Wildwasserfahrt (die Sache mit der Kunst)

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Tag 215 von 366 – Das #Bärenkochbuch nimmt Fahrt auf, ich schätze, Anfang nächster Woche startet der Vorverkauf (jedenfalls arbeite ich mit Hochdruck darauf hin). Es ist ein wilder Ritt, so von der ersten Idee bis, hoffentlich, zum fertigen Buch. Ob es gedruckt wird, das entscheidet die Zahl der Vorbestellungen, aber nach den Erfahrungen mit dem ersten Buch und den Bärlendern bin ich sehr zuversichtlich. Es ist nur noch so irre viel zu tun! Aber ich bin unterwegs, der point of no return ist überschritten, jetzt heißt es: Augen zu und durch!

Wildwasserfahrt (die Sache mit der Kunst)

(Der heutige Eintrag im #Bärenabo erscheint mir visuell sehr passend gerade.)

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Lieblinks:

No artist is pleased. Kein Lieblink, ich habe mich eher reichlich über den Text geärgert. Er ist ein sehr US-amerikanischer Blick auf das, was Künstler so machen sollten. Aus Marketingsicht (der Artikel ist aus dem Firmenblog einer Werbeagentur) sicherlich einleuchtend, aus künstlerischer eher nicht. Das hängt natürlich davon ab, wie man Kunst definiert; die heutige Definition ist sicherlich dem “Lost in Translation” Problem geschuldet; in den USA wird ja alles Kunst genannt, was irgendwie das Halten oder Führen eines Stifts beinhaltet.

Ich für meinen Teil unterscheide zwischen Kunst (erschaffen aus innerem Antrieb der Künstlerin und ohne monetären Hintergedanken, bzw. die Frage, ob sich das verkaufen lässt ist eher nebensächlich, man würde das Werk so oder so erschaffen, weil man einfach muss) und Gebrauchskunst (die wird erschaffen als Mittel zum Zweck, wie z.B. für Produktwerbung und außerdem im klaren Kundenauftrag und nur gegen Honorar). 95% dessen, was im Netz als Art bezeichnet wird, ist meiner Definition nach Gebrauchskunst und dagegen ist auch gar nichts zu sagen. Aber wenn ich die im Artikel genannten Punkte und Tipps auf meine Definition von Kunst anwende, dann muss ich doch sehr widersprechen:

1). The success of a project does not cure you of restlessness. Lose übersetzt mit „Der Erfolg eines Projekts lässt deine innere Unruhe nicht verstummen.“

Das ist grundsätzlich richtig, aber einerseits relativ banal und nichtssagend und so ziemlich auf jeden Menschen und jede Beschäftigung zutreffend, denn man will ja immer mehr – mehr Geld, mehr Applaus, mehr Publikum und in immer kürzeren Abständen, das ist die Sache mit dem Endorphinausschuss, das hält die Kokainbranche genauso im Geschäft wie jedes beliebige Social Media Netzwerk, wo die Belohnung in Views, Likes und Followern besteht.

Ich denke allerdings, dass die meisten Künstler diesen Beruf gewählt haben (bzw. ihrer Berufung gefolgt sind) und etwas erschaffen, weil es aus innerem Antrieb geschieht und nicht, weil sie den Endorphinkick brauchen. Ein kleinerer Teil bleibt dann dabei, auch wenn er verhungert und niemand seine Kunst kauft oder sie mit Anerkennung belohnt. Der größere Teil ist innerlich zerrissen zwischen dem Wunsch, auch mal etwas zu essen und seine Kunst zu produzieren – selbst, wenn sie niemand kauft oder sehen und hören will.

Und, wie das so ist mit der Maslowschen Bedürfnispyramide, gibt er dann dem schnöden Grundbedürfnis nach und produziert fortan entweder mehr oder nur noch Auftragskunst, nicht selten unter Pseudonym, um sich davon zu distanzieren (ich kenne eine Vielzahl von wirklich guten Leuten, die sich unter Pseudonym bei Fiverr oder 99designs prostituieren ihre Dienste feil bieten und in Todesangst leben, dass jemand ihre stilistische Handschrift erkennt und ihnen korrekt zuordnet). Manchmal endet das dann im Alkohol oder anderer Drogensucht, weil man sich selbst für den seelischen und moralischen Ausverkauf verachtet und damit nicht klarkommt. (Das ist jetzt extrem vereinfacht dargestellt, klar, aber das Thema haben klügere Köpfe als ich schon erschöpfend behandelt, hier jetzt in die Tiefe zu gehen würde den Rahmen meines kleinen Blogkommentars sprengen.)

2. ). The opportunity to start something new again is an immense privilege. Sehr frei übersetzt mit „Sei froh und dankbar, dass du mit Kunst rumspielen darfst, andere Menschen müssen für ihr Geld arbeiten.“

Das ist einerseits richtig, wer würde wohl nicht lieber kreativ arbeiten als am Fließband oder im Bergwerk zu schuften, aber nichtsdestotrotz ist es verdammt viel Arbeit, die einen physisch und seelisch genauso kaputt machen kann wie jeder andere Job.

Und ich bin nicht sicher, ob der Rat, den der Autor von Steven Pressfield bekommen hat, nämlich “Start the next one tomorrow” („fang direkt morgen mit dem nächsten [Kunstwerk] an“) sonderlich schlau ist. Okay, ich halte auch nicht sonderlich viel von Steven Pressfield, den ich für einen gefährlichen Bullshit Artist halte (hier erklärt das jemand viel besser und freundlicher, als ich es könnte, warum der Mann und seine Ideen zum Thema Kunst ein Problem sind) , das trübt mir eventuell etwas die Optik, aber das scheint mir doch der direkte Wegweiser in den kreativen Burnout zu sein.

