Das schwarze Wölkchen

0

Man erfährt eine Menge über die Menschen, die man portraitiert. Wenn man sie, wie ich es auf meinen Avatoons mache, meist von Ferne malt, also ohne ihnen je live begegnet zu sein, dann erfährt man vielleicht noch etwas mehr als normalerweise. Die Avatoonkundschaft schickt mir mit dem Auftrag in der Regel ein paar Fotos von sich und dazu Informationen über sich, die sie für relevant erachtet. Auf diesen Fotos zeigen sich die Leute in der Regel so, wie sie sich selbst gerne sehen, nicht unbedingt so, wie sie sind, und ich schaue sie mir lange an, länger, als ich den Leuten vermutlich schicklicherweise ins Gesicht sehen würde, säßen sie mir persönlich gegenüber. Ihr eigentliches Wesen einzufangen, ohne sie dabei zu desavouieren, das ist oft die grösste Herausforderung bei meinen Portraits aus der Ferne.

Natürlich habe ich Lieblinge unter den Ergebnissen, Leute, die mir – meinen eigenen Ansprüchen nach – zumindest gestalterisch besonders gut gelungen sind (auch wenn ich die tatsächliche Ähnlichkeit nicht persönlich überprüfen konnte) und mit denen die Kommunikation besonders witzig oder entspannt war. Und so, wie eine Mutter klugerweise nicht laut sagt, welches ihrer Kinder sie am liebsten hat – und dass dem oft so ist, das weiß ich selbst als Nicht-Mutter und Einzelkind – so schweige auch ich in der Regel öffentlich darüber, welche Avatoons mir ganz besonders viel Spaß gemacht haben. Eine Ausnahme war und ist der von Johannes Korten, oder einfach Hannes, wie er genannt wurde.

Ich kannte Hannes zunächst nicht persönlich, obwohl er in meiner Timeline und meinem Bekanntenkreis omnipräsent und ständig „on air“ war. Manchmal etwas zu präsent und laut, einen Tick zu penetrant, aber das sind wir ja fast alle gelegentlich, ich selbst nehme mich da gar nicht aus; das ignorieren die anderen dann taktvoll, oder muten/entfolgen einen vorübergehend, und nach ein paar Stunden oder Tagen geht’s ja auch meist wieder.

Hannes war das Gesicht der GLS Bank in den sozialen Medien, er schien aufzugehen in seinem Job und hat diese Bank sicherlich nicht nur bei mir überhaupt erst auf den Radarschirm gebracht. Sein Instagramstream zeigte fast immer dieselben Fotos: Selfies von sich und seinen Kindern, beim gemeinsamen Brötchenholen auf seinem geliebten Fahrrad, er und das fiebernde Mademoisellchen, er und sein Sohn beim gemeinsamen Musik machen. Fast alle Fotos, die ich von ihm sah, waren schwarz-weiß und in der Regel sehr kontrastreich aufgenommen oder per Instagramfilter bearbeitet. Hannes zeigte klare Kante, Grautöne schienen ihm zwar nicht fremd zu sein, aber „viel Licht, viel Schatten“, so schien er die Welt zu sehen.

Ich sah all diese Fotos mit ihm und das nicht abgebildete, aber für mich klar erkennbare schwarze Wölkchen über seinem Kopf, das ihm zu folgen schien – die Melancholie, die ihn umflorte. Dieser Mann hatte definitiv den Blues. Als ich seinen Avatoon schliesslich zeichnete, ging er mir so leicht von der Hand wie keiner davor oder seither, ich musste nicht nachdenken, mich nicht rückversichern. Er war witzig geworden, ohne ihn lächerlich zu machen, cool, ohne leblos zu sein, er machte neugierig auf die Person dahinter, fand ich, und (zumindest für mich erkennbar) es war auch das schwarze Wölkchen mit drauf. Ihm selbst gefiel das Portrait auch sehr, er widmete ihm sogar einen eigenen Blogeintrag, der, wenig überraschend, meinen Eindruck bestätigte.

Johannes Korten | ©2015 Kiki Thaerigen, e13.de

Dann hatte sein Freund einen Schlaganfall und Hannes steckte seine ganze Energie in die Hilfe für Kai und dessen Familie. Gut vernetzt wie er war und dank seines ausgezeichneten Gens als Rampensau bewegte Hannes unglaublich viel in sehr kurzer Zeit und am Ende stand sein TED-Vortrag „Das Netz ist ein guter Ort, wenn wir es dazu machen“, den er auf der re:publica noch einmal wiederholt hat, seinen Avatoon prominent im Hintergrund platziert.

Parallel zu all seinen anderen Aktivitäten verkuppelte er mich im Rahmen der GLS-Bloggerkooperative mit dem NGO More Than Shelters, für das ich einen Comic zeichnen sollte. Die Entstehungsgeschichte ist hier etwas ausführlicher dargelegt.

Es dauerte dann doch noch eine ganze Weile, bis wir uns dann endlich erst- und letztmals persönlich begegneten. Erst in diesem Frühjahr, im Rahmen besagter re:publica war es soweit. Wir fielen uns lachend in die Arme, unterhielten uns über Gott und die Welt, wie es seinem Freund Kai ging, wie erschüttert wir über den Vortrag von Uwe waren, der in einem Panel der Veranstaltung über seinen Selbstmordversuch erzählte, über die Flüchtlingssituation und More Than Shelters und was man als Künstler tun kann (und was nicht). Hannes machte ein Selfie von uns, wie er es in den drei Tagen re:publica mit vielen aus seiner Timeline machte, aus all diesen Selfies wurde sein #rpTEN-Dankeschön-Film.

Die vielen schlechten Nachrichten der letzten Monate, die näher kommenden Einschläge, Terror, Amok, Hass – das Wölkchen über seinem Kopf wurde zur Wolke und hat den Himmel über Hannes so verdunkelt, dass er offenbar kein Licht mehr sehen konnte, nur noch Schatten. Sein Blogeintrag heute früh war ein Abschiedseintrag, mit dem er seinen Suizid ankündigte. Für ein paar Stunden hofften, bangten wir wider besseren Wissens gemeinsam, dann kam die traurige Gewissheit, die Bestätigung: Hannes ist tot. Und meine Gedanken sind bei seiner Familie und seinen Freunden, die ihn besser kannten als ich. Ich wünsche ihnen die notwendige Kraft und Stärke, aus dieser plötzlichen Dunkelheit herauszufinden.

„Wenn ich einen letzten Wunsch hätte, dann wäre es der hier: Schaut in jeder Situation gemeinsam nach vorn. Seit achtsam mit euch selbst und dann aufeinander. Macht die Welt im Großen wie im Kleinen wieder zu einem guten Ort. Lebt den Gedanken, dass das gemeinsam im Miteinander möglich ist, weiter. Das wäre mir ein letzter Trost. Vielleicht bekommt mein Dasein dann doch noch einen Sinn.“ – Johannes Korten

Fangen wir an.

Nachtrag: Juna hat die Nachrufe der Anderen gesammelt. Und Mme. Creezy hat einen sehr ausführlichen und guten Artikel zum Thema Depression und Suizid gebloggt, mit vielen hilfreichen Tipps und Links zu Anlaufstationen.

Der e13-Newsletter
Etwa vier- bis sechsmal im Jahr Neues von mir und meiner Arbeit. Außerdem interessante Links und Themen aus Illustration, Design und Kunst. Kein Spam, jemals. Versprochen.