Befindlichkeitsgedöns (eine Art Fortsetzung von gestern)

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Tag 224 von 366 – Immer noch zu heiß und viel zu schwül. Gewitterwolken ziehen höhnisch und viel zu hoch vorbei und entladen sich nicht.

Ich habe ab halb fünf heute früh gemalt und Sandman gehört, die Audible Hörspielproduktion des berühmten Comics von Neil Gaiman. Normalerweise höre ich Hörbücher nur zum Einschlafen und dort bekanntlich immer nur die erste halbe Minute, bevor ich im Tiefschlaf bin. Beim Zeichnen und Schreiben kann ich nichts hören, da bin ich nicht multitaskingfähig, aber im Auto, auf dem Fahrrad, beim Laufen und beim Kolorieren geht’s, also überall dort, wo es nicht unbedingt meine volle Aufmerksamkeit braucht (das war ein Witz, bitte rufen Sie nicht die Polizei).

Und zwischendrin in alten Lieblingstweets geblättert. Das war dort früher deutlich lustiger, familiärer und ganz besonders kürzer als heute.

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Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Parallelwelten es auf Twitter gibt und wie einfach und schnell man sich komplett aus den Augen verlieren kann, wenn man möchte. Es gibt etwa ein Dutzend Accounts, mit denen ich mir in den letzten 13 Jahren zwischendurch gerne gegenseitig gefolgt bin, die teils sogar auf der Liste der Lieblingstweeties standen und mit denen ich mich dann irgendwann wegen irgend etwas überworfen habe.

Ich gestehe, ich vergesse in aller Regel umgehend, worum es ging, weil es mir sehr selten wichtig erscheint was so auf Twitter diskutiert wird, weshalb ich meist vermutlich zu flapsig bin, was mir dann angekreidet wird, was ich aber umgehend wieder vergesse, weil es mir einfach nicht wichtig … well, you get the idea.

Jedenfalls folgt man sich dann nicht mehr und eventuell blockt oder muted man sich dann auch eine Weile lang oder für immer und hört ab da wirklich null voneinander, es herrscht totale Funkstille, trotz dutzender gemeinsamer Follower. Sie sind einfach unsichtbar, komplett vom Radarschirm gefallen, es ist wirklich verrückt.

Irgendwann nach Monaten oder Jahren fällt einem dann manchmal siedend heiß ein, dass man ja mal jemand Kompetentes zum Thema X in seiner Timeline hatte, für das man sich gerade interessiert. Oder Twitter ändert den Algorithmus und zeigt einem an, dass jemand, dem man folgt, einen Tweet von diesem ehemaligen Follower geliked hat.

Oder man fragt sich flüchtig, was wohl aus ihm oder ihr geworden ist. Dann schaut man mal aufs Profil und ist entweder noch immer geblockt oder der Account ist inzwischen weg oder aber da hat sich so dermaßen viel getan, und teilweise so unglaublich öffentlich, dass man nur noch staunt, wie das alles volle Kanne an einem vorüberziehen konnte.

Neuer Job, neue Stadt, neues berufliches oder privates Leben, Studium angefangen, Studium mit Dissertation beendet, neues Kind, Kind ausgezogen, neues Haustier, kein Haustier mehr, neue Frau, wieder solo … all die kleinen und großen Dramen, die man früher hautnah mitbekommen hat. Bei manchen Accounts freut man sich still mit ihnen und folgt ihnen vielleicht irgendwann vorsichtig wieder, bei anderen ist man wiederum heilfroh, diesen Psychos und Klappspaten entkommen zu sein und natürlich gibt’s auch die dazwischen, die man unmittelbar wieder vergisst, weil sie einfach völlig uninteressant für einen selbst geworden sind.

Ich hab’ zwei Figuren aus der „Psychos und Klappspaten“-Kategorie unter meinen Ex-Followern; mit einer von den beiden hatte ich auf irgend einer re:publica vor zehn Jahren oder so mal Spaß auf einem Panel, wir verstanden uns prima, sie lud mich sogar später zu ihrer Twitterhochzeit ein (also, es war schon eine echte Hochzeit, aber halt mit einem Twitterer und nein, ich war nicht da) und dann hat sie mir irgendwann später mal übel genommen, dass ich jemandem folg(t)e, mit dem sie sich nicht versteht und mich daher fortan nicht nur geblockt, sondern mir, wie ich neulich durch einen lustigen Zufall herausfand, ein „Hausverbot“ in ihrem Onlineshop erklärt.

Also, das hat sie nicht mir gegenüber offiziell erklärt, sondern nebenbei jemand Drittem gegenüber erwähnt, der oder die mir naiver Weise ihren Onlineshop empfohlen hatte, nicht wissend, dass sie mit mir den Beef des Todes hat und offenbar Schnappatmung bekommt, sobald mein Name fällt, was ich natürlich nicht mehr auf dem Schirm hatte. Die klassische Kindergartennummer halt. Grundgütiger, welcher Klapskalli merkt sich denn bitte irgendwelchen Twitterbullshit über Jahre hinweg und macht sich dann noch so dermaßen zum Horst vor Dritten, deren Reaktion dann natürlich dem berühmten Homer-weicht-in-die-Hecke-zurück-GIF entsprach?

