Die Frage ist ja nicht, ob es passiert, sondern nur: Wann?

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Es ist der Katastrophenfall: Die Festplatte des Rechners raucht ab, alle Daten sind verschwunden, Backups gibt es natürlich keine, denn eine externe Festplatte für einen Backup ist teuer, dito Cloudspace, und die Cloud ist ja sowieso nur eine fancy Bezeichnung für „der Rechner eines Anderen“. Eine externe Festplatte kann auch gerne mal vom Tisch fallen, also greift man besser auf ein RAID System zurück, quasi die Babuschkapuppe der IT. Man steht also als Anwenderin vor der Wahl zwischen einer finanziellen Belastung oder aber blind einem – in aller Regel – US-Konzern zu vertrauen. Nicht selten reicht der „kostenlose“ Cloudspace dann nur für einen kleinen Teil der Daten, alles über z.B. 5 GB kostet eine jährliche Gebühr um 100 EUR. Ich schreibe „kostenlose“ in Anführungszeichen, weil ich davon ausgehen muss, dass ich mit der Durchleuchtung meiner Daten und Privatsphäre durch den Anbieter und seine Werbepartner bezahlen muss, ganz zu schweigen von in- und ausländischen Behörden und mehr oder weniger geheimen Diensten.

Und cloud computing ist auch nicht ohne Tücken: Die iCloud z.B. ist bequem für Neueinsteiger, aber bislang konnte mir noch niemand in drei Sätzen erklären, warum die Synchronisierung des Fotostreams über drei Geräte unterschiedlicher iOS-Generationen mit dem Mac so ein royaler Schmerz im derrière ist und warum ich nicht einfach meine Fotos mit einem Kabel vom iPhone oder iPad manuell auf den Rechner übertragen kann, wie bei Android problemlos möglich.

Hat man also in den sauren Apfel einer eigenen externen Festplatte für regelmäßige Backups gebissen, muss man das Backup regelmäßig durchführen. Ob einmal pro Stunde, Tag, Monat oder Jahr ist natürlich abhängig von der jeweiligen Arbeit und Relevanz der zu sichernden Daten. Da der Mensch unangenehme Dinge gern vor sich herschiebt, bietet sich eine automatisierte Lösung an, die im Hintergrund unauffällig ihren Dienst verrichtet.

Auf dem Mac (zu Windows kann ich leider mangels eigener Erfahrung nichts sagen) ist dafür z.B. der ins Betriebssystem integrierte Dienst namens TimeMachine eine naheliegende Lösung. Einmal angeworfen, springt er zuverlässig jede Stunde an und schaufelt die seit der letzten Stunde angefallenen Daten brav auf die Backupplatte. Sehr bequem, in der Theorie jedenfalls. Denn man kann das Intervall nicht ändern, wenn einem ein wöchentliches oder meinetwegen tägliches Backup ausreichen würde. So kann es passieren, dass man in einer rechenintensiven Arbeit sitzt, die alle Kraft des Computers bräuchte, aber leider unmöglich wird, weil im Hintergrund TimeMachine zu viel Energie für seine Tätigkeit beansprucht.

Als Beispiel seien da die Themen hochauflösende Bildbearbeitung oder Videoschnitt angeführt. Es ist wirklich nicht hilfreich, wenn man sein Videoschnittprogramm mit dem frischen Film bestückt hat, der naturgemäß viele hundert MB, wenn nicht sogar ein paar GB groß ist und dann mitten in der Arbeit TimeMachine anspringt. Weshalb man Time Machine dann auch sehr umgehend ausschaltet. Und natürlich nach Beendigung der Arbeit gerne mal vergisst, wieder einzuschalten.

Kurz gesagt: Es ist kompliziert. Irgendwie bezahlt man immer und zuviel und am Ende kann man doch wieder bei Null anfangen. Wenn man nicht alles selbst machen will oder kann, dann weicht man gern auf Dienstleister aus, die einem die Arbeit abnehmen, nicht nur bei Backups, sondern auch bei anderen digitalen Baustellen, wie z.B. der eigenen Webpräsenz.

Wer, wie ich, seit Beginn des WWW (und lange davor) online ist, hat es alles miterlebt: Man nutzt DFÜ und schwarze Bretter in Mailboxen, betritt und verlässt den geschlossenen Garten namens AOL oder CompuServe, hostet stolz sein Blog bei Blogger.com, seine Fotos bei flickr, hat seinen Freundeskreis bei friendster, chattet über den AOL messenger, hat seinen Portfolio bei Behance, schreibt Beiträge über sein Hobby (z.B. Film oder Golf) in ein Forum mit über zehntausend Gleichgesinnten …

Und eines Morgens wacht man auf und Blogger.com gehört jetzt Google, Flickr gehört jetzt Yahoo, Friendster gibt’s nicht mehr, den AOL messenger auch nicht mehr, Behance gehört jetzt Adobe, das Forum wurde erst verkauft, dann geschlossen und als Archiv stehengelassen und am Ende doch komplett gelöscht und man steht gefrustet vor der Wahl: Ab jetzt alles selbst hosten und in Eigenregie machen? Die Lernkurve ist steil, der Zeitaufwand enorm, der finanzielle Aufwand läppert sich auch. Oder soll man dahin umziehen, wo die Communityfreunde sind, die man online über die Jahr(zehnt)e gemacht hat? Zu WhatsApp, Facebook, Twitter, Medium, Instagram, YouTube?

