Munich

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Munich ab 3. August 2006 auf DVD
R: Steven Spielberg
D: Eric Bana, Geoffrey Rush, Daniel Craig
Offizielle deutsche Website

Munich

Sind Filme Spiegel unser selbst? Und wenn ja, was sehen wir in ihnen?
Eine meiner frühesten TV-Erinnerungen ist das Bild eines maskierten Mannes auf einem Balkon des olympischen Dorfs. Ich verstand nicht, was dort vor sich ging und was der Fernsehreporter erzaehlte. Sportler als Geiseln, genommen von Angehörigen eines Staates, den es gar nicht gab? Wozu sollte das gut sein? Ich verstand es weder auf emotionaler noch auf rationaler Ebene. Und ich verstehe es natürlich auch heute noch nicht, vielleicht aber begreife ich langsam, dass es da nichts zu verstehen gibt.

Steven Spielberg hat der Welt viele schöne, lustige, spannende und unterhaltende Filme geschenkt. Und dann noch Schindler’s List und Saving Private Ryan. (no comment)
Zuletzt spaltete er die Kritiker mit seiner Adaption des H.G. Wells Klassikers War Of The Worlds, der mich zumindest nicht zuletzt dank mangelnder Glaubwürdigkeit der Figur Tom Cruises unterwältigte, wie man so schön sagt. Und die Aliens haette man auch nicht unbedingt sehen müssen; weniger ist oft mehr. Dennoch ist die alles andere als subtile Anspielung auf unser Zusammenleben mit dem Feind in unserer Mitte gut angekommen und wusste streckenweise auch zu unterhalten.

Mit Munich kehrt Spielberg nun der Unterhaltung den Rücken und konzentriert sich ganz auf die Frage, was Gewalt uns antut. Zum einen uns Opfern, zum anderen uns Tätern, denn selten sind wir nur eins von beiden. Und wenn ich sage er konzentriert sich auf die Frage, dann ist das genau so zu verstehen: Spielberg liefert keine Antworten, denn es gibt keine, ausser in uns selbst. Das banale Fazit lautet: Gewalt ist keine Lösung, Gewalt erzeugt Gegengewalt.

Spielberg ist bekannt dafuer, keine DVD-Audiokommentare zu seinen Filmen abzugeben, und auch hier bricht er nicht mit dieser Regel. Immerhin weist er in seiner kurzen Einführung darauf hin, dass George Jonas’ Buch Vengeance – The True Story Of An Israeli Counter-Terrorist Team, auf dem der Film beruht, zwar unendlich angefeindet, jedoch nie als unwahr diskreditiert wurde. Munich soll und kann keine Dokumentation sein, wie authentisch die Darstellung der Ereignisse wohl ist, das zu beurteilen bleibt jedem selbst überlassen.

An einem Septembermorgen 1972 überwaeltigen und entführen palästinensische Terroristen der Gruppe Schwarzer September elf Angehörige des israelischen Olympiateams im olympischen Dorf in München. Zwei Geiseln werden umgehend tödlich verletzt. Bei einem hastigen und unprofessionellen Einsatz der deutschen Polizei auf dem Flughafen Fuürstenfeldbruck sterben die verbliebenen Geiseln, fünf der Terroristen, sowie ein Polizist. Die olympischen Spiele gehen zunächst wie geplant weiter und werden erst nach Protesten von Sportlern und Zuschauern für einen Tag unterbrochen.
Golda Meir (Lynn Cohen) beschliesst, Härte zu demonstrieren: Every civilization finds it necessary to negotiate compromises of its own values sagt sie, und Forget peace for now. We have to show them we’re strong. Eine geheime Kommandotruppe unter Leitung ihres ehemaligen Bodyguards und jetzigen Schreibtischhengstes Avner (Eric Bana in einer wie immer exzellenten Performance) entsteht, und ihr Auftrag lautet, die für das Münchner Massaker verantwortlichen palästinensischen Terroristen aufzuspüren und zu töten. Hierfür stehen ihnen fast unbegrenzte Mittel aus schwarzen Kassen zur Verfuegung; die Agenten fallen komplett vom Radarschirm des Mossad und sind auf keiner Gehaltsliste mehr verzeichnet. Sie sind de facto nonexistent und ihre einzige Verbindungsperson ist ein zwielichter Typ namens Ephraim (Geoffrey Rush, ebenfalls superb), der ihnen die ersten Ziele vorgibt.

