Arbeitsprozesse und Produktionsabläufe überprüfen und verbessern, um gegen Drachen gewappnet zu sein.

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Tag 21 von 366 –  tl;dnr: Man sollte seine Arbeitsprozesse regelmäßig überprüfen und ggf. ändern. (Ja, doof, aber ganz ehrlich? Wer eine tl;dnr Zusammenfassung braucht, ist in diesem Blog völlig falsch. Hier wird gedanklich sehr mäandert.)

Ich falle im Feedreader über einen Beitrag von Warren Ellis, in welchem er auf einen (schon etwas älteren) Blogbeitrag von Jeff Lemire verlinkt, der dort ausführlich seinen Schaffensprozess bzw. sein Zeitmanagement erklärt. Ich bin sprachlos ob des schieren Arbeitspensums, das dieser Autor und Zeichner wegschaufelt und gucke verzagt auf meinen eigenen Output. Da ist noch sehr viel Luft nach oben. Was mich fasziniert ist, wie Lemire (und auch Ellis) die Ideen für ganz verschiedenen Themen und verschiedene Serien  inhaltlich in jeweils eigens angelegten Notizbüchern sammeln bzw. behandeln. Das ist jetzt natürlich ein naheliegender Gedanke, geordnet werden muss ja alles und es gibt natürlich -zig Arten, wie man Dinge ordnen kann, klar. Je nach dem, wie der eigene Kopf so funktioniert, nach Monaten, nach Titeln, nach Auftraggeber, nach Stimmungen, nach Maltechnik.

Ich selbst habe für gewöhnlich nur ein Notizbuch zur Zeit im Einsatz, in dem ich alles sammele und das alle paar Wochen oder Monate vom nächsten abgelöst wird. Inhaltlich trenne ich nicht groß, aber ich nutze diese kleinen, bunten Post-It Fähnchenkleber, wenn ich das Gefühl habe, eine Idee lohnt sich weiterzuverfolgen. Wahrscheinlich ist dieses Vorgehen sehr ineffizient. Neil Gaiman erzählt in seinem Masterclass Kurs, dass er verschiedenfarbige Tinte für sein Tageswerk benutzt, so dass er auf einen Blick sehen kann wie viel er an jenem Tag geschafft hat; das wiederum wäre mir zu aufwendig und visuell auch zu „unordentlich“ beim Durchblättern.

 

Ich weiß nicht immer, ob sich eine Geschichte zu etwas entwickeln wird oder nur eine vage Idee bleibt.

Ich habe pro Tag ein gutes Dutzend Ideen für völlig verschiedene Geschichten; wenn ich da jedes Mal ein eigenes Notizbuch für eröffnen würde, statt sie einfach in Stichworten in meinen Alltagsnotizbüchern festzuhalten, müsste ich recht schnell umziehen oder anbauen. Ich weiß ja schon nicht, wo ich die ganzen Bärenskizzenbücher unterbringen soll, von denen jeden Monat 1-2 Exemplare hinzukommen. Und ich weiß auch nicht immer, ob sich eine Geschichte zu etwas entwickeln wird oder nur eine vage Idee bleibt; manche – wie z.B. die Gespenstergeschichte, die ich gerade schreibe und scribbele – simmern seit Jahren im Hinterkopf und in Fragmenten in den „normalen“, jährlichen Notizbüchern. Da alles zusammenzusuchen ist mühsam, ja, aber ein fast leeres Notizbuch mit nur einer oder zwei Seiten mit Stichworten darin im Regal würde mich vorwurfsvoll ansehen und jahrelang Platz wegnehmen, nur um am Ende doch nicht weitergeführt zu werden. Es ist kompliziert. (Ich bin allerdings auch nicht bei Verlagen unter Vertrag, zu bestimmten Comicserien regelmäßig frische Drehbücher abzuliefern; unter diesen Umständen würde ich es wohl ähnlich wie Jeff Lemire halten.)

