Ab und zu stolpere ich über Artikel im Netz, bei denen ich nicht so genau weiß ob ich lachen oder weinen soll. Einer davon ist dieser hier, bei dem ich, je häufiger ich ihn lese, aus dem Lachen nicht mehr herauskomme.
Das fängt schon an beim Artikelbild, wo auf einem Stock Photo eine moderne Karrierefrau, die vor der Weltkarte steht und Fenster putzt Vier Gewinnt spielt sinnlos auf Kreise tippt offenbar traurig ihrer Karriere nachwinkt. Woran erkenne ich, daß es sich um eine moderne Karrierefrau handeln muss? Sie ist dunkelhaarig (Blondinen sind bekanntlich blöd oder wenigstens zickig, rothaarige Frauen sind sexbesessene Schlampen und nur Brünette wirken kompetent), trägt eine hellblaue Bluse (die einzige Farbe neben weiss, die die Karriere in Bank oder Büro nicht nachhaltig ruiniert) und daß sie modern ist, beweist ihr offenes Haar: noch in den 80ern hätte das natürlich zum züchtigen Knoten frisiert sein müssen, alles andere wäre schlampig gewesen. Aber moderne Frauen dürfen ihr Haar auch mal offen tragen, klar. Wo war ich?
Weiter geht’s mit der Einführung. Peer Bieber ist der Gastautor und Gründer einer Recruitingwebsite und legt gleich mal knackig los: „Frauen sind die besseren Netzwerker, bekommen aber trotzdem dreimal weniger Jobangebote als Männer über Online-Netzwerke.“ schreibt er, leider ohne das irgendwie näher mit Zahlen, Daten, Fakten zu belegen („eine Umfrage der Talentfrogs.de vom Dezember 2012“), aber ich glaub’s ihm gerne, zumindest den zweiten Teil. Denn wenn der erste Teil stimmen würde, bräuchte es meiner Meinung nach seinen Artikel nicht, aber das ist ein anderes Thema. Auch mit seiner nächsten Prämisse, daß die Eigenpräsentation in Businessnetzwerken wie Xing oder LinkedIn „ein absolutes Muss“ für Menschen sei, „die sich geschäftlich weiterentwickeln wollen“ habe ich so meine Probleme. Vorsichtig formuliert halte ich das für sehr branchenabhängig. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, daß ich in meiner Zeit bei Xing hauptsächlich von Vertrieblern, Selbstdarstellern und windigen Typen angesprochen wurde, die mir etwas verkaufen wollten oder in erster Linie ihre Kontaktsammlung aufblähen, weil viel offenbar viel hilft oder wenigstens dem flüchtigen Betrachter und Leuten wie Herrn Bieber imponiert. Ich bin daher schon lange nicht mehr bei Xing, allerdings bei LinkedIn, welches übrigens auch ein völlig anderes Publikum anspricht als Xing.
Im angelsächsischen und besonders angloamerikanischen Raum ist es übrigens verpönt, bei einer Bewerbung explizit sein Geburtsdatum, Geschlecht, oder Foto anzugeben bzw. zu zeigen. Personaler sollen ausschliesslich aufgrund der beruflich relevanten Fakten entscheiden und ihre Vorurteile gegenüber Menschen einer bestimmten Altersgruppe oder einer bestimmten Ethnie aussen vor lassen können. Mit dem Gedanken der Blindbwerbung wird inzwischen auch in Europa immer häufiger gespielt; wenngleich das natürlich im Zeitalter des Internets und der immer wichtiger werdenden Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken immer schwieriger wird.
Kommen wir zu Biebers erstem Kritikpunkt, dem nicht vorhandenen Foto. Es stimmt, daß ein Bild auf Xing (und in jeder Art von sozialem Netzwerk) die Chancen dramatisch erhöht, angesprochen zu werden. Wer sich entschlossen hat, auf Businessplattformen wie Xing oder LinkedIn aktiv zu sein, fährt besser mit einem Bild im Profil, jedenfalls wenn er oder sie aktiv netzwerken möchte und nicht nur Karteileiche spielen. Im dazugehörigen Tipp schreibt Bieber: „Nehmen Sie ein freundliches Bild für Ihr Business-Profil. Stellen Sie auf keinen Fall ein Urlaubsbild ein. Sie wollen sich an dieser Stelle professionell präsentieren.“ Auch hier gibt es keinen Widerspruch von mir, wenngleich ich nicht ganz so dogmatisch wäre in Sachen Urlaubsbilder; die meisten Menschen sind im Urlaub entspannter und wirken freundlicher, haben vielleicht sogar etwas Farbe im Gesicht und ein netteres Lächeln. OK, Skihelm, Sonnenbrille, Badeanzug sollten natürlich möglichst nicht mit drauf sein, es sei denn man ist Skilehrerin, Animateur im Club oder Rettungsschwimmer, aber das versteht sich ja von selbst. Aber warum gilt dieser Tipp angeblich nur für Frauen? Wenn ich so im Geiste meine Xing-Kontakte von früher durchgehe (oder meine aktuellen LinkedIn Kontakte), so gab und gibt es mindestens so viele Männer wie Frauen mit unprofessionellem Profilbild. Biebers eigenes Bild (unten im Artikel) wäre übrigens noch vor gar nicht all zu langer Zeit als völlig unprofessionell angesehen worden: Ein Mann ohne richtigen Haarschnitt, unrasiert, ohne Krawatte … nun, ich wäre vorsichtig mit Wertungen, die sind immer abhängig vom Zeitgeist und vom Auge der Betrachterin.
