, aber das gilt auch nur für die reine Körperkraft. Wie meine Großmutter zu sagen pflegt: Wenn die Männer Kinder kriegen müssten, gäb’s keine mehr. In Sachen Willen und Einsatz sind Frauen meist stärker, einfach deshalb, weil sie es leider immer noch müssen. Und das nur am Rande: wir sind auch nicht die Minderheit, sondern die Mehrheit. Es gibt mehr Frauen als Männer auf diesem Planeten.

„Die Gleichberechtigung ist erst dann da, wenn auch eine unfähige Frau auf einem Vorstandsposten sitzt“ heisst es. Nun, dann sind wir inzwischen wohl gleichberechtigt, wenn ich mir die Arbeit von Frau Merkel oder, ein paar Nummern kleiner, von WDR-Intendantin Piel so ansehe. Und auch wenn ich kein Fan von Frau Schwarzer bin und ihre Aktionen und Aussagen rund um den Kachelmann-Prozess für unfassbar dämlich und skandalös halte, so halte ich es für den größeren Skandal, daß sich nicht neutral mit ihren Aktionen auseinandergesetzt wird sondern sie als Vorzeigefeministin keinen Fehler machen darf und immer nur als Frau gesehen wird. Meist als hässliche Frau, was natürlich im Auge des Betrachters liegt, aber doch mehr über den Betrachter aussagt als über Frau Schwarzer.

„Wofür braucht’s denn einen Tag der Frau?“ frage ich mich, wie wahrscheinlich viele andere Menschen auch. Ich würde sagen: Generell deshalb, um lautstark daran zu erinnern, daß es nicht allen Frauen auf der Welt so gut geht, wie den meisten in diesem Lande, auch wenn der Weg noch sehr weit ist. Und für mich, um mich zu verneigen vor den Gigantinnen vor mir und all den Frauen, Weibern, Mädels, Emanzen, Feministinnen, Girls und Grrls, Lesben und Heten, taz-und Emma-LeserInnen und lila-Latzhosenträgerinnen, auf deren Schultern ich stehe.

Feigheit vor dem Feind

Gleich vorab: Ich mag den Guttenberg nicht. Ich habe grundsätzlich nichts für Leute übrig, die „von Adel sind“, denn um Forrest Gumps Mama mal zu paraphrasieren: adlig ist, wer Adliges tut. Ich warte noch auf den ersten passenden Kandidaten – von allen Adeligen, die ich in meinem Leben bislang kennenlernen durfte, hat sich keiner durch übermäßig viel Intelligenz ausgezeichnet. Sie waren zwar meist auch nicht dümmer als der Rest der Welt, aber durchgehend bornierter, und da kann ich ja mal gar nicht drauf, wie man so schön sagt. Ich halte seine Frau für völlig unerträglich, komplett lernresistent und geradezu böswillig und heimtückisch, was ihre abartige „Tatort Internet Kampagne“ angeht, und daß den beiden die BLÖDzeitung täglich in den Allerwertesten kriecht, ist zwar naheliegend, aber gibt der Sache endgültig den Anstrich: „wi-der-lich“. Kommt noch dazu, daß er die Bundeswehr de facto in eine Freiwilligenarmee umwandelt und mit chancenlosen Hauptschulabbrechern bevölkern will (ob diese Art Armee auch den Schießbefehl verweigern wird, wenn dereinst der Pöbel die Wahlbetrüger an die Laternen knüpfen will, oder ob wir nicht doch besser, wie die Ägypter, mit einer Wehrpflichtigenarmee fahren?), und mein Ekel kennt kaum noch Grenzen, wenn ich seinen Namen höre.

Andererseits kann er ja auch nix dafür, daß er ein Titelträger ist, man wird nun einmal so geboren, das hat er sich ja nicht ausgesucht. Solche Titel kleben halt auf der Geburtsurkunde, ob man will oder nicht, und wer von uns diesen Vorsprung ins Leben der Reichen und Schönen nicht ausnützen würde, der werfe den ersten Stein. Der Titel, der allerdings nicht auf der Geburtsurkunde prangt, den man sich dann doch erst erarbeiten muss, das ist der Doktortitel. Für den begibt man sich entweder ein paar Jahre seines Lebens ins stille Kämmerlein und schuftet, oder man kauft ihn sich im Ausland und hofft, nicht aufzufliegen. So oder so, man kriegt ihn nicht geschenkt. Er gehört erst nach der Verleihung durch die Universität zum Namen.

Einige Leute scheinen nichts besonderes dabei zu finden, wenn man sich diesen Titel „erschummelt“ hat, wie sie es nennen. „Haben wir nicht alle mal abgeschrieben?“ versuchen sie „die Kirche im Dorf zu lassen“.

Nein, haben wir nicht. Und es geht nicht um einen Satz Mathehausaufgaben aus der dritten Klasse, die man morgens im Bus noch schnell abschreibt im Tausch gegen einen Schokoriegel, auch wenn das Prinzip natürlich dasselbe ist. Ein Doktortitel kann einen Unterschied von mehreren -zigtausend Euro Gehaltszahlungen im Jahr ausmachen, kann den Unterschied zwischen „hab’ den Job gekriegt“ und „leider war ein anderer Bewerber qualifizierter“ sein, kann bei manchen Naivlingen wie mir sagen „okay, er ist von Adel, aber wenigstens hat er seinen Doktor gemacht, er kann also nicht völlig blöd sein.“

Ich weiß nicht, ob Karl Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel zu Unrecht trägt oder nicht. Es wird gerade ein Wiki mit angeblich plagiierten Teilen seiner Dissertation gefüllt, es gibt einige journalistische Recherchen und die die Beweislast scheint insgesamt eher erdrückend. Andererseits gilt natürlich auch hier „viel Feind, viel Ehr’“ und die Motivation einiger der Beitragenden und Journalisten dürfte auch nicht ganz frei von persönlichen Animositäten sein. Die Wikipedia gilt zu Recht in wissenschaftlichen Kreisen nicht als veritable Quelle, da dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet sind. Mit der Schwarmintelligenz ist es auch nicht immer weit her, gerade die Wikipedia ist ein leuchtendes Beispiel dafür, daß es eben auch Schwärme von Idioten gibt, die sich gern und ausführlich äußern und das dann für relevantes Wissen ausgeben.

So oder so: es wäre in des Verteidigungsministers bestem Interesse, das Thema nicht weiträumig zu umfahren, wie er es gerade tut. Seine Reise nach Afghanistan war sicherlich länger geplant und es wäre töricht, sie als Flucht zu beschreiben, auch wenn ihm eine kleine Verschnaufpause sicherlich zupaß kam. Aber nun ist er wieder im Lande und könnte, um nicht zu sagen: müßte vor die Presse treten und sich den Fragen stellen, die die letzten verbliebenen nicht gekauften Journalisten in unserem Lande an ihn richten möchten.

Statt dessen brüskiert er die Journallie, indem er sich nur „einigen, ausgewählten Medienvertretern“ zur Verfügung stellt. Es bedarf sicherlich nicht viel Fantasie sich vorzustellen, welche Sorte Hofberichterstatter dort eifrig das notieren werden, was er ihnen in die Notizblöcke diktiert. Und hier endet auch jedwege Spekulation um Betrug oder Missverständnis – dieses Verhalten nenne ich schlicht Feigheit vor dem Feind.

Ach ja: Heute sind in Afghanistan zwei unserer Soldaten ums Leben gekommen. Ich hätte dazu ein paar Worte ihres Chefs erwartet, und seien sie noch so warm und windig wie die seichten Fürze, die auch sonst jeder Politiker weltweit dazu absondert. Aber das stand nicht auf der Agenda bei der Bundespressekonferenz. Statt dessen: Ein geplanter Besuch der Karnevalsprinzen im Kanzleramt.