Die andere Dramaqueen war ein Typ, der freundlicherweise mein Bärenbuch gekauft hatte. Er fand es zunächst auch ganz super, wir folgten uns gegenseitig, aber irgendwann habe ich ihm wegen irgend etwas öffentlich widersprochen oder habe etwas retweeted, was ich witzig fand und er so gar nicht. Auch hier weiß ich wirklich nicht mehr, worum es ging, was ihm so sauer aufstieß – ich kann mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. Es war aber garantiert nichts der Größenordnung „sein Kind doof und seine Katze fett und hässlich genannt“, kein persönlicher Angriff.

Offenbar hat es ihn jedoch zu Tode gekränkt, denn er prangerte mich vor seinen weit über zehntausend Followern an, rief zum Boykott meiner Arbeit auf und blockte mich umgehend, damit ich nicht weiter reagieren konnte. (Diese Art von Unfallflucht – dich erst zu „überfahren“ und dann schnell ein Schloss vor den eigenen Account machen und dich zu blocken – ist auf Twitter recht weit verbreitet und soll dabei helfen, die Deutungshoheit über das Geschehen zu behalten.)

Einige seiner Minions Fans schickten mir Drohnachrichten, bepöbelten mich wüst per Mails und Direktnachrichten und der Dickpic-Anteil mit Vergewaltigungsfantasien schnellte in die Höhe in jenen Tagen. Da ich im Frühjhar/Sommer letzten Jahres wie schon mal erwähnt sehr große Sorgen um einen mir sehr nahe stehenden Menschen hatte und zwischen Ärzten und Krankenhaus pendelte, war ich seelisch nicht in der besten Verfassung um diesen Dreck schulterzuckend zu ignorieren und zu löschen oder halt kaltlächelnd Strafanzeigen zu stellen, was ich normalerweise in solchen Fällen mache.
Einige Wochen später dann schickte er mir mein Buch zurück, in das er vorne mit Kuli eine Botschaft an mich gekritzelt hatte.

Und ich gestehe gerne: Das war der Moment, wo ich wirklich kurz schlucken musste. Das klingt hier und heute vielleicht etwas übertrieben und für viele sicher wenig nachvollziehbar, aber es war an dem Tag wirklich sehr beängstigend. Sollte er das hier lesen (was ich nicht glaube) wird er sich ins Fäustchen lachen: Mission accomplished.

Es ist ja eine Sache wenn dich jemand online beschimpft, doof, aber wen interessiert’s? Blocken oder muten und gut ist. Aber mein Buch nicht einfach ins Altpapier zu geben, weil er mich jetzt hasst und es nicht mehr lesen mag, sondern eine persönliche Nachricht an mich vorne reinzuschmieren und es mir nach Hause zu schicken … das hat definitiv was von „Schiri, wir wissen wo dein Auto steht“. Bei diesem Mann sind jedenfalls mehr als ein paar Schrauben locker, ich würde sagen, da fehlen welche an tragenden Bauteilen, soviel steht mal fest.

Wenn ich sage, dass ich schlicht nicht mehr weiß, worum es sich bei der Ursprungssituation genau handelte, also, warum wir jetzt eigentlich aneinandergerieten, dann sage das nicht, um zu zeigen wie cool und desinteressiert oder vergesslich ich bin, sondern um zu beschreiben, wie schnell und leicht man unbeabsichtigt zu ewigen Todfeinden kommt. Und dass Themen und Dinge, die dem einen Menschen überlebenswichtig sind und aus persönlichen Gründen nahe gehen und am Herzen liegen, für den anderen Menschen oft keinerlei Relevanz haben, der deshalb flapsige und vermeintlich harmlose Sprüche darüber macht.

Es hat halt jeder Mensch ein anderes CLEANING WOMAN! als Trigger. Andererseits ist es zumeist unmöglich vorab zu wissen, bei wem welcher Punkt neuralgisch ist und zum Meltdown führen wird. Oder wie genau der dann reagieren wird: Mit Schmollen und Blocken? Oder mit der Aufforderung an seine Follower, den Teeren-und-Federn-Umzug zu mir nach Hause zu starten?

„Prominent auf Twitter/YouTube/Blog“ ist ja wie „weltberühmt in Wanne-Eickel“ oder auch Millionär beim Monopoly. Und damit sind wir dann wieder beim gestrigen Thema: Wir alle halten uns für so relevant, dabei haben wir null Relevanz für die Menschen außerhalb unserer Familie und unserer Filterblase und meist nicht einmal für die, jedenfalls nicht für immer. Und darauf kommen wir einfach nicht klar, diese geistige Transferleistung ist für viele unter uns zu schwer zu stemmen. Und da bin ich noch gar nicht auf das zusätzliche Hindernis „Onlinekommunikation“ eingegangen. Ironie und Witz sind für einige Leute schon im direkten Dialog, Angesicht zu Angesicht, schwierig zu erkennen. Online ist es für viele unmöglich.

Weshalb die Binsenweisheit „seid nett zueinander“ halt meist ins Leere greift. Ich flapse oft #allebekloppt auf Twitter, aber das hat einen wahren Kern. Je älter ich werde, um so deutlicher erkenne ich wie hauchdünn die Decke der Zivilisation ist, wie instabil und wackelig die Gefühlslage der meisten Leute, und wie ungeheuerlich ihre Wut auf ALLES und ihr Aggressionspotential.

Ich weiß nicht so genau, wie bzw. mit welchem positiven Dreh ich diesen Eintrag heute beenden soll, daher ist hier etwas abrupt Schluss. Passt auf Euch auf.