Der Zirkus war in der Stadt

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Alle Jahre wieder kommt die European Tour für eine Woche nach Hamburg, genauer gesagt nach Gut Kaden, für die Deutsche Bank Players Championship of Europe. Das Turnier ist eines der bestdotiertesten (insgesamt knapp 3,6 Mio Euros an Preisgeldern) und eine der letzten Chancen, noch dringend benötigte Punkte für die Qualifikation zum Ryder-Cup einzufahren. Ausserdem hat der Sieger für die nächsten 5 Jahre die Startberechtigung auf der Tour, kann also ruhig schlafen.

Dieses Jahr bin ich als freiwillige Helferin dabei. Am Freitag vergangener Woche gab es eine Einführung fuer die Ersttäter, die nur etwa ein Drittel der rund 370 Helfer ausmachen. Offenbar macht der Zirkus süchtig. Bei der Einführungsveranstaltung bekamen wir unser Helferoutfit: Käppi, zwei Nike-Shirts und Windjacke mit dem Logo “Deutsche Bank Players Championship” bestickt, ausserdem die nötigen Ausweise und Essensbons sowie sechs Freikarten für Freunde und Verwandte (im Wert von je rund 30 Euro). Wie ich hörte, hört man dann von gar nicht mal wenigen der Freiwilligen nichts weiter mehr: die haben abgetankt was abzutanken war und erscheinen einfach nicht zum Dienst. Auch eine Art, sich unmöglich zu machen.

Die Klamotten passen wenn überhaupt meiner Barbiepuppe (wenn ich denn (je) eine (gehabt) hätte), auch das soll angeblich Tradition sein. Ich würd’ s ja ertragen und zähneknirschend eine Woche lang wie die Wurst in der Pelle rumlaufen und mich zum Affen machen, aber von dem Synthetikdreck in den Shirts kriege ich Ausschlag. Und aus naheliegenden Gründen kommt es nicht so gut, wenn man sich andauernd wie irre kratzen, aber doch komplett stillhalten muß bis der letzte Aspirant seinen Putt versenkt hat. Also laufe ich in unbesticktem weissen Polohemd auf und mein Blick lässt jedem das Blut in den Adern gerinnen, der es wagen sollte mich nach dem offiziellen Helfershirt zu fragen. Es traut sich niemand, gut so.

Am Donnerstag und Freitag war ich eingeteilt, an einem Grün zu sitzen und den Score aufzuschreiben und per PDA ins Scorerzelt rueberzubeamen. Das klingt zunächst einmal ganz einfach und stressfrei. Wie schwer kann es sein, auf einem Klappstuhl zu hocken und jeden Spieler nach seinem Score zu fragen, bevor er zum nächsten Abschlag geht?
Ich sitze also auf dem Klappstuhl und warte, bis sich die erste Gruppe nähert. Und warte. Und warte. Und springe auf und schlage wild nach den Bremsen, die mich stechen wollen. Und wische mir angeekelt die Rapskäfer von meinem leuchtend weissen Hemd, das die Mistviecher magisch anzieht. Und warte. Und sehe schliesslich den ersten Spieler. Aha! Ein Blick auf meine Startliste verrät mir, dass es sich um die Gruppe Ormsby, Havret und Kjeldsen handelt. Ähm, ja. Keinen der Herren habe ich je vorher gesehen. Die Namen sagen mir nichts. Also Detektivarbeit: Die Caddies tragen nicht nur die schweren Taschen der Spieler, sondern ausserdem Leibchen mit dem Spielernamen auf dem Rücken. Der Typ im roten Hemd gehört zu dem kleinen dicken Caddie, zumindest wirft er ihm seinen Ball zum säubern zu. Ich hypnotisiere den Caddie: Du drehst dich jetzt um, los, dreh’ dich um! Und es funktioniert tatsächlich, er dreht sich um und ich lese “Havret”. Der Typ im roten Hemd ist also schon mal identifiziert. Die anderen beiden habe ich auch bald raus und führe im Geiste meine Strichliste. Alle liegen mit dem zweiten Schlag auf dem Grün. Havret locht seinen Putt zum Birdie. Klasse. Ormsby spielt ebenfalls eine 3. Der Däne, Kjeldsen, schafft nur das Par. Jetzt kommt mein grosser Auftritt: „May I take your score, please?“ Jeder Spieler ist verpflichtet, mir unaufgefordert seinen Namen und seinen score mitzuteilen. Da diese drei Jungs gut gespielt haben und entsprechend gut gelaunt sind, tun sie mir den Gefallen. Havret nennt mir alle drei Scores. Doch im Laufe des Tages merke ich rasch, dass meine detektivischen Fähigkeiten unabdingbar sind. Wenn einer schlecht liegt für den Tag, gibt er keine Antwort und ich kann dann hinterherrasen und es weiter versuchen. Verständlich, aber das sorgt fuer eine unentspannte Atmosphäre. Aber mein detektivischer Spürsinn stand dem der drei ??? in nichts nach und am Ende waren alle scores erfasst und ich konnte mir ein hochverdientes Eis holen gehen und ein paar Schnäppchen an den vielen Verkaufsstaenden zu machen.