Frage zur Wahl

Mal unabhängig von den nicht vorhandenen Inhalten, die über schlechte Plakate transportiert werden sollen – Warum plakatieren die Parteien hauptsächlich in den Stadtteilen, in denen sie sich ohnehin ziemlich sicher sein können, daß ihre Stammwählerschaft dort wohnt? Wer bei CDU und (mehr noch) FDP glaubt, daß es jemanden in Hamburg-Nienstedten, Rissen oder Blankenese gibt, der sie nicht wählt und, schlimmer noch, der sich von einem nichtssagenden Plakat beeinflussen lassen wird, sein Kreuz an der entsprechenden Stelle zu machen? Für wie lobotomiert halten die Linke und die Grünen die Leute in Ottensen, Altona, St. Pauli etc., daß sie ihre Plakate dort aufhängen, wo sie sowieso die meisten Stimmen einfahren? Wäre es nicht schlauer, in der gegnerischen Hälfte aufs Tor zu schießen, wenn man punkten will? So werden doch rundherum Eulen nach Athen getragen, oder?

Immerhin erfährt man auf diese Weise, daß die Gartenzwergnazis Schrebergartenbesitzer zwischen Stellingen und Lurup offenbar ein gutes Verhältnis zu den Werten der NPD haben, daß sich die Freien Wähler an der Elbchaussee gute Chancen ausrechnen und daß die Piraten offenbar glauben, vorm Tennisstadion Rotherbaum versammele sich ihre Wählerschaft.

„Ja, habt ihr denn überhaupt keinen Stolz?“

„Ja, habt ihr denn überhaupt keinen Stolz?“

Vorab: Ich glaube, das ist das erste Mal, daß ich hier im Blog einen fremden Text in Gänze übernehmen. Normalerweise würde ich natürlich nur im Rahmen des gesetzlich Erlaubten daraus zitieren. Allerdings ist der Text so gut, daß man ihn nicht nur in Gänze zitieren möchte sondern netterweise auch darf – Mario Sixtus bittet ums Republizieren und hat den Text unter eine CC-Lizenz gestellt. (mehr…)

Wettbewerbsverzerrung aus Verlegersicht

Zwei Nachrichten las ich gestern, die das ganze Ausmaß des Siechtums der kranken Häuser auf den Tisch legen. Erstens: Die Tagesschau-App ist da. Sie war vor ca. einem Jahr bereits geplant und angekündigt und in der Zwischenzeit eifrig von den privaten Medienmachern als „Wettbewerbsverzerrung“ attackiert worden. Hier werde von den Öffentlich-Rechtlichen mittels Zuschauergebühren ein Mehrwert geschaffen, für den private Sender und Verlage tief in die eigene Taschen greifen und investieren müßten. Wenn ich mich recht entsinne, hat damals die geplante Tagesschau-App die ganzen Irrsinnsdebatte um das von Verlegern geforderte Leistungsschutzrecht erst losgetreten. (mehr…)

Das Hemd ist näher als die Hose

In der ZEIT steht heute zu lesen, wie eigentlich der Preis von 4,95 € für ein H&M T-Shirt zustande kommt, wenn auf Kinderarbeit verzichtet wird. Nichts an dem Artikel überrascht einen wirklich, jedenfalls nicht, wenn man sich mit dem Thema der Globalisierung schon einmal etwas ausführlicher auseinandergesetzt hat. Die ZEIT ist losgegangen und hat sich einen Global Player herausgepickt; eben H&M und deren Nachhaltigkeitserklärungen unter die Lupe gelegt. Und gleich vorweg: nein, H&M sind nicht die Bösen in diesem Spiel, jedenfalls nicht mehr alls alle anderen Mitspieler, inklusive der Konsumenten. Woher stammen all die lustigen Sprüche-Shirts, die Promotionhemdchen zum CD-Release der Lieblingsband oder der neuesten Fortsetzung des letztjährigen Blockbusters?

Ich hätte aber gern als Kontrast die positiven Beispiele gehabt, wenn es sie denn geben sollte. Wo sind die zu fairen Bedingungen und verkauften Unterhemden? Ist Trigema wirklich das einzige transparente Beispiel? Pessimistisch wie ich bin, glaube ich fest daran, daß auch das 295 € T-Shirt bei einem Luxuslabel unter den exakt gleichen Bedingungen hergestellt wird wie das 4,95 € Hemd von H&M. Und wer nicht gleich diese zwei Extreme gegenüberstellen will: Woher stammen die Shirts bei Spreadshirt, Threadless & Co., die bei bloggenden Hipstern ja so beliebt sind? Oder will man das lieber gar nicht so genau wissen?

„People learned a lot last Wednesday!“

  • Veröffentlicht am 12th Dezember 2010,
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Ein Fünfzehnjähriger englischer Schüler hält eine flammende Rede zu den Ereignissen bei der Demonstration gegen die Studiengebühren, bei der es letzte Woche Mittwoch in London zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten kam. Er ist etwas aufgeregt und weiß noch nicht hundertprozentig, wann man dem Publikum Gelegenheit zum Applaudieren geben muß. Aber das dürfte sich in den nächsten Wochen und Monaten ändern.

„We know what they’re up to: They think, when they kettle us now, we’re not going to come in a demonstration ever again. Well, let the word go out from today, people said. Let the word go out about next tuesday. Let the word gou out about next week and next month and next year: that they can’t stop us demonstrating! They can’t stop us fighting back! And no matter how they try to imprison us in the streets of London: those are our streets and we’ll always be there to demonstrate!“

Wie spannend – aktuell gehen Menschen aus unterschiedlichsten Ländern demonstrieren, die das normalerweise nie tun würden oder getan hätten. Nicht nur unsere ewigen Berufsprotestler, die aus Prinzip gegen alles sind. Nicht nur die „erlebnisorientierten“ üblichen Verdächtigen aus dem schwarzen Block: Nein,  Rentner und Vorzeigeschwaben machen ihrem Unmut gegenüber dem Amigogeschmeiss rund um S21 Luft. Leute jeden Alters, jeder gesellschaftichen Schicht, Familienväter mit ihren Kindern, Großmütter mit ihren Enkeln, Bauern und Versicherungsangestellte protestieren in Gorleben gegen den Regierungsausstieg vom Atomausstieg. Und wohlerzogene Kinder aus englischen Privatschulen machen ihre Spielkonsolen aus und gehen gegen den Verrat an ihrer Zukunft auf die Straße.

„People who always thought that the police were those people at the other end of the telephone line to help if there was a burglary; people who always thought that the media were all those friendly newspaper men who were there to give them their unbalanced picture of the facts; people learned a lot last wednesday! People learned a lot, as they huddled around fires and then emerged from that kettle to see headlines like „VANDALS!“ on the Evening Standard that afternoon. People learned a lot, when a police van was left in the middle of the road so the police could tow it away and show the whole public „Look, what vandals these people are!“. People learned a lot!“

Mir gibt das zarte Pflänzchen seiner Rede, und besonders die Reaktionen darauf, im Video wie auch im Netz, eine Menge Hoffnung in Bezug auf die politische Zurechnungsfähigkeit kommender Generationen.

Wissen ist Macht.

Im Bücherstöckchen hatte ich ja unlängst erwähnt, daß ich gerne Tom Clancys Jack Ryan Bücher lese. (Call it a guilty pleasure…) Ich war auch sicher nicht die Einzige, die am 11. September 2001 ein Déjà Vu hatte – immerhin hatte der Autor diese Art von Terror schon 1994 in „Debt of Honor“ detailliert beschrieben. Im selben Buch schildert er auch, wie der Feind mittels gefälschter Video-/TV-Aufnahmen und tatkräftiger Hilfe der US-Presse in trügerischer Sicherheit gewiegt wurde. Die Erklärung von CNN nach dem Sieg lautete dann lapdar: „We were asked to cooperate with government deception operations, and after careful consideration, it was decided that CNN is, after all, an American news service…“.

Nun dreht also ein US-Unternehmen nach dem anderen Wikileaks die Luft ab. Zunächst wurden die Server mittels einer DOS-Attacke unerreichbar gemacht, angeblich von einem patriotischen US-Hacker. Daraufhin hat der DNS-Provider kurzerhand die Reißleine gezogen und die Domain abgeschaltet. Dann besinnt sich Amazon auf seine AGB und kickt Wikileaks aus der Cloud. Nun also auch PayPal. Man kann Wikileaks nicht mehr über PayPal unterstützen; ebenfalls aufgrund vorgeschobener AGB-Verletzungen. Fefe fragt ganz zu Recht, wie der Laden überhaupt hierzulande eine Banklizenz bekommen konnte. Artikel wie dieser hier (und eigene Erfahrungen) sagen klar: Finger weg von PP. Und wie hat es Lawblogger Udo Vetter so schön formuliert?

