Out of Bounds

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Anfrage eines Werbebeauftragten zum Thema Golf:

Sehr geehrter Herr T,

ich schreibe Ihnen im Namen des Online-Shops [Shopname]. Unsere Agentur arbeitet zurzeit daran, die Produkte des Shops bekannter zu machen und wir würden im Rahmen dieser Aktion gerne mit Ihnen kooperieren. Wir verfolgen Ihren Blog schon längere Zeit und glauben, dass Sie die passende Zielgruppe erreichen. Ihr Blog ist in der Golfszene vielen Leuten ein Begriff. Da Sie allgemein zum Thema Golf schreiben, dachten wir uns, es sei für Sie bestimmt auch interessant aktuelle Golfartikel zu testen. 

Uns schwebt die Idee vor, dass wir Ihnen als Blogbetreiber zum Thema Golf einen Artikel aus dem Sortiment des [Shopname] kostenlos zur Verfügung stellen und Sie nach einem definierten Zeitraum einen Testbericht zu diesem Produkt verfassen und in Ihrem Blog veröffentlichen.

Zur Auswahl stehen zu Beginn Artikel der Bereiche Golfbälle und Handschuhe. Die Artikel können Sie nach dem Test behalten, für Sie entstehen also keinerlei Kosten. Zum Beispiel wäre ein Vergleichstest „drei aktuelle Multilayer Golfbälle“ oder „drei haltbare Allwetter-Handschuhe“ ein Vorschlag von unserer Seite. Gerne kann das Thema aber auch in Abstimmung mit Ihnen bestimmt werden. Sprechen Sie uns einfach darauf an, falls Sie Interesse haben. Nach einer ersten Testphase ist es auch denkbar, dass Sie vom [Shopname] Schläger oder Trolleys zum Testen zur Verfügung gestellt bekommen.

In Ihrem späteren Testbericht sollte dann ein Link auf die Produktkategorie beim [Shopname] verweisen, aus dem Sie das Produkt getestet haben. Die gesamte Aktion befindet sich noch in der Planung und hängt davon ab, ob Interesse Ihrerseits an einer solchen Kooperation besteht.

Gerne können Sie sich bereits im Vorfeld unter [Shop-URL] einen Eindruck des Online-Angebots verschaffen.

Wir würden uns freuen, von Ihnen zu hören.

Viele Grüße
[Werbebeauftragter]

und darunter im Abspann der Firmenname und das ganze dazugehörige Tralala, eine SEO/SEM-Hütte.

Normalerweise lösche ich solchen Käse ohne weitere Antwort. Aber weil das die dritte solche Anfrage zum Thema Golf binnen einer Woche ist und die Königin Laune hat, erbarmte ich mich:

Sehr geehrter Herr [Werbebeauftragter],

hätten Sie sich länger als eine Nanosekunde mit meinem Blog befasst, wüssten Sie, dass ich erstens Frau T bin und zweitens sowohl prominent auf der Startseite, als auch im Impressum darauf hinweise, dass mein Blog privat und werbefrei ist und meine Adressdaten keinesfalls für Werbezwecke zur Verfügung stehen.

Was Ihren Vorschlag betrifft: Vielen Dank, dass ich nichts dafür bezahlen muss, wenn Ihre Kunden die Reichweite meines Blogs nutzen möchten. Das bedeutet mir sehr viel. Trotzdem muss ich Ihr großzügiges Angebot ablehnen.

Falls Sie möchten, daß ich Ihr Produkt online aktiv unterstütze und bewerbe, dann können Sie meine Dienste gerne buchen. Ich berate hauptberuflich Kunden (gern auch Start-Ups), Agenturen und Marken zum Thema Digital Marketing und ja, ich zähle auch einen Golfartikelhersteller zu meinen Kunden, bin also in jeder Hinsicht im Thema.

Beste Grüße

Den zweiten Absatz habe ich bei Jörn entlehnt, der ihn mir netterweise zur Verfügung stellte. Nicht, daß ich das nicht unhöflicher selber texten könnte, aber das war so wunderbar auf den Punkt gebracht, daß ich das Rad nicht neu erfinden wollte.

Liebe SEO/SEM-Spackonauten, vergesst es einfach, kriecht in Eure Löcher und lasst Euch hier nie wieder sehen. Ich darf die Bälle und den Handschuh behalten? Wow! Einen durchgeschwitzten Handschuh und einen benutzten Ball, sofern er nicht im Wald verlorenging? Ich weiß: für dumm verkaufen ist Marketing, an dumm verkaufen ist Vertrieb, aber da Ihr entweder von Marketing und Vertrieb nicht sonderlich viel zu verstehen scheint oder ich einfach nicht dumm genug bin, könnt Ihr mir und meinen Lesern hier nichts verkaufen.