Ideen müssen eine gewisse Zeit lang reifen, man braucht inhaltlich und emotional Abstand, man muss ein paar Schritte zurücktreten und aus der Entfernung draufblicken können, um ihren Wert, ihre Durchführbarkeit beurteilen zu können. Natürlich kann man parallel an verschiedenen Projekten arbeiten, aber wenn man ständig ohne größere Pause durcharbeitet, leiden die Ergebnisse. Es braucht Pausen, die sind elementarer Bestandteil jedes erfolgreichen Schaffensprozesses und jeder guten Arbeit. Muskeln wachsen in den Ruhepausen zwischen den Trainingseinheiten. Das Einzige, was der Mensch ohne längere Pause tun muss, ist Atmen. Und das ist ein Reflex.

Ich habe eine Schublade bzw. diverse Notizbücher voller Ideen für Bücher, Comics, Bilder, Musikstücke, Videos und Filme, ich werde schon jetzt bis an mein Lebensende nicht mehr das alles umsetzen und abarbeiten können, was ich jetzt gerne machen würde. Und es kommen täglich neue Ideen dazu. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Angst vor dem leeren Blatt Papier gehabt, höchstens die, das es das letzte leere Blatt Papier im Haus sein könnte und ich daher nicht alles fertig zeichnen oder schreiben könnte, was mir so vorschwebt. Ich kenne keine Schreibblockade, nur die Blockade durch zu viel Auswahl: Was, um alles in der Welt, fange ich als Nächstes an, welche Idee soll  ich vorziehen?

Ich könnte ohne Pause durcharbeiten und dennoch nicht fertig werden. Aber das täte weder mir noch dem jeweiligen Ergebnis gut, genauso wenig wie an zu vielen Projekten parallel zu arbeiten. Vielleicht gibt es Menschen, die das können, aber ich gehöre nicht dazu. Und vielleicht wäre das alles gar kein Problem, wenn wir nicht andauernd meinten, alles bewerten und vergleichen zu müssen, selbst die Dinge, die sich weder objektiv bewerten noch vergleichen lassen, wie z.B. Kunst.

3). Think of your creative life as a patchwork of projects. Frei übersetzt mit „Betrachte dein kreatives Lebenswerk als einen Flickenteppich von einzelnen Projekten.“ Und auch hier würde ich sagen: Jein.

Es gibt KünstlerInnen, die inhaltlich und stilistisch von Blume zu Blume hüpfen und deren einzelnes Werk auf den ersten Blick nicht viel mit dem vorangegangenen Ergebnis gemeinsam hat. Und es gibt solche, die sich inhaltlich und stilistisch scheinbar unendlich wiederholen. Bei beiden erkennt man die Absichten, den Masterplan, das Gesamtwerk der Künstlerin oder des Künstlers oft erst, wenn man – bildlich gesprochen – richtig weit rauszoomt, was in aller Regel durch großen zeitlichen Abstand passiert. Nicht selten haben nicht einmal die KünstlerInnen selbst diesen Überblick. Aber das ist gar nicht das, was der Autor meint, er bezieht sich sehr klar mehr auf die Gebrauchskunst, den schnöden Mammon, den Applaus:

In extremely rare cases, a few people make one piece of art and it sets them up for life. That’s not us.
Another way to think about it is to imagine yourself at the end of your life and work backward: What body of work did you create? How many different mediums did you learn? What kinds of audiences did you serve? How many love letters and thank-you notes are saved in shoeboxes?

Ich kann natürlich nicht für alle KünstlerInnen sprechen, nur für mich, aber obwohl es mir natürlich am Ende wichtig ist, ein ordentliches Gesamtwerk abgeliefert zu haben und ich eine Vielzahl von Medien kennen und nutzen können will, ist das doch nicht das, was mich antreibt. Genauso wenig übrigens, wie die Frage, welches Publikum ich bediene. Es tut mir sehr leid das sagen zu müssen, aber das Publikum ist mir sehr egal. Natürlich freue ich mich sehr über Applaus und Zustimmung, aber ich habe und werde auch ohne diese Belohnung das erschaffen, was ich erschaffen will. Oder was durch mich erschafft werden will, wer weiß das schon so genau. Ich bewahre keine Liebesbriefe und Dankschreiben in Schuhkartons oder sonst irgendwo auf, genauso wenig, wie ich negative Kritik aufbewahre oder mir zu Herzen nehme. Das ist nicht meine eigene Messlatte für Erfolg.

Der Artikel schwafelt dann noch weiter von Künstlern und ihrer inneren Zerrissenheit und gipfelt in einem Martha Graham Zitat. Alles in Allem habe ich mich ziemlich geärgert über diesen prätentiösen, gequirlten Quark eines Textes, aber was kann man von einer Werbeagentur anderes erwarten, noch dazu einer aus San Francisco? Warum müssen solche Läden immer so tun, als sei das Kunst, was sie fabrizieren? Warum können diese Leute nicht einfach laut und deutlich sagen: „Wir sind Verkäufer, wir leben davon, das Produkt unserer Kunden gut zu verkaufen“?

Das ist harte Arbeit und durchaus ehrenwerte Arbeit. Es braucht ein gewisses Talent dafür und jeder Menge Kreativität. Aber es ist keine Kunst.