Ich frage mich jetzt, wann Google wohl die Seite, Julian Assange und Dokumente (und alle Mirrorserver) aus dem Index wirft. Was nicht zu finden ist, existiert ja auch nicht. They are an American search engine, after all. Und wie lange wird Facebook noch Gespräche über Wikileaks dulden? Immerhin haben sie erst vor kurzer Zeit bewiesen, daß unerwünschte Worte ruckzuck zensiert werden können und werden. Und auch beim Castor-Transport haben sie ratzfatz das Schottern dicht gemacht. Wann wird Twitter Wikileaks den Account dicht machen oder, subtiler, den Failwhale vorschieben?

Das Ministerium für Wahrheit US State Department hat in allen Behörden den Zugriff auf Wikileaks gesperrt und warnt klar mit unverhüllten Drohungen die Studenten vor Unterhaltungen und Aktionen pro Wikileaks im Social Web:

(via)

Auf gut deutsch: „Wer jemals einen Behördenjob haben will, hält besser die Klappe und surft nicht auf verbotenen Seiten.“

Parallel wird mehr oder offen zur Ermordung von Julian Assange aufgerufen und von manchem US-Politiker die Todesstrafe für den eigentlichen Informanten gefordert. Assange dürfte wohl auch der einzige Mensch auf der Welt sein, der nur zu Befragungszwecken (die Anklage wegen Vergewaltigung wurde ja fallengelassen) über Interpol zur Fahndung ausgeschrieben wurde. Ich warte ja darauf, daß der erste Bischof oder Kardinal wegen fortgesetzten Kindesmißbrauchs steckbrieflich gesucht wird… müßte ja nicht gleich international sein, schon national wäre das eine Sensation. Aber eher friert die Hölle zu.

Und was macht eigentlich unsere selbsternante Qualitätsjournallie, außer sich den Allerwertesten plattzusitzen und laut nach Schutzgeldern zu krakeelen? Vielleicht ist ihnen klar, daß früher ein Informant direkt mit brisantem Material an sie herangetreten wäre. Aber heute, da die qualitativen Unterschiede zwischen dem Klein-Kleckersdorfer Wochenblatt und der FAZ langsam zu verschwimmen drohen? Niemand erwartet, daß all das Wikileaks zugespielte Material ungeprüft in die Zeitung muß. Und es ist auch klar, daß Assange und seine letzten verbliebenen Getreuen diese Materialberge nicht allein und zuverlässig sichten und bewerten könnten, selbst wenn sie wollten. Aber sie wollen ja gar nicht – das ist nämlich Aufgabe der Presse. Die aber ist beleidigt, eifersüchtig und neidisch und hat ganz offensichtlich generell inzwischen große Probleme mit der Sichtung von Material, wenn über einer Quelle nicht dick „Pressemitteilung“ steht.

Das Traurigste ist aber, daß der Aufschrei der Politiker nicht annähernd so riesig war, als die Unterlagen zum Irakkrieg oder ihren dubiosen Afghanistanmachenschaften online gestellt wurden. Nein, erst jetzt, wo ihre schmierigen, schleimigen Lügen im Scheinwerferlicht stehen, wo es um Geheimnisse geht, die de facto keine sind, wo es persönlich wird und eine drohende Dokumentenwelle zum Thema Finanzmärkte angekündigt wurde, da beißen sie um sich.

Die Dokumente, die Wikileaks veröffentlicht, sollten nicht geheim sein. Sie sind Arbeitsunterlagen unserer Angestellten – der Staatsdiener. Insofern gibt es meiner Ansicht nach eine klare Pflicht zur Veröffentlichung, wenn schon nicht proaktiv, so doch auf Verlangen. In einer Demokratie sollte das selbstverständlich sein. Aber vielleicht sollten wir uns bei all dem Neusprech unserer Regierungsvertreter schon mal daran gewöhnen: „Demokratie“ ist das neue Wort für Diktatur. Jedenfalls wird erschreckend deutlich, warum seitens Politikern aller Couleur und aller Herren Länder so wiederholt laut und deutlich unter dem Deckmäntelchen der Kinderpornografiebekämpfung, des Jugendschutzes oder Urheberrechtsverletzungsbekämpfung nach Netzsperren und Zensurmechanismen geschrieen wird und der ePerso durchgeprügelt wurde. Ich schätze, spätestens 2013 wird man nur noch über staatlich lizensierte Provider auf ausgewählte Seiten kommen, und auch erst dann, wenn man sich vorab biometrisch ausgewiesen hat. Dystopie, my arse.

Update, 06.12. Schau an, netzpolitik.org hat sich mal die Trending Topics bei Twitter näher angesehen. Und, Überraschung! Da gibt es so einige Unstimmigkeiten. Wikileaks kommt nämlich nicht vor, trotz deutlich mehr Tweets pro Stunde als „Nikolaustag“, der in der Liste auftaucht.

Für Individualisten

Nun ist es also auch bei uns live, dieses Streetview. Meine Straße wurde nicht erfasst; sie ist wohl zu klein, oder zu uninteressant gewesen. Vielleicht hatte der Googlemobilfahrer auch einfach keine Lust, stundenlang hinter einem Umzugswagen zu stehen, nur um ein paar hübsche, aber unspektakuläre Backsteinfassaden und Schrebergartenhecken abzulichten. Vielleicht wohnt er auch in meiner Straße und hatte seine subversiven fünf Minuten, anders als die Kollegen an der ABC-Strasse, die ihm begeistert zuwinkten. „Sieh her, Welt, sieh’ her, Jeff Jarvis – es gibt hier nicht nur Verweigerer des  Kool-Aid Drinks!“ Ich weiß es nicht.

Vor dem Google Hauptquartier, Hamburg.  Bild © 2010 Google

Ich habe hier vor Monaten schon recht ausführlich dargelegt, warum ich gegen StreetView bin. Leider ist u.a. auch dieser Eintrag, mitsamt den vielen interessanten Kommentaren dazu, bei den Blogumbaumassnahmen verschütt gegangen. Aber Enno Park fasst den Kern drüben bei Carta sehr viel besser und präziser zusammen, als ich es wohl könnte:

Die Streetview-Verteidiger behaupten, Streetview sei eine Form von Öffentlichkeit. Ist es nicht. Streetview ist Google, nicht mehr und nicht weniger. Google kann jederzeit den Dienst manipulieren, kostenpflichtig machen, abschalten. […] Der öffentliche Raum bleibt vollkommen unangetastet – niemand sperrt Straßen und Plätze und verweigert uns den Zutritt.

Genau so ist es. Und ich will hier gar nicht groß auf den Terror des digitalen Mobs („Wir sind alle Individuen!“) eingehen, für den jeder, der nicht ihrer Meinung ist, bestenfalls ein kleingeistiger Spießer ist. Daß sich jemand ganz alleine seine Meinung bilden kann gilt offenbar als ausgeschlossen, solange sie der eigenen zuwiderläuft. Nein, da muss man natürlich ein Opfer des Lobbyismus, der Politiker und der Medienschranzen sein.

Das Gejammer der Vermieter war auch vorherzusehen. Da hatten sie sich nun schon die Hände gerieben, keine teuren Kleinanzeigen mit vielen Fotos mehr in den Immobilienportalen, und nun das: Ein Mietling hat doch tatsächlich ihr Haus verpixeln lassen! Und Google twittert schadenfroh:

Was nun, was tun? Verklagen? Ermorden? Wie soll man mit diesem Drama weiterleben?
Wie bisher, würde ich vorschlagen. Die positiven Dinge hervorstellen, wie man das als Verkäufer und Vermieter eben so macht: „Eine Objekt für Individualisten, das müssen Sie einfach selbst gesehen haben!“

Ein Herz für Blogs IV

Aktuell läuft der vierte Teil der Aktion „Ein Herz für Blogs“, bei der man seine Lieblingsblogs vorstellen soll um ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen und sie aus dem Insidertipp-Status herauszuholen. Dieser ist zwar sehr schön auf der nach oben offenen Coolness-Skala, aber sowohl bei Bars, Kneipen, Filmen, Klamottenlabels etc. doch eher schlecht fürs Geschäft und bei Blogs rauscht der Traffic auch nicht unbedingt durch die Decke. Das ist natürlich nicht unbedingt erforderlich, aber mehr Leser und Aufmerksamkeit hat doch eigentlich jeder Autor/Künstler/Musiker etc. gern. Darum sind solche „share/spread the love“-Aktionen auch immer prima und lobenswert. Daß das Ergebnis besser wird, wenn das verlinkende Blog selbst über einen gewissen Bekannheitsgrad verfügt, versteht sich von selbst. Und daß bei solchen Aktionen das verlinkende Blog natürlich dabei auch oft etwas Traffic bekommt, ist ein Nebeneffekt.

