Andere Zeiten

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Tag 169 v9n 366 – Gestern früh lud ich mir die Corona-App runter.  Zunächst die falsche, es gibt nämlich deren zwei: Eine, die nur in Zusammenhang mit so genannten “Wearables” funktioniert, also Fitnessarmbändern oder Smartwatches à la Garmin oder Apple Watch. Die gestern gestartete Corona-Warn-App hingegen findet sich im PlayStore (für die Android User) bzw. im App Store (für iPhone BesitzerInnen) und wurde direkt am ersten Tag über 2 Millionen Mal heruntergeladen. Da ich meine persönlichen Handlungsoptionen im Kampf gegen das Virus gern erweitere, habe ich sie mir direkt installiert, auch wenn ständiger Bluetoothgebrauch den Akku meines Handys in schwindelerregendem Tempo leer saugt.

Mit der Wearables-App kann man eine „Datenspende“ ans Robert Koch Institut schenken, diese App ist schon seit ein paar Wochen verfügbar. Die aufgezeichneten Gesundheitsdaten werden ebenfalls anonymisiert übertragen und sollen so dabei helfen, z.B. eine „Fieberkarte“ zu erstellen. Mehr dazu gibt es hier; ich finde, das klingt ganz spannend.

(Und ja, natürlich bin ich Team Datenschutz, aber wenn man den richtig betreiben möchte, darf man gar kein Handy benutzen und seinen Computer nicht mit dem Internet verbinden. Ich bin auf Instagram und bei WhatsApp, also de facto bei Facebook, auch wenn ich nicht mehr bei Facebook direkt bin. Und von den ganzen Anzeigennetzwerken, die einen abschnorcheln sobald man irgend eine andere Website als die von fefe besucht, brauchen wir gar nicht zu reden. Datenschutz ist Illusion. Virenforschung und die Bekämpfung der Pandemie ist da in meiner Prioliste doch dramatisch weiter oben anzusiedeln.)

Ich hab’ jedoch gar kein Wearable; ich trage seit Jahrzehnten keine Armbanduhr mehr, oder nur zu bestimmten Anlässen. Früher hab’ ich gern Uhren getragen, rechts, weil die Krone, die gemeinhin auf der linken Seite sitzt, mir sonst beim Golfen ins angewinkelte linke Handgelenk piekste. Irgendwann habe ich die Uhr ganz abgenommen, weil sie mich beim Zeichnen stört; aus dem Grund trage ich auch keine Ringe oder Armreifen. Ich hatte in den 80ern einen richtigen Uhrenfimmel und natürlich, neben einigen wirklich guten Uhren, wie viele Menschen damals auch eine kleine Swatch-Kollektion. Die Kiste ist mir neulich beim Aufräumen entgegengefallen und ich musste schon sehr schmunzeln und wurde auch etwas nachdenklich: Alle Swatches waren bzw. sind batteriebetrieben und diese Batterien sind natürlich längst tot. Ein Modell jedoch ist ein Automatikmodell: Das Sondermodell “Time To Move” zum Earth Summit, dem ersten Weltklimagipfel in Rio de Janeiro 1992. Ich hielt es eine Weile in den Händen und dachte darüber nach, wo wir heute in Fragen des Klimaschutzes stehen könnten, hätten wir uns damals ein bisschen mehr ins Zeug gelegt, so gesamtgesellschaftlich betrachtet.

Und dann fiel mir ein, dass ich ja doch ein Wearable habe: Letztes oder vorletztes Jahr bekam ich eine Withings Smartwatch zum Testen, die so ein bisschen wie eine Swatch aussieht und auch ein paar entfernte Anleihen bei Dieter Rams’ Design für Braun genommen hat. Ich fand die Uhr soweit okay, eine Smartwatch mit analogen Zeigern, deren Batterie 1-2 Jahre hält, das gefiel mir. Aber ich trage sie halt ungern und brauche so etwas einfach nicht. Trotzdem habe ich sie gestern mal spaßeshalber umgebunden und mit der App verbunden – was übrigens hervorragend reibungslos funktionierte. Den ganzen Tag hat lang hat mich dieser Fremdkörper am Arm genervt, angefangen bei dem labberigen, klebrigen Silikonarmband. (Gibt es etwas Fieseres, als Silikon anzufassen? Wuärks.) Am Abend verglich ich die zurückgelegten Schritte mit den Angaben des Smartphones, das auch so eine Schrittzähler App hat. Es waren über 1.000 Schritte Unterschied zwischen den beiden Geräten, das ist dann auch nicht eben vertrauenerweckende Technik, oder? Ob’s Handy oder die Uhr falsch liegt? Wer weiß? Immerhin: Mein Ruhepuls liegt angeblich bei 61 Schlägen, ich denke, damit kann ich gut leben – sofern denn diese Angabe stimmt. Ich habe so den leisen Verdacht, mit den Angaben dieser Apps verhält es sich wie mit den Trackingangaben bei Paketdienstleistern. Reine Placeboinformationen, die einem das gute Gefühl geben sollen, da bewegt sich was, bzw. man bewegt sich. Nur: Ob ich mich genügend bewegt habe, zu wenig oder gar zu viel, das sagt mir mein Körper. Entweder bin ich steif wie ein Brett oder angenehm müde oder habe am nächsten Tag den Muskelkater des Grauens. Ganz ohne App.

Die Uhr flog wieder in die Kiste mit den anderen Plastikuhren. Bluetooth bleibt aus, so lange ich zuhause bin, was ungefähr 22 Stunden am Tag der Fall ist. Ich tu’ gern was ich kann um zu helfen, aber ich fürchte, mein Leben ist zu unspannend für diese Apps.