Die Oscars 2020

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Ich habe schon ewig keine Oscarverleihung mehr ganz gesehen. Zum einen, weil ich nachts schlafe und die Show in aller Regel an Langeweile nicht zu überbieten ist – warum soll ich mir für vier oder fünf Stunden dieser Langeweile die Nacht um die Ohren hauen, wenn es auch reicht, wie üblich gegen fünf aufzuwachen und zum Höhepunkt dazuzuschalten? Zum anderen, weil ich die meisten Filme im Rennen um den kleinen, goldenen Kerl nicht gesehen habe. Die meisten nominierten Filme sind entweder hierzulande gar nicht oder noch gar nicht gelaufen und wenn, dann nur in synchronisierter Fassung, die mich per se nicht interessiert. Und die meisten Filme der letzten Jahre interessieren mich inhaltlich einfach nicht, oder jedenfalls nicht genug, um dafür um die 30 Euro auszugeben, für Bahnfahrt, Popcorn und Ticket. Dafür kriege ich 2-3 DVDs oder drei Monate Netflix, ich wäre ja bescheuert.

Nehmen wir mal dieses Jahr. Im Rennen um den besten Film sind:

Ford vs. Ferrari – Christian Bale und Matt Damon wären durchaus eine Überlegung wert, ein period piece aus den 60ern ebenfalls, aber ein Film über ein Autorennen? Bitch, please. Ich hab’ Rush gesehen, Le Mans, The Cannonball Run und Ben Hur und bin vor Langeweile jedes Mal fast gestorben. Der einzige Autorennenfilm, der mich bei der Stange hält und zu meinen Lieblingsfilmen zählt, ist Two-Lane Blacktop. (Ein Film, der die meisten Zuschauer heutzutage binnen dreißig Sekunden ins Koma verfrachten würde. Die Geschmäcker sind halt verschieden.)

The Irishman – Den hab’ ich gesehen und fand ihn sehr gut. Mafiageschichten von und mit weißen, alten Männern sind jedoch nicht de rigeur wie mir (weißer, alter Frau mit einem Faible für Mafiaepen) woke twitter entgegenhält und er hat daher keine Chance, jenseits vielleicht der technischen Kategorien was zu reißen. Und dreieinhalb Stunden sind weder etwas für die Generation YouTube noch für die Generation Prostataprobleme.

JoJo Rabbit – Weder gesehen noch überhaupt etwas darüber gehört, das Plakat und die Inhaltsangabe lassen die Nadel auf meinem Interess-o-meter nicht mal bis 0,5 zucken.

Joker – Och nö, danke. Ein armer, weißer Junge, von niemandem geliebt, der nach einmal-zu-oft-gemobbt seine Gewaltphantasien auslebt? Lass man stecken, brauch’ ich nicht. Wenn mir danach sein sollte, guck’ ich dann einfach die Nachrichten oder lese die Zeitung.

Little Women – Die Inhaltsangabe klingt nach TV-Film der Woche oder HörZu-Tipp. Vielleicht mal im Streaming, wenn wirklich nichts anderes … ach, Käse, nicht mal dann.

Marriage Story – Die Inhaltsangabe klingt wie die eines Woody Allen Films. Aber wenn ich einen Woody Allen Film sehen will, sehe ich einen Woody Allen Film. Ich fand Woody Allens Filme jedoch schon uninteressant, als man sie noch straflos gucken durfte. Warum soll ich mir dann jetzt einen ansehen, der noch nicht mal von ihm ist?

1917 – Kriegsschlachtplatte ohne echten Inhalt, es geht nur um den visuellen Gag: Der Film wurde so gedreht, dass der Zuschauer denkt, es gäbe keinen Schnitt (was natürlich nicht stimmt). Kein Bedarf, danke.

Once Upon A Time In Hollywood – Der einzige Film dieses Jahr, den ich im Kino sah und ich fand ihn absolut wunderbar. Weshalb er natürlich nicht gewinnen wird. Keiner meiner Lieblingsfilme der letzten 30 Jahre hat gewonnen.