Es gibt Blogs, denen geht der Traffic mehr oder weniger hinten vorbei, weil sie aus Liebe und Lust am Bloggen geschrieben werden. Und es gibt Blogbetreiber, die genau das von sich behaupten, während sie ihre Zahlen frisieren „weil es doch ganz witzig wäre“, obwohl sie sich doch gar nichts aus Zahlen machen, ehrlich, wirklich nicht. Und dann gibt es noch Blogger, die offen und laut und deutlich sagen, daß sie vom Bloggen leben wollen und sich freudig, frech und oft manchmal jenseits der nach unten offenen Schamgrenze selbst vermarkten und 24/7/365 rotieren um a) zu widerlegen, daß man in Deutschland nicht vom Bloggen leben kann und b) weil es ihnen Spaß macht. Wer von den beiden letzteren authentischer und glaubwürdiger ist, mag jeder Leser für sich selbst entscheiden. Und ja, meine Sympathien sind klar verteilt, deal with it. („Die Plakette für den Zweitbesten hängt unten, in der Damentoilette.“)

Aber zurück zum Thema: Meine aktuellen Lieblingsblogs. Es ist eigentlich nur eines. Und ich habe es zumindest über Twitter auch schon einige Male gepusht, denn ich bin fast jeden Tag neu begeistert von diesem Fund. Es ist sehr persönlich, dabei aber politisch-gesellschaftlich hoch aktuell. Es ist absolut zeitlos. Es wird von einer Frau geschrieben, die ihr Handwerk versteht. Es wird aus Liebe und Lust am Bloggen und aus Liebe und Lust, aber auch Verzweiflung und Hoffnung über das Thema geschrieben. Fast jeder Eintrag bringt einen zum Lachen, manchmal fast zum Weinen, immer zum Nachdenken.

Ich habe dieses Blog an einem Tag zweimal von hinten nach vorne gelesen. Einmal allein, und dann jemandem vorgelesen, der keine Blogs liest und von diesem Blog genauso begeistert ist wie ich. Die einhellige Meinung ist: Warum ist das noch kein Buch? Dieses Buch würde ich zur Pflichtlektüre für Politiker, Bundestagsabgeordnete, Medienvertreter machen. Und wenn es ein Blog gibt, das den Grimmepreis wirklich verdient hat, dann dieses, Vallah!

Gefunden habe ich es über ein anderes Lieblingsblog, Die Rückseite der Reeperbahn. Bitte besuchen Sie jetzt und hier und heute und dann immer wieder:

Frl. Krise interveniert.

Ist ja Bombenstimmung hier!

Wir halten fest:

1. In den USA stehen Midterm Elections (Halbzeitwahlen) an. Die Wirtschaftskrise macht sich nach wie vor fett bemerkbar, Obama ist – Überraschung! – nicht der Heiland selbst und knietief im Umfragetief.

2. In den USA läuft der Patriot Act demnächst aus, mittels dessen Anwendung de facto die Bürgerrechte komplett außer Kraft gesetzt werden können. Nur eine vor Terrorpanik gelähmte und ruhig gestellte Bevölkerung ist eine gute Bevölkerung.

3. In Deutschland befindet sich die Regierungskoalition knietief im Umfragekeller; die Bilanz ein Jahr nach der Wahl ist alles andere als rosig. Nur eine vor Terrorpanik… etc. pp.

Ergo:

P.S.: Sämtliche Logistikkonzerne (DHL, Hermes, UPS etc.) haben hierzulande ein fettes Imageproblem.

P.P.S.:

Warum Wikileaks Irak-Dossier keine Gefahr für die Kriegsverbrecher ist

Nicht, weil das Team um Julian Assange in den Dokumenten sogar mehr Namen, Daten, Fakten geschwärzt hat als das Pentagon. Sondern weil es viel zu wenig Menschen wirklich interessiert, was da drin steht. Der Irakkrieg ist zu weit weg, räumlich, zeitlich und inhaltlich. Kein Mensch weiß mehr genau, wie und warum das alles angefangen hat. Machen Sie mal eine Umfrage in einer x-beliebigen deutschen Fussgängerzone. „Irakkrieg? Ach ja, 11. September, Saddam, Massenvernichtungswaffen, Bush, Blair, Achse des Bösen, blah, blah, blah. Die Amis haben geduldet, daß sich die Iraker weiter foltern? Na und? Das ist fast zehn Jahre her, die Amis schlachten sowieso alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, wir hier haben das Hemd doch näher als die Hose: Arbeitslosigkeit, Überfremdung, Islamisierung… herrje, wenn diese Turbanträger irgendwo da unten sich gegenseitig umbringen, hey, einer weniger, der bei uns Asyl sucht.“

Es ist einfach zu viel Information: zu viele Seiten (391.832), zu viele zivile Todesopfer (109.032), zu viele Orte, alles zu chaotisch. Das war schon beim Afghanistan-Dossier so, und da waren ja immerhin „unsere Jungens“ beteiligt. „Ach, die sind immer noch da? Egal, das ist einfach zu weit weg, da hab’ ich jetzt echt kein’ Kopf für, tut mir leid.“

Die Jungs vom Pentagon brauchen sich also gar nicht groß aufzupumpen: es interessiert keine Sau. Und selbst wenn es zu einer Anklage wegen Kriegsverbrechen kommen sollte, dann wird sich das Jahre hinziehen und am Ende werden die entscheidenden Beweise fehlen, verurteilt wird keiner oberhalb des Rangs eines Majors, vielleicht muss auch irgend ein zwei-Sterne-General in Frühpension gehen, dann wird er seine Memoiren schreiben („I did it for God and Country“), durch die Talkshows und den Bible Belt auf Lesetour tingeln und 2020 als Vizepräsidentschaftskandidat von Sarah Palin antreten.

Die Sache mit der Würde

Mangelnder Respekt vor den Bedenken der Menschen in Stuttgart gegen den großformatigen, teuren Umbau ihrer Stadt ist es, was die Situation dort vor 14 Tagen so hat eskalieren lassen. Wenn ein 66jähriger Ingenieur im Ruhestand, noch frisch von einem ganzen Leben professioneller Erfahrung (nach einer guten Ausbildung, die ihn dazu befähigt hatte, diese Erfahrung zu sammeln), protestiert, daß das, was die da bauen wollen, technisch und wirtschaftlich Quatsch ist (und die Erfahrung, das zu sagen, unterstelle ich ihm mal, angesichts der Eckdaten, die von ihm bekannt sind, wie ich dem chilenischen Präsidenten guten Willen unterstelle), dann hört man ihm zu, und schießt ihm nicht mit einem Wasserwerfer beide Augen aus.

Bitte dringend weiterlesen

Und anschliessend gerne noch das hier: Die Spätzle-Mafia.

Same Difference

„Forgetting the forgettable, there are three parties we can choose from. They represent, so far as I can see, the Same, Another Same and something New and Untried.There are powerful, in my opinion, reasons for believing either that the last thing we need now is discontinuity or for believing that we need fundamental change. In other words, I can see why we might want to plough on through the debt crisis that faces us with a reliable, if unexciting administration and I can also see why we might want absolutely to alter direction and experiment with new ways of hammering out consensus, compromise and pragmatic reform. What is harder to envisage is a new driver in the same car, a change that satisfies tribal loyalties but actually achieves nothing.“

Stephen Fry, „How I will vote…“

„Das kommt, weil das so ist.“

  • Veröffentlicht am 29th April 2010,
  • veröffentlicht von

„Das kommt, weil das so ist.“ - Das ist ziemlich offensichtlich, daß sich einige unter den Linken, Kriegsgegnern, Pazifisten, Vegetariern, Veganern, Feministinnen, St. Pauli-Fans, Atomkraftgegnern, Antifaschisten so fühlen. Ja, genau, das ist so, die fühlen sich so. Das macht sie allerdings weder zu Gutmenschen noch zu guten Menschen. Höchstens zu besonders dummen. Und damit unterscheiden sie sich dann null von ihren Gegnern, die sich ihrerseits genauso überlegen fühlen.