Als nächstes schreibt Bieber, „Frauen neigen dazu ihre sozialen Kompetenzen, wie Kommunikationsstärke, Organisationstalent, etc., aufzulisten, anstatt ihre Fähigkeiten in bestimmten Software-Programmen zu nennen. Bei der Suche nach einer neuen Mitarbeitern konzentrieren sich Personaler zuerst auf die harten Fakten und danach erst auf die sozialen Stärken.“
Mal abgesehen davon, daß es nicht bei jeder Position um Software-Programme geht, bzw. die Nennung von Kenntnissen in beispielsweise MS Office Programmen in den meisten Bürojobs ähnlich vorausgesetzt wird wie die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können und eine extra Betonung dieser Kenntnisse eher ein Stirnrunzeln hervorruft: Sehen Personaler wirklich zuerst auf die harten Fakten? Ich weiss es nicht. Einige ja, andere nicht, ich glaube inzwischen nach rund zwanzig Berufsjahren, daß das sehr individuell ist wie die Lebensläufe der meisten Personaler. Das sind übrigens gar nicht so selten auch klassische Quereinsteiger aus anderen Berufen. Ich bin keine Personalerin, habe allerdings in meinem Berufsleben auch schon Leute eingestellt und wäre sehr vorsichtig mit solchen Verallgemeinerungen. Das hängt von der jeweiligen Branche und Position ab und von der jeweiligen Personalerin, würde ich sagen. Und sog. weiche Faktoren wie kommunikative Stärken oder Organisationstalent sind durchaus harte Währung im Innendienst oder Vertrieb.
Bieber führt als nächstes an: „Die Darstellung der Interessen driftet meist in klischeehaft weibliche Freizeit-Interessen ab, wie Tanzen und Yoga. Damit zeichnen Frauen ein wenig professionelles Bild von sich selbst.“ und rät dazu: „An Rad fahren und Lesen ist nichts auszusetzen. Aber eine Kombination aus Yoga und Reiten wird schnell belächelt. Politik und Reisen machen an dieser Stelle einen seriöseren Eindruck.“ Das Klischee scheint hier eher von Bieber zu stammen; ich kenne kaum eine Frau, die in beruflichen Netzwerken ausführlich ihre Hobbies aufzählt. Aber selbst wenn – auch hier gilt wieder: auf den Einzelfall kommt es an. Wer sich für eine Position im mittleren Management bewirbt, wird sicherlich mehr oder weniger deutlich gefragt werden, wie denn der Freizeitausgleich aussieht und wie denn der viele Stress kompensiert wird. Yoga ist da nicht die schlechteste Antwort; jedenfalls wäre mir als Arbeitgeberin ein sich zum Yoga oder Golf bekennender Manager lieber als einer mit Hang zum Drachenfliegen oder Motocrossfahren – da rechne ich jedenfalls eher mit einem unfallbedingten Ausfall des Mitarbeiters. Wer reitet, gilt – ob zu Recht oder Unrecht – als dominant, und da sind wir dann wieder mitten in der schönsten Sexismus-Debatte: Der Mann muss dominant sein, eine echte Führungspersönlichkeit, die Zügel in der Hand halten, ein ganzer Kerl dank Chappi, klar. Die Frau hat dann gerne die Peitsche in der Hand und sitzt oben, haha, nicht wahr, das muss man mögen.
Daß Mann wie Frau bei allen Angaben in diesen Netzwerken ehrlich bleiben soll ist sein nächster Punkt und natürlich richtig. Wer jetzt also verwirrt sein Yoga weglässt und Politik und Reisen als Hobby angibt, sollte zu Politik und Reisen auch etwas sagen können oder besser gar keine privaten Angaben machen, klar.
