Darf ich dich siezen, oder muss ich Sie duzen?

(Das können Sie halten, wie Du willst.)

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„Es sagt sich leichter ‚du Arschloch‘ als ‚Sie Arschloch‘.“

Diese krass formulierte Antwort meines Vaters auf meine Frage, warum wir eigentlich hierzulande Menschen siezen und nicht einfach jeden duzen würden, hat mich als Kind sehr beeindruckt. Einerseits, weil er in aller Regel auf Kraftausdrücke verzichtete. Andererseits, weil mich seine Antwort zum Nachdenken zwang. Mein Vater war ein sanftmütiger Mann, nicht leicht aus der Ruhe zu bringen und ich habe ihn nur selten fluchen gehört. Er hatte durchaus Temperament, aber er hatte sich sehr gut im Griff. Warum also benutzte er jetzt dieses Wort, vor den Ohren seiner etwa sechsjährigen Tochter?

Ich sieze von Natur aus gerne. Es fällt mir schwer, Menschen, denen ich persönlich begegne – also jenseits des Internets, wo die Unterhaltung via Tastatur ja noch einmal eine eigene Barriere bildet – zu duzen. Ich habe inzwischen gelernt, dass es viele, meist jüngere, Menschen schon fast als unhöflich empfinden, gesiezt zu werden und bemühe mich daran zu denken, wenn ich in einem entsprechenden Rahmen unterwegs bin. Aber es fällt mir wirklich schwer. Höflichkeit bedeutet für mich, Menschen beim ersten Zusammentreffen zu siezen und dabei zu bleiben, falls wir uns nicht auf Anhieb extrem sympathisch sind und es natürlicher finden, uns zu duzen.

Dabei ist es für mich völlig bedeutungslos, ob der- oder diejenige das ist, was man klassisch als „ranghöher“ oder „rangnieder“ ansieht. Ich erkenne in dieser Hinsicht keine Rangordnung an; niemand ist mehr wert, wichtiger oder ranghöher als ich, nur weil er oder sie z.B. einen Doktortitel trägt, älter ist als ich oder Priester ist oder Bundeskanzlerin. Ich würde Frau Dr. Merkel genauso siezen wie unseren Hausmeister oder den Paketboten: Aus natürlicher Höflichkeit und Respekt meinen Mitmenschen gegenüber. Im Grunde benutze ich also das Siezen wie die Genossen der SPD ihr Duzen: Als Gleichmacher, nur halt ohne den Minderwertigkeitskomplex dahinter.

Das erste Mal, dass mich jemand Fremdes gesiezt hat, war bei einem klassischen Konzert. Eine ältere Dame bat mich, etwas zur Seite zu gehen, damit sie zu ihrem Platz wackeln konnte. Ich war acht Jahre alt. Zunächst war ich verblüfft, dann erfreut: Sie hatte mich völlig natürlich gesiezt, ohne Leutseligkeit oder Herablassung gegenüber dem Kind, das ich klar erkennbar war. Sie wollte etwas von mir und bat mich höflich darum. Ich fand das schön. Aber ich bin auch von Hause aus ein höflicher Mensch. Meine Mutter erzählt heute noch gern, wie sie am Kinderzimmer vorbeiging und mich zu meiner Spielfreundin sagen hörte „würdest du mir bitte den Bauklotz reichen“.

Als verbalen Abstandhalter finde ich das ‚Sie‘ eine fabelhafte Einrichtung. Es gibt ferne Länder und exotische Gegenden, in denen man sich zur Begrüßung umarmt und links und rechts auf die Wangen küsst; Italien, Frankreich oder Düsseldorf zum Beispiel. Ich fasse nicht gern fremde Leute an und ich lasse mich noch viel weniger gern von fremden Leuten anfassen. Ein Händeschütteln ist meiner Ansicht nach mehr als genug zur Begrüßung. (Was mich betrifft, tut’s auch ein freundliches Nicken im Verbund mit einem ‚Moin!‘ zur Begrüßung, aber ich sehe ein, dass diese sehr norddeutsche Art vielleicht ein doch zu starker Kontrast zum hemmungslosen Rumknutschen der Südländer wäre.) Ein ‚Sie‘ ist das verbale Äquivalent zum Händeschütteln. Freundlich, ohne anbiedernd zu sein. Höflich, ohne zu kriechen. Neutral, ohne Gleichgültigkeit.

Und auch, wenn man jemanden auf Anhieb unsympathisch findet, ist man mit dem ‚Sie‘ auf der sicheren Seite. Auf Abstand. Denn das ist mit dem Eingangssatz gemeint – Wer sein Temperament nicht so hundertprozentig im Griff hat, der hat mit der ‚Sie‘-Barriere quasi einen eingebauten, psychologischen Rettungsschirm.

Ich habe in einigen Firmen und Branchen gearbeitet, Verlagen, Werbeagenturen und Start-Ups, in denen sich überwiegend geduzt wurde. Die meisten davon hatten eine scheinbar lässige Unternehmenskultur, mit scheinbar flachen Hierarchien, jede/r duzte jede/n und man grillte nach der Arbeit zusammen oder traf sich in der Pause am Kickertisch im Flur. Hey, wir waren alle so jung und hip und Rock’n Roll! Hi-Five! Bro-Kultur vom Feinsten (übrigens auch in von Frauen geleiteten Firmen mit überwiegend weiblichen Angestellten).