Zwei Seiten derselben Medallie, die sich am Wochenende wieder mal so richtig schön ausleben – angeblich im Namen, aber de facto auf Kosten der vernünftigen und friedliebenden Menschen in der Schanze und in Berlin und überall sonst wo gerade unter vorgeschobenen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Ansprüchen Bock auf Krawall herrscht.

Pflastersteine werden fliegen, Schaufenster zu Bruch gehen, Wasserwerfer in Marsch gesetzt, nach der epischen Berichterstattung der geifernden Medien, Eurem Komplizen in diesem perfiden Spiel, werden noch härtere und noch sinnlosere Gesetze gefordert und nach Abzug der Rauchschwaden auch durchgedrückt werden. Es wird Verletzte geben, vielleicht sogar Tote.

All dies nehmt Ihr billigend in Kauf, kalt lächelnd herabblickend von Eurem hohen Ross der moralischen Überlegenheit. Ein paar Tage später gibt es dann ein geschwurbeltes, selbstgerechtes Pamphlet aus dem Linke/Antifa-Textbausteinkasten, in dem sämtliche Schuld an den bedauerlichen Vorfällen auf unreife Einzeltäter geschoben und ansonsten der Gegenseite zugesprochen wird.

Das Schlachtfeld wird von Euren Opfern aufgeräumt: den Anwohnern, die die Schmierereien an ihren Häuserwänden übertünchen, den Geschäftsleuten, die schweigend zum Besen greifen und die Scherben ihrer Existenz wegfegen, den Männern und Frauen von der Stadtreinigung, die die abgefackelten Müllbehälter entsorgen und neue aufhängen, den Ärzten und Schwestern, die stillschweigend die Wunden der Unbeteiligten versorgen und natürlich auch Euch und Eure Gegner wieder fit machen für den nächsten Kampfeinsatz.

Es ist Eure geistige Armut, die mich so ankotzt.

Wir sind das Volk, aber wen interessiert ’s?

Der aktuelle Rundfunkstaatsvertrag besagt, daß Sendungen der öffentlich-rechtlichen Medien nur für einen begrenzten Zeitraum online angeboten werden bzw. verfügbar sein dürfen. Die gebührenfinanzierten Sender, denen von Seiten der Verleger und privaten Konkurrenz erst unlängst noch vorgeworfen wurde, sie drängten mit aller Macht ins Netz und wollten den Wettbewerb unfair verzerren, löschen daher gerade große Teile ihrer Onlinearchive.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Inhalte, die durch Gebührenzahler finanziert wurden, und von denen man also entsprechend erwarten können sollte, daß sie bis in alle Ewigkeit auf Abruf in Online Mediatheken stehen, werden gerade vorsätzlich gelöscht. Wer keinen Fernseher oder kein Radio besitzt, sondern nur einen PC oder ein entsprechendes Handy, wird bekanntlich ebenfalls von der GEZ zur Kasse gebeten, denn er könnte ja die Online-Angebote der ÖR-Sender nutzen. OK, man mag über die Höhe der Gebühren streiten und natürlich auch über die rüden Methoden der GEZ, den Schwarzsehern auf die Spur zu kommen. Auch die Frage, was teure Produktionen wie „Wetten, dass?…“ mit dem Auftrag der Grundversorgung zu tun haben, darf ruhig mal gestellt werden. Aber ich glaube, die meisten Menschen haben nichts per se gegen einen gebührenfinanzierten staatlichen Rundfunk. Nur die Verhältnismäßigkeit und Nachhaltigkeit sollte gewährleistet sein.

Unabhängig von der Frage der Finanzierung, und warum die Gebührenzahler kein Anrecht darauf haben ihre bezahlten Inhalte anzusehen, wann und wie sie es für richtig halten: Was ist mit dem kulturellen und historischen Aspekt? Sind diese Archive nicht  Teil unserer gemeinsamen Geschichte und damit auch Teil unserer Zukunft? OK, ich vermute und hoffe mal, daß die Daten nicht unwiederbringlich gelöscht werden, sondern nur nicht mehr öffentlich zugänglich sind. Sie werden wahrscheinlich weiterhin in den Kellern der Sender schlafen und ggf. vermodern. Vielleicht werden irgendwann nur noch akkreditierte Wissenschaftler und Forscher Zugang zu einer Tagesschausendung von 1990 haben. Aber macht es das besser?

Zu einer anderen historischen Baustelle: Das Fraunhofer-Institut wird vermutlich Ende nächsten Jahres die Pilotphase des e-Puzzler-Projekts abgeschlossen haben. Der e-Puzzler soll aus den rund 15.000 Säcken mit Papierschnipseln, die Stasi-Angestellte in den letzten Minuten des DDR-Regimes aus den Akten fabriziert hatten, eines Tages wieder les- und verwertbare Dokumente machen. Die Kosten für das Projekt liegen irgendwo zwischen 40 und 40 60 Millionen Euro, ca. 6,3 Millionen EUR sind bislang geflossen, woher die restliche Summe kommen soll steht in den Sternen. Einen interessanten Artikel über das Projekt hat TIME.com diese Woche online gestellt.

Ich habe weder an den Inhalten von ARD, ZDF & Co. noch an den Stasi-Akten ein persönliches Interesse. Insofern könnte es mir bestenfalls egal sein, wie viele Gebühren und Steuergelder dort jeweils fliessen. Aber ich bin nicht der Nabel der Welt und ich glaube, ein Volk kann es sich nicht leisten, kein Geld für die Dokumentation der Vergangenheit auszugeben. Sonst hat es keine gute Zukunft.

Wake up and smell the Bullshit (aktualisiert)

Ich habe ca. ein Dreivierteljahr vor Roberts Verkauf von basicthinking.de aufgehört, das Blog zu lesen. Es hat mich einfach nicht mehr interessiert. Nach Übernahme durch das neue Redaktionsteam war ich noch nicht einmal dort und sah bislang auch keinen Anlass dazu. Heute stieß ich auf einen Artikel im YuccaTree Blog, wo sich der Autor darüber empört, daß die meisten User wohl keine Lust haben basicthinking.de direkt zu besuchen, statt die Artikel in einer offenbar neuerdings gekürzten Fassung im Feedreader zu lesen. Die Redakteure müßten ja auch von etwas leben und sollen jetzt unter Brücken schlafen… User, die alles kostenlos wollen… blah blah, blah.

1. Wer interessante Dinge mit einem Mehrwert für den Nutzer bloggt, wird auch gelesen. Selbst wenn er verkürzte Feeds oder Artikelanrisse im Blog anbietet und der User eben einmal mehr klicken muss.
Ich habe über 300 Feeds abonniert, davon sind etwa 10 Prozent gekürzt, zeigen also nicht den vollen Inhalt der Artikel. Nicht bei jedem Artikel klicke ich auf “mehr”, aber bei einigen schon – wenn sie ein Thema behandeln, das mich interessiert. Das erfahre ich natürlich nur, wen der Redakteur oder Blogger die ersten Absätze entsprechend interessant geschrieben hat. Wenn sein Artikel allerdings nur so dahin mäandert und erst im letzten Absatz der springende Punkt kommt, hat der Autor leider Pech gehabt. Kein Klick.

Basicthinking hat nach eigenen Angaben über 320.000 Besucher im Monat. Das sind mehr als so einige IVW-geprüfte kommerzielle Angebote vorzuweisen haben. Nicht schlecht für ein Blog, und ein beredtes Zeugnis für die interessanten und offenbar gut aufbereiteten Inhalte.

2. Man kann Feedabonnenten zählen und in auch Feeds Werbung einblenden. Das ist keine Raketenphysik, man muß dafür nicht Informatik studiert haben. Und seinen Werbekunden gegenüber kann man dann sogar noch anbieten: “Mein Blog wird von x Leuten täglich besucht, und weitere y Leute lesen es täglich im Feedreader, und von denen wiederum klicken z Leute dann auch noch auf weiterführende Links um mehr zu erfahren. Sie können also zusätzlich auch noch im Feed werben!”