Parasite – Nichts fürs Kino, aber auf Netflix würde ich kurz mal reinschauen, denke ich. Aber die Inhaltsangabe lockt mich nicht hinterm Ofen hervor.

Natürlich ist der Hashtag #Oscarssowhite wieder dabei. Und ja, es ist ein Problem, dass die Filmindustrie nicht divers genug ist, und zwar weniger was den Output angeht, als das Leben hinter den Kulissen. Es gibt kaum Frauen, schon gleich gar keine women of colour in den Sesseln hinter den Schreibtischen der Produzenten, in den Regiestühlen, hinter den Kameras. Und bei den Männern sieht es nicht viel besser aus. Dasselbe gilt für die Academy, die den Oscar verleiht – die Jury ist zu über 90% männlich und weiß und über 60 Jahre alt. Das wird sich so bald auch nicht ändern und ich weiß nicht, ob es überhaupt notwendig ist, dass sich das ändert. Die Moderatoren der letzten zehn Jahre waren an Peinlichkeit schwer zu überbieten, ich glaube, letztes und dieses Jahr kam bzw. kommt man ganz ohne aus.

Denn der klassische Kinofilm liegt im Sterben. Es gibt kaum noch Kinos. Nicht mal mehr die Bezeichnung „Film“ stimmt, bei Licht betrachtet – im letzten Jahr wurden unter 40 Filme tatsächlich noch auf Film „gedreht“; heutzutage wird nur noch digital gefilmt. Das Publikum ist so divers wie noch nie, die Wege zum Publikum führen durchs Internet, nicht zuletzt YouTube. Die ethnischen Gruppen mischen sich nicht; kaum ein Schwarzer Achtzehnjähriger wird sich freiwillig Little Women ansehen, oder auch nur Ford vs. Ferrari, schätze ich mal. Kaum ein Weißer Achtzehnjähriger guckt freiwillig Parasite. Es wird neue Preisverleihungen geben, neue Wege, neue Jurys. Der Oscar wird in naher Zukunft keine echte Rolle mehr fürs Marketing spielen, ein Garant für die Qualität eines Films war er ohnehin noch nie.

Stephen King hat für eine Kontroverse gesorgt, als er sagte, er würde nur nach Qualität bewerten und nicht nach Geschlecht oder Hautfarbe und damit hat er nur halb recht. Idealerweise ist es natürlich so: Man wählt den qualitativ besten Film, fertig. Wenn es jedoch mehr Frauen gäbe, mehr people of colour, deren Werke im Rennen wären, dann würden sie vermutlich auch mehr Gewinner (und auch mehr Schrott) produzieren, das ist eine Frage der Statistik. King wurde außerdem angegangen, ob er überhaupt alle Filme gesehen hätte, er sollte irgendwie beweisen, dass er alle Filme gesehen hätte, bevor er für einen stimmt oder einen nominiert. Auch da ist was dran, klar. Aber das muss an der schieren Masse scheitern – die Mitglieder der Academy machen ihren Job ehrenamtlich neben ihrem eigentlichen Job, der in der Regel darin besteht, Filme zu machen bzw. in Kings Fall, Bücher zu schreiben. Wenn sie jeden einzelnen Film sehen müssten, kämen sie zu nichts sonst mehr. Also beschränken sie sich auf die Filme, die sie interessieren. Und da sind wir wieder beim Henne-Ei-Problem.

Egal. Meine Tipps für heute Nacht: Bester Film für Parasite, Bester Hauptdarsteller: Joaqin Phoenix, Bester Nebendarsteller: Brad Pitt, Beste Hauptdarstellerin: Cynthia Erivo, Beste Nebendarstellerin: Scarlett Johansson, Bester Regisseur: Todd Phillips. Ich würde es Pitt gönnen, denn ich fand ihn echt umwerfend in dem Film, aber genauso super war Joe Pesci. Morgen früh wissen wir mehr.