„Wenn du nicht mit am Tisch sitzt, stehst du auf der Speisekarte“ heißt es, oder, moderner: „Wenn du für einen Dienst nichts bezahlst, bist du das Produkt“. Also nimmt man Geld in die Hand und bezahlt einen moderaten Dollar pro Jahr für WhatsApp, man würde auch zehn Dollar oder mehr zahlen für eine verschlüsselte Verbindung, die es einem erlaubt, die horrenden deutschen Gebühren für mobile Kommunikationsdienste wie SMS oder Roaming zu vermeiden.

Und dann wacht man eines Morgens auf und die Gründer haben beschlossen, dass sie das Angebot, das ihnen Don Zuckerberg gemacht hat, nicht ausschlagen können und man gehört jetzt zu Facebook. Man guckt links und rechts nach Alternativen, da taucht dann threema auf – ein Schweizer Unternehmen, das flößt einem so als deutschem Michel ja auch erst einmal Vertrauen ein, nicht wahr. Dass die Schweiz ein äußerst fragwürdiges Verständnis vom Recht auf digitale Privatsphäre hat, wer weiß das schon? Dass der Quellcode der App nicht open source ist, wen stört das schon? Man meldet sich da an und es ist alles so kompliziert und jetzt soll man QR-codes scannen um sich gegenseitig zu bestätigen, dabei sieht man sich doch nur online und, herrje, man will doch nur ein bisschen chatten und will zurück in die Mupfel oder wenigstens nach 1999 und AOL, da hat wenigstens alles funktioniert, die Matrix hatte einen und das Steak war lecker, auch wenn es nicht existierte.

Man wird müde, weichgekocht durch immerwährende Änderungen der Big Player, auf die man selbst keinen Einfluss hat außer den, das Spielfeld zu verlassen.

Dieses Blog begann im Jahr 2000 als statische Website, zusammengeklöppelt von Hand via selfHTML angeeignetem Wissen, hochgeladen noch über den Netscape Communicator, wurde 2001 per Rapidweaver zu einem Blog, im Jahre 2005 flog Rapidweaver aus dem Fenster und WordPress hielt Einzug und dabei blieb es. Viele Plugins kamen und gingen, die Optik wurde jährlich mindestens einmal verändert, im Jahr 2016 kam der Artstore und damit Woo Commerce dazu. Parallel dazu verlangsamte sich meine Schreibfrequenz hier dramatisch, denn im Mai 2007 betrat ich Twitter. Viele Tweets wären vorher Blogeinträge gewesen, die ich mir nun schenken konnte. Das schnelle Feedback, die lustige Community, die Unkompliziertheit, auch unterwegs vom iPhone mal eben was zu twittern, das sprach mich an und das Blog hier lag infolgedessen ziemlich brach. Parallel änderte sich mein Leben sehr, vom Angestelltendasein in einem internationalen Entertainmentkonzern hin zur freiberuflichen Selbstständigkeit, vom Leben als Onlinemarketingrockstar hin zur Illustratorin und Autorin von Bärengeschichten.

Ich hatte immer ein schlechtes Gefühl bei Facebook, lange bevor die Skandale um Datenschutzverletzungen öffentlich wurden und habe mich daher dort nie wirklich engagiert. Ich habe alle Tools dort ausprobiert, allein schon aus (Self-)Marketinggesichtspunkten, und schon vor fünf oder sechs Jahren gesehen: Wenn man dort Werbung schalten will, dann bekommt man Zugriff auf eine unglaubliche Datenbank mit detaillierten Informationen. Ein feuchter Traum für Despoten, Betrüger und Behörden, dem Missbrauch steht nichts im Wege, so lange die Kreditkarte gültig und geladen ist. Ich kehrte Facebook Ende 2016 endgültig den Rücken, wohlwissend, dass meine Daten dort niemals wirklich gelöscht werden und dass sie mich weiterhin per Instagram und WhatsApp – die ich beide aus diversen Gründen noch nicht aufgeben will – kontrollieren würden. Wie ich Instagram nutze habe ich hier einmal beschrieben.