Und liebe Kunden von SEO/SEM-Spackonauten: weniger nette Menschen als ich hätten Euch jetzt die Sorte Linkjuice beschert, die Ihr garantiert nicht haben wollt. Ich weiß, die Zeiten sind hart, die Saison ist kurz und die sog. Golffachpresse will ein Vermögen für eine vierfarbige Anzeige, die keinen interessiert. Ihr habt vielleicht von Bloggern gehört, die sich kaufen lassen und gedacht, daß diese Nerds sich für ein paar Bälle oder einen Handschuh im Wert von 12-15 € liebend gerne den Allerwertesten aufreißen für Euch. Ihr habt die vier oder fünf relevanten Foren zum Thema Golf gefunden (okay, es sind nur zwei) und Euren Link gepostet (vielleicht hat ihn sogar der Admin übersehen und er wurde nicht umgehend entfernt) und erwartet nun, daß sie zu Hauf strömen, die User, die Eure Kunden werden sollen und die Ihr so schön aufs Kreuz legen wollt.

Gehen wir das Ganze doch mal realistisch an: Ein Produkt wie einen Golfball oder einen Handschuh wirklich fair zu testen heißt, sich damit allermindestens eine Runde lang auseinanderzusetzen. Das sind im Schnitt vier bis fünf Stunden, die sich der Golfer den Handschuh an- und auszieht und, je nach Handicap und Tagesform, dauert es zwischen einem und achtzehn Loch um einen Ball zu testen. Kommt der Golfer von der Runde und hat tatsächlich wenigstens einen der Bälle bis zum Ende behalten und sich auch keine Blasen vom neuen Handschuh geholt, dann ist die Grundstimmung schon mal nicht schlecht, besonders, wenn er auch noch halbwegs gut gespielt hat.

Die eigentliche Arbeit beginnt jedoch erst jetzt: das Schreiben. Als jemand, die u.a. mit dem Schreiben von Konzepten ihre täglichen Golfbälle verdient kann ich wohl behaupten: das dauert gemeinhin länger als ein Viertelstündchen, wenn es dem Thema denn gerecht werden soll. Setzen wir mal ein Minimum von sehr wohlwollend kalkulierten drei Stunden für einen aussagekräftigen Testbericht an, so ist der Arbeitstag schon um. Ich weiß ja nicht, was man sich als Besitzer eines Onlineshops für Golfartikel so für einen Tagessatz auszahlt, aber wenn er bei 12-15 € liegt, dann gratuliere ich aufrichtig – ich könnte davon jedenfalls nicht leben.

Nun höre ich die ersten schreien: „Das kannst du nicht vergleichen! Du spielst ja nicht beruflich Golf und dein Blog ist ja auch nur ein Hobby!“ Das stimmt. Ich muß glücklicherweise nicht mit professionellem Golfspiel meinen Lebensunterhalt verdienen sondern kann ganz entspannt spielen und e13.de ist mein kleiner Schrebergarten, mein Chemielabor, meine Bastelgarage. Aber e13.de lebt auch von meiner Glaubwürdigkeit. Hier wird nichts verlinkt, von dem ich nicht mindestens nett unterhalten, besser noch: sehr überzeugt bin. Und ich liebe Golf, weil es mich von meinem Alltag ablenkt, weil es meine Akkus wieder auflädt, weil ich dabei total abschalten kann, an nichts denken muß. Ich will keine Runde Golf spielen, und die ganze Zeit im Hinterkopf haben, daß ich diesen verdammten Ball anschließend noch anständig betexten muss und mir hoffentlich etwas Gescheites zu dem Handschuh einfällt. Ganz abgesehen davon, daß ich in aller Regel sowieso ohne Handschuh spiele.

Ich würde das alles tun für einen Freund, da würde ich mir sogar richtig etwas einfallen lassen, vielleicht ein lustiges Video für sein Produkt drehen, meine ganze Kreativität da rein werfen. Aber wir sind keine Freunde. „It’s business, not personal“. Und in Eurem Fall wäre es außerdem bad business.

Bewerbt Euer Business mit tollen Inhalten. Schreibt ein Blog über Euren Laden und die Golfer, aus Sicht eines armen deutschen Einzelhändlers, der preislich mit den UK Shops konkurrieren muß und am Tropf der OEM hängt. Baut Euch Eure eigene Kompetenzdatenbank auf, sponsort ein Jugendturnier und berichtet darüber, engagiert Euch online. Das dauert ein, zwei Saisons. Wenn Ihr dafür keine Zeit, Lust oder Leute habt, gehet hin und schaltet Anzeigen. Ihr habt schon alles Geld für die SEO/SEM-Spackonautenagentur ausgegeben? Tja. Dumm gelaufen. Nächste Saison vielleicht.

Ich weiß, Ihr lest das nicht, und wenn, dann geht es Euch hinten vorbei. Ist okay. Wenigstens habe ich mal wieder etwas zum Thema Golf geschrieben, wenn auch eher indirekt. Aber falls Ihr es doch lest: der nächste Eurer Art, der mich hier vollschleimt, wird namentlich geoutet und verlinkt  – hier, auf Google Plus (das ist ja sooo wichtig für SEO!), auf facebook, auf Twitter und ich würde dafür glatt auch mal wieder Xing anwerfen. Mit sportlichen Grüßen.