3. Man kann seine Inhalte auch für mobile Endgeräte optimieren, z.B. fürs iPhone. Nein, man muß keine App dafür programmieren. Nicht einmal sonderlich viel Zeit investieren, etwa 5 Minuten sollten reichen. Es reicht ein WordPress-Plug-in wie beispielsweise das von Alex King (basicthinking.de läuft auf WordPress). Vorteil: User, die den Feed auf dem Smartphone lesen (und das ist ja insbesondere bei einem IT-Blog nicht wirklich unwahrscheinlich), haben weniger Hemmungen, vom Feed auf die Seite zu wechseln.

Den Leuten vorschreiben zu wollen, wie und wo sie Inhalte zu konsumieren haben – das funktioniert heute nicht mehr. Das sollte sich eigentlich herumgesprochen haben, dachte ich.

Es kann gut sein, daß das alles nicht für genügend Einnahmen sorgt. Das ist sogar wahrscheinlich. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Man betreibt das Blog aus Leidenschaft und sieht jegliche Art von Werbeeinnahmen als nettes Zubrot, arbeitet aber ansonsten anderweitig für sein Geld (Shopblogger, Saftblog und ungezählte andere). Das machen die meisten Blogger, und nur sehr , sehr wenige können ausschließlich von den Werbeeinnahmen ihres Blogs leben, nicht einmal Deutschlands bekanntester Blogger Sascha Lobo, wie’s aussieht. Vielleicht Spreeblick, keine Ahnung.

Oder man sieht das Blog als steuerabzugsfähige Werbeausgabe für die dahinterstehende Firma. Werbung kostet halt Geld. Nicht werben auch. Wenn man sich die Werbung nicht mehr leisten kann, wird sie eben eingestellt. Die Firma dann meist auch. Das kann die angestellten Redakteure/Blogger ihren Job kosten, aber hey, that’s life. It sucks and then you die. Wenn eine Firma die Werbeagentur wechselt, sind meist auch plötzlich eine Menge Leute arbeitslos, die den Etat zuvor betreut haben.”Deserve got nuthin’ to do with it”. Mund abputzen, weitermachen.

Nachtrag: Nachdem Felix Schwenzel hier sehr schön die Lage zusammengefasst hat, gibt es nun auch noch einen Nachschlag von basicthinking.de. Leider outet sich der Autor als komplett merkbefreit:

Basic Thinking ist kein Hobbyprojekt, ich glaube, dass ist vielen nicht klar. Ich schlurfe nicht morgens im Bademantel zum Computer, stelle die Kaffeetasse ab und sage: “So, wat hammwa denn da?”, um danach “ein wenig zu bloggen”

Guess what: Das werden wohl die wenigsten Blogger tun, auch wenn das Bild ja immer wieder gerne mal von der Bratwurstjournallie bemüht wird. Aber wer seinen Traum leben will und sein Geld mit seinem Hobby verdienen, der sollte a) verdammt gut sein und möglichst einzigartig oder wenigstens eine echte Kapazität seines Fachs, b) vorab überlegen wovon er leben will, wenn es nicht klappt und einen realistischen Plan B haben (“Mach was Sicheres Kind / Denn noch ist nicht alles hin!”) und nicht die beleidigte Leberwurst geben, wenn das eigene Genie vom Publikum nicht erkannt wird.

Dann folgt eine end- und freudlose Schilderung seines ach so aufreibenden Tagesablaufs, den man auch ganz gut unter “wir nennen es Arbeit” subsummieren könnte. Nichts, was nicht andere Tausende “Webworker” auch täglich machen, gute Zeiten, schlechte Zeiten, Leben eben.

Ich beschwere mich nicht, ich habe mir diesen Job ausgesucht – er macht mir Spaß. Doch er ist kein Hobby. Er ist ein Beruf, mit dem ich, Marek und die anderen bei uns den Lebensunterhalt verdienen müssen. Und nicht zuletzt steht hinter dem Blog ein Betreiber, der wohl früher oder später auch etwas dafür sehen möchte, dass wir seine Räumlichkeiten und die Technikinfrastruktur nutzen dürfen. Wie lange wird ein bislang defizitäres Projekt in den heutigen Tagen noch gesponsert? Wenn Basic Thinking sich nicht selbst trägt, wird der Laden dicht gemacht. So einfach ist das.

Tough shit. Basicthinking.de wurde damals medienwirksam für einen Betrag ersteigert, für den man auch eine viertel bis halbe Anzeigenseite in einer Tageszeitung hätte schalten können. Mit dem ganzen PR-Rummel hat man deutlich mehr Werbewert für sein Geld bekommen, die Aktion dürfte also als erfolgreich gewertet werden. Nun hat die Werbewirksamkeit für den Käufer inzwischen nachgelassen und man möchte gern Geld mit dem Projekt verdienen. Nur leider hat man sich vorab kein Businessmodell überlegt, sondern vermutlich “das wird schon noch” gesagt haben, wenn überhaupt so weit gedacht. Und nun stellt man fest, daß es eben nicht noch wird und daß die User einen vielleicht ganz gern lesen, aber nicht so gern, daß sie dafür bezahlen möchten oder ihre Lesegewohnheiten komplett umstellen. Statt einen neuen echten Mehrwert zu bieten, nimmt man ihnen stattdessen etwas weg, an das sie sich gewöhnt hatten: den kompletten Feed.

Daß einige Kommentatoren sich im Ton vergriffen haben ist unbestritten, aber warum hat man diese Kommentar nicht kommentarlos gelöscht? Warum verhöhnt man sein Publikum noch?

“ich denke, dass gerade Leser, die unsere Texte mögen, diese 0,3 Kcal am Tag aufbringen können.”

“Wie sieht es mit Paid Content aus? Ein kostenpflichtiger Zugang zum Blog! Ah, wollt ihr nicht… ich verstehe. Na, dann halt Bannerwerbung, vielleicht etwas auf TKP-Basis. Ach…”

Mit Honig fängt man mehr Fliegen als mit Essig. Ist es Sache der User, sich ein Businessmodell für Euch auszudenken? Wohl kaum.
Ich habe basicthinking wie gesagt seit ca. anderthalb Jahren nicht mehr gelesen (s.o.), aber wäre ich Abonnent, so flöge Euer Feed spätestens jetzt achtkantig aus meinem Reader. Die 0,3 Kcl würde ich dafür freudestrahlend investieren.

Das blöde Volk?

  • Veröffentlicht am 2nd Dezember 2009,
  • veröffentlicht von

Ein Land wie die Schweiz, das uns in Sachen Demokratie um ein paar hundert Jahre voraus ist, das ein klassisches Einwanderungsland ist und auf hundertprozentigen gelebten und erklärten Integrationswillen der Zugezogenen pocht, bevor man einen Schweizer Pass beantragen darf; ein Land, das Elemente der Basisdemokratie in seiner Verfassung verankert hat um die wir Internetbewohner hierzulande es meist sehr beneiden, wenn wir mal wieder eine Onlinepetition starten, die dann von unseren Regierenden ignoriert wird… solch ein Land kann uns nur als Vorbild dienen.

Demokratie bedeutet auch aushalten zu können, gelegentlich mit der eigenen Meinung der Mehrheitsauffassung zu unterliegen. Die Schweizer Basisdemokratie ist das Gegenteil von unserer deutschen Version, wo hauptsächlich gilt: Wer seine Stimme erst abgegeben hat, hat anschließend nichts mehr zu sagen. Und das Volk ist sehr selten so blöd, wie es die Lobbyisten, weichgespülten oder gekauften Medienvertreter und die politisch-korrekten Berufstoleranzler es gern behaupten.