Aber ich war zufrieden bei Twitter, wo ich meine Community fand. Ja, es war ärgerlich, dass Tweets nicht mehr per RSS abonnierbar waren und mein Lieblingsclient Tweetbot (iOS) nicht mehr so richtig funktionierte, weil Twitter die API änderte und die Leute dazu zwingen wollte, nein, musste, auf die Twitterwebsite zu kommen, denn auch Twitter muss irgendwie Geld verdienen und das wollen sie nur durch Werbung, nicht durch Mitgliedsbeiträge. Aber die Werbung bei Twitter hält sich im für mich vertretbaren Rahmen, lange Zeit ein geringer Preis für die positiven Aspekte der Nutzung dieser Plattform.

Dezentrale Angebote wie Mastodon überzeugten mich nicht. Die Leute, denen ich auf Twitter folge und die dorthin umzogen, sind dort thematisch sehr IT-lastig und das interessiert mich nicht sonderlich. Andere crossposten automatisch dort, was sie auch auf Twitter posten, und warum sollte ich mir das zweimal antun? Der Setup eines Accounts ist kompliziert und die mobilen clients sind suboptimal. Mastodon ist besser als nichts, aber nicht besser als Twitter, es sei denn, man schwelgt in Prinzipien.

Als Twitter nach und nach damit begann, inhaltlich die Daumenschrauben anzuziehen und Accounts anscheinend willkürlich zu sperren, sah Gab kurz wie eine gute Alternative aus. Das wurde jedoch umgehend von Team Blaubraun und Aluhutträgern überrannt und damit verbietet sich die Nutzung von selbst.

Twitter hat ein massives Spam- und Botproblem. Ich habe verhältnismäßig wenige Follower dort, aber genügend um für Spammer und Bots interessant zu sein. Sobald ich sie sehe und erkenne, blocke und melde ich sie, was natürlich völlig sinnlos ist. Twitter stinkt außerdem vom Kopf her, der Gründer selbst fällt als ziemlich rechts auf, und insgesamt fühlt sich Twitter inzwischen an, als versuche man mit einer Wasserpistole einen Flächenbrand zu löschen. Letztlich bleibt nur zu fliehen oder sich einzugraben und zu hoffen, dass man das Inferno heile überlebt und anschließend rußverschmiert durch die rauchenden Trümmer stapfen und nach seinen Lieben und Habseligkeiten suchen kann. Nach dem kafkaesken Albtraum von Sebastian, a.k.a. @noemata, habe ich mir mein Twitterarchiv heruntergeladen und werde es, wie Sven, als Backup mithilfe von TweetNest auf meiner Seite hosten. Wenn ich irgendwann von Twitter gesperrt werde (es ist, wie beim eingangs erwähnten Festplattentod nur eine Frage des Wann, nicht des Ob), habe ich zumindest ein Archiv meiner 12+ Jahre dort.

Über @noematas Artikel, den er auf der Plattform Medium veröffentlichte – was ihm natürlich einige beißende Kommentare eingebracht hat – bin ich via Twitter aufmerksam geworden. Ich bin nicht mehr auf Medium, seit sie einen dort auch fürs Lesen zur Anmeldung zwingen wollen. Dennoch hätte ich, wäre ich in seiner Rolle, ebenfalls Medium für die Veröffentlichung dieser Geschichte gewählt, denn um Hilfe zu rufen, wenn man seinen Twitteraccount nicht mehr nutzen kann, dürfte dort einfacher sein als auf dem eigenen Blog, zumal, wenn man noch gar kein eigenes Blog hat, oder nicht mehr.

Mein Blog gibt es, wie gesagt, seit bald 20 Jahren, aber per RSS abonniert haben es vielleicht 20 Leute. Darunter sicherlich einige mit großer Reichweite, aber insgesamt doch nur sehr wenige. Würde ich diesen Eintrag nicht auf Twitter anteasern, ich würde vielleicht 50 LeserInnen erreichen, maximal. (Ich würde ja sagen: Schreibt in die Kommentare, wenn Ihr mein Blog per RSS lest, aber die Kommentare habe ich ja neulich aufgrund eines Trolls und Profilneurotikers geschlossen, der hier mit DSGVO-Terror ankam. Dieses Internet ist so dermaßen kaputt, meine Stimmung so dermaßen im Keller und meine Geduld so dermaßen am Ende, Ihr könnt es Euch nicht vorstellen.)

Dieser Eintrag ist sehr viel länger geworden als beabsichtigt, über 1800 Wörter und eigentlich bin ich noch lange nicht fertig mit Nachdenken über unser Onlineleben und den Optionen, die wir haben, das Netz zu einem guten Ort zu machen. Es wird bald einen zweiten Teil geben, dann darüber, was sich hier alles ändern wird, warum ich auch da keinen Königsweg weiß, und was ich mir beruflich erhoffe von den Änderungen. Für heute soll es genug sein.

(Teil 2)