Was ich jedoch interessant finde ist, dass die meisten Autoren und ZeichnerInnen, die ich kenne bzw. von denen oder über die ich lese, ganz altmodisch von Hand mit Bleistift, Kuli oder Füller in Notiz- oder Skizzenbücher schreiben bzw. zeichnen. Mir fällt spontan niemand ein, der von Beginn an digital arbeitet, also selbst die Ideenfindungsphase im Computer ablegt. Und das, obwohl wir alle jederzeit mächtige Computer in der Hosentasche bei uns tragen, in die wir Notizen sprechen oder tippen oder mit dem Finger zeichnen könnten. Warren Ellis berichtet allerdings davon, dass er es jahrelang so gehalten hat, direkt in die Maschine zu tippen:

For many many years, all my heavy development work has gone straight into txt files on the computer. Composing directly into the machine. Last autumn, I figured it was time to start challenging that practise. I’ve obviously been comfortable with my process for over a decade, if not longer. At some point I wondered if that comfort was an obstruction to getting to new places. So I decided to introduce some new friction into the method to see what happens. It’s always worth running tests on the way you work.

Was ich nicht von Hand mit einem Stift auf Papier festgehalten habe, ist nie passiert.

Das ist die Sache mit der Bequemlichkeit, sie behindert dich irgendwann. Andererseits könnte ich mir nicht vorstellen, umgekehrt zu Ellis plötzlich und fortan alles direkt in den Computer zu schreiben oder zu zeichnen. Ich habe schon vor Ewigkeiten festgestellt, dass ich etwas nur behalte, dass eine Idee oder eine Skizze nur „real passiert ist“, wenn ich sie schriftlich oder zeichnerisch auf Papier festgehalten habe. Umgekehrt bin ich zum Beispiel fasziniert, was ich hier im Blog schon so alles direkt in den Computer getippt habe … ich falle immer wieder über Einträge, die geschrieben oder veröffentlicht zu haben ich mich null erinnern kann. Das heißt nicht, dass sie schlechter wären, aber sie kommen in meiner Erinnerung einfach nicht vor – was ich ein Stückchen weit erschreckend finde, da ich in die meisten Blogtexte hier ja doch verhältnismäßig viel Zeit gesteckt habe. Ähnlich geht es mir, wenn ich alte Tweets von mir lese (die ich nicht zuletzt auch deshalb meist wieder lösche). Digitaler Output ist für meinen geistigen Verarbeitungsprozess offenbar nicht nachhaltig genug. Was ich nicht von Hand mit einem Stift auf Papier festgehalten habe, ist nie passiert. (Hier passenden, weisen Spruch mit dem umfallenden Baum und dem Geräusch dazu denken.)

Ich überlege nun also, was mich so alles daran hindern mag produktiver zu werden – sind es meine Arbeitsprozesse oder liegt die Ursache woanders? Ist es überhaupt ein PROBLEM! oder einfach nur das unbestimmte Gefühl, da ginge noch mehr? Ich habe, anders als Lemire oder Ellis, keine Verlagsunterstützung, ich mache wirklich ALLES selbst. Das kostet natürlich Kraft und Zeit und geht sicherlich ein Stück weit auch auf Kosten der kreativen Arbeit, klar. Meine Arbeitsprozesse sind daher relativ gut eingefahren und erprobt für das Pensum, das so anliegt. Für 2020 ist fürs Frühjahr die Veröffentlichung des Bärenkochbuchs geplant, dann für den Sommer mein Videozeichenkurs, im Herbst wird der Bärlender 2021 kommen und natürlich läuft täglich das Bärenabo weiter, auf Deutsch und inzwischen auch auf Englisch. Außerdem habe ich die Gespenstergeschichte laufen, die aktuell auf Instagram erscheint und die ich wohl 2021 gedruckt herausbringen werde. Ich hätte sie gern noch in dieses Jahr gepackt, aber das schaffe ich vermutlich einfach nicht.

Ich mache wirklich ALLES selbst.