Die kleine Gruppe beschnuppert sich und kommt sich näher. Keiner von ihnen macht den Eindruck eines professionellen Agenten oder gar Killers. Und keiner von ihnen fühlt sich wirklich wohl in der Rolle des Racheengels, mit Ausnahme vielleicht von Südafrikaner Steve (Daniel Craig), der blond und blauäugig kaum arischer aussehen koennte und der Über-Jude ist: The only blood I care about is Jewish blood. Er wundert sich laut und offen, warum ausgerechnet Avner zum Kopf des Teams ernannt wurde, und ein anderer entschärft lachend die Situation: Because he can cook a mean brisket. Tatsächlich scheint der frischgebackene Familienvater und Patriot Avner, dessen Kind zur Welt kommt während er undercover ist, mehr die Mutter der Kompanie zu sein als ihr harter Anführer. Er hält die Truppe auch mit seinen Kochkünsten und gemeinsamen Essen bei Laune und bei einem solchen Mahl feiern sie ausgelassen ihren ersten gemeinsamen erfolgreichen Mord.

Ein Gebot der kosheren Kueche lautet, fleischiges und milchiges nicht gemeinsam zu essen oder im selben Topf zu kochen. Im Talmud heisst es dazu du sollst das Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen und so zuckt man unwillkürlich zusammen, wenn ein Opfer von den Kugeln Avners tödlich getroffen zusammenbricht, seine Einkaufstüte mit der Milchflasche fallenlässt und sich sein Blut mit der auslaufenden Milch vermischt. Solch symbolschwangere Bilder gibt es viele in Spielbergs Film, und nicht alle sind so plakativ und offensichtlich.

Durch einen Zufall kommt es zu einer Unterhaltung zwischen Avner und einem palästinensischen Terroristen, der Avner für einen befreundeten ETA-Terroristen hält. Avner fragt neugierig und stellvertretend für das Publikum, ob sich der Kampf für ein Stück steinige Wüste denn wirklich lohne. Die Antwort mag das Publikum vielleicht nicht vollends überzeugen, doch Avner trifft sie mitten ins Herz: Die Heimat, so steinig sie aussehen mag, lohnt jedes Opfer, jeden Kampf – selbst wenn er über Generationen andauern mag.

Die zunehmenden Erfolge verändern die Männer nachhaltig, aber der Jubel wird leiser und die Gewissensfragen häufen sich. Insbesondere Avner fragt sich immer lauter, zu was das Morden denn gut sein soll. Und als die Mitglieder der Gruppe selbst einer nach dem anderen zu Opfern werden, flüchtet Avner immer tiefer in seine Paranoia und kehrt Israel und dem Mossad den Rücken. Sein Patriotismus weicht den Fragen nach der ethischen und moralischen Rechtfertigung seiner Taten, die er nicht zu beantworten vermag, genauso wenig wie Spielberg und wir. Kann man den Terror mit Terror besiegen? Und wie hoch darf der Preis der Rache sein?

Mit Munich liefert Spielberg seinen vielleicht erwachsensten Film ab, auf jeden Fall einen Film, der noch lange nachwirkt. Doch nicht nur seine erzählerische und handwerkliche Routine sorgt für das erstklassige Gesamtergebnis, auch das seiner langjährigen Mitarbeiter, allen voran seines Director of Photography, Janus Kaminski. Der deutsche Begriff Kameramann ist doch eine äusserst unzulängliche und irreführende Bezeichnung für das, was Kaminski da mit Licht zaubert. Während die Entscheidung, Schindler‘s List in s/w zu drehen sehr leicht fiel, da dort ziemlich eindeutig war wo gut und böse lagen, musste bei Munich die moralische Ambivalenz auch farblich eingefangen werden. Zu keiner Zeit hat der Zuschauer das Gefühl, einem Kostümfilm beizuwohnen – was schnell hätte passieren können, wenn man allein auf die Ausstattung vertraut hätte, die vielen von uns noch mehr oder weniger aus den eigenen Familienfotoalben vertraut ist.