Ein nicht ganz normaler Sonnabend

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Tag 87 von 366 – Sonnabend, oder, wie man südlich der Elbe sagt: Samstag. Normalerweise ist das „ich fahre raus aufs Land und gehe endlos spazieren, hinterm Deich, Schafe gucken, Vogelschwärme gucken, Wolken gucken, Fotos machen, beim Bauern den Hofladen plündern“-Tag, gerne auch mit Mama Bär. Aber „Normal“ endete bekanntlich vor zwei Wochen. Schläfrig-Holstein ist für Touristen gesperrt und dazu zählen auch Tagestouristen. Seufz.

04:47 – Aufwachen, Dehnungsübungen, Badroutine, anziehen, Kaffee kochen.

05:30 – Ab an den Zeichentisch. Aufwärmübungen mit Graphit und Kohle. Bärenabofolgen auf Deutsch und Englisch für die nächste Woche zeichnen und texten und schon mal für den Versand vorbereiten.

08:00 – Frühstück machen. Heute mal selbstgebackenes Topfbrot mit Sirup bzw. Marmelade. Die Marmelade ist aus dem Hofladen, selbst eingekocht von der Bäuerin. Lecker. Dazu einen großen Becher “Builder’s Tea”, PG Tips mit einem Tropfen Milch (es ist fabelhaft, ist es nicht?).

08:30 – Ich bringe das Altglas und die Kartons weg, die sich schon wieder angesammelt haben. Der Container ist frisch geleert, puh. Anschließend kleiner Spaziergang um den Stadtpark, um diese Zeit ist noch nicht viel los, die Hundeleute und Jogger sind überschaubar, die Masse schläft noch oder geht erst einkaufen. Da ich gestern eingekauft habe, muss ich da heute nicht raus, super. Ich würde zwar gern mal wieder auf den wunderbaren Goldbekmarkt gehen, aber der ist einfach extrem eng gestellt und schon normalerweise nichts für Klaustrophobikerinnen wie mich; in diesen Tagen ist er mir schlicht zu gefährlich. Es gibt keinerlei Chance, dort auch nur einen Meter Abstand zu seinen Mitmenschen zu halten, geschweige denn die geforderten zwei. Also auch heute kein Marktbesuch für mich. Schon okay, ich brauche ja nichts.

09:30 – Wedder to huus. Heute ist der Balkon dran: Den Tisch und die Bänke abseifen, die Wände und Fensterrahmen und -bretter abseifen, den Fußboden schrubben, die vier Jahre alten, gammeligen Holzfliesen einsammeln und wegbringen, die alte Erde aus den Kästen wegbringen, die Kästen schrubben.

12:30 – Pause. Ich presse mir ein paar Blutorangen aus, um die Lebensgeister bei Laune zu halten und werfe eine Handvoll Studentenfutter ein, während ich kurz Twitter überfliege. Ich gewinne den Eindruck, es gibt eine Menge umgeschulter Zahnarztfrauen da draußen. Ihr erinnert Euch vielleicht noch an die Zahnpastawerbung aus den 70ern und 80ern, mit den „Ich als Zahnarztfrau empfehle XYZ Zahnpasta“-Werbespots? Die twittern heute „Ich als Intensivmedizinergattin“-Blabla und ihr verbales Gefuchtel hat in etwa denselben Nährwert.

13:00 – Weiter geht’s auf dem Balkon. Ich bepflanze die Kästen mit Kräutern (Thymian, Rosmarin, Minze), setze den Lavendel in die Ecke, die am meisten Sonne abkriegt und packe zwei Erdbeerstauden daneben. Der dritte Kasten kriegt eine Samenmischung bunter Sommerwiesenblumen, die angeblich Bienen und Hummeln anlocken. Die Mischung hatte ich schon einmal, 2018, als es so irre heiß war, die kam tatsächlich sehr gut an. Während ich alles angieße, murmele ich „vertragt Euch!“. Ich habe einen recht windigen Nord-Ost-Balkon, wenn man es sehr euphemistisch formulieren möchte. Er hat frühmorgens und kurz vor Sonnenuntergang etwas Sonne, dazwischen Schatten und viel Wind. Auch im 15. Jahr hab’ ich nicht so ganz raus, was dort ungehemmt wachsen möchte; bzw. die Pflanzen, die sich vermutlich dort wohlfühlen würden, die mag ich nicht. (Busy Lizzies can fuck right off.) Aber Thymian und Rosmarin sind in der Regel nicht totzukriegen und beim Lavendel ist es Glückssache: Manche Jahre gedeiht er super, manche Jahre kümmert er vor sich hin. Die Erdbeeren sind ein Experiment, die hatte ich noch nie. Wir werden sehen.

14:00 – Ich lackiere das Tischchen neu, natürlich in Farrow & Ball “Cook’s Blue”, wie jedes Jahr.

15:00 – Der Balkon ist fertig, ich auch. Nickerchen.

15:30 – Essen könnte man auch mal was. Ich mache mir Feldsalat mit Stremellachs und Sesamdressing, dazu Kartoffelpü und ein Spiegelei.

16:15 – Ab an den Zeichentisch, ein paar Kundenaufträge bearbeiten, dazu Tee trinken.

20:15 – Den Blogpost hier schreiben und veröffentlichen, Twitter überfliegen (alle bekloppt), YouTube Abos gucken, dazu gibt’s eine Birne, ein Stückchen Schokolade mit 80% Kakao und ein Glas Riesling.

21:30 – Ab ins Bett, noch was vorlesen lassen.

21:31 – (ca.) Tiefschlaf.