Ich schreibe, zeichne, mache das Grafikdesign und Layout für die Bücher und Kalender, meinen Videozeichenkurs konzipiere, strukturiere, schreibe ich selbst (und suche eine passende Plattform, deren Webdesign ich dann selbst anpasse), ich filme selbst, mache den Ton, schneide die Videos im Premiere Pro, kümmere mich um die Vorfinanzierung und das Social Media Marketing via Blog und Newsletter und Twitter und YouTube und Instagram. Mein Artstore hier wurde – genau wie dieses Blog – von mir gebaut und gepflegt, ich suche Druckereien raus, bestelle die Kartonagen, verpacke, adressiere und trage alles selbst zur Post … und das sind, wohlgemerkt, nur meine eigenen, privaten Projekte, neben den Auftragsarbeiten für meine Kunden, die ich ja auch noch bearbeite (diese gehen allerdings mehr und mehr zurück, weil ich mehr und mehr rein von meinen eigenen Sachen leben will und es mir jetzt häufiger leiste, Anfragen abzulehnen). Und, auch wenn ich das selbst sage, ich bin in all dem ziemlich gut, nicht zuletzt deshalb, weil es mich interessiert und begeistert.

Hier kommt daher so bald keine Langeweile auf, das steht mal fest. Ich würde allerdings trotzdem gern einen Großteil meiner Arbeiten abgeben bzw. outsourcen und mich nur noch aufs Zeichnen und Schreiben konzentrieren, das kann ich mir nur bislang einfach nicht leisten. Für alles außer für den Bären hätte ich gern einen Verlag, aber dafür müsste ich erst einmal vermehrt bärenfremde Inhalte produzieren und veröffentlichen, was für diese One Woman Show hier gar nicht so einfach ist. Meine Suche nach einer Illustrationsagentur, die mir den ganzen Overheadkram abnimmt und mir einen Verlag mit Lektorat, Marketing und Vertrieb besorgt, ist deshalb in voller Fahrt. (Ich könnte mir auch selbst einen Verlag suchen, aber ich denke, eine auf Illustratoren spezialisierte Agentur wäre sinnvoller. Die kennen die Verlagslandschaft besser, sind für die Verlage wiederum eine Art Garantie für eine gewisse Qualität und sind vermutlich auch geschickter im Verhandeln, als ich es wäre – nicht zuletzt auch deshalb natürlich, weil sie von ihrer Kommission leben. Sie haben einfach unfassbar mehr zeitliche und personelle Ressourcen und – ich hasse es, das zuzugeben – Ahnung als ich.)

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“ hat Astrid Lindgren mal gesagt. Das ist wahrlich eine echte Herausforderung.

Ich merke, dass ich zwar jede Menge Ideen für andere Geschichten habe, aber nicht den Kopf frei habe, sie auszuführen.

Ich kann und werde also nicht an die Schlagzahl von Lemire herankommen, das will ich auch gar nicht, aber ich merke, wie mich z.B. der Bär im Geiste am Bein festhält und daran hindert, mich einmal ganze Tage oder gar für längere Zeit inhaltlich etwas völlig Neuem oder Anderem zu widmen. Das liegt natürlich daran, dass ich ihn nun nicht mehr nur für mich als Fingerübung oder Aufwärmübung täglich scribbele, sondern nunmehr auch täglich veröffentlichen muss. Und an meinem eigenen Anspruch, den AbonnentInnen nicht einfach einen täglichen Blick ins Skizzenbuch zu gewähren und weiterhin völlig frei zu sein in Form, Inhalt und Technik, sondern Geschichten um die Figur zu erzählen und in der Technik konsistent zu bleiben. Niemand verlangt das von mir, außer ich selbst. Aber ich merke, dass ich zwar jede Menge Ideen für andere Geschichten habe, aber nicht den Kopf frei habe, sie auszuführen – weil ich mich mindestens einmal am Tag dem Bären widmen muss, und sei es nur für ein halbes Stündchen (Stichwort: Mental Load). Weshalb ich mir inzwischen erlaube, die Bärenabogeschichten vorzumalen, denn ich will keinesfalls, dass der Bär zur lästigen Pflicht wird, das wäre äußerst tragisch. Dieses Vorarbeiten ist daher ein naheliegender Schritt, aber es war ein sehr, sehr großer für mich, das lässt sich kaum in Worte fassen. Etwa so groß wie die Entscheidung damals, den Bären zu veröffentlichen und mit der Welt zu teilen.

