Das Tagebuch im Tagebuch

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Tag 139 von 366 – Ich lese das Coronatagebuch von Frau Novemberregen (nein, sie hat(te) kein COVID-19) und das vom Formschub (er hat(te) es sehr wahrscheinlich) und überlege, wie die letzten Wochen hier so aussahen. Viel muss ich nicht überlegen, schließlich blogge ich ja jeden Tag, aber natürlich steht hier auch nicht alles drin, insofern … well.

Anfang Februar komme ich von einem zehntätigen Kundenauftrag aus der Schweiz zurück. Am Rückreisetag treffe ich mich vor dem Abflug in Basel auf einen Kaffee mit Frau Brüllen, sie erzählt mir von Corona, von dem ich bis dato nichts mitbekommen hatte, da die Kundin und ich quasi zehn Tage „in Klausur“ getagt, gefilmt, geschnitten haben und wir nur ein-, zweimal im Dorfsupermarkt einkaufen gewesen waren. Frau Brüllen sagt, wie beeindruckt sie von der radikalen Art durchzugreifen der Chinesen ist, die in Wuhan mal eben einige Millionen Leute schlicht unter Quarantäne gestellt und eine Millionenstadt komplett abgeriegelt haben.
Ich fliege mit einem leicht mulmigen Gefühl nach Hause; in Zeiten des globalen Reiseverkehrs und bei Inkubationszeiten, die über 12 Stunden liegen, ist das Pferd logischerweise längst aus dem Stall, wenn die Tür erst verriegelt wird. Jeder an Bord kann es haben, jeder in der Schlange am Flughafen: Basel ist das Drehkreuz für die Mitarbeiter des Europäischen Parlaments in Strasbourg als auch natürlich für die der Pharmakonzerne in der Gegend (Novartis, Roche, Syngenta, Lonza, um nur die größten zu nennen), die – neben den meisten anderen Konzernen im Dreiländereck – selbstverständlich intensive wirtschaftliche Beziehungen mit China pflegen und sehr wahrscheinlich täglich hin- und zurückfliegen (nicht dieselben Mitarbeiter natürlich).

Mein nächster Besuch bei dieser Kundin ist für Anfang Mai geplant und der Flug ist auch schon gebucht. Ich überlege kurz, ihn zu stornieren oder umzubuchen, aber das kommt mir dann doch einen Hauch übertrieben vor; bis dahin sind es noch fast drei Monate, man kann sich auch verrückt machen, Kiki, komm’ mal klar. Außerdem würde das nur unnötig Geld kosten, ich druck’s mir ja nicht selbst. Ich denke ‚wenn’s tatsächlich schlimm wird, wird eh die Airline stornieren, hahaha‘.

Haha.

In der dritten Februarwoche zieht die beste Freundin um und ich besuche sie, wir gehen mal eben zu Ikea nach Altona und trinken anschließend einen Kaffee in der Fußgängerzone. Ich fotografiere die ersten Kirschblüten.

Ende Februar gehe ich zum Friseur und lasse mir die Haare für die warme Jahreszeit schön kurz schneiden. Ich hasse Friseurbesuche und versuche, mit so wenigen wie möglich auszukommen, mein verwuschelter Pilzkopf ist nett im Winter, aber macht mich irre, sobald es warm wird. Die Wolle muss runter. Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis und denke mal, das hält locker bis Juni. Corona ist vage Thema, aber nicht bei uns in der Familie. In Hamburg beginnen die Skiferien; Ischgl ist noch nicht ausgewiesener Corona-Hotspot Europas. Das Cousinenkind fliegt in den Skiurlaub (nicht nach Ischgl). In den sozialen Netzwerken werden Videos geteilt, wie man sich richtig die Hände wäscht. Da ich mir berufsbedingt gefühlt jede Stunde die Hände wasche, um Tintenflecke abzuwaschen und den Fettfilm meiner Finger nicht aufs Aquarellpapier zu bringen, und außerdem nach elf Staffeln M*A*S*H und diversen Staffeln Emergency Room quasi ein Medizinstudium hinter mir habe, lerne ich hier wenig neues.

29. Februar, Abendessen bei Freunden, wir – drei Haushalte – sehen uns traditionell dreimal im Jahr reihum und bekochen jeweils die anderen. Die Gastgeber kommen gerade aus Fernost zurück, allerdings nicht aus China. Der Gastgeber überlässt mir die im Vorjahr gekauften Karten fürs ausverkaufte Jamie Cullum Konzert im Stadtpark Ende Mai, das sie schweren Herzens auslassen werden, da sie zwischenzeitlich ein tolles Urlaubsangebot für die Zeit bekommen haben. Corona ist kein Thema für länger als zwei Minuten; wir haben uns zu lange nicht gesehen und zu viele andere, spannende Geschichten, die wir uns bis früh um drei erzählen.
Es ist bislang der letzte Abend mit Freunden.