Außer, dass „wir“ das eben nicht waren. Weder sonderlich jung, noch hip und Rock’n Roll. Ich muss immer sehr lachen, wenn ich von einer Veranstaltung für „Onlinemarketing Rockstars“ lese. Man ist entweder ein Rockstar oder im Marketing. Tut mir leid, aber wer sich fürs Marketing entschieden hat, hat sich für die dunkle Seite der Macht entschieden. Da gibt’s (Besprechungs)kekse, schon klar, aber man wird in erster Linie dafür bezahlt, Leute für dumm zu verkaufen und erfolgreich zu belügen, daran ändert auch kein „ich darf in Chucks und Hoodie ins Büro kommen und meinen Chef duzen“ etwas. Rock’n Roll hingegen ist Rebellion, Revolution, Kampf gegen das Establishment, für das Gute und für die Wahrheit. Der Rock’n Roll lügt nicht. Aber ich schweife ab.

In diesen Firmen war das Hauen und Stechen hinter den Kulissen und unter der Oberfläche nicht weniger gemein und dreckig als in jenen, in denen gesiezt wurde und man wie ein erwachsener Mensch angezogen ins Büro kam. Nur wurde man durch die Duzerei von Anfang an in einer Art trügerischen Sicherheit gewogen: Wir duzen uns, also tun wir uns nichts. Man wurde auch einer höflichen Möglichkeit beraubt, zurück auf Abstand zu gehen, sobald man merkte: Läuft alles doch nicht so rund wie gedacht. Oder, um Papas Worte zu ergänzen: Es ist schwierig bis unmöglich, von „Du Arschloch!“ zu „Sie Arschloch!“ zurückzukehren.

Es wird auch immer gern angeführt, dass es ja Sprachen gebe, in denen kein solcher Unterschied gemacht werde, im Englischen zum Beispiel. Das ist rein semantisch betrachtet sicher richtig, aber niemand sollte sich der Illusion hingeben, es gäbe in englischsprachigen Ländern keine Hierarchien oder Klassenunterschiede. Wenn wir in dem US-Konzern, in dem ich gearbeitet habe, internationale Meetings oder Telefonkonferenzen hatten, sprach sich selbstverständlich jede/r mit dem Vornamen an. Dennoch war ziemlich klar, wer der Chef war. Und weil es irgendwie schräg gewesen wäre, nach einem dreistündigen, in englischer Sprache abgehaltenen Meeting, bei dem man den deutschen Chef wie jeder sonst auch mit dem Vornamen angesprochen hat, anschließend auf dem Flur wieder mit „Herr Soundso“ anzusprechen, kam ab dann das „Hamburger Du“ zum Einsatz. Das „Hamburger Du“ besteht aus Vornamen + ‚Sie‘, also z.B. „Jan-Christopher, würden Sie mir bitte die Akte xyz bringen?“. (Sein Gegensatz ist das „Berliner Sie“, beispielsweise in „Herr Lehmann, kannst du mal kommen, ich hab‘ Storno!“)

Ich weiß nicht, woher diese Sehnsucht nach dem Du und der damit verbundenen Jagd auf die ewige Jugend kommt. Die Infantilisierung unserer Gesellschaft – weltweit – begünstigt offenbar das flächendeckene Duzen. Ich höre immer wieder „wenn mich jemand siezt, fühle ich mich alt“; mal humoristisch in lustigen Tweets, mal ernsthafter formuliert. Aber zu altern, erwachsen zu werden und anzuerkennen, dass da eine Generation jüngerer Menschen heranwächst, die eine eigene Sprache, Kultur und Gemeinschaft hat und sich abgrenzen will, das ist heutzutage für sehr viele Menschen offenbar ein echtes Problem, das ihnen auf der Seele liegt. Der Kult um die Jugend hat irre Ausmaße angenommen, sprachlich, modisch und im allgemeinen Umgang miteinander. Wir reden von „Jungs und Mädels“ wenn wir von erwachsenen KollegInnen aus dem Büro oder Sportverein oder der Clique reden, darin schwingt auch immer die Sehnsucht mit, keine Verantwortung für irgend etwas übernehmen zu müssen. Wir ziehen uns an wie Dreijährige: Bunt, schrill, teils übergroße Klamotten, teils Hochwasserhosen. Was soll das? Wen soll das täuschen? Wer soll uns ernst nehmen?

Eine aktuelle Plakatkampagne für eine Zigarettenmarke zeigt einen Hipster ca. Mitte bis Ende 20, mit Vollbart, Hoodie, Fluppe im Mund und tätowierten Händen. Tenor: „Mach dein Ding“ bzw., wie ich es im Geiste nenne: „Natürlich rauche ich, denn ich bin offensichtlich komplett frei von Selbstachtung, Verstand und Geschmack und habe die geistige Reife eines etwa Dreijährigen.“ Ich frage mich, was mein Vater, zeit seines Lebens starker Raucher, wohl zu diesem Plakat gesagt hätte. Vermutlich hätte er es überhaupt nicht wahrgenommen und sich nicht angesprochen gefühlt, denn er war ein erwachsener Mann und kein Junge.

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