Und ich habe ein paar neue Skizzenbücher bestellt, um mich selbst in Sachen Output und Effizienz herauszufordern. Ab und an seine Prozesse zu überdenken ist definitiv angebracht, da hat Ellis völlig recht. Wie man oben im Bild sehen kann, bin ich ja recht experimentierfreudig und breit aufgestellt, was Marken und Papiere angeht … ich mag die kleinen Moleskine Aquarellskizzenbücher (affiliate link) für das Bärenabo, aber ich probiere auch gerne etwas Neues aus, ich bin da nicht dogmatisch. Für reine Notizen bzw alles, was nicht gezeichnet sondern getextet, geschrieben wird, habe ich inzwischen Leuchtturm Notizbücher (affiliate link) für mich entdeckt. Da schlägt die Tinte nicht durch (ich schreibe entweder mit Bleistift oder mit Füllfederhalter und Tinte, und das Papier der Moleskine Notizbücher ist zu dünn für Tinte). Für jede Idee ein eigenes Notizbuch wäre hier overkill, aber eine farblich codierte „Nahrungskette“ ist vielleicht gar nicht so doof: Ein Büchlein für erste Ideen, eines fürs Ausarbeiten einer Idee, zu der ich im Geiste immer wieder zurückkehre, eines fürs Bärenabo … es müssten wahrscheinlich dünnere Exemplare sein, so etwa wie diese Hipsterdinger von Field Notes. Ich glaube, ich habe auch irgendwo noch einen Karton mit diesen braunen Moleskine Cahiers, die ich vor Jahren mal im Angebot geschossen habe.

Ab und an seine Prozesse zu überdenken ist definitiv angebracht.

Ich bevorzuge kleinere Formate, die ich unterwegs in die Tasche stecken kann, da ich keine Frau mit Handtasche bin, sondern mein Geraffel gern in Jacken- und Hosentaschen unterbringe – auch darum liebe meine olle Barbourjacke, da geht ordentlich was rein. Ich finde alles größer als A5 daher sehr mühsam, aber auch hier muss ich langsam mal umdenken und experimentieren. Seit ich letztes Jahr eine echte Kamera gekauft habe, die ich inzwischen fast überall mit hinnehme (und deren Objektive erstaunlich viel Platz wegnehmen), bin ich vermehrt mit einem Kamerarucksack unterwegs – den ich gerade erst durch ein neues Modell ersetzt habe (ausführliche Rezension folgt in etwa vier Wochen, wenn ich genügend Gelegenheit hatte, den Neuzugang im Alltag auf Herz und Nieren zu prüfen). Ich kann jetzt also auch durchaus mal größere Skizzen- und Notizbücher verwenden, A4 oder sogar noch größer. Und wer weiß, vielleicht tippt mir ja demnächst ein Drache auf die Schulter und will, dass ich seine Geschichte zeichne? Der bräuchte mehr Platz, das steht mal fest. Man weiß nie, wann man einem Drachen begegnet.

Und ich bin gespannt, wie es mit dem kleinen Grafiktablett so läuft, das ich mir ja umständehalber zulegen musste. Das verführt vielleicht zu einer neuen Welle digitaler Zeichnerei, wer weiß? Mein Problem mit digitalen Skizzen ist … aber nein, das würde hier und heute zu weit führen, der Eintrag ist ohnehin schon viel zu lang geworden. Morgen ist auch noch ein Tag.