Mitte März fährt Hamburg prophylaktisch den Betrieb runter; ich fahre mit meiner Mutter raus aufs Land und kaufe mit ihr auf dem Bauernhof ein. Außerdem gehen wir um die Hetlinger Schanze herum spazieren, die Störche sind da. Es bleibt der letzte Ausflug für lange Zeit, Schleswig-Holstein hat inzwischen die Grenzen auch für Tagestouristen im Rest des Bundeslandes dicht gemacht, nicht mehr nur für die Besucher der Inseln und Halligen. Ich bepflanze meinen Balkon.

Das Cousinenkind und seine Familie ist zwei Wochen in (echter, behördlich angeordneter) Quarantäne, da ein Familienmitglied im Büro Kontakt mit einem auf COVID-19 positiv getesteten Menschen hatte. Wir drücken alle die Daumen, dass sie verschont bleiben.

Ende März, Anfang April gibt meine Mutter mir ihre 35 Jahre alte Schachtel mit noch 90 von 100 OP-Einwegmasken, die sie noch aus ihren Malereizeiten hat. Meine Cousine schenkt uns selbstgenähte Masken, parallel dazu habe ich ein Urbandoo bestellt. Ihre Quarantänezeit ist aufgehoben; niemand von ihnen hat COVID-19, alle arbeiten weitestgehend von zuhause aus.

Mein Tagesablauf ändert sich nicht nennenswert gegenüber sonst, außer, dass ich nun nicht mehr täglich sondern nur noch einmal wöchentlich einkaufe und das nicht nur für mich sondern auch für den Haushalt meiner Mutter. Diese ist davon nur so mittelbegeistert; sie ist zwar mit Ü80 in der Risikogruppe, aber sehr aktiv und fit wie ein Turnschuh für ihr Alter, kein Stock, kein Rollator, keine Lust, ans Sofa gekettet zu werden. Aber sie ist vernünftig und bleibt zuhause. Ich bekomme ihr Auto, damit ich nicht mit der Bahn fahren muss; ein Risiko weniger.

Ostern bleibe ich schweren Herzens zuhause, statt mit der Familie zu feiern. Das deprimiert mich schon sehr und ist mein bis dato moralischer Tiefpunkt. Wir telefonieren viel. Und ich reiße mich zusammen, es gibt hier nichts zu maulen, wir sind alle gesund, wir haben alle ein Dach überm Kopf und einen vollen Kühlschrank, man kann sich auch komplett zum Affen machen, Kiki.

Am 4. Mai lässt Schleswig-Holstein wieder Besuche in Tierparks und botanischen Gärten zu, meine Mutter und ich schwingen uns auf den Weg ins Arboretum in Ellerhoop. Wir genießen die Sonne und die Freiheit, der wunderschöne Park ist recht leer, alle halten großen Abstand, nur das anschließende Kuchenessen entfällt, das Restaurant bzw. Café hat zu.

Am 5. Mai wäre ich eigentlich wieder in die Schweiz geflogen, der Auftrag wurde gecancelt, der Flug seitens der Fluggesellschaft storniert. Die Kundin hofft auf September/Oktober. Ich auch, aber sonderlich optimistisch bin ich nicht.

Das Jamie Cullum Konzert ist auf den November in die Sporthalle verlegt, meine Freunde kriegen ihre Karten zurück; nachdem sie ihren Urlaub im Mai canceln mussten, wollen sie sich wenigstens auf das andere, ursprüngliche Highlight freuen.

Bis dato verhalten sich meiner Wahrnehmung nach alle vernünftig, tragen Masken, gehen möglichst nicht raus, machen Platz im Supermarktgang, sind hilfsbereit. Aber die Stimmung kippt langsam, das Wetter wird besser, alle wollen nur rausrausraus, die ersten Deppendemos gehen los. Wissenschaftler werden medial angegriffen, sie sind Überbringer der Botschaft. In Deutschland ist Wahlkampf, Merkel ist zwar perfekt in der Krise und das Ausland beneidet uns um eine Wissenschaftlerin am Ruder (verständlich, wenn man sieht, was für Pappnasen da in UK und USA zündeln), aber nachdem die westliche Welt seit Jahrzehnten nur auf unmittelbare Erfüllung all unserer Wünsche setzt, der Solidaritätsgedanke nicht zuletzt von den Sozialdemokraten gekillt (und nicht mal feierlich zu Grabe getragen) wurde, ist die Infantilisierung in vollem Schwung: Ich hab’ keinen Bock mehr auf Corona, also hat der Quatsch jetzt gefällig zu Ende zu sein. Aber „wir sind hier leider nicht bei ‚wünsch dir was‘ sondern bei ‚das isso‘“, wie mein alter Dozent dazu gesagt hätte.

18. Mai, heute. Ich schreibe das hier alles auf und frage mich, ob meine vor fast einem Jahr für Mitte Juli gebuchte Nordseeurlaubswoche wohl stattfindet. Sonne, Licht, Meeresluft, Wasser, ich brauche das so sehr. Aber es liegt nicht in meiner Hand.