Ella, elle l’avait

Je ne sais quoi

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Das Lied galt Ella Fitzgerald, der großen Jazz Chansonneuse, an die in den 80ern kaum jemand mehr einen Gedanken verschwendete. „Ella, elle l’a – Ella, die hat’s“. Das Lied war ein klassischer 80er Synthie-Popsong mit „nettem Gebläse“, wie ein ehemaliger Bandkollege den Einsatz von Blechbläsern zu nennen pflegte. Es hatte eine eingängigen Melodie in einer ungewohnten, wenn nicht gar ungeliebten Sprache und es war ein unvermuteter Hit hierzulande. Dass man es überhaupt im Radio zu hören bekam war schon ungewöhnlich genug. Das konnte man sich vielleicht gerade noch mit dem Hintergrund der französischen Sängerin – France Galls, nicht Ella Fitzgeralds – erklären, die 1965 für Luxemburg den Grand Prix Eurovision gewann und es später mit Texten des französischen enfant t’errible Serge Gainsbourg (je t’aime – mas non plus) zum Status „berühmt-berüchtigt“ gebracht hatte. Dass es sich 1988 vier Monate lang in den Charts halten und – vorbei an den Pet Shop Boys, New Order, Mory Kante und New Order bis auf Platz 1 klettern würde, war außergewöhnlich.

Das war ein Jahr nach meinem Abitur. In meinem Jahrgang war ein Mädchen namens Ellen, von allen Ella genannt, mit der ich seit der Mittelstufe in einer Klasse war. Sie war klein und trotz der Unmengen der von ihr vertilgten Milchnitten und Schokokussbrötchen aus der Schulcafeteria klapperdürr, trug zu jeder Jahreszeit mindestens einen dicken und breiten Schal in dem sie zu verschwinden drohte, war schlagfertiger und witziger als die meisten unter uns und über alle Cliquengrenzen hinaus ungeheuer beliebt. Ellen litt unter Mukoviszidose, einer tückischen Stoffwechselkrankheit, und konnte nie mit auf Klassenfahrten, hustete zum Steinerweichen und fehlte oft wochenlang, wenn sie mal wieder im Altonaer Kinderkrankenhaus lag, wo wir sie oft besuchten. Bei einem dieser Besuche, so um die Abiturphase herum, zeigte sie mir die Frühchenabteilung und sagte, dort wolle sie nach dem Abitur arbeiten. Ich glaube, wir wussten beide zu dem Zeitpunkt, dass es dazu höchstwahrscheinlich nicht kommen würde, denn es war zumindest vor dreißig Jahren für an Mukoviszidose erkrankte Kinder ein absolutes Wunder, wenn sie ihren 18. Geburtstag erlebten. Ella war eine gute Zeichnerin, wir saßen im Kunstunterricht oft nebeneinander. Sie feierte wider Erwarten ihren 18. Geburtstag, machte den Führerschein, fuhr einen schraddeligen Fiat Panda durch die Gegend und musste sich der Krankheit erst etwa ein Jahr nach dem Abi geschlagen geben, den genauen Zeitpunkt weiß ich nicht mehr, aber die Beerdigung fand im Winter statt, der Friedhof war dick verschneit.
Wann immer ich das Lied höre, denke ich an sie und ihre ansteckende Fröhlichkeit, ihr bellendes Lachen, das meist in einem grauenhaften Hustenanfall endete, an ihren runtergerockten Panda und ihre unkonventionelle Art einzuparken. („Da passt du nicht rein!“ – „Abwarten.“ – BUMP! – „Siehst du?!“ – „Passt. Wozu hat die Kiste Stoßstangen, wenn man sie nicht benutzen darf?“)
Ella, elle l’avait.

„Ella elle l’a“ wurde anlässlich des Todes von Ella Fitzgerald 1996 noch einige Male im Radio gespielt, aber der Musikgeschmack hatte sich inzwischen dramatisch gewandelt, weg von Synthiepop, hin zu Hip Hop, Rap und einer sehr neuen Art von R ’n B. 1988 war auch noch nicht lange genug her, als dass das Lied als Klassiker aus der Kiste geholt werden und mehr Airplay erfahren würde. Wie ich heute aus einem der zahlreichen Nachrufe erfuhr, verstarb, vier Jahre nach ihrem Mann, France Galls Tochter im selben Jahr wie Ella Fitzgerald, an Mukoviszidose. France Gall selbst starb heute in Paris an Krebs.

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