Es gibt Leute, die hassen die FSK, die nicht so wirklich freiwillige Selbstkontrolle der Filmindustrie, die Riege von Leuten die darüber entscheidet, ab welchem Alter jemand einen Film im Kino sehen oder auf DVD/BluRay kaufen darf. In ihren Reihen werden alte Jungfern und CSU-Wähler vermutet und Leute, die zum Lachen in den Keller gehen und Sex nur im Dunkeln haben. Spaßbremsen, die noch dazu gegen Windmühlen kämpfen – im Zeitalter des Internets ist die FSK-Freigabe ein Anachronismus, de facto Makulatur.
Ein Film ohne FSK Freigabe ist nicht leicht zu vertreiben oder zu verkaufen. Er unterliegt nicht der Zensur, wie gerne unterstellt wird, denn Zensur kann immer nur vom Staat ausgehen. Aber er darf nur ab 18 Jahren im Kino gesehen werden und die Trägermedien dürfen keinesfalls beworben und nur auf gezielte Anfrage eines erwachsenen Kunden aus dem Schrank bzw. unter der Ladentheke hervorgeholt werden.
Die Kriterien, nach denen die FSK entscheidet, sind nicht immer leicht nachzuvollziehen. Oft unterscheiden sie sich erheblich von denen, ihrer Pendants in anderen Ländern. Ein Film, der hierzulande aufgrund der gezeigten Gewalt oder einem Selbstjustizthema auf dem Index steht, ist in den USA vielleicht gerade mal PG-13, also bei parental guidance, elterlicher Führung, für 13jährige empfohlen. Umgekehrt hat es in den eher puritanischen USA ein Film schwer, bei dem eine nackte Frauenbrust zu sehen ist, auch wenn der Film selbst ansonsten nach unseren Maßstäben relativ harmlos und ab 12 ist.
Die meisten Drehbuchautoren, Filmemacher und Produzenten haben daher heute schon die Schere im Kopf wenn sie einen Film drehen. Verständlich, wenn man die immensen Kosten eines Filmprojekts bedenkt, die ja bitte mehr als nur wieder eingespielt werden sollen. Das Filmgeschäft ist in erster Linie ein Geschäft, dem die Kunst sich unterzuordnen hat.
Eine zu hohe bzw. strenge FSK-Bewertung kostet natürlich Zuschauer. Insofern verwundert es nicht, wenn die Studios rigoros die Schere ansetzen, um eine FSK 12-Bewertung zu erhalten – auch wenn ein Film eigentlich trotzdem immer noch in der Wahrnehmung von Presse und Zuschauern mindestens „eine 16er“ verdient hätte.
Die Empfehlungen und Einschätzungen der FSK sind natürlich immer Momentaufnahmen und dem aktuellen gesellschaftspolitischen Klima geschuldet. So mancher Film, der vor drei oder vier Jahrzehnten eine „ab 16“ Kennzeichnung erhalten hat, würde heute keinem 12jährigen mehr ein Achselzucken entlocken. Das Problem ist, daß ältere Filme nur auf Antrag des jeweiligen Rechteinhabers oder Studios neu bewertet werden. Da dies mit nicht geringen Kosten verbunden ist, scheuen sich viele Filmfirmen, diesen Schritt zu machen. Es lohnt sich einfach nicht mehr. Eine DVD oder BluRay mit einem „alten Schinken“, der schon zig Male im free TV lief, ist nur noch zu wenig mehr als dem Materialwert an den Mann zu bringen, oder aber, mit neu aufbereitetem Bonusmaterial und einer hübschen Verpackung für Sammler interessant. So oder so sind die Verkaufszahlen homöopathisch und eine neue FSK Bewertung rentiert sich nicht.
