Bleierne Müdigkeit

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“I feel thin, sort of stretched, like butter scraped over too much bread.”
– Bilbo Baggins

Dieses Jahr war kurz und lang gleichzeitig. Dass die Jahre kürzer werden, je älter man wird, das ist keine neue Weisheit, auch nicht, dass Zeit wie Sirup tropft, wenn die Dinge kompliziert und anstrengend werden. „Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt“ lagen dieses Jahr jedoch so dicht beieinander wie selten zuvor. Das Schreiben, Illustrieren, Vermarkten, Verkaufen und Versenden des Bärenbuchs im Frühling – irre stressig, aber ungeheuer befriedigend. Da ist es, mein erstes Buch. Wobei des Schreiben und Illustrieren der leichteste Teil war, das ging quasi von selbst.

Zeitgleich zur Anlieferung des Buchs von der Druckerei kam die böse Diagnose für einen geliebten Menschen, Angst und Sorge und endlose Stunden als Wartezimmerbegleitbär überschatteten sehr die Freude über den Erfolg des Buches. Dann der Tag der OP, das bange, stundenlange Warten, das „kreisrunde Gräben ins Linoleum des Wartezimmers laufen“, mit der Twittertimeline in der Hand, zur Ablenkung. Die aus zwei, drei kryptischen Tweets des Fräuleins bestanden und dunklen Andeutungen von schwarzen Wolken über ihrem Haus. Twitter ausschalten, kein freies Molekül eines Gefühls oder Gedankens für auch noch diese Baustelle haben. Warten auf die Nachricht des behandelnden Arztes oder wenigstens einer Schwester, dass meine Welt nicht untergehen würde, zumindest heute noch nicht, heute noch nicht. Dann die Freude über die geglückte OP und den glimpflichen Ausgang, der Sturm ist noch einmal vorübergezogen, auch morgen wird die Sonne wieder aufgehen.

Der Sommer am Meer, in Gedanken sechs Wochen, tatsächlich aber nur eine Woche, denn mehr ist nicht drin. Aber Licht, Sonne, Luft, Salz, Meer tanken, die Batterien zumindest von knallrot auf gelb laden. Mitten am Strand, am vorletzten Ferientag die Nachricht empfangen, dass des Fräuleins Weg jäh im Abgrund endete. Mehr Salz, mehr Wasser, heiße Tränen der Trauer und unglaubliche Wut auf den dreckigen Twittermob, die gockelige Edelfeder des „Leitmediums“, selbstgerechtes Geschwaller von A-BloggerInnen, die feigen Preisverleiher, die widerlichen Wikipedia-Asis, die sie alle zusammen de facto hingerichtet haben. Mein verhältnismäßig zurückhaltender, naturgemäß parteiischer Blogeintrag erhält viel Zuspruch von erwarteten und unerwarteten Stellen, aber kostet auch ein paar langjährige Twitterbekanntschaften; manche entfolgen mich, einige mute ich, manche, auch Unbekannte, blocken mich, manche, auch Unbekannte, blocke ich. Mantraartig „es sind nur Pixel“ sagen. You have made your bed, now lie in it.

Luft holen. Bärlendermotive malen. Das Crowdfunding noch drei Wochen eher starten als 2018, hoffend, dass es nicht zu früh ist, die Bayern haben gerade ihren letzten Sommerferientag hinter sich, wer mag da schon an Weihnachten oder gar das nächste Jahr denken? Nach dem maximalen Maxibrief-Postdrama des letzten Jahres mit 5% verlorenen Sendungen dieses Jahr alles als Paket versenden, bislang erfolgreich. Es gab ca. 10% weniger Vorbestellungen als im letzten Jahr, das Rätseln, ob es daran liegt, dass ich schlicht zu früh dran war (s.o.) oder die Leute keine Lust mehr auf den Bären haben oder durch die naturgemäße Portosteigerung die Schallgrenze von 20 EUR überschritten wurde oder ich mir mit gelegentlichen unpopulären Äußerungen auf Twitter zu viele KundInnen vergrault habe oder ob die etwas andere Maltechnik – keine Tuschephase mit schwarzen Konturen, so wie letztes Jahr und im Bärenabo – halt nicht so gut ankommt. Ich werde es nie erfahren, diese Grübelei bringt mich nicht weiter, hör auf zu denken, du läufst Gräben ins Linoleum deiner Großhirnrinde, Kiki.

YouTube ins Visier nehmen, sich intensiv mit der Technik von Kamera, Licht, Ton, Dateiformaten, Codecs beschäftigen. Seit langer Zeit einmal wieder so etwas wie Begeisterung für ein Thema entwickeln. Zaghaft ein paar erste Videos drehen und hochladen, überraschend viel guten Zuspruch bekommen, eine Liste mit Themen erstellen, filmen, versagen, neu filmen, es besser machen, kein Muster erkennen können, beschließen, die verdammten Statistiken zu ignorieren und einfach weiterzumachen.

Das Bärenabo auch auf Englisch anbieten, die erste Handvoll AbonnentInnen dort feiern, überlegen, wie es weitergeht mit mir und Bär und was ich eigentlich noch alles so machen möchte, aber, keine Zeit, keine Zeit. Wissen, das ist Käse, Zeit hat man immer. Überlegen, wo ich die Zeit einsparen kann. Definitiv deutlich weniger Zeit auf Twitter verbringen, ich ertappe mich dabei, viel zu viel Rücksicht auf Leute dort zu nehmen, die selbst keinerlei Rücksicht auf andere nehmen, auf mich schon gar nicht.

Offline uralte Freunde treffen, eine Freundschaft wiederbeleben, ein paar Menschen aus diesem Internet treffen (nein, es sind nicht alle nur Pixel) und Pläne für das nächste Bärenbuch schmieden. Überlegen, ob es sein Kochbuch werden soll oder nicht doch eine Graphic Novel, aber die Graphic Novel würde sich nicht rechnen und „nur aus Liebe“ eine zu zeichnen, das kann ich mir einfach nicht leisten. Überlegen, wie ich das Kochbuch illustriere, Rezepte raussuchen, probekochen, das wird alles so unfassbar viel mehr Arbeit als das erste Bärenbuch. Einige Fans fragen, wann die Fortsetzung zu „Bär & ich“ kommt. Es wird keine geben, das weiß ich. Das Buch steht für sich, und die mittleren Jahre könnte ich frühestens in dreißig Jahren mit genügend Abstand angehen. „Bär & ich“ hatte immerhin rund 50 Jahre Vorlauf. Aber ich könnte mein „schwarzes Projekt“ mal angehen, eine dunkle Geschichte um … düster, das komplette Gegenteil von Bär und seinen Freunden. Vielleicht bin ich es dann auch los.

Müde, müde, müde. Wäre mein Jahr eine Herr der Ringe Verfilmung, wir wären jetzt etwa an dem Punkt, an dem die Schlacht um Mordor beginnt. Ich bin noch nicht ganz sicher, wie heile ich am anderen Ende raus komme.

What’s next? Im Kundenauftrag in die Schweiz fliegen, dann das Bärenkochbuch für die Veröffentlichung im Frühjahr fertig machen. Und: Weihnachten mit allen geliebten Menschen feiern, wer hätte Anfang April noch gedacht, dass das nicht selbstverständlich sein würde?

Im Wald gewesen. Gold gefunden.