„Wenige Kontakte erwecken bei einem Personaler den Eindruck, dass das Profil ungepflegt ist und sich eine Kontaktaufnahme nicht lohnt.“ ist ein weiterer Kritikpunkt Biebers. Nun, es kann auch bedeuten, daß hier jemand Qualität vor Quantität stellt, oder darum weiß, daß bei den allermeisten Menschen maximal 150-180 Kontakte dem Kreis entsprechen, der sinnvoll zu handhaben ist. Oder es ist schlicht jemand, der oder die gerade neu in dem Netzwerk ist oder aus einer Branche der Generation stammt, in der dieses Online-Netzwerk kaum eine Rolle spielt und es nur als ergänzende Massnahme, quasi als Visitenkarte nutzt. Auch das gibt es, und gar nicht mal so selten. Wer hauptberuflich DJ ist oder Parties organaisiert, wird mit einem Kontaktnetzwerk von unter hundert Personen zunächst einmal für hochgezogene Augenbrauen sorgen. Wer Sachbearbeiter bei einer Versicherung ist, wird den Betrachter mit einer vierstelligen Kontaktanzahl verwundern. Und, ich sag’s mal so: Die meisten Männer – besonders auf Xing – sammeln meiner Erfahrung nach Kontakte um sie zu sammeln. Das sind schlicht „Jäger der fehlenden Kontaktzahl bis zur magischen Summe“. Ich habe da Anfragen bekommen von Typen, mit denen ich original noch nie ein Wort gewechselt habe, aber auf derselben Veranstaltung war. Wir hatten null berufliche Berührungspunkte und der Standardspruch war irgend ein Gefasel von „Synergien schaffen“. Äh, nein, so funktioniert MEIN Netzwerk nicht. Da habe ich lieber fünfzig echte Kontakte, die noch dazu echte Entscheider sind. Alt, aber wahr: es kommt nicht auf die Größe und Umfang an, sondern darauf, was man damit anstellt. Also, seinem Netzwerk, ist klar, nicht?
„Stellen Sie einen konsistenten Lebenslauf in Ihr Profil ein. Dazu zählt eine klare Nennung der Ausbildung mit entsprechenden Abschluss und gegebenenfalls Zusatzqualifikationen. Listen Sie Ihre Arbeitgeber und Schwerpunkte in Ihrem Tätigkeitsfeld auf. Damit geben Sie ein schlüssiges Bild von Ihrem Werdegang. Je nachdem wonach der jeweilige Personaler sucht, kann bereits ein einschlägiger Firmenname ausschlaggebend sein, ob Sie kontaktiert werden.“ So lautet sein letzter Punkt. Auch hier sage ich mal klar: Jein. Die Betonung meiner Fähigkeiten und das Setzen von Schwerpunkten richtet sich nach dem jeweiligen potentiellen Arbeitgeber. Ich schicke nicht an jede Firma dieselbe Standardbewerbung sondern personalisiere diese, nach vorangegangener Recherche. Und was Herr Bieber auch gern vergisst: ein soziales Businessnetzwerk wie Xing oder LinkedIn ist nicht gleichzusetzen mit einer Bewerbung. Ich möchte nicht unbedingt, daß jeder Hans und Franz meine persönlichen Daten einsehen kann und so dem möglichen Identitätsdiebstahl Tür und Tor geöffnet wird. Von wann bis wann genau ich bei welcher Firma war gehört in die konkrete persönliche Bewerbung, das geht schlicht keinen flüchtigen Betrachter etwas an. Das hat nichts mit einer Angst vor Lücken im Lebenslauf zu tun – die meiner Ansicht nach ohnehin meist völlig unnötig ist. Das ist schlicht eine Frage der Privatsphäre und Sicherheit im Internet.
Bislang ist mir also nicht so wirklich klar, warum sich der Gastbeitrag von Herrn Bieber explizit an Frauen richtet. Sein Fazit „Frauen verbündet Euch!“ zeugt von erfrischender Ahnungslosigkeit. Frauen sind meiner Erfahrung nach sehr gut miteinander in Netzwerken verbunden. Sie haben nur nicht immer das Bedürfnis, das für jedermann öffentlich und transparent zu machen. Und sie sind seltener mit Männernetzwerken verknüpft. Das hat jedoch eine Vielzahl anderer Ursachen. Eine davon könnte sein, daß sie keinen Bedarf an vermeintlich guten Ratschlägen von Männern haben, deren Nutzen mit ihrer eigenen Wirklichkeit nicht viel zu tun hat.