Für den Nachwuchs, um dessen Schutz es geht, ist eine möglichst hohe FSK-Hürde ein Gütezeichen und Aufforderung zur Mutprobe. Mein Patensohn Captain Jack (11 1/2 Jahre alt) berichtet mir stolz davon, daß er mit seinen Kumpels neulich „Fast and Furious 5“ gesehen hat. Der läuft gerade im Kino und ist ab 12 Jahren freigegeben, also streng genommen noch off limits, aber natürlich kein echter Grund zur Aufregung. Und natürlich haben sie eine Kopie gesehen, die irgend ein großer Bruder aus dem Netz gesaugt hat. Ich bin semiglücklich darüber, denn mir sind auch schon Anfragen zu „Rambo III“ oder „Gladiator“ zu Ohren gekommen. Einerseits will ich nicht, daß er die jetzt schon sieht, auch wenn ich natürlich in dem Alter auch Filme gesehen habe, die noch nichts für mich waren, z.B. „Papillon“. Andererseits bin ich froh, daß er die dann mit mehreren sieht und auf dem Fernseher oder PC, im erleuchteten Kinderzimmer. Denn im Dunkeln, mit dröhnendem Dolby Surround auf den Ohren ist das ja noch einmal etwas ganz anderes. Ich erinnere mich gut daran, wie ich in „Der Herr Der Ringe – Die Zwei Türme“ saß (FSK 12) und neben mir während der Belagerung von Helms Klamm ein weinender zwölfjähriger Junge in seinem Sessel immer weiter in sich zusammenschrumpfen schien.
Captain Jack schleicht gerne um meine ziemlich große Filmsammlung herum und studiert intensiv die „Gütesiegel“ auf den Hüllen. Ihm ist nicht entgangen, daß die Siegel aus UK anders aussehen als die aus Irland, Korea, Australien oder den USA. Ich versuche immer, ihm zu erklären warum ich glaube, daß ein bestimmter Film für ihn noch nicht geeignet sei. Andererseits weiß ich eben auch um die Besonderheiten mancher FSK-Empfehlungen und kann mit ihm ruhigen Gewissens Filme ansehen, die er auf dem Papier eigentlich noch nicht sehen darf. Neuerdings (seit ein paar Jahren) heißt FSK 12 ja auch nicht mehr, daß man da erst ab 12 ins Kino darf sondern, ähnlich wie in den USA, daß auch jüngere Kinder in Begleitung ihrer Eltern mit hinein dürfen. In der Realität sieht das leider oft so aus, daß die Eltern zwar die Karten kaufen, aber den Nachwuchs dann mit „viel Spaß“ verabschieden und erholsame zwei Stunden in der Stadt endlich mal ohne die Blagen in Ruhe einen Kaffee trinken und shoppen gehen. Letzten Sommer saß ich neben einer Reihe höchstens achtjähriger Jungs in „Inception“ (ab 12) – nicht gerade ein Film für kindliche Gemüter. Ich will nicht wissen, wie viele nasse Betten es anschließend neu zu beziehen gab.
Wie sehen solche Begründungen für eine FSK-Freigabe aus? Ich möchte mal zwei Beispiele gegenüberstellen. Zum einen aus der Erklärung zur Freigabe für „Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht, Teil 1“ zitieren. Das ist eine Verfilmung eines bekannten Vampir-/Fantasywerks mit einem Haufen Teenies, produziert von einem Major Studio, beworben mit entsprechendem Aufwand und zielt ganz klar auf die breite Masse. In der Begründung für die Einstufung als FSK12 heißt es:
Obwohl die Atmosphäre teilweise bedrohlich ist und auch die Schwangerschaft mit angstvollen Aspekten geschildert wird, sind bereits 12-Jährige in der Lage, diese Elemente im Kontext der gefühlvollen Genre-Geschichte mit ihren sympathischen Hauptfiguren zu verarbeiten. Auch die dezente Darstellung von Sexualität und wenige blutige Szenen können sie ohne die Gefahr einer Desorientierung verkraften, zumal die Handlung letztlich eine positive, versöhnliche Wendung nimmt.
Ich habe den Film nicht gesehen, aber diese Erklärung erscheint mir völlig schlüssig. Vielleicht mag sich ja jemand in den Kommentaren dazu äußern, der den Film gesehen hat. Dennoch ist mir nicht wohl bei dem Gedanken, daß sich eine Menge kleinerer Geschwister und jüngerer Kinder den Film ansehen werden, selbst in Begleitung ihrer Eltern.