Vergleiche mit den Protesten gegen die Hamburger Schulreform wurden laut (u.a. in der ZEIT). Doch haben hier keinesfalls nur die Eltern aus den bessergestellten Häusern protestiert, sondern Eltern aller Schichten und Stadtteile, auch auf der Veddel und in Wilhelmsburg. Es ging ihnen weniger darum, sechs Jahre gemeinsames Lernen zu verteufeln. Es ging darum, daß dieses Konzept so wie der Senat es angedacht hat, überhaupt nicht finanzierbar ist, in keiner Weise zu Ende gedacht und außerdem die Eltern entmündigt werden sollen. Die Entscheidung ob ein Kind künftig eine Zukunft haben wird oder nicht soll voll und ganz den Lehrern überlassen und die Eltern nicht einmal mehr ein Mitspracherecht haben, ob ihr Kind eine weiterführende Schule besuchen darf. Alle Versuche der Medien, das Ganze zum Klassenkampf hochzustilisieren sind angesichts des Ergebnis der Unterschriftensammlung zu Staub zerfallen: Es wurden überwältigend mehr Unterschriften gesammelt als nötig, eben auch in den ärmeren Vierteln der Stadt, in denen eine hohe Anzahl an Migrantenkindern vorherrscht. Nein, das Volk ist keineswegs blöd.

“Ihr werdet Euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen” heißt ein berühmter Tweet dieses deutschen Wahljahres. Sein Autor hatte ganz eindeutig nicht die Entscheidung der Schweizer Bevölkerung im Sinn, als er ihn losließ und nimmt großen Anstoß an Henry Broders Kommentar zur schweizer Entscheidung. Klar, Broder polemisiert wie immer, aber auch wenn ich seine tit for tat Begründung so nicht unterschreiben würde, so steckt doch mehr als nur ein Körnchen Wahres in diesem Abschnitt: “Dieselben Pappnasen, [...], die nicht müde werden, zu behaupten die Hamas sei “auf demokratischem Weg”an die Macht gekommen, werden die Mehrheitsentscheidung der Schweizer als “undemokratisch” verurteilen[...].”

Update: Und da haben wir schon ein schönes Beispiel, daß Broder so falsch nicht lag: Der “rote Dani”, wie 68er Alumni Daniel Cohn-Bendit früher gern genannt wurde und der heute als Fraktionspräsident der Grünen im Europaparlament sitzt, fordet im tagesanzeiger Saudi-Arabien & Co. dazu auf, ihre Gelder aus der Schweiz abzuziehen. Außerdem müßten die Schweizer “noch einmal abstimmen”. Ich will jetzt gar nicht groß damit anfangen, daß ausgerechnet Saudi-Arabien nicht eben Vorbildcharakter hat, was die Einhaltung der Menschenrechte betrifft und auch im Ranking sonstiger Freiheiten keinen Top10-Platz belegt. (Weswegen es bislang vermutlich auch aus diesem Land noch keinen offiziellen Kommentar zum Schweizer Abstimmungsergebnis gab, soweit ich sehen kann. Korrigiert mich gerne.) Wie gesagt, tit-for-tat ist nur bedingt sinnvoll in meinen Augen. Das Volk aber wie einen ungezogenen Hund zu behandeln, der so lange “pfui” zu hören kriegt, bis er endlich das tut, was sein Herrchen von ihm will… das ist so sinn- und hilflos wie anmassend. Deutlicher kann ein Politiker nicht zeigen, wie weit entfernt er von den Wählern lebt.

Wo warst Du am 9. November 1989?

  • Veröffentlicht am 9th November 2009,
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Cem und viele andere schreiben gerade ihre Memoiren, oder zumindest das auf, was sie von ihrem Tagesablauf am 9. November 1989 noch erinnern.

Ich kann das nicht so genau beantworten, wo ich damals war und was ich gerade gemacht habe. Ich erinnere mich eher an den 30. September 1989. Da war ich gerade auf Sylt, hatte Herbstferien und arbeitet wie im Fieberwahn an meiner Semesterabschlußarbeit. Ich studierte damals im 4. Semester Grafikdesign und frickelte mit Letracopy, Typometer, Skalpell, Ziehfeder und Deckweiß (simulierte Blindprägung) auf Reinzeichenkarton 4G einen Hochglanzprospekt für ein Kosmetikunternehmen zusammen. Im Hintergrund lief irgendwas im TV und ich fluchte über das trübe Licht der Eßzimmertischlampe unserer gemietete Wohnung, daß mein Doppeltesaklebeband alle war und darüber, daß der Rest der Familie langsam essen wollte und ich ergo “endlich den Wohnzimmertisch freischaufeln” sollte.

Als Genscher gegen 19 Uhr auf den Balkon der Prager Botschaft trat, war meine Laune entsprechend auf dem Nullpunkt. Als zu mir durchdrang was sich da gerade ereignete, war ich ziemlich sprachlos. Der Rest der Familie auch, das Abendessen verlief irgendwie sehr schweigsam. Jeder dachte nur “das gibt’s doch nicht.” Es gab Schnittchen, dazu Cornichons und Weintrauben. Die Tage bis zum 9. November (und auch die danach) verbrachten wir ziemlich durchgehend vor dem Fernseher, haben uns riesig gefreut und endlose Nächte debattiert, das ist alles ein einziger Bilderrausch, den ich nicht mehr auseinanderhalten kann. Ich kannte West-Berlin, „New York, Rio, Tokyo“ und fand mit verbundenen Augen Maui, Hawaii auf dem Globus. Leipzig, Dresden, Magdeburg waren für mich weiter weg als der Fra Mauro Krater. Ossis waren Aliens, was mich betraf.

Den Dummy des Prospekts habe ich noch, als eines der ganz wenigen handverlesenen Überbleibsel meiner fürs Studium angefertigten Werke. Inzwischen war ich in Leipzig, Schwerin und Meck-Pom. Ich habe in den letzten zwanzig Jahren mit Kollegen aus allen Bundesländern zusammengearbeitet. Von manchen erfuhr ich erst nach Monaten, daß sie “von drüben” sind. War aber irgendwie auch egal.

Das sind ganz normale Leute da.

Wo liegt das Problem?

  • Veröffentlicht am 30th August 2009,
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Vor ein paar Monaten war es bereits einmal Thema; Welt Online griff es diese Woche wieder auf und SpOn hat nun heute erneut von einem “Problem” gesprochen: Was, wenn die Ergebnisse der Exit Polls vor Schließung der Wahllokale schon über Twitter bekanntgegeben werden und bis dato noch unentschlossene Wähler mobilisieren? Das soll dann Wahlmanipulation sein.

Bin ich jetzt zu blöd um das zu verstehen, oder ist das ein Haufen gequirlter Hühnermist? Die Exit Polls sind hochgerechnete Stichproben und es könnte theoretisch jedermann selbst eine solche mit Mikro und Kamera oder Stift und Papier vor seinem Wahllokal durchführen und veröffentlichen. Wer bis eine Stunde vor Toresschluß noch nicht gewählt hat, wird sehr wahrscheinlich auch nicht mehr hingehen, insofern dürften da keine erdrutschartigen Verschiebungen mehr stattfinden. Glaubt hier wirklich jemand, da sitzen Heerscharen von noch nicht entschlossenen Wählern gebannt vor Twitter und stürzen dann auf Kommando an die Urnen, um doch noch das Zünglein an der Waage zu spielen?

Aber selbst wenn – wo liegt denn der gravierende Unterschied zu einer Prognose vom Wahlmorgen oder -vorabend? Und es ist ja nicht so, als würde man hier Kinder, Hunde und andere nicht wahlberechtigte Wesen an den Haaren an die Urnen schleifen. Jeder Wahlberechtigte hat das Recht, seine Stimme bis zum Schluß abzugeben und sich bis zum Schluß über die Wahl Gedanken zu machen und natürlich auch die Partei zu wählen, die ihm seine Stimme wert ist. Es ist egal, ob ihn seine Frau bekniet, den Allerwertesten von der Couch zu heben und wählen zu gehen oder jemand aus seiner Twitter Timeline.