Gestern und heute dann war ich mobiler scorer, wurde also einer bestimmten Gruppe zugeteilt, die ich die gesamte Runde begleiten durfte. Da ich zumindest gestern beide Spieler kannte (Jarmo Sandelin (SWE) und Tom Whitehouse (ENG)), entfiel die Detektivarbeit. Ausserdem konnte ich schön im Schatten gehen, nicht zu unterschätzen bei den schwülheissen Temperaturen. Ansonsten wie gehabt: Score notieren, rüberbeamen, nächstes Loch. Dazwischen bekam ich eine Lehrstunde (genaugenommen viereinhalb), wie man richtig gutes Golf spielt. Beängstigend, dass die zwei unter “ferner spielten” rangierten – die Jungs auf den vorderen Plaetzen müssen wirklich Golf vom anderen Stern gespielt haben, denn ich wüsste nicht, was man an z.B. Sandelins Spiel noch verbessern koennte. Leider hatte er sehr viel Pech auf den Grüns, viele Putts sind ausgelippt oder haben die Lochkante rasiert ohne letztlich zu fallen. Heute hat er es besser gemacht und eine 65 gespielt, sieben Schläge unter Par. Damit verbesserte er sich vom geteilten 50. Platz auf den geteilten 18. Platz, keine kleine Leistung.

Leider hatte ich heute zwei andere Spieler zu begleiten, deren Namen an dieser Stelle unerwähnt bleiben sollen, da sie unglaublich unfreundlich gegenüber ihren Caddies, den Zuschauern und den freiwilligen Helfern waren. Nur zur Erinnerung: Die Zuschauer sind der Grund dafür, dass Ihr Euren Lebensunterhalt damit verdienen dürft, einen kleinen weissen Ball in ein Loch zu schubsen. Dafür zahlen sie z.B. auf Gut Kaden bis zu 35 Euronen Eintritt am Tag. Die Caddies schleppen Euch nicht nur den Allerwertesten sondern auch Eure 35 Kilo schwere Tasche hinterher, putzen Eure Schlaeger und Bälle, holen Euch Wasser, harken die Bunker durch die Ihr so achtlos kreuz und quer stapft und machen auch noch den Gute-Laune-Baer und Blitzableiter für Euch. Dafür kriegen sie im maximal 10% von Euren Preisgeldern (nämlich nur der Siegercaddie) oder ein Trinkgeld. Nur zu Erinnerung: 10% von null sind null. Und die freiwilligen Helfer nehmen sich eine kostbare Woche Urlaub um Euch das Spiel so angenehm wie möglich zu gestalten, stehen mitten in der Nacht auf und kämpfen sich durch den Reiseverkehr auf der A7 nach Quickborn, um vor Euch tw. ab sechs Uhr auf der Anlage zu sein, kämpfen mit der ständig schwächelnden Technik der museumsreifen PDAs und Walkie-Talkies und ihrem follow-me Englisch, schleppen das langstielige Brett mit dem Spielstand auch bei Windböen tapfer über den Platz und halten für Euch die Zuschauer in Schach. Ich für meinen Teil wüsste auch andere Dinge mit meinem Urlaub anzufangen, z.B. selber Golf spielen.

Es war dennoch eine tolle Woche, ich habe viele Clubmannschaftskollegen getroffen, alte Golfbekanntschaften erneuert und neue geschlossen, eine Einladung eines Referees bekommen mit ihm in Schottland eine Runde zu spielen, mit dem netten Typen aus dem Scoring-Zelt geflirtet, mit ein paar Caddies über Schlaeger gefachsimpelt und mir von Roey den Tiger-Trick mit dem Wedge-Bounce zeigen lassen (der Trick heisst ‘üben’. wer hätte das gedacht?). Der Zirkus zieht weiter nach Malmö, zur Scandinavian Masters. Nächstes Jahr kommt er vielleicht wieder nach Gut Kaden. Ich bin bestimmt wieder dabei.