Die Sache mit der Unfreundlichkeit

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Momentan ist das große Thema im Netz ja der Hass, und wie man mit ihm umgeht. Das ist sicher wichtig, obwohl ich den geplanten WildWest-Methoden qua Privatisierung des staatlichen Gewaltmonopols so irritiert und fassungslos gegenüberstehe wie der Don. Doch vor dem Hass kommt die Unfreundlichkeit, und die beginnt im Kleinen.

Ich geb’s zu: die deutsche Zeichensetzung und ich, das wird keine Liebe mehr in diesem Leben. Ich denke, ich schreibe zwar ganz gut, lese schon mein Leben lang sehr viel, und in der Rechtschreibung war ich eigentlich auch immer recht fit, bis die ein paar Male hintereinander von Hü über Hott und zurück auf Zack geändert wurde, irgendwann hab’ ich mich da geistig ausgeklinkt.

Das ist natürlich keine Entschuldigung; sich da nicht mal ein, zwei Tage intensiv mit zu befassen und auf Stand zu bringen, es wäre kein Ding der Unmöglichkeit, aber wie das so ist mit Prioritäten … meine liegen gerade woanders.

Noch vor zwanzig Jahren hätte mich das kirre gemacht. Einen Text lesen zu müssen, der inhaltlich wunderbar ist, aber in dem sogar mir die Zeichensetzungsfehler auffallen? Ich hätte mich hochnäsig abgewandt und die Autorin ignoriert. Natürlich ist solch Ignoranz keine Tugend, umgekehrt ist es aber auch nicht sehr freundlich, Leute zu „Idioten“ zu erklären, nur weil – Nein, stop. Es ist nicht freundlich, Leute zu Idioten zu erklären. Punkt.

Vielleicht ist Andrea Inhaber oder Inhaberin (ja, der Name kann international sowohl weiblich als auch männlich sein, z.B. in Italien) dieses Büdchens. Oder aus dem Ausland zugezogen und superfit in Kioskfragen, aber nicht in Zeichensetzung. Vielleicht ist es ihm oder ihr nie aufgefallen, weil es in ihrer oder seiner Sprache durchaus richtig wäre, das Apostroph dorthin zu setzen, z.B. im Englischen.

Vielleicht sollten wir mal damit aufhören, Menschen zu bewerten und zu beurteilen. Erst recht diejenigen, die wir gar nicht kennen und über die wir nichts wissen.

In einigen meiner Videos diese Woche habe ich am Ende versehentlich „Vielen Dank für’s Zuschauen“ geschrieben. Sehr peinlich. Idiotisch. Lächerlich. Quasi mit dem Hintern eingerissen, was ich gerade mühsam aufgebaut habe. Mir ist es tatsächlich nicht aufgefallen, obwohl ich, bei aller Zeichensetzungsschwäche, die Sache mit dem „Deppenapostroph“ eigentlich drauf habe. Vielleicht war ich komplett übermüdet, als ich das Video fertig hatte. Vielleicht hatte ich vorher einen englischen Text gelesen und war sprachlich und gedanklich noch nicht wieder ganz hiesig.

Jedenfalls hat mich auf Twitter jemand sehr nett, sehr diskret und ohne Häme darauf aufmerksam gemacht. Ich hab’s für künftige Videos korrigiert und mich bedankt. Aber vor Allem habe ich mich darüber gefreut, wie nett und umstandslos ich korrigiert wurde. Nochmals herzlichen Dank dafür.

Sich über die Fehler anderer Menschen laut lustig zu machen ist eine zutiefst menschliche Schwäche. Auch ich bin ihr mehr als einmal verfallen, natürlich. Schön ist das nicht. Und ich ärgere und schäme mich, dass mir nicht einmal mehr einfällt, wann und womit ich zuletzt absichtlich jemanden so vorgeführt habe.

„Das Netz ist ein guter Ort, wenn wir ihn dazu machen“ hat ein Freund gesagt. Erinnern wir uns gelegentlich daran.