Auch nicht ganz unrecht hat übrigens noidea_hh, der die Frage aus einem etwas anderen Blickwinkel stellt:

Die Parteien haben Angst vor diesem Internet und seinen Bewohnern, weil sie es nicht verstehen. Und die menschliche Reaktion auf Dinge, vor denen wir Angst haben, lautet meist “mach’ es tot!”. Also totschweigen, wenn das nicht geht verteufeln und mit Dreck bewerfen, es lächerlich machen, versuchen, es im Keim zu ersticken oder wenn möglich schlicht und einfach verbieten. Das wird mit dem Netz nicht funktionieren, denn Menschen reden nun einmal gern miteinander, teilen sich mit und tauschen sich aus. über Belangloses, über Gehaltvolles, über Produkte, über Erlebnisse, über Träume und Wünsche, über Kinder, Jobs, Sport und manchmal auch über Politik. Sie tun das im Café, am Brunnen, in der Flughafenlounge, im Bus, im Park, am Telefon und im Internet. Und je verbotener das Thema, desto heißer das Getuschel. “Deal with it”, wie die Amerikaner sagen. “Kommt damit klar.”

R.I.P. Robert McNamara (1916-2009)

  • Veröffentlicht am 7th Juli 2009,
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Wir, die Mitglieder der Regierungen Kennedy und Johnson, die an den Entscheidungen über Vietnam teilhatten, handelten entsprechend dem, was wir für die Prinzipien und Traditionen unseres Landes hielten. Wir trafen unsere Entscheidungen  anhand dieser Wertvorstellungen. Aber wir haben uns geirrt, schrecklich geirrt. Und wir sind künftigen Generationen eine Erklärung schuldig, warum das so war.

Quelle: Robert McNamara, “Vietnam, Das Trauma einer Weltmacht”, Goldmann Verlag, München

Qualitätsjournalismus, my arse!

  • Veröffentlicht am 8th Juni 2009,
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Falls sich noch irgend Jemand fragen sollte, warum ich meine Zeit nicht gerne mit dem Lesen bzw. ansurfen der Onlineauftritte etablierter Medienerzeugnisse verplempere, so bekommt er hier bei Stefan Niggemeier eine wunderbare Begründung serviert.

Unter der überschrift “Frank Schirrmacher erhält Ludwig-Börne-Preis” geht’s im dann folgenden Text bei Stern.de plötzlich um Beyoncés neuen Kinofilm. Na gut, hör’ ich Euch sagen, kann ja mal passieren, daß einem Redakteuer das durchrutscht. Nur daß es denselben Fehler auch bei den Onlineauftritten der Märkischen Allgemeinen, dem Donaukurier, den Westfälischen Nachrichten, ZEIT ONLINE, Sueddeutsche.de, der Osnabrücker Zeitung, der Lausitzer Rundschau, NWZ, der Rhein-Neckar-Zeitung und vielen weiteren Onlineablegern etablierter Holzmedien gibt.

Wie das passieren kann? Rein technisch betrachtet ganz einfach: die dpa hat den ursprünglichen Fehler gemacht und ihre Meldung so rausgeschickt. Ihre Kunden, also alle o.g. Medien und natürlich viele weitere, lassen die Meldungen der dpa (und die anderer Agenturen) automatisiert durch ihr “Content Management System”, ihr Redaktionswerkzeug laufen, das die fertige Onlineseite publiziert. Garbage in – garbage out.

Die interessantere Frage ist, warum es nicht einem einzigen Redakteur aufgefallen ist, daß da überschrift und Text null zusammenpassen. Wer also sprachlos ob der Demonstration solch geballter Inkompetenz bei den “professionellen” Schreibern sein sollte, der genieße nun noch die Kirsche auf der Sahnetorte, den Kommentar eines sich anonym windenden Akteurs in diesem Drama.

Ach ja – wer sich die Screenshots genauer anschaut wird auch feststellen, daß nicht bei jedem Qualitätsmedium die Quelle der Nachricht – dpa – genannt wird. Und wie ein weiterer Kommentator anmerkt:

Die fehlerhafte dpa-Meldung ist jetzt ca. 24h alt. Dieser Blogartikel über 16h. Aktuell stehen 10 der 13 verlinkten Artikel noch immer fehlerhaft online, lediglich die Neue Osnabrücker Zeitung, die Rhein-Neckar-Zeitung und die Nord-West-Zeitung lassen den Link – kommentarlos – ins Leere laufen.

Professioneller Journalismus in Reinkultur.

„To Protect And To Surf“

  • Veröffentlicht am 14th Juni 2007,
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Seit fünfzehn Jahren bin ich Mitglied der Surfrider Foundation, einer non-profit Organisation von Surfern und Ozeanliebhabern, die sich aktiv fuer den Schutz der sieben Weltmeere und der Kuesten stark machen. Aus einer kleinen Gruppe US-amerikanischer Surfer, die taeglich unmittelbar feststellten wann es vor Ort im Wasser wirklich uebel wird, wurde ueber die Jahre eine weltweit ernstzunehmende Organisation mit Dependencen in Japan, Australien, Brasilien und Europa. In oertlichen Gruppen (chapters) sorgen sie seither durch Aufklaerung und gezielte Aktionen fuer mehr Aufmerksamkeit gegenueber der Verschmutzung der See und der Straende und machen sich u.a. auch fuer den allgemein freien Zugang zum Strand und zum Meer stark. Surfrider fuehrt Wassertests durch, organisiert Strandsaeuberungs- bzw. aufraeumaktionen, betreibt Aufklaerungsarbeit in Schulen und an Unis und mischt sich aktiv in die Lokalpolitik der oertlichen Kommunen ein – getreu ihrem Motto To Protect And To Surf. Unterstuetzt werden sie dabei z.B. von Pros wie Kelly Slater, Rob Machado, Laird Hamilton, Joel Tudor und surfenden Stars wie Pearl Jams Eddie Vedder, Incubus’ Ben Kenney und Brandon Boyd oder Pennywise-Saenger Jim Lindberg.

Es hat mich immer etwas traurig gemacht, dass es in Deutschland keine local chapter gibt. Das europaeische Hauptquartier sitzt in Biarritz, Frankreich und hat inzwischen seine Website gelauncht – sie besteht hauptsaechlich aus einem under construction Teil und einem brandneuen Blog.
Als surfverrueckte Hamburgerin bin ich kein unmittelbarer Anrainer der Nord- oder Ostsee und surfe mit meinem Longboard auch meist mehr auf Asphalt als auf tatsaechlichen Wellen. Ich beobachte erfreut, dass z.B. auf Sylt das Wellenreiten, insbesondere das longboarding, mehr und mehr Zulauf bekommt, aber ein oertliches oder wenigstens norddeutsches Chapter scheint es noch nicht zu geben. Die Muenchner sind uns da voraus und haben offenbar im November letzten Jahres losgelegt. Falls es unter meinen Lesern Surfer oder wasserverrueckte Idealisten gibt, die sich mit mir fuer ein norddeutsches Chapter stark machen wollen, wuerde ich mich freuen.

Wie man sich in den Knast googeln kann

In David Finchers dunklem Meisterwerk Se7en (Sieben) kommt die Polizei dem Killer auf die Schliche indem sie überprüft, wer wann welche themenrelevanten Bücher (über die sieben Todsünden) aus öffentlichen Bibliotheken ausgeliehen hat. Sowohl die Sammlung dieser Daten, als auch deren Nutzung war zu der Zeit als der Film entstand illegal und hätte nicht vor Gericht verwendet werden dürfen, im Gegenteil: Die Beamten wären vermutlich in Teufels Küche gekommen, wären ihre Ermittlungsmethoden bekanntgeworden.

Se7en war nur ein Hollywoodfilm. Inzwischen hatten wir 9/11, und die US-Behörden sammeln und nutzen mit entsprechend geänderten bzw. neu durchgedrückten Gesetzen alles an Daten, was sie über ihre eigenen Büger als auch die anderer Staaten (z.B. bei einem Flug in die USA) in die Finger bekommen können. Dabei versichern sie sich der engen Mitarbeit und Unterstützung der ISPs und Firmen wie Google, die herzlich gerne ihrer patriotischen Pflicht nachkommen: Google speichert IP Adresse, cookies und alle Suchbegriffe, die der User eingibt, “solange wie nötig” (also ggf. bis die Hoelle überfriert). Wer also nicht mehr ganz sicher ist, wie U2s Album richtig heisst und nach “How To Build An Atomic Bomb” googelt (statt nach “How To Dismantle An Atomic Bomb”), oder wer einen Thriller schreibt und sich über todsichere Mordmethoden informieren will, kann zumindest in den USA unter Umständen mit Besuch von Agent Smith und Co. rechnen. Mehr dazu hier.