Eine andere FSK-Freigabe sorgt gerade für einen ziemlichen Wirbel, nämlich die für „Romeos“. Das ist ein Independent-Film, eher Komödie als Drama, finanziert mit Hilfe von Fördermitteln und garantiert kein Straßenfeger. Aber die Protagonisten sind Jugendliche, die entweder trans- oder homosexuell sind und klar auf der Suche nach sich selbst, wie das eben so ist in dem Alter. Die FSK hat den Film ab 16 Jahren freigegeben und begründet wie folgt:
Der Film zeigt einen leidenden jungen Menschen, der auf dem Weg der Geschlechtsumwandlung mit seinem Umfeld, mit Spott und Vorurteilen zu kämpfen hat. Damit behandelt der Film ein schwieriges Thema, welches für die Jüngsten der beantragten Altersgruppe, die sich in diesem Alter in ihrer sexuellen Orientierungsphase befinden, sehr belastbar sein könnte.
Mit dieser Erklärung könnte man sich ja gerade noch abfinden, denn das Thema ist für die Jüngsten der beantragten Altersgruppe, also die Kleinkinder, die mit Eltern im Kino sitzen, wohl wirklich nicht leicht zu verstehen oder zu verdauen. Ich hätte vermutlich ein Problem damit, wenn sich Captain Jack’s kleiner Bruder (7) den Film mit ansehen würde; ein mindestens zweistelliges Alter fände ich deutlich angemessener. Und die FSK muss sich ja besonders um die jüngsten Kinogänger Gedanken machen.
Der Aufschrei im Netz ist allerdings aufgrund einer anderen Passage groß. „Dieser Film macht schwul … meint die FSK“ schreibt auch Batzmann von den Fünf Filmfreunden. „Homophobe Tendenzen“ hat coolibri.de bei der FSK ausgemacht. In der Tat mutet die Begründung in Teilen abenteuerlich an:
(…) behandelt der Film ein schwieriges Thema, welches für die Jüngsten der beantragten Zuschauergruppe, die sich in diesem Alter in der sexuellen Orientierungsphase befinden, sehr belastbar sein könnte. Das Thema selbst ist schon schwierig für 12 bis 13jr und die Schilderung einer völlig einseitigen Welt von Homosexualität im Film könnte hier zu einer Desorientierung in der sexuellen Selbstfindung führen. Die explizite Darstellung von schwulen und lesbischen Jugendlichen und deren häufige Partnerwechsel können verwirrend auf junge Zuschauer wirken, auch wenn der Film auf der Bildebene nicht schamverletztend ist und niemanden diffamiert. Der Film spiegelt eine verzerrte Realität wider, die Kinder auf Grund keiner oder zu geringer Erfahrung nicht erkennen können.
Trans- und homosexuelle Abweichler von der Norm sind also verstörender für kleine Kinder und Pubertierende als die außerirdische Fantasiewesen wie Vampire in „Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht, Teil 1“? Pubertierende Jugendliche könnten desorientiert werden, wenn sie sich die „einseitige Darstellung“ homosexueller Lebensentwürfe ansehen müssen? Da kann man schon ins Grübeln kommen, vor allem mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass sich jährlich eine Vielzahl Jugendlicher aus Verzweiflung das Leben nimmt, weil sie homosexuell sind und für sich keine Zukunft in der Gesellschaft sehen. In den USA lief aus diesem Anlass im vergangenen Jahr die viel beachtete „It Gets Better“-Kampagne, bei der sich Prominente – oft selbst homosexuell – vor die Kameras setzten und den jugendlichen Verzweifelten Mut zuprachen und von ihren eigenen Erfahrungen berichteten.
Ich halte die FSK dennoch nicht für einen homophoben Haufen Verklemmter und für eine sinnvolle Einrichtung. Sie liefert Anhaltspunkte, mehr geht auch gar nicht, und ist wohl lieber übervorsichtig. Die FSK-Einschätzung ist dennoch eine Hilfe für verantwortungsvolle Eltern, die aus Zeit- und Kostengründen nicht erst jeden Film selber gucken können oder wollen um dann zu entscheiden, ob der Nachwuchs den sehen soll. Die Begründungen auf der Website sollte man sich jedoch in jedem Falle durchlesen und dann als mündiger Erwachsener und verantwortungsvoller Elternteil selbst entscheiden, was den eigenen Kindern zugemutet werden kann.
Es gibt Leute, die hassen die FSK, die nicht so wirklich freiwillige Selbstkontrolle der Filmindustrie, die Riege von Leuten die darüber entscheidet, ab welchem Alter jemand einen Film im Kino...